Dieter Leisegang

Coca Cola
für Jolei

Natürlich wissen wir, wenn wir arbeiten, nie recht
ob alles dies, was uns einfällt, an Objekten, an
Wortverbindungen, nicht einfach überflüssig
längst getan ist, von solchen, denen ihr Tun
noch notwendig war. Wir beide aber, dessen eingedenk
haben uns ganz in uns selbst entwickelt: kein
Äußeres läßt uns noch aufhorchen. Gerade weil
heute alles nach außen geht, das Private verfemt ist
als Chinoiserie, und die Lösung unsrer Probleme
abhängen soll nicht von "Kunst und nochmals Kunst"
sondern von Politik, Haltung, Gewissen, haben
wir unseren Frieden innen errichtet: Du, in Deinen blauen
Stuben, und ich, etwas anspruchsvoller, so mir vorm
Fenster das vorbeifließt, was alt wie der Main ist
auch einige Blicke mir reichen bis an die
Ausläufer der Wetterau. - Unsre wenigen Freunde
sind gerne bereit, uns schweigend zu nehmen: mithin
fallen nur selten Worte übers Metier, da es uns
ohnehin schwer ist, und wir nicht einhergehn
wollen als Retter der Menschheit, auch keine
Gedanken verschwenden an die großen
weltbewegenden Dinge, ja, eher zu sagen bereit sind:
alles ist gut. Wirklich, dies Insichsein ist selten
geworden. Immer wieder müssen wir sehen: dieser fällt ab
und jener wird sich fremder in unserem Kreis ­-
Gegen die Schulen ist nichts zu sagen. Wir
lernten zumindest, einiges Verständnis zu
haben. Aber es ist traurig, in unserem Alter schon
weis sein zu müssen. Jedenfalls durchschaut sich die
Verlogenheit dieser uns aufgezwungnen Natur, weswegen
allmählicher Abstand auch davon nicht teuer käme –
­Ich, für meinen Teil, bin (und Du sicher auch) mit
jedem Ende einverstanden. Wenn das Machen von Kunst
in unseren Räumen unmöglich wird, stellen wir's ein
Was wäre schon verloren, wieso soll uns dies
»Immer und ewig« in Fraktur überm Küchentisch hängen?
Wir könnten uns sicher ebensogut mit anderm befassen
Einem, dem man seine fatalen Züge (ein jegliches hat
sie) lieber verziehe. - Die Stadt, in der wir leben
hat gegen jede Erwartung weder Tradition noch
Kultur. Kein Cafe, wo Modigliani oder Sartre jemals
einen Stuhl berühmt gemacht hätten, keine Solitude, die
wenigstens Schiller durchschritten, nichts, was den
Atem nimmt; also können wir existieren bei jedem
Wetter, Katastrophen größeren Ausmaßes würden uns
allenfalls die Spaziergänge (die uns wesentlich sind)
kosten, mehr aber nicht. Unauffällig gekleidet, wie
wir sind, ist es uns möglich, unterzutauchen, im
abendlichen Betrieb mitzuschwimmen, einen VW zu fahren
und endlich: allein zu sein in der friedlichen
Art ausgeruhter Leute. - Auf jeden Fall haben wir uns
abgewöhnt, Du mit einiger Leichtigkeit und auch ich
mehr im Vorbeigehn, irgendeine Schuld bei uns zu suchen
für irgend etwas. Sind wir betrübt, so schieben wir
alles aufs Klima. Dieser Pragmatismus, der sich bei
uns längst bewährt hat (so sind wir nämlich alles andre
als Land-Läufige), ist nur eine Folge unserer
gar nicht heimlichen Liebe zu Amerika, wo der Betrieb
noch größer, der Zerfall dessen, was Bildung heißt
noch hinreißender sein soll. - Unser Religionsersatz
läßt sich in einem Namen ausdrücken: Coca-Cola. Sicher
geht es dem gut bei uns, hie und da nur erwähnt
ohne Emphase, ohne jeden Aufwand an Stimmkraft
uneigentlich also, da jede auch noch so geringe
Verehrung in Anbetracht dieses Gegenstandes
anheim fiele der Lächerlichkeit (mit unserer Abneigung
gegen Kabarettistisches, gegen Dada und
solcherlei wäre schon ein Kleines davon unverträglich) –
­In der Ewigkeit erst scheiden sich unsre
Geister, denn Verschiedenes meinen wir wohl
mit ein und demselben (Deine Bilder, meine Verse)
So können wir unbesorgt um unser Eigenes
einander die Sätze ergänzen, die ohnehin nur
äußerst rhapsodisch ins Stille fahren (»zu sagen des
Herzens Meinung« ist uns das Liebste zwar: doch
selten, bitte! Nicht immerfort!); aus zwei Mündern
trägt unser Monolog sich vor, eine Rede, die für
keine Partei wirbt, auch nicht für die unsre. Vielleicht
macht dies uns einigermaßen erträglich: den andern

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