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Das
Geburtstagsgeschenk
(aus: Vollmond über
Mailand, Erzählungen, 2003, DuMont - Übertragung
Angela
Praesent)
Ein Mobiltelefon klingelt, irgendwo
in Mailand. So viel weiß Ariel. Oder doch nicht? Das Telefon könnte seine
elektronischen Mozart- oder Bacharach-Takte auch an den waldigen Ufern des Comer
Sees trällern, in einer protzigen großen Villa mit Wachhunden und Kameraüberwachung.
Oder in einer überteuerten Hotelsuite in Portofino. Oder, warum denn nicht,
irgendwo auf den Äolischen Inseln, auf Ischia oder Sardinien? Es ist Ende
September, und noch schmiegen sich überall am Mittelmeer die Yachten von
Politikern, Waffenhändlern und panslawischen Gangstern dicht aneinander, im
nachsichtigen goldenen Licht von Häfen, in denen die Kalender der werktätigen
Massen nichts bedeuten. Wahr ist, dass das Telefon überall auf der Welt
klingeln könnte, wo es reiche Männer gibt.
Lieber stellt sich Ariel aber Mailand vor, die nächste Großstadt für das ländliche
Brianza, wo sie mit ihrer Familie in einem restaurierten Bauernhof wohnt. Und
sie versucht angestrengt, sich das kleine Telefon auf einem Tisch in einer
Wohnung vorzustellen, die derjenigen gleicht, die sie vor fünfzehn Jahren mit
ein paar anderen Mädchen geteilt hat, alle im letzten Studienjahr an der
Georgetown University. Der erste Schritt fort vom Studentenwohnheim also - wie
die Szenerie einer Seifenoper über junge Akademikerinnen, deren Sexleben zwar
vertrackt, aber rührend unerwachsen und linkisch ist. Es wäre für Ariel allzu
verstörend, sich vorzustellen, dass sie in einer Hochburg des zeitgenössischen
Mailänder Luxus anruft, ähnlich den Wohnungen einiger ihrer neureichen
Freunde: schimmernder Marmor, eigens angefertigte Mosaikböden, Holztäfelungen
aus verblichenen Schlössern, die entmutigende Atmosphäre von frischem Geld, so
gleichmäßig verstrichen wie Butter auf Toast.
Hmm - und wenn es doch so eine Wohnung wäre? Dann gäbe es, vermutet sie,
berufsbedingte Modifikationen. Spiegel selbstverständlich und ein Bett von der
Größe eines Handballfelds, mit einer Nutria-Überdecke und handlich
angebrachten Fesselvorrichtungen. Vielleicht ein kleiner Kerker hinter dem
Ankleidezimmer? In jedem Fall aber ein Bad mit marokkanischen Hammam-Wasserhähnen
und ein antikes Taufbecken, zum Bidet umfunktioniert. Abgründig tiefe Wandschränke
mit Strumpfbandgürteln und im Schritt geschlitzten Höschen, fetischistisch
akkurat gefaltet und gestapelt. Und Schachteln voller spezieller Kondome,
vielleicht nach Modell und Aroma sortiert. Werden sie en gros bestellt? Nach
einem Katalog? Doch da kommt Ariel wieder zu sich, denn jemand geht ans Telefon.
"Pronto?" Die Stimme klingt jung, freundlich und eilig.
"Spreche ich mit Beba?" fragt Ariel in ihrem korrekten, aber schwerfälligen
Italienisch, aus dem sie nie versucht hat, den amerikanischen Akzent zu tilgen.
"Ja", sagt die Stimme mit einem Anflug von munterer Eile.
"Ich bin eine Freundin von Flavio Costaldo, und er hat mir erzählt, dass
Sie und Ihre Freundin - Ihre Kollegin - vielleicht daran interessiert wären,
einen Abend mit meinem Mann zu verbringen. Es geht um ein
Geburtstagsgeschenk."
Wenn eine Ehe in einem gewissen Stadium weilt - auf jenem nicht eben unbekannten
Plateau, auf dem die Beteiligten einander nichts zu sagen haben -, vermögen sie
manchmal gleichwohl gut zusammenzuleben. Akte des Großmuts zu vollbringen, die
nicht unbedingt auf Verzweiflung hindeuten. Flavio hatte nicht vorgehabt, Ariel
zu Taten anzuregen, als er ihr vorschlug, Roberto, ihrem Mann, "una
fanciulla" - ein junges Mädchen - zum fünfundfünfzigsten Geburtstag zu
schenken; wie gewöhnlich hatte er nur sticheln wollen. Flavio ist Robertos
bester Freund, eine Filmproduzent aus Kalabrien, der es fünf, sechs Jahre zuvor
aufgegeben hat, Ariel verführen zu wollen, und sich fortan mit einer Intimität
begnügte, die darin bestand, dass er sie feinfühlig peinigte, wann immer sie
sich begegneten. Ariel, eine großgewachsene Frau von siebenunddreißig Jahren
mit einem frischen Gesicht, ist als Tochter eines Offiziers auf Armeestützpunkten
überall auf der Welt aufgewachsen. Sie ist von einer klassischen amerikanischen
Schönheit, die zugleich etwas Sprödes und Diensteifriges an sich hat, eine -
das ist ihr wohl bewusst - nicht unerhebliche Schwachstelle: Auf Flughäfen
treten manchmal Reisende in der Überzeugung an sie heran, sie halte sich von
Berufs wegen dort auf. Auf Partys bleibt sie stets geduldig, wenn der
unvermeidliche Pedant sich darüber auslässt, wie unpassend es für eine große,
sich eher träge bewegende Schönheit doch sei, den Namen des flüchtigsten
aller Geister zu tragen. Sie selbst ist der Meinung - die sie entschieden für
sich behält, wie so viele ihrer Gedanken -, dass Shakespeares Ariel nicht nur
ätherisch ist, sondern vor allem kompetent und treu, wie sie selbst es von
Natur ist: eine Seltenheit überall auf der Welt, besonders aber in Italien. Sie
ist für Roberto, einen altmodischen Haustyrann, die ideale - zweite - Frau. Und
für Flavio das perfekte Opfer. Als er seinen Vorschlag machte, saßen sie im
Garten des weitläufigen, modernen Landhauses von Flavios vierter Frau in einer
bewachten Villensiedlung bei Como, und ihre jeweiligen Ehepartner hielten sich
am anderen Ende der Terrasse auf und sahen sich Muster von Glasbausteinen an.
Ariel brachte Flavio jedoch mühelos aus der Balance, indem sie lachte und die
Idee aufgriff. Dabei ging ihr durch den Sinn, wie viel Zuneigung sie doch für
den guten alten Flavio entwickelt hatte seit ihrer Anfangszeit in Italien, in
der sie ihm nur den rituellen Abscheu der frisch verheirateten Ehefrau für den
besten Freund ihres Mannes entgegengebracht hatte. Inzwischen war sie eine mitfühlende
Beobachterin seines heraufdämmernden Alters und dessen Begleitumstände, des
karmischen Verhängnisses, das jedem überalterten Playboy droht: getönte
bifokale Fliegerbrille und ein Reptilienteint; eine reiche, tyrannische Frau,
die ihm eine strenge Diät von Treue und faden Speisen auferlegt; ein kleines
braunes Notizbuch voller berühmter Kumpane, die ihn nicht mehr anrufen. An
jenem Nachmittag hatte Ariel zum ersten Mal die Befriedigung erlebt, seine
Gelassenheit abbröckeln zu sehen, als sie ihn lieb bat, ihr die Nummer des
besten Callgirls von Mailand zu geben.
"Das ist doch nicht dein Ernst", blubberte er. "Ariel, cara, du
kennst mich schon so lange, da weißt du doch, dass ich nur gescherzt habe. Du
bist doch keine ..."
"Komm mir nicht mit dieser mediterranen Nummer, Flavio - anständiges Mädchen
hier, liederliches Mädchen da. Das ist ein bisschen überholt, selbst für
deine Maßstäbe."
"Du bist keine italienische Ehefrau, wollte ich nur sagen, und es gibt
Nuancen, die du nie begreifen wirst, auch wenn du hundert Jahre hier gelebt
hast."
"Ach, bitte erspar mir das Ethnologische", sagte Ariel. Sie genoss es,
Flavio so durcheinander gebracht zu haben. Sein fanciulla-Einfall, auf den sie
aus einem für sie untypischen schelmischen Impuls heraus eingegangen war, wurde
auf einmal konkreter. "Gib mir einfach die Nummer."
Flavio schwieg eine Weile und umfasste mit seinen fetten, sommersprossigen Händen
sein Limoncello-Glas. "Ihr schlaft noch miteinander?", fragte er auf
einmal. "Stimmt da alles?"
"Ja. Und ja."
"Allora, che diavolo stai facendo? Was zum Teufel soll das dann? Er ist dir
nämlich treu, weißt du - kaum zu glauben bei einem solchen Frauenheld; über
seine erste Ehe weißt du ja Bescheid. Seit es dich gibt, hat es ein paar
Ausrutscher gegeben, aber nichts von Bedeutung."
Ariel nickte, nicht im mindesten gekränkt. Sie wusste von diesen Ausrutschern
und hatte sie längst schon abgebucht als erwartbarer Teil des Lebens, das sie
gewählt hatte und das ihr immer fremd bleiben würde.
Flavio seufzte und hob den Blick himmelwärts. "Va bene. Aber du musst sehr
vorsichtig sein", sagte er und sah rasch zum Ende der Terrasse zu seiner
unermüdlich wachsamen Frau mit ihren goldenen Sandalen und ihrem anorektischen
Körper. Einen Moment darauf fügte er noch eine rätselhafte Bemerkung an:
"Na, wenigstens bist du katholisch. Das ist immerhin schon was."
Also spricht Ariel nun, dank Flavios kleinem braunen Notizbuch, mit Beba. Beba -
ein Kosename wie für ein Krabbelkind. Mitte zwanzig, ehemaliges Model.
Brasilianerin, aber kein Transsexueller. Groß, dunkel. Arbeitet im Gespann mit
einer russischen Blondine. "Die beiden sind so wundervoll, dass du meinst,
du wärst in eine andere Sphäre eingetreten, wenn du sie siehst, in ein
Paradies, wo alles einfach und göttlich ist", hatte Flavio während eines
ihrer Telefongespräche schwärmerisch gesagt; behagliche, der Planung dienende
Plaudereien, die seine Frau misstrauisch machten und ihm erneut Gelegenheit
gaben, Ariel zu ärgern. "Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass
Roberto sich in eine von ihnen verlieben könnte", bemerkte er irgendwann
leichtfertig. "Nein, wahrscheinlich doch nicht - dafür ist er zu
knickrig."
Mit Beba zu reden, ist im Vergleich dazu leicht. "Wie viele Männer?",
fragt Beba, sachlich wie ein Traiteur. In ihrer Stimme schwingt ein
geheimnisvolles Glück mit, so dass Ariel versucht ist, dem nachzuspüren und
mehr zu sagen, als sie normalerweise von sich geben würde; sie bemüht sich,
diesem Impuls zu widerstehen. Aus Zeitschriftenartikeln weiß sie, dass
Prostituierte einfach nur ohne große Umstände ihre Arbeit erledigen möchten,
wie alle Leute.
"Nur mein Mann", sagt Ariel und spürt, dass eine gelassene Kühnheit
von ihr Besitz ergreift.
"Und Sie?"
Flavio hat Ariel erzählt, dass Beba bei reichen Mailänder Damen, die außerplanmäßige
Spielchen schätzen, überaus beliebt ist. Wie die nirgendwo verzeichneten
Adressen, an denen sie ihre Kashmere-Sachen kaufen und ihre Abtreibungen
vornehmen lassen, ist Beba auf ihrem Gebiet Spitze und äußerst exklusiv.
Flavio hatte Ariel gedrängt, sich doch zu beteiligen, und wissend gegluckst,
als sie das ablehnte. Das Glucksen besagte, dass er, wie alle, Ariel für prüde
hält. Das ist sie nicht - wenn diese Tatsache auch durch den fatal tüchtigen
Eindruck verschleiert wird, den sie durch ihre Fähigkeit macht, Platzkärtchen
zu schreiben, zweisprachige Töchter großzuziehen und hausgemachte Tagliatelle
aufzutischen, die besser sind als die ihrer italienischen Schwiegermutter.
Niemand ahnt jedoch, dass sie dieselbe Tüchtigkeit über die Jahre hin in
viele, viele erotische Spiele mit dem erfahrenen, anspruchsvollen Roberto
eingebracht hat. Auf ihrer Hochzeitsreise hatten sie in Bangkok eine Nacht mit
zwei höflichen Teenagern verbracht, die aus dem nummerierten Angebot hinter
einem großen Schaufenster ausgesucht worden waren. Doch das war vor zwölf
Jahren, und obwohl es Ariel nicht ganz klar ist, was sie zu diesem
Geburtstagsgeschenk bewegt, erkennt sie doch mit untrüglicher weiblicher
Vernunft, dass sie nicht dazu vorgesehen ist, die Bühne mit zwei jungen Huren
zu teilen, die wie Engel aussehen.
Der Plan sieht vor, dass Ariel sich mit Roberto zu einem Abendessen in der Stadt
verabreden wird und dass ihm statt ihrer Beba und ihre Kollegin Gesellschaft
leisten werden. Nach dem Essen werden die drei zu dem winzigen Appartement nicht
weit vom Corso Venezia gehen, das Flavio weiterhin behält, seine einzige Geste
der Unabhängigkeit von seiner Frau. Ariel hat auf einem Abendessen bestanden,
obwohl Flavio dagegen war, und Beba hat sie mit einem Hauch von Amüsement
wissen lassen, dass dadurch das Geschenk sehr viel teurer würde. Die meisten
Kunden, sagte sie, verlangten kein Abendessen. Warum Ariel darauf besteht, dass
ihr Mann gesellig mit zwei Nutten herumsitzen, Antipasti, zwei Gänge und
Dessert bestellen soll, ist ein Rätsel, sogar für Ariel selbst. Und doch hat
sie das Gefühl, so sei es richtig. So will sie es haben, und sie kann schließlich
tun, was ihr passt, oder?
Als sie am Ende der Verhandlungen angekommen sind, hört Ariel sich zu ihrer
Verlegenheit sagen: "Ich hoffe, Sie beide werden das Ganze sehr angenehm
gestalten. Mein Mann ist ein wunderbarer Mensch."
Und Beba, offenbar gewohnt, mit Ehefrauen zu reden, versichert ihr phänomenal
geduldig, sie habe durchaus verstanden.
Als Ariel auflegt, klingelt das Telefon, und natürlich ist es ihre Mutter, die
aus den Staaten anruft. "Na, endlich ist deine Leitung frei", sagt
ihre Mutter, die offenbar an etwas kaut, wahrscheinlich an einem Diät-Bagel,
denn in Bethesda ist es acht Uhr morgens. "Mit wem in aller Welt hast du
bloß so lange geredet?"
"Ich habe Robertos Geburtstagsparty arrangiert", sagt Ariel gewandt.
"Wir laden ein paar Leute zum Abendessen in den Golfclub ein."
"Golf! Ich habe noch nie begriffen, wie du in Italien leben und so bieder
sein kannst. Golf in Giottos Hügeln!"
"Giottos Hügel liegen in Umbrien, Mama. Wir sind hier in der Lombardei,
also dürfen wir Golf spielen."
Sie sieht ihre Mutter - im Gegensatz zu Beba - völlig klar vor sich: winzig,
drahtig, als wären die Muskeln unter ihrer Porzellanhaut stählerne
Gitarrensaiten. Stockgerade sitzt sie in der Küche ihrer Eigentumswohnung,
angetan mit der schicken, unkonventionellen Uniform aus schwarzen Jeans und
Kashmere-T-Shirt, in der sie ihr selbst ersonnenes Unternehmen dirigiert -
schenkt man ihr Glauben, wurde sie zu der unglaublich erfolgreichen Vorortflotte
von Vespakurieren durch ihren Lieblingsfilm Ein Herz und eine Krone inspiriert.
Einen Kaffee mit Sojamilch vor sich, klopft sie mit einem farblos lackierten
Fingernagel auf die Tischplatte, während ihre Kristall-und-Silber-Ohrringe
beben und ihr Blick über Land und Ozean hinweg die Entfernung bis zu ihrer
einzigen Tochter ermisst.
Was würde sie wohl sagen, wenn sie von dem vorangegangenen Telefongespräch wüsste?
Fast sicher, vermutet Ariel, würde sie sich freuen über einen Akt, der auf
jenen am Charakter ihrer Tochter stets vermissten Schwung hindeutet. Bereits als
Ariel noch klein war, galt ihre beklagenswerte Konventionalität schon als
ausgemachte Sache. Die Mutter selbst kostet ihre frische Witwenschaft mit
bemerkenswertem Stil aus und ist mit einem viel jüngeren Lobbyisten befreundet,
dessen sexuellen Geschmack sie nur zu gern mit ihrer Tochter von Frau zu Frau erörtern
würde. Aber sie möchte Ariel nun wirklich nicht schockieren.
Mit ihrem italienischen Schwiegersohn flirtet Ariels Mutter schamlos, und die
stehende Pointe dabei lautet, dass leider nicht sie als erste am Ball gewesen
sei. Dieser Scherz entlockt Roberto unweigerlich ein widerwilliges Lächeln, und
er kommt auch bei seiner Mutter bestens an: eine weitere glanzvolle Witwe, eine
Intellektuelle aus Padua, die ihre Schwiegertochter mit jener herablassenden
Sorge betrachtet, wie man sie einer preiswürdigen Zuchtstute zukommen ließe.
Seit Jahren lebt Ariel in dem Staub, den diese beiden Dynamos aufwirbeln, und es
sieht ganz so aus, als würden ihre eigenen Töchter mit zunehmendem Alter - sie
sind nun acht und zehn - sich allmählich auf die Seite ihrer Großmütter
schlagen. Keines dieser weiblichen Wesen kann es Ariel anscheinend verzeihen,
dass sie so ist, wie sie ist. Daher behält Ariel ihre neue Bekanntschaft mit
Beba für sich, keineswegs aus Prüderie, sondern als ein starkes Amulett.
Gerade so, wie sie es mit vierzehn strikt für sich behalten hatte, dass sie
keine Jungfrau mehr war.
"Stimmt etwas nicht?", fragt ihre Mutter. "Deine Stimme klingt so
seltsam. Ihr habt doch keinen Streit, du und Roberto?" Sie seufzt.
"Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass diese verwöhnten
italienischen Männer von Natur aus promisk sind und darum eine Frau brauchen,
die sie in Bann hält. Du musst prickelnd sein, immer agil, auch eine Spur
verrucht, wenn ich das sagen darf, mein Schatz. Sonst gehen sie einfach wo
anders hin."
Von ihrer eigenen Lüge angeregt, gibt Ariel tatsächlich ein Essen im Golfclub,
zwei Tage vor Robertos Geburtstag. Das Clubhaus ist ein restauriertes Schloss,
im neunzehnten Jahrhundert von einem Industriellen erbaut, und von der Terrasse,
auf der die Party stattfindet, blickt man auf den Pool und auf einen künstlichen
See. Drei Dutzend ihrer Freunde versammeln sich an dem kühlen Abend spät im
September zu einem edel-ländlichen Herbstmahl, bestehend aus Polenta,
Fassone-Steaks und den stark duftenden Pilzen, die funghi reali genannt werden,
alles überstreut mit geraspelten albanesischen Trüffeln. Ariel ist stolz auf
das Essen, das sie mit dem Küchenchef des Clubs in kürzerer Zeit verabredet
hat, als sie brauchte, um mit Beba zu verhandeln.
Roberto ist Jurist, Berater einer Partei der politischen Mitte, die für eine
italienische Partei maßvoll rechtschaffen ist, und seine Freunde umgibt
allesamt der Glanz von materiellem Erfolg und maßvoller Rechtschaffenheit.
Obwohl die Gruppe international ist - viele der Männer haben sich amerikanische
Frauen gegönnt, wie sie sich deutsche Autos gönnen -, herrscht der typische
Humor der italienischen Bourgeoisie vor, und das bedeutet: voll des Klatsches,
gelegentlich grausam und - Roberto zu Ehren - strotzend von Bemerkungen zu Sex
und Potenz. Jemand reicht einen Artikel aus L'Espresso herum, in dem Männer über
fünfzig mit dritten und vierten Ehefrauen unter dreißig gefeiert werden, und
alle linsen verschmitzt zu Ariel herüber. Und Robertos älteste Freunde, Flavio
und Michele, erscheinen mit einer großen Geschenkschachtel. Sie enthält nicht,
wie jemand vermutet, eine Stripperin von Zwergengröße, sondern eine kleinere
Schachtel, aus der eine dritte, eine vierte und fünfte zum Vorschein kommen,
bis Roberto schließlich unter Jubelrufen eine winzige Schachtel Viagra
auspackt.
Da steht er über den fünfundfünfzig blakenden Kerzen auf einer mächtigen
Birnen-Schokolade-Torte und dankt seinen Freunden mit vernichtender Grazie. Alle
lachen und klatschen - Roberto Furioso, wie sein Spitzname lautet, ist für
seine Widerborstigkeit berühmt. Er blickt nicht zu Ariel hin, die den Applaus
anführt, ganz die beliebte zweite Frau und keine Spielverderberin. Wie immer
braucht sie ihn nicht anzusehen, um seine Präsenz zu spüren; sie hat sich
ihrem Bewusstsein eingebrannt. Er ist ein kleiner, charismatischer Mann mit
einem großen griechischen Kopf, dichtem, kurz geschnittenem schwarzem Haar, das
dabei ist, einen ebenmäßigen stahlgrauen Ton anzunehmen, und mit schmalen, abwärts
geschwungenen Lippen zwischen tiefen Sorgenkerben, wie sie sein Großvater
hatte, ein sizilianischer Baron. Als Ariel ihm zwölf Jahre zuvor auf der
Hochzeit einer entfernten Verwandten bei Florenz begegnet war, hatte sie sofort
den übermächtigen Willen erkannt, von dem sie immer schon geträumt hatte,
eine Kraft, die ihrer eigenen Persönlichkeit eine Gestalt verleihen würde. Und
er, sicher ebenso Gefangener seiner Begierde wie sie, sah sich diese lachhaft
groß gewachsene, lachhaft sanfte amerikanische Schönheit an, und als sie zum
dritten Mal miteinander tanzten, brach aus ihm der magische Satz hervor, der für
immer die Koordinaten von Ariels privater Mythologie setzen würde: "Tu sai
che ti sposerò. Du weißt, dass ich dich heiraten werde."
Furioso ist Roberto noch immer, doch nun ist es seine Aufgabe, alt zu werden,
und Ariels, ihm dabei zuzusehen. Darum schikaniert er sie und fühlt sich
durchaus im Recht dabei. Wie alle zweiten Frauen war Ariel als Lösung gedacht
gewesen, und nun hat sie das Problem schlicht noch vergrößert.
Robertos Geburtstag hebt mit dem blendenden Sonnenschein an, der das strahlende
Herbstwetter ankündigt, das aufkommt, wenn Alpenwinde den Smog aufs Meer hinaus
fegen. Die Aussicht von Ariels Haus am Berg ist auf einmal unendlich weit, als hätte
man einen Vorhang beiseite gerissen. Die stahlblauen Alpen sind das erste, was
sie im Fenster sieht, als ihre Töchter, dem Familienbrauch entsprechend, um
halb acht ins elterliche Schlafzimmer platzen und einen verdellten Kinderwagen
mit angebundenen Luftballons vor sich herschieben, der voller Geschenke ist.
Unter Gekicher singen Elisa und Cristina "Happy Birthday" und lassen
ihre hübschen, stumpf geschnittenen Haare fliegen, alles in der heiteren
Gewissheit, dass ihr leicht zu erzürnender Vater, der es hasst, abrupt geweckt
zu werden, Ton in ihren Händen ist. Sie quieken, verteilen Küsschen und lassen
sich aufs Bett plumpsen, und Ariel spürt, dass ihre so zärtlich geliebten Ärmchen
und Beinchen allmählich geschmeidiger werden, wendiger, muskulöser von den
allwöchentlichen Reit- und Gymnastikstunden. Zweisprachig dank der Sommer, die
sie in Maryland verbringen, sind sie doch weit mehr Italienerinnen als
Amerikanerinnen; wenn Ariel in den Stunden ihrer wirklich glücklichen Geschäftigkeit
als Mutter gelegentlich einmal innerlich Abstand nimmt, hat sie bemerkt, dass
die Mädchen, wie alle anderen kleinen Italienerinnen, vorzeitig gereift wirken.
Und obwohl Ariel zu Zeiten unter ihrer Anhänglichkeit schier erstickt, stand
immer fraglos fest, welcher Elternteil für sie den Vorrang hat. Sie haben sich
zusammen getan, um ihrem Vater bei Body Shop Geschenke zu kaufen, Seife,
Augen-Gel und Gesichtscreme mit Gelee Royale darin. "Damit du dann jünger
aussiehst, Papa", sagt Elisa und trifft damit wie üblich den wunden Punkt.
"Dürfen wir heute wirklich bei Nonna Silvana übernachten?" fragt
Cristina ihre Mutter.
"Ja", antwortet Ariel und spürt, dass ihr unter dem Nachthemd hervor
die Röte bis ins Gesicht steigt. "Weil Papa und ich in der Stadt zu Abend
essen."
Die Mädchen jauchzen. Sie halten sich liebend gern bei ihrer italienischen Großmutter
auf, die sie all ihre Pucci-Kleider aus den sechziger Jahren anprobieren lässt
und die beiden mit glasierten Maronen und Kit-Kat-Riegeln füttert.
Als das Frühstück - ein Geburtstagsfrühstück mit Schokoladenbrioche -
beendet ist und die Mädchen im Auto darauf warten, dass Ariel sie zur Schule
bringt, gibt sie Roberto ein kleines Päckchen in Geschenkpapier. Er will gerade
aus der Tür gehen und hat sein joviales Vatergesicht bereits wieder in dem
Geheimfach verstaut, in dem er es aufbewahrt. "Eine Überraschung",
sagt Ariel. "Mach's nicht vor heute Abend auf." Er dreht das Päckchen
hin und her und schüttelt es misstrauisch. "Ich hoffe, du hast nicht
wieder Geld für etwas ausgegeben, das ich nicht brauche", sagt er.
"Diese Party ..."
"Ach, hierfür wirst du schon Verwendung haben", sagt Ariel in dem
nahtlos-heiteren Ton, in dem sie es über die Jahre hin zur Perfektion gebracht
hat. In dem Päckchen befinden sich eine Million Lire in großen Scheinen, der
Schlüssel zu Flavios Appartement sowie ein entzückendes Höschen aus Seide und
Spitze, das Ariel eine Größe kleiner gekauft hat, als sie selbst trägt. Dabei
liegt auch ein Kärtchen mit dem Rat, Roberto möge in der Gesellschaft, in der
er sich befinde, wie ein Märchenprinz nach der Person Ausschau halten, der das
Höschen am besten passt. Das Billet ist witzig und eine Spur obszön, wie es
Roberto schätzt; die elegante Zuwendungsgeste einer Ehefrau, deren Gatte, wie
alle italienischen Männer, in kleinen Dingen heikel ist.
Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © DuMont