Der Afrikaner von Jean-Marie Gustave Le Clézio, 2007, Hanser

Jean-Marie Gustave Le Clézio

Termiten, Ameisen usw.
(Leseprobe aus:
Der Afrikaner, Roman, 2007, Hanser - Übertragung Uli Wittmann)

Wenn man den Garten (der durch einen Wall aus dichtem Buschwerk

und nicht durch eine beschnittene Hecke begrenzt war) vor dem Haus

in Ogoja hinter sich ließ, begann die weite Grasebene, die bis an die

Aiya reichte. Die kindliche Erinnerung übertreibt Entfernungen und

Höhen. Mir kommt es vor, als sei diese Ebene weit wie ein Meer

gewesen. Ich habe stundenlang auf dem Rand des Zementsockels

gesessen, der dem Haus als Terrasse diente, und den Blick über diese

Weite schweifen lassen, den Wellen des Winds im Gras folgend,

habe ihn ab und zu auf staubigen Windhosen, die über der trockenen

Erde tanzten, verweilen lassen und die dunklen Schatten am Fuß der

Irokobäume gemustert. In solchen Augenblicken fühlte ich mich

wirklich so, als befände ich mich an Deck eines Schiffs. Das Schiff

war das Haus, nicht nur die Mauern aus Zementsteinen und das

Wellblechdach, sondern alles, was die Spuren des britischen Empires

trug – ähnlich wie die George Shotton, von der ich gehört hatte, der

gepanzerte, mit Kanonen und einem Palmendach ausgerüstete

Dampfer, auf dem die Engländer ihr Konsulat eingerichtet hatten und

der zu Lord Lugards Zeiten den Niger und den Benue hinauffuhr.

Ich war nur ein Kind, und die Macht des Empires war mir ziemlich

egal. Aber mein Vater beugte sich dessen Regeln, als könnten nur sie

seinem Leben einen Sinn geben. Er bestand auf Disziplin bei jeder

täglichen Geste: Wir mußten früh aufstehen, sofort das Bett machen,

uns mit kaltem Wasser in der Zinkwanne waschen und die

Seifenlauge stehenlassen, um darin Socken und Unterhosen

einzuweichen. Meine Mutter erteilte uns jeden Morgen Unterricht in

Rechtschreibung, Englisch und Rechnen. Jeden Abend wurde ein

Gebet gesprochen, und um neun Uhr war Ausgangssperre. Das war

etwas völlig anderes als die französische Erziehung, die Fangspiele,

das Plumpsackspiel und die fröhlichen Mahlzeiten, bei denen alle

durcheinanderredeten. Und schließlich die Gutenachtgeschichten

meiner Großmutter, die sie mir abends erzählte, die Träumereien im

Bett, während ich dem Knarren der Wetterfahne lauschte, und die

Lektüre (in der Kinderbuchreihe La joie de lire) der Abenteuer einer

Wanderelster, die über die normannischen Dörfer fliegt. Mit Afrika

begann für uns eine andere Welt.

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