|
|
aus: Die Jagd auf das Einhorn
In meinem Büro beschäftigte ich mich erneut mit
dem Rätsel der verschwundenen Trumilcik-Datei. Während ich zu dem Computer auf
dem klobigen Schreibtisch hinübersah, fiel mir zum erstenmal die Anordnung der
Möbel in diesem Raumbereich auf. Die beiden überdimensionierten Schreibtische
waren so zusammengeschoben worden, daß in der Mitte, wie ich jetzt erkannte, ein Hohlraum entstanden war. Seine Größe konnte ich von außen
nicht beurteilen, aber meine Neugier war geweckt.
Ich versuchte, einen der Schreibtische wegzurücken. Zuerst rührte er sich
nicht, erst als ich meinen Fuß an einer vorspringenden Seitenwandverstrebung
des anderen Schreibtischs abstützte und mich mit aller Kraft dagegenstemmte,
konnte ich ihn um ein paar Zentimeter verschieben. Ich sah durch den Spalt. Tatsächlich,
da unten war es anscheinend recht geräumig. Ich stemmte die beiden
Schreibtische so weit auseinander, daß ich mich durch den Spalt zwängen
konnte.
Sofort hatte ich das Gefühl, in einer menschlichen Behausung zu sein. Der
Hohlraum maß etwa einen Meter fünfzig im Quadrat und war nicht höher als
einen Meter. An einer Seite lag etwas Weiches, Zerknülltes, das sich, als ich
es ins Licht hielt, als Bettuch entpuppte. Es war voll angetrockneter Flecken
von Farbe und wer weiß was sonst noch für Substanzen. Als ich es schüttelte,
stieg mir ein schaler, unverkennbar männlicher Geruch in die Nase. Und noch
etwas kam mir entgegen, etwas Hartes, Schweres - eine etwa vierzig Zentimeter
lange, an einem Ende mit einem Gewinde versehene Eisenstange, vielleicht Teil
der Schreibtischkonstruktion, eine Art Stütze oder Strebe.
Da saß ich nun, zusammengekauert und seltsam erregt, mit heftig klopfendem
Herzen. War es möglich, daß Trumilcik in der ganzen Zeit, die ich gestern
abend in diesem Zimmer verbracht hatte, stumm und reglos in dem Versteck gehockt
hatte? Kaum vorstellbar, gewiß - wäre da nicht dieses deutlich, fast spürbar
Menschelnde von dem Versteck ausgegangen, etwas Beißendes, Männliches, leicht
Verlumptes.
Um besser nachfühlen zu können, wie ihm zumute gewesen wäre, hätte er tatsächlich
hier gesessen, packte ich eine innere Verstrebung des Schreibtisches, den ich
verschoben hatte, und schaffte es mit einer gewaltigen Kraftanstrengung, mich
einzusperren.
Es war dunkel, aber nicht pechschwarze Nacht. In meiner Augenhöhe verlief ein
schmaler Lichtstreifen, einen Meter lang und einen knappen Zentimeter breit;
offenbar war an dieser Stelle die Fuge zwischen der Seitenwand und der etwas
breiteren Schreibtischplatte mit Gewalt erweitert worden. Durch diesen Schlitz
erfaßte mein Blick einen schmalen Ausschnitt des Zimmers, der einen Teil des
einen Bücherregals und den größten Teil der Wand mit der Tür einschloß. Den
Drucker konnte ich nicht sehen, wohl aber ein Stück des Schrankes, auf dem er
stand, so daß ich fünfzehn Zentimeter von meiner Körpermitte hätte sehen können,
wenn ich gestern abend dort gesessen und mir nachspioniert hätte, und ich hätte
mit Sicherheit erraten, daß ich mich an dem Drucker zu schaffen machte.
Zur Gänze konnte ich die Schale mit Krimskrams sehen, in der ich die
bulgarische Münze gefunden hatte, und ich überlegte voller Sorge, daß
Trumilcik vielleicht nicht nur gestern abend dort gehockt und mich heimlich
beobachtet hatte, sondern auch vorher gelegentlich oder gar häufig; aber auch,
wenn dies nicht der Fall gewesen war, mußte ich meine Sicht von der
Inanspruchnahme dieses Büros gründlich revidieren, mußte mir eingestehen, daß
ich, wenn ich dort in der Annahme, ich sei allein, meinen Geschäften nachging,
möglicherweise unter genauer und - wie ich spürte - nicht sonderlich
wohlwollender Beobachtung gestanden hatte.
Ich versuchte, mich an all das zu erinnern, wobei Trumilcik mir womöglich
zugesehen oder zugehört hatte, und bemühte mich, es aus seiner Warte zu
betrachten. Zwei Stunden in der Woche waren für Einzelgespräche mit Studenten
vorgesehen. Da ich sie stets so öffentlich und unpersönlich wie möglich führte
und Elaines Empfehlungen folgend die Tür offenließ, sagte ich mir, daß
Trumilcik wohl kaum etwas hätte sehen können, was ihn interessierte.
Unangenehmer war die Vorstellung, daß er etwas von meinen privaten Äußerungen
gehört haben könnte, besonders gewisse Telefongespräche, die ich zu Beginn
des Trimesters geführt hatte, bis ich mir selbst die Angewohnheit energisch
verbot. Ich hatte dabei meinen privaten Anschluß angewählt und zunächst - um
nicht zu Hause unter dem Anblick eines nicht blinkenden Anrufbeantworters leiden
zu müssen - immer gleich wieder aufgelegt, ohne ein Wort zu sagen, dann aber
eine Zeitlang kurze aufmunternde Nachrichten aufs Band gesprochen, zunächst als
Gruß von mir an mich, dann aber, als ich immer weniger das Gefühl hatte, mich
bei diesem schließlich ja ganz privaten Tun zurückhalten zu müssen, als Grüße
von Carol, die mir versicherte (ich verstand es recht gut, ihre knappen
Formulierungen und ihren Tonfall, wenn auch nicht ihre Stimme nachzuahmen), daß
sie mich liebe, und mich anflehte, sie zurückzurufen, bis mir dämmerte, daß
ich da etwas ziemlich Abartiges trieb, und ich die Sache einstellte. Was, fragte
ich mich beklommen, hätte sich wohl Trumilcik bei diesen Gesprächen gedacht?
Ich hockte noch immer in seinem fast stockdunklen Verlies, als es klopfte.
Ich wollte nicht, daß mein Besucher mich mit merkwürdig dumpfer Stimme
"Herein!" rufen hörte, um mich dann, wenn er die Tür aufmachte,
unter dem Schreibtisch hervorkriechen zu sehen; ebenso mißlich war es aber
auch, meinem "Herein!" hastiges Möbelrücken vorauszuschicken, also
sagte ich gar nichts und wartete. Statt daß sich aber die Schritte des
Besuchers entfernten, klopfte es erneut. Wieder gab ich keinen Ton von mir. Der
Türausschnitt, den ich durch meinen Schlitz sehen konnte, umfaßte auch den Türknauf,
und zu meiner Bestürzung sah ich jetzt, wie er sich drehte und die Tür sich
langsam öffnete.
Eine Gestalt schlüpfte herein und ließ die Tür einen Spaltbreit offen. Ich
sah nur einen kleinen Teil von Taille und Hüften, erkannte aber den
anthrazitgrauen Wollstoff mit den türkisfarbenen Nadelstreifen sofort als zu
Elaine gehörig. Was um Himmels willen wollte sie hier? Ich saß mit
aufgerissenen Augen und hämmerndem Herzen wie erstarrt an meinem Schlitz. Sie
ging im Zimmer herum, sah sich wohl alles an, die Bücher, die Gegenstände,
Bilder, wie man das eben im Büro anderer Leute macht. Dabei summte sie unablässig
vor sich hin, tonlos, aber beschwingt, sie schien bester Laune zu sein. Ich sah,
wie ihre Hüften sich von den Regalen wieder zur Tür bewegten, wo sie innehielt
und gleich darauf auch das Summen einstellte. Offenbar hatte sie das Zitat aus
Louisa May Alcott gelesen. Sie stieß ein langgezogenes, zufriedenes Hmmmmm aus.
Dann strich sie den Rock über ihrem Hintern glatt und verschwand aus meinem
Gesichtsfeld.
Erst jetzt bemerkte ich eine Anzahl an verschiedenen Stellen in Augenhöhe
angebrachte kleine Spiegel, die Bewegungen aus jedem Winkel des Zimmers
einfangen konnten, so daß ich wußte, auch wenn ich Elaine nicht mehr sehen
konnte, daß sie an meinen Schreibtisch getreten war, wo sie jetzt verharrte und
vermutlich die Schreibtischplatte betrachtete. Gleich darauf kam sie um den
Schreibtisch herum, setzte sich auf den Drehstuhl, auf dem sonst immer meine
Studenten saßen, und kreiste darin herum, so daß ihre Schenkel und Knie nicht
viel mehr als einen Meter von mir entfernt unvermittelt in mein Gesichtsfeld
schwenkten.
Was für eine absurde Situation! Ich konnte ungefähr nachfühlen, wie es sein
muß, mit dem Tschador oder dem Jaschmak durch die Welt zu gehen, ohne etwas von
sich selbst preiszugeben und nur das zu sehen, was diesem fragmentarischen Stück
von Elaines Taille entsprach. Und in Fortführung des Gedankens, an dem ich vor
ein paar Minuten gesponnen hatte, kam mir die Idee, daß dieser Zustand schließlich
nicht so sehr verschieden war von dem, was Männer wie ich in zunehmendem Maße
als normales Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen betrachten: daß wir
uns nämlich entweder gänzlich verbergen oder nur das preisgeben, was wir
selbst als noch nicht unzulässig in einem zivilisierten Diskurs betrachten -
eine Öffnung, die nicht minder schmal ist als diejenige, durch die ich gerade
spähte, und die sich täglich verengt, so daß alles, was wir von einem
Menschen jemals wirklich erkennen, dem entspricht, was mir derzeit vor Augen
stand.
Elaines Hand erschien kurz vor dem Lichtstreifen, strich dabei über den vom
Schenkel straff gespannten Rock und verschwand aus meinem Blick in ihrem Schoß.
Das Handgelenk konnte ich noch sehen, es geriet in Bewegung und ging fleißig
von einer Seite zur anderen. Knie legte sich auf Knie, wobei sich der Rockstoff
leicht verschob und ein dünner, irisierender Slip zu sehen war. Nach einer
Weile stand sie auf und trat erneut an meinen Schreibtisch.
Ich vernahm Spritzgeräusche, die ich nicht zu deuten wußte. Gleich darauf
erschien sie wieder an der Tür, verließ das Zimmer und schloß die Tür hinter
sich.
Erst nach mehreren Minuten wagte ich wieder eine Bewegung. Ich war total
naßgeschwitzt.
Überdies hatte ich offenbar die ganze Zeit die Eisenstange umklammert, meine
Handmuskeln waren an das Ding förmlich angefroren.
Als ich herausgeklettert war, löste sich das Rätsel der Spritzgeräusche:
Elaine hatte das Zimmer mit ihrem zitronig-süßlichen Parfüm eingesprüht.
Jetzt sah ich auch, was sie auf dem Drehstuhl gemacht hatte: Sie hatte einen
Brief geschrieben. Das Blatt, einmal gefaltet und auf der Außenseite in großen
runden Buchstaben mit meinem Namen versehen, lag auf
dem Schreibtisch. Ich nahm es in die Hand und klappte es auf. Warum nur, las
ich, mußte ausgerechnet jetzt Roger auftauchen? Welch Unstern über uns! Diese
Zeilen sollen Dir nur sagen, wie leid es mir tut, daß es nicht nach Plan
gelaufen ist, aber wir haben ja schließlich viel, viel Zeit, und zumindest,
mein teurer Freund, bin ich in Deinem Zimmer und weide mich am Anblick Deiner
Dinge (so typisch Du, diese Becher, so lustig und originell). Und das wunderbare
Zitat an der Wand: Im Rückblick auf das, was ich gestern abend getan habe, tat
es mir fast so wohl wie Dich beim Essen in diesem Hemd zu sehen. Aber jetzt muß
ich los, wenn ich Dich später nicht mehr erwische, rufe ich heute abend an. Bis
dann...? Liebling...? Elaine.
Das klang ausgesprochen verschroben. Welcher Wahn konnte eine scheinbar durchaus
vernünftige Frau veranlaßt haben, sich so aufzuführen? Besonders beunruhigend
war, daß sie sich offenbar vorgegaukelt hatte, ich sei mit ihrem abstrusen
Szenario stillschweigend einverstanden.
Verwirrt und vage alarmiert ging ich nach Hause.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser