Fluss Nr. 7 von Pavel Lembersky, 2003, FVA

Pavel Lembersky

Adieus, dos Passos
(aus: Fluss Nr. 7, Erzählungen, S. 171-176, 2003, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Olga Radetzkaja)

Was ich sagen will ist nur, dass wir vor genau zweihundert Jahren in einer Stadt am Meer gewohnt haben und dass unsere Körper im Sommer schokoladenbraun waren. Wir fingen früh an zu rauchen, und im Juli warfen wir zum Zeitvertreib Kippen vom Balkon und schlossen Wetten ab, ob sie unten auf dem Trottoir ankommen oder schaukelnd in den Blättern der Platane hängen bleiben würden. Wir blinzelten, wenn uns der beißende Rauch unserer in den Mundwinkel geklemmten bulgarischen Zigaretten in die Augen stieg, und spielten auf der Gitarre Lieder beliebter Komponisten. In der Dämmerung gingen wir mit unseren Liebsten nach draußen. Wir wurden beneidet. Mit Recht: Wir waren jung, trugen Schlaghosen, plapperten in einem erbärmlichen Englisch, lachten übertrieben. Allerdings, die Beatles hatten sich getrennt. Aber was soll’s? Die Beatles hatten sich getrennt, und wenn schon. Dafür hatte sie einfach bodenlos tiefe Augen.
Und die Sonnenaufgänge auf dem Boulevard? Der kühle Kwass in einer schwülen Nacht? Der Platz ist menschenleer. Wir sitzen beim Denkmal und lesen deinen geliebten Mann. Laut. Thomas Mann, ganz richtig. Wir hatten eine Vorliebe für theatralische Gesten in öffentlichen Verkehrsmitteln: »Ihre Fahrscheine bitte, Bürger?« – »Ich habe eine Monatskarte«, und dann die Szene, wie der ganze Bus den Schwarzfahrer jagte, oder die andere Jagdszene auf der Bruegel-Reproduktion bei uns auf der Datscha – es ist Winter, meine Eltern sind nicht da, Licht gibt es auch keines, wir sitzen zu dritt im Dunkeln und trinken Glühwein, alle aus demselben Glas. Wir sind jung, verstehst du?
Ich habe eine Frage. Wohin verschwindet das alles und lässt nur ein Sodbrennen zurück? Wohin? Verläuft es im Sand? Rinnt es durch die Finger? Wohin?

Hey Jude? Klar haben wir das gesungen. Wir haben alles gesungen. Wie es aussieht, bleiben uns nur die Beatles. Und selbst die sind uns abhanden gekommen.

