Die Herrenausstatterin von, 2010, DuMont Mariana LekyMariana Leky

Die Herrenausstatterin
(Leseprobe aus:
Die Herrenausstatterin, Roman, 2010, DuMont).

Bis später

Alles hätte gut und gern so weitergehen können, aber dann ist

alles zerbrochen, was, wie Blank später sagte, ein sicheres Zeichen

dafür ist, dass es eben nicht so habe weitergehen können,

auch wenn ich das geglaubt hatte. Was man selber glaubt, ist,

auch das sagte Blank später, manchmal unmaßgeblich in der

Frage, ob etwas zerbrochen gehört oder nicht.

Morgens, wenn ich aufwachte, war Jakob längst wieder da

oder gar nicht weg gewesen. Er lag neben mir in meinem Bett,

je nach Jahreszeit unter einem Laken oder einer Decke. Jakob

schlief wie ein Toter und brauchte anschließend lange,

um richtig wach zu werden. Oft verschlief er und wachte erst

auf, wenn die Sprechstundenhilfe anrief und sagte: »Sie müssten

jetzt wirklich mal kommen, hier ist alles voller Schmerzpatienten.

« Dann stieg Jakob schlaftrunken in seine Kleider,

ging schlaftrunken los, kaufte unterwegs einen Kaffee zum

Mitnehmen, er tat das ohne Worte, weil man ihn in der Kaffeebar

kannte, er kam schlaftrunken in die Praxis und durchquerte

schlaftrunken sein volles Wartezimmer. Seine Sprechstundenhilfe

wusste, dass Jakob morgens dankbar war für

jedes Wort, das er nicht sagen oder hören musste, deshalb

sagte sie nichts, folgte ihm ins Behandlungszimmer, zog ihm

dort den zerdrückten Kaffeepappbecher aus der Jackentasche,

reichte ihm den frisch gewaschenen Kittel und wies Ja-

kob, kurz bevor der erste Schmerzpatient hereinkam, wortlos

auf den Schlaf in seinen Augenwinkeln hin. Es ist beunruhigend,

von jemandem behandelt zu werden, der noch Schlaf

in den Augen hat.

Jakob war Zahnarzt. Ich lernte ihn kennen, als meine Zähne

schlecht waren, deshalb kannte ich mich mit Zahnärzten

gut aus und wollte eigentlich keinen neuen mehr kennenlernen.

Ich kannte mich mit den Wartezimmern aus, in denen

hauptsächlich Leute sitzen, die aussehen, als kämen sie nur mal

so zur Kontrolle. Ich kannte den Zahnarztbegrüßungshandschlag,

ein kurzer fester Griff mit einer vom vielen Waschen

farblosen und wachsweichen Hand. Ich kannte das ungeduldige

Zahnarztnicken, wenn man dem Zahnarzt noch et was sagen

möchte, bevor man den Mund aufsperrt und nichts mehr

sagen kann. Man fängt bereits im Türrahmen des Behandlungszimmers

an zu reden, um auf dem kurzen Weg zwischen Tür

und Behandlungsstuhl alles gesagt zu haben, man verhaspelt

sich dabei in dem Versuch, zahnarztwunschgemäß schneller zu

reden, rasant schildert man Ort und Stärke der Beschwerden

und beteuert rasant, dass man wirklich jeden Abend mit Zahnseide

und Zahnhölzchen, Interdentalbürstchen und Mund -

dusche hantiert hat, weil man sich gut mit jemandem stellen

will, der wahrscheinlich gleich dafür sorgt, dass es schmerzhaft

wird. Leider vergisst man dabei immer, dass der Zahnarzt

mit Beteuerungen nichts anfangen kann. Der Zahnarzt will,

dass man noch rasanter schildert, die Beteuerungen am besten

ganz auslässt und endlich den Mund aufsperrt.

Ich kannte den Satz, den Zahnärzte sagen, wenn der Mund

endlich aufgesperrt ist: »Wir werden uns noch ein paar Mal

wiedersehen müssen«, sagen sie, bevor sie anfangen zu behan-

deln. Ich kannte auch die anschließende Schweigsamkeit der

Zahnärzte. Zahnärzten hat man nicht beigebracht, dass manche

Dinge weniger schmerzhaft sind, wenn man erklärt bekommt,

was warum und wie lange schmerzhaft sein wird. Ich

kannte den leeren Blick der Zahnärzte, wenn sie mit ihren

Bohrern hantieren, die sich immer anhören wie ein versehentlich

angerufenes Faxgerät, nur viel lauter.

Als mein damaliger Zahnarzt im Urlaub war, ging ich zu

seiner Vertretung. Die Vertretung war Jakob, der damals noch

Dr. J. Wiesberg hieß. In seinem Wartezimmer saß niemand nur

mal so zur Kontrolle.

Als ich Jakob zum ersten Mal sah, war er ausgeschlafen,

mein Termin lag am frühen Nachmittag. Als er mir zur Begrüßung

die Hand gab, lief ihm eine Träne über die Wange.

»Weinen Sie?«, fragte ich, weil mich die unverhoffte Regung

erstaunte. Außerdem ist es beunruhigend, von einem weinenden

Zahnarzt behandelt zu werden.

»Ich weine nicht«, sagte er, »meine Augen sind nur zu trocken.

« Er zog ein Fläschchen aus seiner Kitteltasche und hielt

es mir hin. Tears again, stand darauf, und Jakob erklärte, dass

er sich die Flüssigkeit regelmäßig in seine zu trockenen Augen

träufeln müsse, was dazu führe, dass ab und zu eine Träne unkontrolliert

über seine Wange laufe.

Ich drehte das Fläschchen in den Händen und wusste nicht,

was ich sagen sollte, weil mir noch nie ein Zahnarzt etwas von

sich gezeigt hatte, und schließlich sagte ich: »Es hat ein benutzerfreundliches

Design.« Jakob nickte und lächelte mich an.

Ich gab ihm das Fläschchen zurück und sagte möglichst schnell

Sachen, die man vorher noch sagen will, und Jakob nickte kein

bisschen, sondern stellte konstruktive Fragen. Er besah sich

meine Zähne, murmelte Buchstaben und Zahlen und sagte:

»Wir werden uns noch ein paar Mal wiedersehen.«

»Heben Sie bitte sofort die Hand, wenn es schmerzhaft

wird, dann hören wir schnurstracks auf«, sagte er, als er anfing

zu behandeln, und dann: »Und jetzt denken Sie mal an was

Schönes.«

Weil es sich anbot, dachte ich an Jakob, denn Jakob war

schön, obwohl er Zahnarzt war. Jakob bohrte an meinem Zahn

herum und sagte mehrmals, ich solle sofort die Hand heben,

wenn es schmerzhaft würde, denn dann würden wir schnurstracks

aufhören, er sagte das ernst und nachdrücklich, als seien

wir nicht bei einer Zahnbehandlung, sondern auf einer besonders

waghalsigen Expedition, die ich als Erste unternahm.

Jakob erklärte ausführlich, was warum wie lange eventuell

schmerzhaft sein könnte, er war kein bisschen schweigsam.

»Sie machen das wirklich wunderbar«, sagte er, obwohl es gar

nicht besonders schmerzhaft war, »Sie machen das mit Bravour

«, er sagte: »Menschen, die Schmerzen mit solcher Geduld

begegnen, sind selten« und: »Sie ertragen das mit der Ruhe eines

indischen Yogi.« Er sagte das alles ernst und leise, und spätestens

jetzt wusste ich, warum Jakobs Wartezimmer so voll

war. Ich freute mich, ausgerechnet an Jakob geraten zu sein,

und als es dann doch etwas schmerzhaft wurde, hob ich nicht

die Hand, sondern schaute auf ein großes Schild, das an der

Decke über dem Behandlungsstuhl hing. In großen Buchstaben

stand darauf: Gleich ist es vorbei.

Tatsächlich war es gleich vorbei, und tatsächlich hatte niemand

eineAhnung davon, dass genau jetzt die Sache mit Jakob

losging. Es ist ganz und gar normal und ganz und gar ungeheuerlich,

dass man immer ahnungslos ist,wenn solche Sachen

ihren Anfang nehmen. Nie hat man bei ihrem Losgehen eine

Ahnung von ihrem Ausmaß und ihrer Wucht oder davon, was

warum und wie lange schön oder schmerzhaft sein wird, und

ich wünschte, ich wüsste, was gewesen wäre, wenn auf dem

Schild über dem Behandlungsstuhl nicht Gleich ist es vorbei,

sondern Jetzt geht es los gestanden hätte. Wenn dort Das ist Jakob,

jetzt geht es los, und es wird sehr, sehr lange nicht vorbei sein,

gestanden hätte. Und: Es wird schön, so schön, wie noch nie etwas

war, und dann wird es schmerzhaft, so schmerzhaft, wie noch nie etwas

war, aber leider zu spät sein, um schnurstracks aufzuhören,

wenn da gestanden hätte, was genau wie schön oder schmerzhaft

sein würde, ich wünschte, ich wüsste, was passiert wäre,

wenn ich all das hätte lesen können auf dem Schild über dem

Behandlungsstuhl, während ich einen Bohrer und ein Absauggerät

im Mund hatte und Dr. J. Wiesberg konzentriert meinen

Zahn behandelte.

Vielleicht wäre nichts anders gewesen und ich nur erstaunt,

dass ich ausgerechnet an einen Zahnarzt geraten wäre. Vielleicht

wäre ich glücklich über den Teil mit dem nie dagewesenen

Schönen gewesen, und vielleicht hätte ich über den Teil

mit dem nie dagewesenen Schmerzhaften gedacht: »Das wollen

wir ja mal sehen«, so, wie ein herkömmlicher Zahnarzt es

sagt, wenn man ihm bereits beim Reinkommen etwas von

Hölzchen und Bürstchen erzählt.

(...)

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