Aarons Stab von D.H.Lawrence, 2004, Weidle

D. H. Lawrence

Aarons Stab
(Leseprobe aus: Aarons Stab, Roman, 2004, Weidle-Verlag - Übertragung Stefan Weidle).

Aaron fühlte ein neues Ich, einen neuen Lebensdrang in sich erstehen. Florenz schien einen neuen Menschen in ihm zu schaffen. Es war eine Stadt der Männer. Am Freitag morgen hörte er schon ganz früh den Verkehr. Und beobachtete die ziemlich niedrigen zweirädrigen Einspänner der Bauern, die rücksichtslos die Peitsche einsetzten, während sie über die Brücke fuhren. Und wenn er dann ausging, fand der die Piazza della Signoria voller Männer –ausschließlich Männer. Bauern, Grundbesitzer, Tagelöhner. Die merkwürdigen toskanischen Bauern mit ihren feingeschnittenen Nasen und den halb tückischen bernsteinfarbenen Augen. Ihr merkwürdiger Individualismus, die lässige und verwegene Kleidung, die Hüte mit dem persönlichen Dreh. Ihre merkwürdigen vollen ovalen Wangen, ihre Neigung zur Fettleibigkeit, zum Spitzbauch und schweren Gliedern. Ihr enganliegendes dunkles Haar. Und vor allem ihr scharfer, fast beißender, spöttischer Gesichtsausdruck, das feine Krausziehen der Nase, die ewige Herausforderung, der tiefste Unglaube und die kluge Furchtlosigkeit. Die gefährliche, kluge, unausrottbare Furchtlosigkeit und der beißende Unglaube.
Männer! Alles Männer! Eine Stadt der Männer, trotz allem. Die eine männliche Eigenschaft: unzerstörbare, beißende Furchtlosigkeit. Die ewige Herausforderung der ungestillten menschlichen Seele. Heute vielleicht zu beißend, zu herausfordernd, da es nichts mehr herauszufordern gibt. Alles Männer – die ohne Entschuldigung oder Rechtfertigung existierten. Männer, die sich weder rechtfertigen noch entschuldigen würden. Einfach Männer.

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