Büchsenlicht von Svenja Leiber, 2005, Ammann

Svenja Leiber

Eckeneckepen
(Leseprobe aus:
Büchsenlicht, Erzählung, 2005, Ammann)

Landregen. Lehmschwere Stiefel an lehmschweren Bauern, Gurgelndes am Straßenrand und Schleimspuren auf dem Asphalt. Die Metallgartenpforte, ein Kiesplattenweg. In den Rabatten Bewegungsmelder, zwei Lampen, eine an der Pforte, eine an der Haustür, alles gut sichtbar.
Drinnen auf den Fensterbrettern Flaschendeckel mit Ameisengift. Zwischen den gelben Körnern zusammengerollte Arbeiterinnen, vollgesogen bis oben hin.
Die gute Stube, angefüllt mit Ledersesseln. Totenstille, wie zur Zeit, als hier noch Bahren standen, drei Tage, weil es die gute Stube war. Jetzt, keine Toten mehr, bis auf die Arbeiterinnen auf den Fensterbrettern.
In der zweiten Stube die Plüschgarnitur, ein Fernseher, immer warm. Hauptaufenthalt, Wartezimmer, bis das Leben vorbei war, dann rüber in die gute Stube, früher, jetzt nicht mehr.

Frau Leites beherrschte all das mit synthetischem Fliederaroma. Sie trug dauergewelltes Haar, stets Hosen und dünngestrickte Pullover mit aufwendigen Mustern in Schwarzweiß, die sie in der Kreisstadt kaufte. Ihre Fingernägel rot, die Hände mager, meistens in Gummihandschuhen. Sie studierte genauestens die Sonderangebote der Supermarktwurfpost und fuhr so lange mit dem Mercedes von Angebot zu Angebot, bis die Benzinrechnung die Ersparnisse der Wochenschnäppchen weit übertraf.
Kam überraschend Besuch, lutschte sie Tictac, und im Frühsommer kochte sie dann den Holunderblütensaft in leere Kornflaschen ein.

Bauer Leites hatte sich hochgearbeitet. Morgens um vier stand er auf und fütterte siebenhundert Schweine. Schwache Schweine stach er mit seinem Taschenmesser ab, was wenig zu ihm passen wollte, genausowenig, wie sich sein Lächeln mit den brennenden Ratten vertrug, deren Schreie für Wochen alle Artgenossen aus den Silos vertrieben.
Fuhr er zu Felde, packte ihm seine Frau Karokaffee und Waffeln ein. Manchmal hielt er noch für einen kurzen Schnack. Dann stand er mit dem Milchbauern Hein Gorken am Zaun, Landregen auf dem Kordhut, Landregen im Gemüt.
Gorken war griesgrämig, darum redeten die beiden kaum. Schon ihre Großväter hatten kaum geredet, man sagte, das sei eine alte Sache zwischen den Höfen.
Minna Gorken, im ärmellosen Kittel und mit welkenden Oberarmen, war noch griesgrämiger als ihr Mann.
»Und die Kartoffeln gucken schon aus ’m Booden! Und die Tür klemmt noch vom Winter! Und die Kühe fang’ schon wieder an zu kalben! Und die Kinder komm’ schon in die Schuule!«
Gorken und Leites überhörten das und sagten nichts. Nur manchmal brummte Gorken: »Die wird auch irgendwann einfach dot bleeven.«

Das Dorf reckte sich und blinzelte verregnet. Der EDEKA-Laster fuhr auf den Buswendeplatz und hupte, Frau Leites überprüfte die Maulwurfsfallen im Rasen, sammelte die Schnecken von den Beeten und verbrühte sie, und Emil, der Vater von Minna Gorken, saß vor seinem winzigen baufälligen Altenteil und rauchte aus einem Meerschaumkopf.
»Leites soll sich man bloß vorsehen«, meinte Emil, und Emil wußte, was das hieß.
Die Trecker donnerten nach und nach aus dem Dorf und ließen eine stille Herde von Bauernhäusern und Mastställen zurück. Manchmal drang das Quieken eines Schweines durch den Beton.

Zwischen zehn und elf kam gewöhnlich der Abdecker.
Man sagte, bei Minna Gorken sei er immer ziemlich lang auf dem Hof, aber mehr sagte man nicht. Schließlich war hier fast jeder schon mal über ’n Appelkorn gestolpert ... Und der Gorken war schon so lehmig im Hirn, daß er das morgendliche Nebenrausspringen seiner Frau gar nicht wahrnahm. Hätte man ihrem langen Gesicht auch nicht zugetraut, obwohl sie beim Frauenkaffee im Nachbardorf einmal mißmutig und leicht beschwipst meinte, der olle Gorken hätte ja auch schon lange kein’ Vulkan mehr auf ’m Pinsel, womit sie kreischende Zustimmung einheimste.

Lang änderte sich an alldem nichts, außer daß ab und zu eine Scheune abbrannte, trotz des Landregens und immer samstags während der Sirenenprobe, außer daß Bauer Leites seinen Hof und den halben Garten betonierte und außer daß Holm Glave auftauchte.
Holm war zart. Er hatte ein großes offenes Gesicht und feuchte weiche Hände. Er spielte Klarinette, und manchmal sang er auch.
Holm war aus einem Loch aufgetaucht und eingetaucht in den Landregen. Er war der Bruder von Frau Leites. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr war er der Meinung, man habe es auf ihn abgesehen. Ein Jahr Sanatorium und tiefe chemische Weltentrückung hatten nicht geholfen. In jeder verschatteten Ecke entdeckte er Augen, so daß er abends, verschwitzt wie ein gehetztes Reh, mit dem Gefühl, keine Beine mehr zu haben, in einen künstlichen Schlaf sank.
Holm war auf der Flucht, zog zu den Leites, verkroch sich hinter Regenschleiern und spielte Klarinette.

Der alte Emil nickte nur und drückte Tabak in den Meerschaumkopf: »Jaaa, jaa, ja – der Leites soll sich man nur vorsehen. Neuzeitlicher, der. Hat alles zugekleistert mit seim’ Beton. Aber die Unnerirdschen, diie find’n schon ein’ Weg, Leites. Zur Not gehen die durch den Kopf, wie die Gedanken. Und der Holm, der hat so ein’ Kopf, der ist oben offen, Leites, wart’s ab, mit deim’ Beton, diie find’n schon ein Loch.«

Stundenlang sang die Klarinette durch den Landregen, Woche für Woche. Holms Lied vermischte sich mit Schweinequieken, Motorenlärm und EDEKA-Gehupe, und Frau Leites wußte kaum mehr, wohin mit den leeren Kornflaschen. Nach außen ließ man sich nichts anmerken und erweiterte die Schweinezucht auf tausend Tiere.
Für Hein Gorken allerdings, den alten Griesgram, war der Holm ein Versager. Immer nur rumsitzen und dudeln! – Was soll der Mensch auf der Welt? Fraß seiner Schwester und ihrem Mann nur die Haare vom Kopf. Solche gehen nachher an die Kinder! Oder sie nehmen den Kälberstrick und hängen sich mitten im Dorf an die Eiche! Da hängen sie dann, mit vorwurfsvollen Quellaugen und dicker Zunge.
Mit diesen Gedanken schlich Gorken von Küche zu Küche. Vielleicht registrierte sein lehmiges Hirn zufrieden, daß es nicht allein war mit seiner Meinung. Jedenfalls brummte Gorken, als er Holm irgendwann allein traf: »Wenn du dat Gedudel nich läßt, mußt nur aufpassen, daß deine Flöte nich mal ins Güllefaß fällt.«
Holm sah ihn kurz an, mit aufmerksamem Blick, in seinen Augen stand eine Klarheit, vor der Gorken zurückschrak. Holm drehte den Kopf weg und ging mit wippendem Schritt, ein Zucken im Nacken, zum Leites-Hof. Kaum dort, fing er an zu rennen, rannte durch die Regenpfützen zur Metallgartenpforte, den Plattenweg entlang, zur Haustür und trommelte dagegen. Frau Leites öffnete verwundert, Holm drängte an ihr vorbei, rannte die Treppe hinauf und mit einem kindlichen Aufseufzer in sein Zimmer. Frau Leites lief in die Küche, griff hinter den Stapel Sonntagsteller im Schrank und beruhigte sich erst, als sie die leere Flasche auswusch und im Keller ins Holunderbord stellte.
Nee, dachte sie, und das hieß, es war zuviel für ihr Nervenkostüm, dieses feinmaschige Netz, welches nie seine Fühler bis über die Kreisstadt hinaus ausgestreckt hatte. Sie hörte Holm schluchzen und jaulen, stieg die Treppe hinauf und stand vor seiner Tür.
»Holm, was is los?« fragte sie. Ihre Stimme war heiser, sie mußte aufstoßen. Holm schrie, schnauzte und schlotterte gleichzeitig. Frau Leites starrte auf die Tür.
»Wat hast du gesagt?« Sie rülpste noch einmal, leise, so daß Holm es nicht hören konnte. »Kommst dir wohl als was Bessres vor, Herr Doktor! ’n Dorschkopp bist du, besessn wie ’n alter Hammel!« Sie biß die Lippen aufeinander. Holm sagte nichts. Sie drückte die Klinke herunter, die Tür war abgeschlossen. »Holm?« – Keine Antwort.

Als Bauer Leites nach Hause kam, stand kein Essen auf dem Tisch. Seine Frau lag im Bett. Das würde sie jetzt drei Tage lang tun, das wußte er. Den Grund wußte er noch nicht, meistens gab es keinen.

Holm saß in seinem Zimmer, Klarinette, Bücher, Turnschuh, Photoalbum dicht herangezogen. Er beobachtete die Steckdose. Zwei Augen. Im Sofa, der Knopf in der Rückenlehne, eben noch woanders! Holm hörte nichts. Warum waren sie alle so leise? Sie schauten nur und blinkerten erst mit den Augen, wenn er wegsah. Die Klarinette, schwarz, das Buch von der Seite, weiß, die Augen in der Steckdose, schwarz, der Schnürsenkel am Turnschuh, weiß – alles noch offen.
Draußen Schritte, er kommt, der Gorken. Der wird hier nichts finden!
Schritte, lehmschwer auf der Treppe.
Leites tappte zum Schlafzimmer seiner Frau. Nur bis in die Tür, das reichte, den Rest roch er. Holms Tür, verschlossen. »Holm?«
Holm stellte das Atmen ein. Er wußte, da draußen stand Gorken mit Leites Stimme. Aber Holm ließ sich nicht verarschen. Er schlich zur Steckdose, ohne zu atmen, und stellte den weißen Turnschuh auf die Hacke. Weiß tötet Schwarz. Schwarz beginnt, Weiß gewinnt, alles ohne zu atmen.
»Holm?« Bauer Leites horchte, zuckte die Schultern, ging nach unten.
Holm verfolgte ihn innerlich.
Verstecken, jetzt richtig verstecken, unsichtbar werden. Er öffnete die Schreibtischschublade. Messer, weiß. Weiß ist hell und blitzt. Holm schnitt den Knopf von der Sofalehne. Schwarze Klarinette, schwarzer Gorken, weiße Musik.

Draußen Landregen, dauernd, immer, endlos. Alles vollgesogen. Wiesen, Häuser, Menschen, alle, bis oben hin, bis unters Dach vollgesogen.
Leites schüttelte sich. Er ging auf die Diele, auf den Speicher, das Korn dampfte. Alles viel zu feucht. Leites nahm eine Hand voll Weizen. Er war warm.
Holm schwitzte. Er wollte spielen, aber es kam kein Ton. Die schwarze Klarinette. Holm lauschte in den Regen hinaus, dann ins Haus hinein. Er hörte die Schwester schnarchen. Schwarz.
Er schloß leise die Tür auf und ging nach unten.
Leites rangierte mit dem Trecker auf dem Hof.
In die Stube, nein, in die Garage, erst in die Garage!
Holm schlich hinaus.
Leites gab nicht auf ihn acht.
Holm trug alles zusammen, das Gute und das Böse. Er tränkte alles. Das Sofa, die fuchsbraunen Ledersessel, das Deckchen auf dem Tisch, alles. Alles vollgesogen, bis unters Dach, und bis in den warmen Weizen, und bis in Holms Schuhe und in die von Frau Leites und alles Schwarze, bis unters Dach.
Die Klarinette war immer noch schwarz, dann fing sie an zu leuchten. Und Frau Leites leuchtete und das Sofa und der Weizen. Nach und nach und ohne zu atmen. Und schließlich leuchtete auch Holm, ohne zu atmen.

Und die Tannen rührten sich nicht, und eine Schnecke kroch schleimig durchs Gras, und die Ratten verließen ihre Nester.
Der alte Emil schüttelte den Kopf: »Naa, na, na, Eckeneckepen«, murmelte er und klopfte den Meerschaumkopf aus.

Bauer Leites war noch in das Haus gerannt, aber der warme Weizen und der Staub auf den Balken, und das Holz und das Alter, all das war schon zu vollgesogen mit Licht.

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