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Engel
(Leseprobe aus: In diesem Leben, Episoden,
2007, Pforte Verlag)
ICH HABE EINEN HUND. Jeden Tag ruft er mich an. Er begreift nicht, dass das nicht so mein Ding ist, dass ich auch mal meine Ruhe und vor allem mehr Freiraum brauche. Aber er ruft sich ständig in Erinnerung. Ich wage nicht, ihm zu sagen, dass er eigentlich gar nicht mein Typ ist. Ich weiß, dass er mich dann - zu Recht - fragen würde, warum ich denn überhaupt mit ihm zusammen bin. Aber das ist auch schon schief, irgendwie. Das ist auch schon wieder diese suggestive Methode von diesem Tier. Denn wie kann ein Mensch mit einem Hund zusammen sein? Mir wurde diese Beziehung aufgedrängt. Ein karmischer Lapsus. Sage ich das meinem Hund, denkt er eine Weile nach und meint dann: «Aber warum sollte ein Mensch nicht mit einem Hund zusammen sein? Man sagt doch auch: Ein Herrchen betritt zusammen mit seinem Dackel die U-Bahn. Oder: Zusammen mit seinen Engeln schuf Gott, der Herr, die Welt.» Ich kann mit meinem Hund nicht diskutieren. Er geht immer weiblich vor, springt, wie es ihm beliebt, nach jedem Stöckchen, das er sich selber hinwirft. Mein Hund ist total unsachlich. Kürzlich fragte er mich, ob ich ihn lieb habe: «Wir führen doch eine Beziehung.» Nein, antwortete ich ihm, wir haben nur ein Verhältnis. Da wurde er traurig. Auch wenn zwei Wesen nur ein Verhältnis miteinander hätten, meinte er, müssten sie sich lieb haben: "Du hast doch auch ein Verhältnis zu dir selber. Zu den Topfpflanzen auf deinem Balkon, auf dem du mich immer aussetzt und wimmern lässt, zu deinen Eltern, zu deinem Arbeitgeber, zu deinem Land - mit allem und jedem hast du ein Verhältnis!" Auch das war wieder so ein klassisches Beispiel der durch und durch perfiden Strategie dieses Hundes. Offenbar verspricht er sich von diesen platten Psychologismen und Wortspielen rhetorische Wirksamkeit. Dabei könnte ich ihn mit einem Schlag erledigen: indem ich ihm klar machte, dass er gar nicht sprechen kann. Ein Tier kann nicht reden. Einen Hund, der mit einem spricht, kann es nicht geben. Das Dumme ist, dass ich ihn Tag für Tag höre. Ich höre die seltsame Stimme eines Hundes. Ich höre, wie mich ein Wesen anrufen will, Kontakt sucht, im Traum bei mir anklopft. Einmal sagte es: "Ich bin dein Engel." Eigentlich halte ich das für den billigen Versuch, sich ins rechte Licht zu rücken und Einfluss auf mich auszuüben. Was mich etwas irritiert, ist diese - Treue.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Pforte Verlag