Euer erstes Treffen? Ich helfe dir auf die Sprünge. Das Subjekt – du: gebogene Nase, verträumte Augen, sinnliche Lippen, kastanienbraune Haare, an den Ellbogen abgewetztes Cordsakko. Der Mantel – ich sage nur Reine Schurwolle. Du wartest auf sie an der Ecke vor der Konfiserie Lakomka. Sie: die Unschuld in Person, Haut und Knochen, leichter Atem, das reinste Rehlein, diese Augen allein! Scheue Bewegungen, verlegene Scherze, fürs Kino ist es zu spät, zum Nachhausegehen zu früh, für die Kneipe fehlt euch das Kleingeld, und küssen – gleich rufe ich die Miliz! Ihre Familie kennst du noch nicht, bei dir ist der Vater Arzt, die Mutter Ärztin, der Großvater Arzt, die Großmutter lebt nicht mehr, sie war Fachärztin. Auch du hättest nichts dagegen, Medizin zu studieren, der Beruf liegt euch im Blut – Familie Rosenboim, Dermatologen. Sie ist nicht von hier, ist vor kurzem erst in die Stadt gezogen, spricht nicht wie die Leute hier, macht beim Schreiben Fehler und kennt – schrecklich! – noch nicht mal Feuchtwanger. -wanger, nicht -wagner. Der jüdische Krieg? Handelt das von den Ereignissen im Nahen Osten? Jud Süß? Bei uns im Hof gibt es einen Schneider Süß. Senja Süß, 3-mal klingeln.
Und dann so eine Wendung: Ihr stummer Verehrer – sein Vater arbeitet bei den Sicherheitsorganen, und er selber will auch dahin, er trägt Markenware von oben bis unten: Plateausohlen, Levi’s, Jeansjacke, Joints, Machine Head, Papas Grundig – ärgert sich, könnte sich in die Stirn beißen, würde unseren Romeo am liebsten für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden lassen, ohne Recht auf Schriftwechsel, dabei liebst du gerade das Briefgenre sehr, und auch sie ist ganz hingerissen von deinen Briefen. Eine Romanze per Post habt ihr, nicht wahr, und euer Postbote ist eine blaugraue Taube mit gebrochener Pfote – ich hatte damals zwei Monate lang einen Gips, war vom Fahrrad gekracht; an ihre Adresse schreiben ging nicht, ihr Alter war mit Vorsicht zu genießen. Du hast ja nicht hier studiert, hier wollten sie für Medizin drei Mille haben, und dein Onkel (auch ein Arzt, aber HNO) hatte nur anderthalb zusammengekratzt, für anderthalb ging nur Bauingenieur, bauen wolltest du aber nicht, ein Wort wie »Richtungswinkel« allein schon jagte dir Schauer über den Rücken, du wolltest Patienten behandeln, oder wenn alle Stricke reißen, ans Fremdspracheninstitut, und dann die Faulkner-Trilogie ohne Wörterbuch, die Dos-Passos-Trilogie im Original, Ford Madox Ford in- und auswendig. Dabei ist es schließlich auch geblieben – du bist ans Fremdspracheninstitut gegangen, für anderthalb Mille, allerdings in Rostow. Und jetzt ziehst du vor der Konfiserie ihre Hand an die Lippen, denn du willst sie wärmen, und sie lacht verlegen, denn sie ist dir dankbar dafür.
Aber ihr stummer Verehrer hat dich angeschwärzt und obendrein seine Kumpels auf dich gehetzt, denn Sicherheitsorgane hin, Sicherheitsorgane her, aber ein paar in die Fresse, verzeihen Sie den prosaischen Ausdruck, schaden schließlich auch nicht. Zur Abschreckung. Kurz: Nase blutet, tropft auf die Schurwolle, sie bricht in Tränen aus, du brichst in einer Schneewehe ein. Sie hilft dir aufstehen, du stützt dich auf ihren schlanken Arm, willst einen Witz machen, spürst aber, dass dir dafür ein paar Zähne fehlen. So hat eure Romanze angefangen. Und was kam danach? Soweit ich mich erinnere, Jahreszeiten.
Im Winter eher ironisch. Etwa drei Wochen später. Ende Februar. Wieder eine Schneewehe, in der Schneewehe ein Besen. Die Nachbarin klagte: »Der Blutdruck. Und die Heizung funktioniert auch nicht.« Ihr saht euch selten, und wenn, gab es Streit. Ich versuchte, euch nicht zusammen zu treffen. Einmal schaute ich euch zu, hinter einem Kiosk hervor, durch Tränen. Ihr küsstet euch, zerfielt in Splitter, küsstet euch. Einmal stand ich an der Ecke bei der Konfiserie. Sie kam von hinten und hielt mir die Augen zu. Ich habe sie am Geruch erkannt. Ihre Hände rochen nach deinem Tabak. Sie staunte: »Wie bist du draufgekommen?« Ich wich aus, machte einen Witz. Sie musste dringend zur Vorlesung. Ihre polnischen Stiefel knirschten auf dem Schnee.
Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich ihr damals alles gestanden hätte. Wäre alles genauso gekommen oder anders?
Im Frühling eher romantisch. Heller Regenmantel, Koteletten, sie mit Chignon. Sie zupft dich am Ohrläppchen, du zitierst Nadson, ich tue, als wäre ich aufs Fernsehen konzentriert. Ironie des Schicksals oder Kein Recht, man selbst zu sein, ich weiß nicht mehr, was lief. Dir hatten sie den Spitznamen »Händel« verpasst, in der Annahme, du würdest nur Händchen halten mit ihr. Irrtum. Du hast ihr außerdem auch die Brustwarzen mit der Zunge gekitzelt – davon bekam sie Gänsehaut an den Waden. Ihr Vater unterrichtete Thermodynamik, wie sich herausstellte, die Mutter auch. Vierunddreißig ist sie jetzt, der Sohn wird bald zehn. Es heißt, sie sei nicht mehr so hübsch, sie hätte zugenommen. Ich weiß nicht, für mich ist sie genau wie damals.
Im Herbst leicht melancholisch. Kein Wunder! Der Papa ihres stummen Verehrers hat deinen Onkel für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden lassen, auf versuchte Bestechung lautete die Anklage, du bist vom Fremdspracheninstitut geflogen und der Dekan gleich mit. Adieu, Dos Passos! Es winkte das Baubataillon. Aber bauen wolltest du nach wie vor nicht, lieber hast du einen Ausreiseantrag gestellt und angefangen, dich vorzubereiten. Ihr hast du versprochen, zurückzukommen und sie zu holen, aber du bist nicht zurückgekommen, du hast sie nicht geholt, stattdessen hast du dir einen Bart stehen lassen, ein Einfamilienhaus gekauft und einen Computerhandel aufgezogen, irgendwo in der Gegend von Cincinnati. Anfangs hat sie nachts geweint, dann hat sie sich beruhigt, und schließlich hat sie ihren stummen Verehrer geheiratet, der übrigens nach deiner Abreise eine ganz angenehme Baritonstimme entwickelt hat. Jeden Abend bringt er ihr Blumen mit, jeden Abend. Folglich liebt er sie. Folglich sind auch die Sicherheitsorgane zu großen Gefühlen in der Lage.
Ich schließe die Tür auf, sie – verwaschener Morgenmantel, im Mund eine LM – knurrt: »Schon wieder Gladiolen«, unser Sohn spielt auf dem Balkon mit dem Airedale-Terrier... Ich danke dem Schicksal für alles. Ich habe nie etwas anderes gewollt als nur sie, nichts, von niemandem. Nie, nichts, von niemandem.
Von dir sprechen wir praktisch nicht. Es fehlt der Anlass. Höchstens im Sommer manchmal. Im Sommer warst du irgendwie komisch. Hast mir oft lange in die Augen geschaut und gefragt: »Wofür hasst du mich so?« Ich war beleidigt: »Bist du bescheuert?« Du lachtest theatralisch, ich zuckte die Achseln und tippte mir an die Stirn, du gabst mir einen Stoß in den Rücken und sagtest oder fragtest: »Junge, du verstehst wohl überhaupt keinen Spaß.«

Rezension I Buchbestellung I home III04 LYRIKwelt © FVA