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Hectors Reise oder die
Suche nach dem Glück
(Leseprobe aus: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück,
Roman, 2006,
Piper - Übertragung Ralf
Pannowitsch).
Hector ist nicht zufrieden
Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hieß und mit sich nicht
besonders zufrieden war.
Hector war unzufrieden, und doch sah er wie ein richtiger Psychiater aus: Er
trug eine Brille mit kleinen runden Gläsern, die ihm einen intellektuellen
Anstrich verlieh; er verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene zuzuhören
und dabei »Hmm ...« zu machen, ja er hatte sogar einen kleinen Schnurrbart, an
dem er herumzwirbelte, wenn er sehr nachdachte.
Sein Sprechzimmer sah ebenfalls aus wie das eines richtigen Psychiaters: Es gab
dort eine altertümliche Couch (ein Geschenk seiner Mutter, als er die Praxis
eingerichtet hatte), Nachbildungen von ägyptischen oder hinduistischen Figuren
und eine große Bibliothek voller Bücher, die schwer zu lesen waren, manche von
ihnen so schwer, daß er sie gar nicht erst gelesen hatte.
Viele Leute wollten bei Hector einen Termin haben, nicht bloß, weil er wie ein
richtiger Psychiater aussah, sondern weil er ein Geheimnis kannte, von dem alle
guten Ärzte wissen und das man an der Universität nicht lernt: Er interessierte
sich wirklich für seine Patienten.
Wenn die Leute zum ersten Mal einen Psychiater aufsuchen, sind sie oftmals ein
wenig verlegen. Sie haben Angst, er könnte sie für verrückt halten, obgleich sie
doch wissen, daß er solche Leute gewohnt ist. Oder manchmal fürchten sie auch,
ihr Fall wäre in seinen Augen nicht schlimm genug, und er würde ihnen sagen, sie
sollten sich anderswo behandeln lassen. Aber weil sie nun einmal den Termin
ausgemacht haben und gekommen sind, entschließen sie sich doch, von ihren
wunderlichen kleinen Manien zu erzählen, von den seltsamen Gedanken, die ihnen
durch den Kopf gehen und die sie noch niemandem anvertraut haben, obwohl sie
ihnen große Schmerzen bereiten, von den großen Ängsten oder den mächtigen
Traurigkeiten, die ihnen ein gutes Leben unmöglich machen. Sie fürchten auch,
nicht richtig erzählen zu können und den Arzt zu langweilen. Und man muß schon
sagen, daß Psychiater manchmal gelangweilt oder ermüdet aussehen. Wenn man das
nicht gewohnt ist, kann man sich sogar fragen, ob sie einem überhaupt zugehört
haben.
Aber bei Hector war das fast nie so: Er schaute die Leute an, wenn sie ihre
Geschichte erzählten, er nickte ermutigend, machte seine kleinen »Hmm«s und
zwirbelte dabei den Schnurrbart, und manchmal sagte er sogar: »Warten Sie,
erklären Sie mir das. Ich habe es nicht genau verstanden.« Außer an den Tagen,
an denen Hector sehr müde war, spürten die Leute, daß er wirklich hinhörte und
ihre Geschichten sogar interessant fand.
Und so kamen die Leute von neuem in seine Sprechstunde, machten viele Termine
aus, reichten seinen Namen an Freunde weiter oder sprachen mit ihrem Hausarzt
darüber, der andere Patienten an Hector überwies. Bald brachte Hector lange Tage
damit zu, anderen Leuten zuzuhören, und er begann, eine Menge Steuern zu zahlen,
selbst wenn er die Konsultationen nicht sehr teuer in Rechnung stellte. (Seine
Mutter sagte ihm immer, er solle mehr Geld verlangen, aber ihm war das
peinlich.)
Eine Konsultation kostete bei ihm beispielsweise weniger als bei Madame Irina,
die eine ziemlich berühmte Hellseherin war. Übrigens hatte auch sie ihm geraten:
»Doktor, Sie sollten Ihre Tarife anheben!«
»Na so was«, hatte Hector entgegnet, »das haben mir schon andere gesagt.«
»Ich spreche zu Ihnen wie eine Mutter; ich sehe, was gut für Sie wäre, Doktor.«
»Ja genau, wie steht es denn im Moment mit Ihrem Sehen?«
Dazu muß man erklären, daß Madame Irina in Hectors Sprechstunde gekommen war,
weil es ihr nicht mehr gelang, in die Zukunft zu schauen. Sie hatte großen
Kummer gehabt wegen eines Herrn, der sie verlassen hatte, und seither sah sie
nicht mehr wirklich in die Zukunft.
Rezension I Buchbestellung I home II08 LYRIKwelt © Piper Verlag