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Die drei Parzen
(Leseprobe aus:
Die drei Parzen,
Roman, 2002, Ammann - Übertragung
Bettina Grosse).
Er war müde, gebrochen. Ausgeplündert und im Stich gelassen von seinen beiden Töchtern, saß er in seinem kleinen blauen Haus wie König Lear in seiner Hütte und wartete auf das Ende. Laßt König Lear in Ruhe, sagte ich zu meinen Kusinen, sie hörten mir aber nicht zu. Sie hatten König Lear in seinem kleinen blauen Haus zurückgelassen und ihn zwanzig Jahre dort vergessen. Nun wollten beide Cordelia spielen, fest verschworen, dem alten König, der um nichts gebeten hatte, eine letzte Freude zu bereiten. Diese letzte Freude, die in der Tat die erste, spät gewährte war, würde in seinem Kopf nur Chaos stiften, prophezeite ich, dem Kribbeln in meinem Stumpf vertrauend, der zu jucken anfing, kaum daß meine Kusinen davon gesprochen hatten, dem Vergessenen eine letzte Freude zu bereiten. Mein Stumpf hat mich immer vor Katastrophen gewarnt, fuhr ich mit erhobener Stimme fort; aber da sie ein für allemal beschieden hatten, meine Bestimmung, nichts Gutes geschehen zu lassen, ohne dessen Verwirklichung mit allen Mitteln hintertrieben zu haben, meiner Behinderung zuzuschreiben, hatten sie sich angewöhnt, dem Geschrei des Unglücksvogels keinerlei Bedeutung zuzumessen, nur die jüngere versuchte manchmal, aufs äußerste gereizt, ihm Einhalt zu gebieten. Einarm, du gehst uns mit deinen Weissagungen auf den Keks, hat sie heute gefaucht. Wir waren bei der Älteren meiner Kusinen, in ihrem funkelnagelneuen Haus. Die blitzblanke Küche, erst unlängst in Einzelteilen geliefert und in Windeseile montiert, spiegelte den dicken Bauch der Älteren und die langen Beine der Jüngeren. Wäre König Lear hier gewesen, hätte auch er die blitzblanke Küche, den dicken Küchenbesitzerinnenbauch und die langen braunen Nymphenbeine bewundern können. Meine Kusinen, seit Anfang August auf einmal ungeduldig, waren entschlossen, Lear so früh wie möglich herzuzitieren.
Am besten wäre es, hatte die Ältere gemeint, eine längere Abwesenheit des Hausherrn, ihres Gatten, zu nutzen, eines Zürcher Emigranten und Schraubennagelhakenfabrikanten, der mittwochs allabendlich buddhistische Meditationssitzungen besuchte, sich sonntags stets in ein drei Kilometer von ihrem funkelnagelneuen Haus entferntes tibetanisches Gebetszentrum zurückzog und bei jedem Parisbesuch des Dalai Lama seine kleine Fabrik zusperrte, da er den Vorzug genoß, Zutritt zum inneren Zirkel Seiner Heiligkeit zu haben. Dieses Jahr hatte der große Lama seine Europatournee für den Herbst angekündigt, und der Weisheitsanwärter hatte schon jetzt, weit vor dem Sommer, sein Ränzel geschnürt, samt Tretern, Wörterbuch, Totenbuch und Klangschalen. Und während der Erleuchtete den Dalai Lama quer durch Europa kornakierte, würden meine beiden Kusinen König Lear ciceronieren, der solange in dem mit großen rosa Elefanten frisch tapezierten künftigen Kinderzimmer des funkelnagelneuen Hauses logieren könnte. Zwischen der Wiege und der großen weißen Kommode, die noch geliefert werden mußten, wäre genug Platz für die englische Couch, die meine Kusine in einer plötzlichen Anwandlung gekauft und provisorisch in einer Eßzimmerecke plaziert hatte. Das Kribbeln in meinem linken Handgelenk wurde zum Brennen, je mehr die Pläne meiner Kusinen an dem blitzblanken Tisch Form annahmen. Ich war am Spülbecken stehengeblieben. Im Wasserhahn spiegelten sich in einer Schale zur Pyramide getürmte rote Äpfel. Mit der rechten Hand griff ich mir einen und rollte ihn, um den Juckreiz zu lindern, mit dem Ende meines Stumpfs auf dem Tisch hin und her. Einarm, du ekelst uns an, sagte meine jüngere Kusine. Sie entflocht ihre übereinandergeschlagenen langen Beine, stand auf, nahm sich auch einen Apfel und rieb ihn, um ihn vorm Hineinbeißen zu polieren, an ihren ausgefransten Shorts, für die sie einer alten Jeans die Beine abgeschnitten hatte. Währenddessen hatte die Ältere meiner Kusinen aus der Lade unter dem Ausguß einen Notizblock geangelt, den sie auf ihrem dicken Bauch abstützte. Leise murmelnd kritzelte sie flink eine Zahlenkolonne aufs Papier. Ich legte den roten Apfel auf die Spitze der Pyramide zurück. Das Kribbeln war immer noch nicht weg. Ich schabte den Stumpf an meinem Hosenbund. Die Berührung mit dem rauhen Sto‡ milderte den Juckreiz. Meine jüngere Kusine war an die Gartentür getreten. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schleuderte den Apfelbutzen hinaus; er landete im Kirschbaum von gegenüber. Lears Urlaub wird teuer, murrte Dickbauch, verstimmt von der Aussicht, die Kosten tragen zu müssen, da die langen Beine höchstens das Nadelgeld einbrachten, und auch das nur, wenn sie geruhten, sich unter den telefonbewehrten kleinen Schreibtisch des Marktforschungsinstituts zu begeben, von wo aus ihre Inhaberin die Vorlieben des gemeinen Volks erkundete, indem sie Unbekannten Fragen stellte, die sie so zum Gähnen fand, daß sie sich dabei fast den Kiefer verrenkte Tee oder Ka‡ee? Brot oder Müsli? Konserven oder Tiefkühlkost? Slip oder Schlüpfer? Frage der Marktforscherin an die Eigentümerin eines funkelnagelneuen Hauses Unter welchen Bedingungen würden Sie eine Person im dritten Lebensabschnitt für eine begrenzte Zeit bei sich aufnehmen? Nur wenn sie mit Ihnen in direkter Linie verwandt ist. Nur wenn sie jahrelang von Ihnen vernachlässigt wurde. Nur wenn sie den Eindruck macht, sich im voraus erkenntlich zeigen zu wollen. Das war der Punkt. In Lears Antworten auf die Einladung meiner Kusinen war nicht der geringste Wille zur Dankbarkeit spürbar. Zum Beweis suchte die Ältere nach dem letzten Brief, den sie in einem ihrer Kochbücher verlegt hatte. Der verdammte Brief. Wo hatte er sich bloß versteckt? Wahrscheinlich beim Rösti, das sie zuzubereiten gelernt hatte, falls der Zürcher Emigrant einmal Heimweh bekäme. Beim Rösti war er nicht. Dann fielen ihr die Lammnierchen wieder ein. An den Tag konnten sich alle noch erinnern, ekelhafte Angelegenheit. Mußte alles in den Müll. Der Brief blieb unauffindbar. Das Große Salatbuch wurde geschüttelt. Umsonst. Es flog auf den Boden, gefolgt von der Kunst des Fondue. Meine Kusine sank auf ihren Stuhl zurück, stieß einen erbitterten Seufzer aus und streichelte ihren Bauch, um den durch das Tohuwabohu aufgebrachten kleinen Prinzen wieder zu besänftigen. Er war zum Kampf bereit, der Sproß der Weisheit, der künftige Erbe der blitzblanken Küche. Beifällig legte meine Kusine die Hand auf ihren Bauch. Das wird Krach geben, sobald er zu lallen anfängt, sagte sie. Das künftige Idiom des kleinen Prinzen bereitete übrigens noch Kopfzerbrechen. Französisch natürlich, das war die Diplomatensprache im funkelnagelneuen Haus. Der Vater jedoch träumte davon, dem Paradieskorn den Keim des Germanismus einzupflanzen, den die Mutter, um nicht ins Hintertreffen zu geraten, mit besonderen Samen befruchten wollte, den vom Wind der Erinnerung angewehten Stäubchen des Vietnamesischen. Immerhin war es die Sprache König Lears, unser Kindheitskauderwelsch, von dem ich behauptete, ich hätte es vergessen, ganz wie meine jüngere Kusine, die nie auch nur ein Sterbenswörtchen von Lears Gebrabbel verstand. Warum den Brief also suchen, man müßte ihn übersetzen, und die Ältere meiner Kusinen hatte keine Lust mehr, die Dolmetscherin zu spielen (für die sorgfältig epilierten langen Beine, die, wären sie in den Tropen geblieben, die Sonne gemieden hätten, und für Einarm, die die Nabelschnur zerrissen hatte und schon beim Klang dieser barbarischen Mundart panisch das Gesicht verzog wie eine Schwerkranke, die, gerade noch einmal davongekommen, eine Tröpfcheninfektion fürchtete). Eine mußte den Tempel schließlich hüten. Und da Einarm bei der bloßen Erwähnung des Herkunftska‡s Klagelieder anstimmte, während die langen Beine sich ärgerlich ver- und entflochten, hatte Dickbauch im Finish durch Aufgabe der Gegner die Gedächtnistrophäe und den höchsten Tugendpreis ergattert. Nun hieß es noch, den Ruf ihrer Frömmigkeit festigen und dem lange vernachlässigten Greis eine letzte Freude bereiten, indem sie ihm die Gelegenheit bot, sein Ka‡ zu verlassen, die Meere zu überqueren und der klug komponierten Ausstellung häuslicher Tugenden (die kleine Familie – die blitzblanke Küche – das Kinderzimmer), die er erö‡nen und einweihen dürfte, Beifall zu spenden. Es würde sie höchstens einen Monat kosten, wenn er drei Wochen bliebe. Zeit genug, ihn durchs Haus zu führen, ihn am Glück schnuppern und den Wohlstand betasten zu lassen, bevor sie ihn zurück in die Tropen schickte, wo er dann von seinem Ausflug ins Paradies träumen könnte, während er in seinem kleinen blauen Haus auf den Tod wartete. Meine jüngere Kusine hatte sich wieder an den Tisch gesetzt, einen Stuhl zu mir hingeschoben und ihre langen Beine darauf gelegt. Sie hatte nichts anderes vorzuweisen, wenn Lear kam, nur ihre braungebrannten, nervösen, rassigen langen Beine, mit denen sie im Steeple-chase der Welt die Hindernisse überspringen und sich über das Leben, wie sie es sah, hinauskatapultieren würde auf eine Umlaufbahn hoch über der blitzblanken Küche, eine Umlaufbahn mit einem unsichtbaren Knoten am Ende, der sich eines Tages um den Hals der Hausherrin zusammenziehen würde. Diese war gerade mit der täglichen Abwägung der Last in ihrem Bauch beschäftigt und ahnte nichts von der drohenden Gefahr, sondern beglückwünschte sich dazu, endlich der vorehelichen Periode und ihrer eigenen langweiligen Gesellschaft entronnen zu sein. Der Schraubennagelhakenfabrikant mit seinem Päckchen tibetanischer Weisheiten war ihr gerade recht gekommen. Nach ein paar Monaten schon hatte das verkümmerte Pflänzchen, belebt vom neuen Tropismus des gesunden Menschenverstands, seine Kräfte wiedererlangt und blühte sichtbar auf. (Nur Einarm hatte immer was auszusetzen. Sie stierte auf den vollen Bauch, kratzte sich am Stumpf und sonderte scheußliche Gedanken ab wie ein nach Tod stinkendes Krüppelpflänzchen, das die Laren vertrieb und den Untergang des neuen Hauses beschwor.) Meine Kusine war fest entschlossen, ihr Heim und ihre kleine Familie vor den stummen Verwünschungen Einarms zu schützen, die sich schon immer darin gefallen hatte, das Unheil herbeizurufen. (Sie war wie ein Rotweinfleck auf einer klaren Stirn, wie eine o‡ene Wunde auf glatter Haut, mit ihren dunklen Kleidern, ihrer fehlenden Hand, ihren verschnittenen Haaren, Augen wie zwei schwarzen Kugeln, die einem das Mark in den Knochen gefrieren ließen, und ihrer Waisenstimme, die immer schrie Eristnichtirr! Eristnichtirr! Und dann diese ekelhafte Manie, den Stumpf an allem zu reiben, was in Reichweite war, Tischtüchern, Servietten, Kissen, Tagesdecken – und jetzt sogar an Äpfeln!). Alles in allem betrachtete meine Kusine die Leichtfertigkeit ihrer jüngeren Schwester mit milderem Blick. Die Kleine hatte eben keine anderen Sorgen als ihre langen Beine. Die zeigte sie ein bißchen oft, sofern sie nicht gleich einladend ihren Nabel herausstreckte; doch Zutritt zu dem funkelnagelneuen Haus wurde ihr ohnehin nur an Tagen gewährt, wo Schraubennagelhaken seine Meditationen hatte. Wenn sie auch von der drohenden Schlinge nichts ahnte, witterte sie doch die von Einarm und Langbein, der Pythia und der Nymphe, ausgehende Gefahr für die Laren ihres funkelnagelneuen Hauses; beide waren darauf versessen, das Glück der kleinen Familie schon im Vorfeld zu zerstören, die eine, indem sie alle Gegenstände mit ihrem unheilbringenden Pfriem zeichnete, die andere, indem sie ihren Fohlenkörper vor dem glasigen Blick des Weisheitsanwärters rekelte, der plötzlich Funken sprühte, bevor er sich vor dem vereinten Ansturm alemannischer Umsicht und tibetanischer Mäßigung alsbald wieder verschleierte. Die Ältere meiner Kusinen hatte sich wieder erhoben, um noch einmal ihre Rezeptbücher durchzublättern. Sie mußte uns diesen Brief vorlesen, in dem König Lear den Gleichgültigen spielte. Als ob er nicht die geringste Lust verspürte, sich mal was Schönes zu leisten und seinem verfallenen Palast in Saigon den Rücken zu kehren, von dem aus er die Säulen der neuen weißen Villen wie Moderpflanzen aus dem Boden wuchern sah. Saigon war, sofern man König Lear Glauben schenken wollte, von der Moderpflanzenkrankheit befallen. Riesige Moderpflanzen aus Beton reckten sich zum Himmel und ließen wiederum immer mehr Moderpflanzen auf Pfoten aus der Erde wachsen. Die Moderpflanzen seien im Begri‡, Saigon zu ersticken, habe König Lear geschrieben. Betonmoderpflanzen erhoben sich aus den Ruinen der alten Paläste, und nach der Regenzeit spuckten Flugzeuge aus aller Welt Moderpflanzen auf Pfoten ins faulige Bett des Kommunismus, in dem es von dieser neuen Art nur so wimmle. Es rieche nach der Regenzeit so neureich in der Stadt, habe König Lear in einem anderen Brief geschrieben. So könne man sich jetzt allen Ausschweifungen hingeben. Die Ältere meiner Kusinen erinnerte sich noch an die Zeit, da sie sich eingebildet hatte, ein Gruß an Onkel Hô, eine Danksagung an die Befreier Saigons am Ende jedes Briefs würden das kleine blaue Haus mitsamt seinen Bewohnern vor den Unbilden des Kommunismus schützen. Jetzt mußte man sich in Saigon zuviel mit den Moderpflanzen herumschlagen, als daß man noch ein Auge auf die Ergüsse der Flüchtlinge oder das Geschmiere der alten Leutchen haben konnte, die nie aus irgend etwas Profit gezogen hatten, die in ihren verfallenen Palästen geblieben waren, um auf den Tod zu warten und die Welt zu beobachten, die sich ohne sie weiterdrehte. Zwanzig Jahre war er nicht aus dem kleinen blauen Haus gekommen, in dem meine Kusinen ihn zurückgelassen hatten. Aus seinem maroden Palast hatte er in dem Jahr, als Saigon den Besitzer wechselte, den Exodus der Flüchtlinge beobachtet. Und jetzt sah er die Moderpflanzen zurückkehren. König Lear saß am Fenster und grinste. Inmitten der neuen weißen Villen sackte der marode Palast in sich zusammen wie ein Greis in einem Bett voller Jungfrauen. König Lear verfiel. Er ging mit kleinen Schritten. In der Regenzeit machten ihm seine Gelenke zu scha‡en. Wenn er keine Lust mehr hatte, herumzusitzen und seine Knochen knarzen und klagen zu hören, ging er in das Gärtchen vor seinem maroden Palast und kümmerte sich um die Blumen. Von weitem betrachtet, sehe es eher wie ein Grab aus, nicht mehr ganz frisch, aber gut gepflegt, hatte König Lear der Älteren meiner Kusinen in einem Brief geschrieben, in dem er um Zwiebeln und Samen bat. Er wünschte sich Blumen aller Art für seinen Palast, rare und wilde, bunte und blasse, duftende und geruchlose, Sonnenwenden und Wunderblumen. Man bräuchte sie ihm bloß zu schicken. Er würde sie dann schon zum Sprießen bringen. Selbst verschiedene Arten kreuzen. Das war ihm plötzlich so eingefallen. Vor gut zehn Jahren. Eine Schrulle. Damals wuchsen noch keine Moderpflanzen in Saigon. Rund um das blaue Haus standen noch die alten Paläste, doch die Stadt kam vor Hunger fast um. Auch König Lear. Der Hunger muß ihm aufs Hirn geschlagen haben, sagte die Ältere meiner Kusinen. Blumen zu züchten war seine fixe Idee. Statt Pakete mit Lebensmitteln ließ König Lear sich Tulpenzwiebeln schicken.
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