Liebeslinien
(Leseprobe aus: Liebeslinien,
Roman, 2006, Nagel
& Kimche).
In der Abendschule lasen die Mädchen Summerhill von A. S. Neill
und diskutierten die antiautoritäre Erziehung. Sie hatten Hair gesehen
und sangen Aquarius und nähten sich weite lange Röcke und trugen
Blusen mit Blumenmuster. Alle redeten bewundernd von den
Studentenunruhen und Demonstrationen in Deutschland und
Frankreich, und es klang, als sei das Recht, zu demonstrieren, ein
Privileg, das man erst mit dem Abitur erwarb. In New York gab es
Polizeieinsätze gegen die Homosexuellen. Und in Helsinki wurde die
Temppeliaukio-Kirche eingeweiht, eine in den Felsen gebaute
Kirche. Aulikki besuchte sie oft. Sie war wie eine Höhle mit einer
runden Öffnung zum Himmel. Die Kuppel über der Felsenkirche
hatte hundertachtzig schmale Fenster, die für Aulikki wie
Sonnenstrahlen aussahen. Wenn sie auf einem der violetten Stühle
saß, versuchte sie die Fenster zu zählen. Spielte jemand Orgel, blieb
sie länger dort, hörte zu und schaute auf die Steinwände, an denen
das Felswasser herunterlief. Das Plätschern der Rinnsale wuchs mit
der Musik zum Rauschen und Tosen eines Wasserfalls. Sie dachte, in
den Kirchen sollte den ganzen Tag Musik erklingen, damit die
Menschen sich einen Augenblick von den Worten, von den
Wünschen, Träumen und Ängsten, die in den Worten steckten,
befreien können. Sie stellte sich die Menschen vor, die früher in
Höhlen wohnten, in ihnen Schutz vor den Raubtieren und dem
Unwetter suchten. Während sie in der Dunkelheit ausharrten, nahm
einer von ihnen einen spitzen Stein und zeichnete die Sonne an die
Wand. Er zeichnete einen Elch oder ein Rentier. Vielleicht summte
der Zeichner leise vor sich hin. Aulikki überlegte, wie lange es
gedauert haben mochte, bis die Menschen die Kraft der Töne und
Klänge entdeckten, wann die Worte, um einander Wichtiges
mitzuteilen. Und wodurch sie lernten, das auszusprechen, was sie
nicht dachten, das zu behaupten, was nicht wahr ist, und zu
verschweigen, was sie fühlten. Und sie dachte an die vielen
Sprachen, die es auf der Welt gibt, und an die Menschen, die
trotzdem nie die richtigen Worte finden.
Rezension I Buchbestellung III11 LYRIKwelt © Nagel & Kimche