Der Vogel ist ein Rabe
(Leseprobe aus: Der Vogel ist ein Rabe, Roman,
2003, Kiepenheuer &
Witsch).
„Ich kann diese Bilder einfach nicht mehr ertragen“, sagte er. „Diese Mädchen.
Diese wunderschönen Menschen überall. Im Fernsehen, auf MTV, in Zeitschriften
und auf Werbeplakaten. Ich halte das nicht mehr aus. Diese Körper, die so
perfekt und wohlgeformt sind, dass man wahnsinnig wird. Und wenn sie einen dann
durch den Bildschirm hindurch oder von einem Plakat herunter mit diesen Augen
ansehen. In den Augen glüht immer so ein einladender Funke, so ein lockendes
Versprechen: Lass uns zusammen tanzen und brennen und ficken, bis es nichts mehr
zu brennen und zu ficken gibt, bis wir beide zu schwarzer Asche zusammenfallen
und vom Wind emporgerissen werden. Und um sie herum immer dieses widerliche, künstliche
Geglitzer. Wobei es im richtigen Leben überhaupt nichts zu glitzern gibt.“
Auf dem Bildschirm lief ein ganz in Schwarz gekleidetes, männliches Model den
Laufsteg entlang. An seinen beiden Armen waren riesige schwarze Flügel
befestigt. Er breitete die Arme aus.
Jens fuhr fort: „Als gäbe es irgendwo eine Glitzerfabrik, die diese
Glitzerscheiße überall hinträgt. Einige wenige Menschen arbeiten praktisch ständig
in dieser Glitzerfabrik. Und das ist für sie das höchste der Gefühle. Und die
anderen Menschen wollen unbedingt rein. Sie tun alles dafür, um reinzukommen.
Lauern vor den Toren und warten auf Einlass, atmen praktisch jubelnd die
Fabrikabgase ein. Währenddessen läuft die Arbeit in der Fabrik auf Hochtouren.
Bestimmte Themen werden mit unfassbar viel Glitzer versehen. Aber vor allem ein
Thema: Sex. Weißt du, wie riesig der Drang zu ficken bei mir ist? Ich halte es
kaum aus. Ich habe das Gefühl, mir müssten stetig die Eier explodieren. Und
die Druckwelle müsste dann meine Beine wegreißen. Und dieses Glitzerzeug rückt
die ohnehin schon komplizierte Sache noch weiter in die Ferne. Jeder verkauft
sich so, als hätte er ununterbrochen den besten Sex seines Lebens. Ich habe
keine Ahnung, ob das wahr ist. Auf alle Fälle deprimiert es mich. Und sämtliche
Leute scheinen, was das Sexuelle betrifft, immer für alles offen und bereit zu
sein. Aber gleichzeitig sind sie es doch irgendwie nicht. Und haben Angst. Und
dabei strengt dieses Offensein doch auch unheimlich an und sie würden sich eher
bestimmt am liebsten vor den ganzen gewaltigen Eindrücken verschließen. Und
alle wollen brennen und ficken, ficken und brennen. Und ich auch. Und ich
auch.“
Er verstummte.
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