Die Jagd auf das Einhorn vonm James Lasdun, 2002, Hanser

James Lasdun

aus: Die Jagd auf das Einhorn

In meinem Büro beschäftigte ich mich erneut mit dem Rätsel der verschwundenen Trumilcik-Datei. Während ich zu dem Computer auf dem klobigen Schreibtisch hinübersah, fiel mir zum erstenmal die Anordnung der Möbel in diesem Raumbereich auf. Die beiden überdimensionierten Schreibtische waren so zusammengeschoben worden, daß in der Mitte, wie ich jetzt erkannte, ein Hohlraum entstanden war. Seine Größe konnte ich von außen nicht beurteilen, aber meine Neugier war geweckt.
Ich versuchte, einen der Schreibtische wegzurücken. Zuerst rührte er sich nicht, erst als ich meinen Fuß an einer vorspringenden Seitenwandverstrebung des anderen Schreibtischs abstützte und mich mit aller Kraft dagegenstemmte, konnte ich ihn um ein paar Zentimeter verschieben. Ich sah durch den Spalt. Tatsächlich, da unten war es anscheinend recht geräumig. Ich stemmte die beiden Schreibtische so weit auseinander, daß ich mich durch den Spalt zwängen konnte.
Sofort hatte ich das Gefühl, in einer menschlichen Behausung zu sein. Der Hohlraum maß etwa einen Meter fünfzig im Quadrat und war nicht höher als einen Meter. An einer Seite lag etwas Weiches, Zerknülltes, das sich, als ich es ins Licht hielt, als Bettuch entpuppte. Es war voll angetrockneter Flecken von Farbe und wer weiß was sonst noch für Substanzen. Als ich es schüttelte, stieg mir ein schaler, unverkennbar männlicher Geruch in die Nase. Und noch etwas kam mir entgegen, etwas Hartes, Schweres - eine etwa vierzig Zentimeter lange, an einem Ende mit einem Gewinde versehene Eisenstange, vielleicht Teil der Schreibtischkonstruktion, eine Art Stütze oder Strebe.
Da saß ich nun, zusammengekauert und seltsam erregt, mit heftig klopfendem Herzen. War es möglich, daß Trumilcik in der ganzen Zeit, die ich gestern abend in diesem Zimmer verbracht hatte, stumm und reglos in dem Versteck gehockt hatte? Kaum vorstellbar, gewiß - wäre da nicht dieses deutlich, fast spürbar Menschelnde von dem Versteck ausgegangen, etwas Beißendes, Männliches, leicht Verlumptes.
Um besser nachfühlen zu können, wie ihm zumute gewesen wäre, hätte er tatsächlich hier gesessen, packte ich eine innere Verstrebung des Schreibtisches, den ich verschoben hatte, und schaffte es mit einer gewaltigen Kraftanstrengung, mich einzusperren.
Es war dunkel, aber nicht pechschwarze Nacht. In meiner Augenhöhe verlief ein schmaler Lichtstreifen, einen Meter lang und einen knappen Zentimeter breit; offenbar war an dieser Stelle die Fuge zwischen der Seitenwand und der etwas breiteren Schreibtischplatte mit Gewalt erweitert worden. Durch diesen Schlitz erfaßte mein Blick einen schmalen Ausschnitt des Zimmers, der einen Teil des einen Bücherregals und den größten Teil der Wand mit der Tür einschloß. Den Drucker konnte ich nicht sehen, wohl aber ein Stück des Schrankes, auf dem er stand, so daß ich fünfzehn Zentimeter von meiner Körpermitte hätte sehen können, wenn ich gestern abend dort gesessen und mir nachspioniert hätte, und ich hätte mit Sicherheit erraten, daß ich mich an dem Drucker zu schaffen machte.
Zur Gänze konnte ich die Schale mit Krimskrams sehen, in der ich die bulgarische Münze gefunden hatte, und ich überlegte voller Sorge, daß Trumilcik vielleicht nicht nur gestern abend dort gehockt und mich heimlich beobachtet hatte, sondern auch vorher gelegentlich oder gar häufig; aber auch, wenn dies nicht der Fall gewesen war, mußte ich meine Sicht von der Inanspruchnahme dieses Büros gründlich revidieren, mußte mir eingestehen, daß ich, wenn ich dort in der Annahme, ich sei allein, meinen Geschäften nachging, möglicherweise unter genauer und - wie ich spürte - nicht sonderlich wohlwollender Beobachtung gestanden hatte.
Ich versuchte, mich an all das zu erinnern, wobei Trumilcik mir womöglich zugesehen oder zugehört hatte, und bemühte mich, es aus seiner Warte zu betrachten. Zwei Stunden in der Woche waren für Einzelgespräche mit Studenten vorgesehen. Da ich sie stets so öffentlich und unpersönlich wie möglich führte und Elaines Empfehlungen folgend die Tür offenließ, sagte ich mir, daß Trumilcik wohl kaum etwas hätte sehen können, was ihn interessierte. Unangenehmer war die Vorstellung, daß er etwas von meinen privaten Äußerungen gehört haben könnte, besonders gewisse Telefongespräche, die ich zu Beginn des Trimesters geführt hatte, bis ich mir selbst die Angewohnheit energisch verbot. Ich hatte dabei meinen privaten Anschluß angewählt und zunächst - um nicht zu Hause unter dem Anblick eines nicht blinkenden Anrufbeantworters leiden zu müssen - immer gleich wieder aufgelegt, ohne ein Wort zu sagen, dann aber eine Zeitlang kurze aufmunternde Nachrichten aufs Band gesprochen, zunächst als Gruß von mir an mich, dann aber, als ich immer weniger das Gefühl hatte, mich bei diesem schließlich ja ganz privaten Tun zurückhalten zu müssen, als Grüße von Carol, die mir versicherte (ich verstand es recht gut, ihre knappen Formulierungen und ihren Tonfall, wenn auch nicht ihre Stimme nachzuahmen), daß sie mich liebe, und mich anflehte, sie zurückzurufen, bis mir dämmerte, daß ich da etwas ziemlich Abartiges trieb, und ich die Sache einstellte. Was, fragte ich mich beklommen, hätte sich wohl Trumilcik bei diesen Gesprächen gedacht?
Ich hockte noch immer in seinem fast stockdunklen Verlies, als es klopfte.
Ich wollte nicht, daß mein Besucher mich mit merkwürdig dumpfer Stimme "Herein!" rufen hörte, um mich dann, wenn er die Tür aufmachte, unter dem Schreibtisch hervorkriechen zu sehen; ebenso mißlich war es aber auch, meinem "Herein!" hastiges Möbelrücken vorauszuschicken, also sagte ich gar nichts und wartete. Statt daß sich aber die Schritte des Besuchers entfernten, klopfte es erneut. Wieder gab ich keinen Ton von mir. Der Türausschnitt, den ich durch meinen Schlitz sehen konnte, umfaßte auch den Türknauf, und zu meiner Bestürzung sah ich jetzt, wie er sich drehte und die Tür sich langsam öffnete.
Eine Gestalt schlüpfte herein und ließ die Tür einen Spaltbreit offen. Ich sah nur einen kleinen Teil von Taille und Hüften, erkannte aber den anthrazitgrauen Wollstoff mit den türkisfarbenen Nadelstreifen sofort als zu Elaine gehörig. Was um Himmels willen wollte sie hier? Ich saß mit aufgerissenen Augen und hämmerndem Herzen wie erstarrt an meinem Schlitz. Sie ging im Zimmer herum, sah sich wohl alles an, die Bücher, die Gegenstände, Bilder, wie man das eben im Büro anderer Leute macht. Dabei summte sie unablässig vor sich hin, tonlos, aber beschwingt, sie schien bester Laune zu sein. Ich sah, wie ihre Hüften sich von den Regalen wieder zur Tür bewegten, wo sie innehielt und gleich darauf auch das Summen einstellte. Offenbar hatte sie das Zitat aus Louisa May Alcott gelesen. Sie stieß ein langgezogenes, zufriedenes Hmmmmm aus. Dann strich sie den Rock über ihrem Hintern glatt und verschwand aus meinem Gesichtsfeld.
Erst jetzt bemerkte ich eine Anzahl an verschiedenen Stellen in Augenhöhe angebrachte kleine Spiegel, die Bewegungen aus jedem Winkel des Zimmers einfangen konnten, so daß ich wußte, auch wenn ich Elaine nicht mehr sehen konnte, daß sie an meinen Schreibtisch getreten war, wo sie jetzt verharrte und vermutlich die Schreibtischplatte betrachtete. Gleich darauf kam sie um den Schreibtisch herum, setzte sich auf den Drehstuhl, auf dem sonst immer meine Studenten saßen, und kreiste darin herum, so daß ihre Schenkel und Knie nicht viel mehr als einen Meter von mir entfernt unvermittelt in mein Gesichtsfeld schwenkten.
Was für eine absurde Situation! Ich konnte ungefähr nachfühlen, wie es sein muß, mit dem Tschador oder dem Jaschmak durch die Welt zu gehen, ohne etwas von sich selbst preiszugeben und nur das zu sehen, was diesem fragmentarischen Stück von Elaines Taille entsprach. Und in Fortführung des Gedankens, an dem ich vor ein paar Minuten gesponnen hatte, kam mir die Idee, daß dieser Zustand schließlich nicht so sehr verschieden war von dem, was Männer wie ich in zunehmendem Maße als normales Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen betrachten: daß wir uns nämlich entweder gänzlich verbergen oder nur das preisgeben, was wir selbst als noch nicht unzulässig in einem zivilisierten Diskurs betrachten - eine Öffnung, die nicht minder schmal ist als diejenige, durch die ich gerade spähte, und die sich täglich verengt, so daß alles, was wir von einem Menschen jemals wirklich erkennen, dem entspricht, was mir derzeit vor Augen stand.
Elaines Hand erschien kurz vor dem Lichtstreifen, strich dabei über den vom Schenkel straff gespannten Rock und verschwand aus meinem Blick in ihrem Schoß. Das Handgelenk konnte ich noch sehen, es geriet in Bewegung und ging fleißig von einer Seite zur anderen. Knie legte sich auf Knie, wobei sich der Rockstoff leicht verschob und ein dünner, irisierender Slip zu sehen war. Nach einer Weile stand sie auf und trat erneut an meinen Schreibtisch.
Ich vernahm Spritzgeräusche, die ich nicht zu deuten wußte. Gleich darauf erschien sie wieder an der Tür, verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.
Erst nach mehreren Minuten wagte ich wieder eine Bewegung. Ich war total naßgeschwitzt. Überdies hatte ich offenbar die ganze Zeit die Eisenstange umklammert, meine Handmuskeln waren an das Ding förmlich angefroren.
Als ich herausgeklettert war, löste sich das Rätsel der Spritzgeräusche: Elaine hatte das Zimmer mit ihrem zitronig-süßlichen Parfüm eingesprüht. Jetzt sah ich auch, was sie auf dem Drehstuhl gemacht hatte: Sie hatte einen Brief geschrieben. Das Blatt, einmal gefaltet und auf der Außenseite in großen runden Buchstaben mit meinem Namen versehen, lag auf
dem Schreibtisch. Ich nahm es in die Hand und klappte es auf. Warum nur, las ich, mußte ausgerechnet jetzt Roger auftauchen? Welch Unstern über uns! Diese Zeilen sollen Dir nur sagen, wie leid es mir tut, daß es nicht nach Plan gelaufen ist, aber wir haben ja schließlich viel, viel Zeit, und zumindest, mein teurer Freund, bin ich in Deinem Zimmer und weide mich am Anblick Deiner Dinge (so typisch Du, diese Becher, so lustig und originell). Und das wunderbare Zitat an der Wand: Im Rückblick auf das, was ich gestern abend getan habe, tat es mir fast so wohl wie Dich beim Essen in diesem Hemd zu sehen. Aber jetzt muß ich los, wenn ich Dich später nicht mehr erwische, rufe ich heute abend an. Bis dann...? Liebling...? Elaine.
Das klang ausgesprochen verschroben. Welcher Wahn konnte eine scheinbar durchaus vernünftige Frau veranlaßt haben, sich so aufzuführen? Besonders beunruhigend war, daß sie sich offenbar vorgegaukelt hatte, ich sei mit ihrem abstrusen Szenario stillschweigend einverstanden.
Verwirrt und vage alarmiert ging ich nach Hause.

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser