Abschied vom roten
Haus
(Leseprobe aus: Abschied vom roten Haus von Marjaleena Lembcke, 2001,
Nagel&Kimche)
Ein paar Tage später
waren wir wieder zu Fuß unterwegs, als derselbe Wagen an uns vorbeifuhr. Diesmal saß
eine junge Frau am Steuer. Sie hielt ein paar Meter vor uns an und wartete, bis wir
herangekommen waren.
Ich kannte sie und bekam einen roten Kopf.
Vor einigen Jahren war sie auch auf dem Gymnasium in unserer Stadt gewesen. Ich hatte sie
oft auf dem Schulhof gesehen. Und ich hatte sie bewundert, weil sie sehr schön und
vornehm aussah. Nach ihrem Abitur hatte ich sie nicht mehr gesehen.
"Herein mit euch!", rief sie freundlich und lächelte uns an.
"Ich bin Pekka", sagte Pekka, als wir einstiegen.
"Freut mich, dich kennen zu lernen!", sagte sie. "Ich heiße Anna."
"Komischer Name!", sagte Pekka. Anna heißt auf Finnisch gib. "Musst
du immer etwas geben?"
Sie lachte.
Ich war verlegen. Vor lauter Bewunderung bekam ich kein Wort über die Lippen. Ich hätte
so gerne etwas Geistreiches oder Amüsantes gesagt, um Eindruck auf sie zu machen, um zu
zeigen, dass ich kein kleines Mädchen mehr war. Aber mir fiel nichts ein und ich
überließ die Unterhaltung ihr und Pekka, dem immer etwas Witziges einfiel. Pekka
brauchte sich keine Mühe zu geben. Er war witzig.
Anna erzählte, dass sie über Ostern bei ihren Eltern zu Besuch sei.
"Deinen Vater kennen wir", sagte Tuomo. "Er hat uns auch schon einmal
mitgenommen!"
"Das Auto gehört ihm", sagte Anna. "Ich benutze es nur, wenn ich hier bin.
Eigentlich wollte ich meine Eltern am Muttertag besuchen, aber im Mai habe ich andere
Termine."
"Was sind das für Termine?", fragte Pekka, der nicht verstand, was das Wort
bedeutete.
"Du willst wohl alles wissen", sagte Anna.
"Ich möchte nur wissen, was Termine sind. Ich kenne keine Termine", sagte
Pekka.
"Termine bedeuten einfach, dass man sich mit jemandem an einem bestimmten Tag um eine
bestimmte Uhrzeit treffen will", erklärte sie.
"Ich würde dich gerne mit einem Termin treffen. Du riechst gut. Und dein Vater hat
so viel Geld, dass es auch für dich reicht!", sagte Pekka.
Oskari boxte ihn in die Seite und versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen. Tuomo grinste.
"Wir können ja einen unverbindlichen Termin machen. Immer wenn ich euch auf der
Straße sehe, nehme ich euch mit", sagte sie zu Pekka.
"Du kommst aber nicht oft vorbei!", sagte Pekka.
Sie lachte. "Damit hast du natürlich Recht."
Sie hielt vor dem Schulgebäude und sagte: "Dann machen wir doch einen richtigen
Termin. Wann seid ihr mit der Schule fertig? Ich hole euch hier ab und dann gehen wir
zusammen essen! Und danach bringe ich euch wieder nach Hause."
Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Ich habe bis zum späten Nachmittag Schule.
Danach habe ich keinen Hunger. Ich esse in der Mittagspause."
Aber Oskari, Tuomo und Pekka riefen begeistert: "Wir sind um ein Uhr fertig. Holst du
uns ab?" Sonja sagte nichts.
Als ich am Nachmittag aus der Schule kam, waren meine Geschwister auch gerade erst nach
Hause gekommen.
Sie erzählten Mutter, Mummo und Saku von dem Essen.
"Es war sehr, sehr schön", sagte Pekka. "Das Essen wurde serviert.
Serviert heißt, dass der Teller mit dem Essen von einer schönen Frau mit
einem schwarzen Rock und einer kleinen weißen Schürze auf den Tisch gestellt wird. Die
Schürze ist nicht größer als Vaters Taschentuch. Die Serviererin sagt: Guten
Appetit!, und dann kann man essen."
"Sollten wir uns vielleicht auch schwarze Röcke und kleine weiße Schürzen
anschaffen?", fragte Mutter Mummo.
"In welche Schürzentasche soll ich dann aber mein Taschentuch stecken, wenn die
Schürze selbst nicht größer ist als ein Taschentuch?", fragte Mummo.
"Serviert wird doch nur in einem Restaurant", meinte Pekka.
"Es gab Fleischfrikadellen mit Kartoffelbrei und Preiselbeeren", sagte Tuomo.
"Und als Nachtisch gab es Schokoladenpudding!"
"Das scheint ja eine sehr liebenswürdige junge Frau zu sein", sagte Mutter.
"Sie macht nette Termine!", sagte Pekka.
Ich fand Anna großartig. Solche Rotznasen zum Essen einzuladen war ungewöhnlich. Sie war
in einer reichen Familie aufgewachsen, aber ich wusste, dass sie ein Adoptivkind war.
Ich bewunderte sie noch mehr.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche