Zianteks Freundin
(aus: Lehrjahre des Gammelns, Roman, 2002, Beck)
Was war das fur eine
Aufregung! Borówa lief zu Szpunt, Szpunt zu Poldek, Poldek zu mir.
«Ziantek hat eine Freundin!»
Keiner von uns hatte bisher eine Freundin gehabt. Und gerade Ziantek, du wirst es nicht
glauben, Józef, hatte uns immer eingeredet, daß er impotent sei und exotische Mittel wie
«Johambina» oder «spanische Fliege» erwähnt.
Wenn wir in die gleiche Person verliebt waren, schied Ziantek als sexuell ohnmächtige
Konkurrenz sofort aus. Wir hatten nicht einmal Mitleid mit ihm. Er hatte sein
geheimnisvolles «Johambina», und das mußte ihm genügen.
Natürlich wollten wir Zianteks Freundin sehen. Das war nicht besonders schwer, denn sie
trafen sich an einem öffentlichen Ort, am Sandstrand der Weichsel, allerdings an einem
uns nicht wohlgesonnenen Strand, in der Nähe von Radost, wo niemand aus Falenica gern
gesehen war.
Aber da Ziantek fur die Liebe Leib und Leben riskierte, wollten wir nicht nachstehen.
Es war Mitte Mai. Die Weichsel war noch nicht warm, und die Strände waren leer. Wir sahen
die beiden von weitem. Auf dem hellen Sand lag eine Frau und las ein Buch. Ziantek lag
quer zu ihr und hatte seinen Kopf auf ihren Schenkeln. Unglaublich!
Wir gingen näher heran. Ziantek korrigierte seine Lage, als wäre er nicht sicher, ob er
gut zu sehen war.
Wir legten unsere Decke aus und sahen uns die Frau genau an.
«Die ist alt», sagte Poldek, «die ist bestimmt dreißig.» In der Tat war sie nicht die
Jüngste, was an den Tränensäcken unter den Augen und den hier und da auftretenden
Fältchen unschwer zu erkennen war.
«Und häßlich», fügte Borówa hinzu.
Zianteks Freundin sah entsetzlich aus. Alles in ihrem Gesicht war seltsam schief: Nase,
Augen, Brauen. Sie sah aus wie eine vom Schicksal gebeutelte Eule, und die aufgeworfenen
Lippen drückten Unwillen gegenüber allem und jedem aus.
Aber das hatte keinerlei Bedeutung für uns, Józef. Die runden Schenkel, auf denen
Zianteks Kopf ruhte, der kleine Hintern, der aus der etwas zu engen Bikinihose kam, die
Brüste, die neugierig aus dem Oberteil guckten - wir konnten uns nicht sattsehen. Dieser
verdammte Impotente!
Schließlich machte Zianteks Freundin das Buch zu und stand auf. Sie war jetzt noch
imponierender, vor allem beeindruckte uns das Haarbüschel, das unverhofft vorne unter dem
Höschen hervorschaute. Poldek kniete sich hin und riß den Mund auf. Aber sie behandelte
uns wie Luft.
Ziantek hüpfte komisch um die Freundin herum, wickelte die Decke zusammen, half das
Sonnenöl im Korb verstauen, buddelte die im Sand vergrabenen Schuhe aus. Und dann beugte
sie sich über ihn - genau wie im Kino - und berührte einen Moment lang mit den Lippen
seinen Mund. Berauscht und entsetzt sahen wir zu, wie sie auf ihren tollen langen Beinen
stolz und einsam Richtung Radosc davonging. Als sie schon fast am Horizont verschwunden
war, machten wir den letzten, hoffnungslosen Versuch, die Aufmerksamkeit auf uns zu
lenken: mit einem lauten Schrei sprangen wir alle zusammen in den höllisch kalten Fluß.
Sie drehte sich nicht einmal um. Wie eine Göttin schritt sie dahin und verschwand im
Gebüsch.
Wir umringten Ziantek, der mit den Händen unter dem Kopf auf dem Sand ausgestreckt lag
und geheimnisvoll lächelte.
«Na, Ziantek ...», sagte Szpunt. «Du hast uns schwer imponiert.»
Ziantek antwortete nicht. Er schaute in den Himmel.
«Wo hast du denn die aufgegabelt, Junge?» ereiferte sich Borówa.
Ziantek wälzte sich träge auf die Seite und grinste.
«Nicht schlecht, wie?»
«Fantastisch!»
«Na, sag schon!» brüllte Borówa. «Wie war das?»
Ziantek drehte sich wieder auf den Rücken.
«Das war hier», sagte er. «Sie lag da und las ein Buch, und ich bin hier
entlanggegangen.»
«Wohin bist du denn gegangen?»
«Einfach so. Mein Schuh hat gedrückt, und ich wollte den Fuß naß machen.»
«Na und?»
«Ich geh hier, und sie liegt da. Da hab ich sie mir angesehen.»
«Und?»
«Nichts. Ich hab die Hosenbeine hochgekrempelt und bin ins Wasser gegangen.»
«Ziantek, ich bring dich gleich um», sagte Poldek.
«Dann bin ich zurück, hab sie mir wieder angeschaut, und sie hat mich angelächelt. Da
hab ich mich neben sie gesetzt, und wir haben uns unterhalten.»
«Worüber?!» schrien Szpunt und Borówa im Chor.
Worüber konnte sich dieser Idiot schon unterhalten?
Über Johambina oder über das Palais Mostowski?!
Ziantek konnte sich nicht so genau erinnern.
«Wir haben uns halt unterhalten..., so eben.»
Wir waren beleidigt. Da wollten wir, die besten Kumpel, etwas Konkretes wissen, wollten
lernen, wie man das macht, und er sagte nichts? Wir wollten auch den Strand entlanggehen
und ein Mädchen finden, neben das wir uns setzen konnten. Es ging ja nur um ein paar
Tips. Wir standen auf und schleppten uns in Richtung Falenica, an den langweiligen und
leeren Strand. Noch von weitem sahen wir Ziantek auf dem Rücken liegen und in den Himmel
schauen. Dieser Impotente!
Am nächsten Tag fuhren Poldek und ich an die Weichsel. Denn wenn dort ein Mädchen war,
würden auch noch andere zu finden sein. Oder etwa nicht?
Ein kühler Wind wehte, und wir zitterten in unseren dünnen, supermodernen
Nylonmäntelchen, die wir zu dieser Gelegenheit angezogen hatten. Wir gingen einen guten
Kilometer - nichts.
Plötzlich tauchten auf der Höhe von Miedzeszyn zwei Gestalten aus dem Gebüsch auf.
«Schau mal», sagte Poldek. «Sie haben auch Nylonmäntel.»
«Na und?»
«Sie sind zum gleichen Zweck gekommen wie wir.»
So sah es aus. Das einzige, was Poldek irritierte, war, daß eines der Mädchen sehr groß
war und breite Schultern hatte. Ich seufzte und erklärte heldenhaft, daß ich die Riesin
auf mich nehmen würde.
Die Mädels hatten offensichtlich unsere Nylonmäntel auch gesehen, denn sie änderten
geschickt die Richtung und kamen auf uns zu. Mein Herz klopfte wie ein Hammer, und Poldek
rannte so, daß er über einen Ast stolperte und den Mantel zerriß. Schließlich waren
wir noch etwa hundert Meter von den Mädels entfernt, da erkannten wir sie. Es waren
Borówa und Szpunt.
«He! Was macht ihr denn hier?» rief Borówa.
«Wir gehen spazieren!» sagte Poldek und betrachtete wütend seinen zerrissenen
Nylonmantel. «Darf man etwa nicht spazierengehen?!»
«Natürlich darf man.» Borówa schaute besorgt auf Poldeks Mantel. «Wir gehen ja
auch.»
«Habt ihr was gesehen?» fragte Szpunt.
«Nein.»
«Wir auch nicht.»
Und wir gingen zusammen in Richtung des Strandes von Radosc.
Der Wind ließ nach, und es wurde wärmer. Wir zogen die Schuhe aus, gingen am Ufer lang
und stießen uns gegenseitig ins Wasser. Auf einmal blieb Szpunt so plötzlich stehen,
daß ich auf ihn prallte, und Borówa stieß mit Schwung auf uns beide.
«Still!,» flüsterte Szpunt. «Sie sind da.»
Tatsächlich, in einer gut vor dem Wind geschützten Mulde sah man die bekannte Decke und
auf ihr Ziantek mit seiner Freundin.
Wir ließen uns auf die Knie fallen und robbten auf allen Vieren zum Gebüsch. Es war
genau wie gestern. Sie las ein Buch, Ziantek lag mit dem Kopf auf ihren Schenkeln. Ringsum
keine Menschenseele.
«Na, Johambina», keuchte Poldek Borówa ins Ohr. «Mach dich an die Arbeit.»
Aber Poldeks Vorschlag ließ Ziantek völlig gleichgültig. Er lag da und rührte sich
nicht.
«Sei doch kein Idiot, mach was ...», flüsterte Poldek.
Nichts geschah. Ziantek drehte sich auf die Seite, die Freundin blätterte ein paar Seiten
um.
«Sie wird doch wohl nicht die ganze Zeit lesen?» brummte Szpunt. «Sind wir im Lesesaal
oder was?»
Aber sie fühlte sich anscheinend wirklich wie im Lesesaal.
«Vielleicht ist er heute nicht in Stimmung», flüsterte Borówa. «Es ist windig.»
«Auch ohne Stimmung sollte er zum Angriff übergehen», sagte Poldek empört. «Ziantek,
rühr dich. An die Titten. Die Kumpel schauen zu.»
Aber Ziantek dachte nicht daran anzugreifen.
«Vielleicht wissen sie, daß wir sie beobachten?» fragte ich.
«Woher sollen sie das wissen?»
«Aber wir stören sie doch nicht», sagte Borówa gutmütig. «Wir wollen doch nur ein
bißchen zugucken.»
Trotz aller Bitten, Drohungen und Verwünschungen änderte sich nichts. Eine Stunde
verging, dann noch eine halbe, dann streckte sich die Freundin, klappte das Buch zu,
Ziantek wickelte die Decke zusammen, sie berührte mit den Lippen seinen Mund und ging.
Bei der Bushaltestelle holten wir Ziantek ein.
«Bist du verrückt!» stürzte sich Poldek auf ihn. «Du liegst und liegst und nichts
passiert.»
«Was heißt da nichts? Wir küssen uns.»
«Das ist vielleicht ein Küssen. Einmal, zum Abschied. Du solltest zum Angriff schreiten
und nicht daliegen wie eine Kuh.»
«Das kommt schon noch», sagte Ziantek ruhig. «Vorläufig muß ich sie ein bißchen
gewöhnen ...»
«Gewöhnen?!!!» Poldek brüllte so, daß auf dem nahegelegenen Feld die Leute die Köpfe
hoben und zu uns herübersahen. «Haltet mich! Das ist doch schon lange passiert, Mensch!
Die hat schon so mancher gewöhnt!»
Ziantek wollte Poldek eins auf die Nase geben, aber Poldek versteckte sich
geistesgegenwärtig hinter Borówa und schrie:
«Die ist schon so gewöhnt, daß sie im Zirkus auftreten kann! Kennst du die Nummer: Seht
nur, was die Nutte kann, fängt der Busch zu schwanken an!»
Ziantek nahm einen großen Stein und begann Poldek durchs Feld zu jagen. Borówa schrie,
er solle ihn nicht umbringen, und wir sahen neugierig zu, was geschehen würde.
Ziantek warf den Stein nicht, sondern lief nur und versuchte Poldek einzuholen und zu
erledigen. Poldek rannte mit seinen langen Beinen und brüllte:
«Johambina, zum Angriff! Mensch, was n Zirkus!»
Schließlich warf Ziantek, traf aber nicht, und Poldek verschwand mit dem Schrei
«Spanische Fliege zum Kampf!» im Gebüsch.
Ziantek setzte sich auf den Stein.
«Ich schlag ihn tot! Ich schwöre, ich schlag ihn tot!»
«Was soll denn das, Ziantek?» versuchte ich ihn zu beruhigen. «Du willst Poldek
totschlagen? Hör auf zu spinnen, Mensch.»
Ziantek sagte nichts, er keuchte nur.
«Du bist ja nicht wiederzuerkennen, Junge. Was bist du denn so nervös, wirfst mit
Steinen auf deine Freunde, hast du Fieber oder was?»
«Laß ihn in Ruhe», mischte sich Borówa ein. «Siehst du nicht, daß er verliebt ist.»
«Bist du wirklich verliebt?»
«Mhm.»
«Und wie ist das?»
«Schön», sagte Ziantek.
«Was heißt das?»
«Schön. Sehr schön.»
Das war alles, was er zum Thema Liebe zu sagen hatte.
Wir stiegen ihnen eine ganze Woche nach, aber Ziantek tat nichts, er war immer nur am
Gewöhnen.
«Warum gehst du denn nicht zur Sache», fragte ihn Poldek aus, als sie sich wieder
versöhnt hatten. «Hast du gesehen, was die da hat, Mensch?»
«Ja.»
«Worauf wartest du dann? Solche wunderbaren Dinger in Reichweite ...»
«Ich fühl mich auch so wohl.»
Na ja, da er sich auch so wohlfühlte ... Wie oft konnte man an die Weichsel gehen und
Ziantek zusehen, wie er in den Himmel starrte? Wir hatten es satt.
Eine Woche verging, die zweite, die dritte, bis eines Tages, als wir beim Bahnhof im
Fliedergebüsch saßen und amerikanische Zigaretten ausprobierten, die Zweige
auseinandergingen und Ziantek erschien. Er sagte nichts, machte fünf Züge und wollte
wieder gehen.
«Bist du nicht an der Weichsel?» fragte Szpunt.
«Nein», sagte Ziantek. «Da geh ich nicht mehr hin.»
«Hat sie dich verlassen?» Poldeks Augen leuchteten.
«Nein», erwiderte Ziantek. «Sie ist einfach nicht gekommen.»
«Und was hast du gemacht?»
«Ich hab gewartet ... die ganze Woche.»
«Idiot!» sagte Szpunt. «Sie hätte doch krank sein können. Du hättest zu ihr gehen
müssen.»
«Das konnte ich nicht ...»
«Wieso denn, zum Geier?!»
«Ich weiß nicht, wo sie wohnt. Ich hab sie nur am Strand getroffen.»
«Aber das kann man doch rausfinden. Zur Verwaltung gehen, den Namen sagen ...»
«Aber ich ... ich weiß ja nicht, wie ihr Nachname ist ...»
«Das gibts nicht! Und der Vorname?!»
«Weiß ich auch nicht.»
«Mensch, komm zu dir», rief Szpunt. «Das hat doch einen Monat gedauert. Was habt ihr
denn die ganze Zeit gemacht?»
«Sie hat gelesen, und ich hab den Kopf auf ihren Schenkeln gehabt und ...»
Wir schwiegen. Zianteks Liebe kam uns unglaublich blöd vor und andererseits aus
irgendeinem Grund sehr romantisch. Poldek ging einen Jabol holen, dann einen zweiten, aber
er kam lange nicht zurück.
Ziantek schlief im Fliedergebüsch ein, und als er selig lächelnd etwas im Schlaf
murmelte, kam vom Wein- und Konditoreigeschäft Poldeks Gesang:
«Liebe ist ein blödes Spiel,
und mir ist das viel zu viel ...»
Dann wurde es plötzlich still, als hätte Poldek eins auf die Schnauze gekriegt.
Und so war es auch.
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