Auf den Inseln des letzten Lichts von Rolf Lappert, 2010, HanserRolf Lappert

Auf den Inseln des letzten Lichts
(Leseprobe aus:
Auf den Inseln des letzten Lichts, Roman, 2010, Hanser).

1

Der Schiffsrumpf glänzte, ein dunkles Tier, das sich auf die Seite gelegt

hatte, ein riesiger gewölbter Körper, aufgedunsen vom Vergehen der

Zeit. In einer gekrümmten Linie verliefen Bullaugen auf der dem Licht

zugewandten Flanke, schwarze, kreisförmige Wunden, umrandet von

schorfigem Rost. Am Bauch, unter einem Fell aus Tang, bogen sich von

Salz zerfressene Stahlrippen. Die Dünung war kaum spürbar, die See ein

Theatermeer aus grauem Tuch, in dem sich nichts spiegelte, nicht einmal

die im windlosen Himmel stehenden Wolken.

Tobey O Flynn sah dem Boot nach, das ihn auf die Insel gebracht hatte.

Er stand auf dem Streifen trockenen Grases zwischen dem Ufer und der

sanft ansteigenden Böschung und lauschte dem verklingenden Tuckern

des Außenbordmotors. Er hatte die Koffer während der ganzen Fahrt

nicht losgelassen und hielt die Griffe auch jetzt noch umklammert. In

der Ferne glaubte er Seevögel zu erkennen, winzige auf- und zuklappende

Scheren vor einem gelben Horizont. Ein Gefühl der Verlorenheit ergriff

ihn so heftig, dass er lächeln musste. Er schloss die Augen und summte

die ersten Takte eines Songs, der ihn seit seiner Abreise begleitete.

Der Abend brachte endlich Kühlung, die Kleidung löste sich von der

feuchten Haut. Obwohl die Koffer schwer waren, setzte er sie nicht ab; das

Ziehen in seinen Armen erinnerte ihn vage an richtige Schmerzen. Tobey

O Flynn stellte sich vor, ein Schiff zu sein, die brennenden Arme waren

Ketten und die Koffer Anker, die den Grund nicht berühren durften,

noch nicht.

Nachdem er eine Weile so dagestanden hatte, öffnete er die Augen,

drehte sich um und ging über den Boden aus Sand, Steinen und

Schwemmholz zu dem erhöhten Feld, dessen dürres Gras unter sei

nen Schuhen raschelte. Palmen und Bäume mit unterspülten Wurzeln

neigten sich dem Meer zu, andere hatte der Wind landeinwärts gedrückt.

Ein Trampelpfad wand sich durch kniehohe braune Halme und verdorrte

Büsche. Bald tauchte ein Wald aus glatten, schmalen Stämmen

auf. Darin brummte und zirpte es, Käfer stießen im Flug gegen Blätter

wie Tropfen eines unentschlossenen Regens. Schwärme stecknadelkopfgroßer

Fliegen hingen als zitternde Gebilde in der Luft. Wenn Tobey

stehenblieb, hörte er ein leises Knistern und Kratzen unter dem Laub, das

den Boden bedeckte.

Er schob mit dem Schuh handtellergroße Blätter zur Seite und sah Tausendfüßler

und Würmer, dünn wie Zwirn. Ein Krebs verschwand rückwärts in einem Loch.

Beim Gehen schlug Tobey mit den Koffern gegen die Bäume. Als er aus dem Wald trat,

hob er den Blick. Das Licht sank ins Grau, genug, dass schwach die Form des Mondes

sichtbar wurde.

Nach dem Schiffswrack am Ufer waren Benzinkanister und Reifen

die ersten Anzeichen von Zivilisation, auf die Tobey stieß. Sie lagen in

einer flachen Mulde am Rand des Weges, zu dem der Pfad jenseits des

Wäldchens geworden war. In einem der Kanister surrte es, Bienen oder

Wespen flogen ein und aus. An einem schiefen Pfahl hing ein Blechschild

mit unleserlicher Beschriftung. Die glänzende Fläche, die Tobey für eine

Wasserlache gehalten hatte, erwies sich als Windschutzscheibe, über die

bleiche Lianen rankten. Fingerdicke Wurzeln wuchsen an den Wänden

eines Fasses hoch, Moos umhüllte einen Reifen. Die Natur arbeitete langsam

und lautlos, sie überwucherte den Müll, bedeckte ihn mit Blättern,

tausenden hellgrünen Planen.

Der Belag unter Tobeys Schuhen wechselte von Sand zu Lehm, der

in den Fahrspuren, wo sich während der Regenzeit Wasser gesammelt

hatte, dunkel und rissig war. Bäume standen zu beiden Seiten des Pfads,

ihre Blätter schimmerten trotz der rasch einsetzenden Dämmerung

in zahllosen Grüntönen. Zwischen den Stämmen wuchs Gras, niedergedrückt

vom Wind, der in der Nacht geweht und sich am Nachmittag

gelegt hatte, der Ausläufer eines Sturms über Indonesien.

Tobey blieb stehen und spähte ins Zwielicht des Tunnels, in den der Weg mündete,

lauschte auf Geräusche und hörte Zirpen und gedehntes Summen und,

weit entfernt, das Meer, das in einem von Ewigkeit gewiegten Takt Wellen

gegen das Ufer warf.

Der Tunnel führte zu einem Platz, einem mit dürrem Gras bedeckten

Feld, an dessen Rand ein Wellblechschuppen vor der dunklen Front des

Waldes aufragte. Geborstene Betonplatten legten eine Fahrspur zu dem

Gebäude. Wo der Platz endete und die ursprüngliche Vegetation

die Rückeroberung der Parzelle betrieb, zerfiel ein Traktor in der salzigfeuchten

Luft. Als habe die Fassade des Schuppens das Tageslicht gespeichert,

schien sie schwach zu leuchten, eine Leinwand, vor der Insekten wirbelten.

Falter schwebten aus der Dunkelheit herab, langsam wie schwere

Schneeflocken, immer wieder in die Höhe getragen von einem Windstoß,

den es nicht gab. Tobey stellte die Koffer ab, seine Arme brannten. Die

Melodie kreiste unablässig in seinem Kopf. Der Gedanke, keine Waffe

bei sich zu tragen, beunruhigte ihn für einen Moment, dann hob er einen

Stein auf und schleuderte ihn gegen das Wellblech.

Der Himmel wurde dunkelblau. Das letzte Glimmen, schwach wie ein

Feuer auf einer weit entfernten Insel, floss hinter den Bäumen ins Meer

und verging. Tobey hatte den Versuch aufgegeben, die riesige Schiebetür

an der Vorderfront zu öffnen, und war durch eines der Seitenfenster in

den Schuppen eingestiegen. Er hatte zwei Taschenlampen dabei, den

Lichtstrahl der größeren richtete er in alle Winkel der Halle, sich wie ein

Leuchtturm drehend. Schränke standen schief an einer Wand, die Türen

teilweise offen, entlang einer anderen reihten

sich Werkbänke, offene Blechfässer, Kisten und Teile einer Karosserie.

Unter dem Dach lagen Vogelnester auf den Eisenträgern, am Boden musterten

weiße Kotspritzer die rohen Bretter. An einer Stelle des Giebels klaffte ein Loch, durch das

Tobey den Nachthimmel sehen konnte. Seile hingen von den Querbalken

des Dachstuhls, an einem war ein geflochtener Korb befestigt, in dem

eine Handvoll rostiger Nägel lag. Ein Kühlschrank ohne Tür stand auf

Bausteinen aus Zement, in einer Ecke türmten sich leere Flaschen, das

Glas stumpf von braunem, pudrigem Staub.

Tobey schob eine Werkbank ein Stück von der Wand weg, an der Ameisen

hochliefen, wischte sie mit einem Stofflappen so gut es ging sauber

und breitete die Isoliermatte darauf aus, die, flach wie eine gefaltete

Straßenkarte, in einem der beiden Koffer gelegen hatte. Der Verkäufer

im Outdoorladen in Manila hatte ihm zu einem monströsen Rucksack

geraten, aber Tobey war nicht von der fixen Idee abzubringen gewesen,

seine Habseligkeiten weiterhin in den beiden Koffern zu transportieren.

Obwohl er nur ein Moskitonetz und einen Schlafsack hatte kaufen wollen,

war er eine Stunde später auch noch mit der Isoliermatte, einem Gaskocher,

Geschirr und Töpfen, zwei Taschenlampen und einem Wasseraufbereitungs-

Set ins Hotel zurückgekehrt.

Er hatte alles, was er seit London mit sich schleppte, auf dem Bett ausgebreitet

und dann eine Daunenjacke, ein Paar Lederschuhe, ein Flanellhemd und ein

Badetuch aussortiert und den Rest auf die zwei Koffer verteilt. Die Jacke, das Hemd

und die Schuhe schenkte er dem Nachtportier, der darüber eher ratlos als erfreut schien.

Das Tuch knüllte er zusammen und warf es aus dem Fenster im achten

Stock, nur um zu sehen, wie es in den Hinterhof schwebte.

Draußen riefen zwei Vögel einander zu, die Dachbalken knackten fast

unhörbar. Tobey rollte den Schlafsack auf dem Tisch aus und bereute,

die Isolier- statt der Schaumstoffmatte gewählt zu haben, nur weil sie

weniger Platz brauchte. Ihm kam der Gedanke, er könnte sich auf der

harten Tischplatte unruhig hin und her wälzen und herunterfallen, aber

die Vorstellung, auf dem Boden zu schlafen, wo im Schutz der Dunkelheit

bestimmt allerlei Getier kriechen würde, erschien ihm weitaus unangenehmer.

Er baute den Kocher zusammen und machte im kleineren der

beiden Töpfe einen Teil des Wassers heiß, das er in zwei Plastikflaschen

mitgenommen hatte. Während er wartete, aß er gesalzene Erdnüsse der

Singapore Airlines und lauschte den Geräuschen der Nacht. Er musste an

das Messer denken, das er im Laden in der Hand gehalten und schließlich

zurückgelegt hatte, damit sein Gepäck nicht noch schwerer wurde. Ein

Messer wäre eine kluge Anschaffung gewesen, fand er jetzt, angestrengt

auf ein leises Kratzen am Wellblech horchend. Andererseits bezweifelte

er, dass es als Waffe viel taugte. Um einem Angreifer die Klinge ins Fleisch

zu stoßen, musste man ihn auf Armeslänge an sich heranlassen; eine

Distanz, die Tobey entschieden zu gering war.

Als das Wasser kochte, machte er sich einen Becher Fertignudeln und

eine Tasse Pulverkaffee. Das Kratzgeräusch war nicht mehr zu hören, jetzt

summte ein dicker Käfer durch die Halle und stieß ab und zu gegen eine

Wand. Tobey verschlang die Nudeln mit Heißhunger,

danach trank er den Kaffee und aß einen Keks aus einer Packung,

auf der ein chinesischer Drachen abgebildet war. Er setzte sich auf die Tischplatte,

zog die Schuhe aus und stellte sie ans Fußende, Geschichten von Skorpionen im Kopf,

die sich nachts eine Bleibe für den Tag suchten. Hemd und Hose rollte

er zusammen und benutzte das Bündel als Kissen. Der Käfer, ein kleiner

schwarzer Hubschrauber,

surrte über ihm. Vielleicht suchte er das Loch

im Dach, den Weg hinaus ins Offene, wo jetzt ein Wind zu wehen begann.

Er war müde, aber schlafen konnte er nicht. Die Männer, in deren Boot

er gekommen war, hatten ihn in radebrecherischem Englisch vor der Insel

gewarnt. Einer hatte von Lichtern erzählt, die in manchen

Nächten zu sehen waren, von Schmugglern, islamischen Extremisten

und Piraten.

Der Älteste der drei hatte gar nichts gesagt. Er hatte schwarzes Kraut in

gerolltem Zeitungspapier geraucht und Tobey nur angesehen, wie man

jemanden ansieht, der verloren ist und es weiß und nichts gegen sein

drohendes Ende unternimmt.

Tobey setzte sich auf und schaltete die Taschenlampe ein, deren Licht

innerhalb von Sekunden hunderte kleiner Mücken anzog. Es war still im

Schuppen, der Käfer war fort oder ruhte sich irgendwo aus. Tobey erwog,

das Moskitonetz aufzuhängen, aber die Balken verliefen hoch oben, und

er hatte vergessen, Schnur mitzunehmen. Der Alte fiel ihm wieder ein.

Bestimmt bedachte er jeden, der leichtsinnig genug war, an Deck seines

Bootes zu kommen, mit diesem Blick, in dem verschlagene Weisheit

lag, und, ein Blinzeln später, dumpfe Beschränktheit. Die Tatsache, dass

der Mann immer wieder und ohne ersichtlichen Grund grinste oder die

Hände verwarf und vor sich hin murmelte, als würde er beten, mit seinem

schäbigen Kahn nicht abzusaufen, legte sogar die Vermutung nahe, er sei

verrückt oder ein Trinker oder beides. Vielleicht hatten die Männer ihn

nur einschüchtern wollen; sie verstanden nicht, was ein bleicher europäischer

Jüngling hier verloren hatte, hunderte Kilometer von Manila

und dem nächsten annehmbaren Hotel entfernt. Sie hatten gestaunt und

gescherzt über ihren seltsamen Passagier, sich möglicherweise wirklich

um sein Wohlergehen gesorgt, aber sein Geld für die Überfahrt

hatten sie´trotzdem genommen, und auch den Vorschuss dafür, dass sie ihn in drei

Tagen wieder abholten.

Tobey schlüpfte in die Schuhe, kramte die Zahnbürste aus dem Koffer

und putzte sich die Zähne. Mit einem halben Becher spülte er den Mund

aus, das restliche Wasser aus dem Topf trank er, obwohl es noch lauwarm

war. Plötzlich hörte er Stimmen, und für Sekunden setzte sein Herz aus.

Er atmete nicht, bewegte sich nicht, dann erst wurde er sich des Lichtscheins

bewusst, in dem er saß, und machte die Taschenlampe aus. Zwei

Männerstimmen, die Tagalog sprachen, drangen durch die Blechwände.

Einer der Männer rief seine Sätze in hohen, melodischen Tönen, fast

singend, der andere brummte gelegentlich zurück, tief und lustlos. Tobey

rührte sich noch immer nicht. Der Puls hämmerte so laut in seinem

Kopf, dass er überzeugt war, man könne die Schläge hören in den kurzen

Augenblicken der Stille, wenn keiner der beiden Männer etwas sagte und

das Geräusch ihrer Schritte vom weichen Boden geschluckt wurde. Er

suchte die Bodenbretter nach der Eisenstange ab, über die er vor einer

Weile gestolpert war und die ihm als Waffe tauglich schien, tauglicher

jedenfalls als ein Messer. Die hohe Stimme drang ein paar Meter entfernt

durch das Blech, das Brummen war noch näher, klang noch gelangweilter.

Die beiden Männer bewegten sich an der Außenwand entlang, gemächlich,

während die Insekten schwiegen und die Bäume ihr Rauschen unterbrochen

hatten und die Ruhe vollkommen war, gestört nur vom Plappern

des Mannes, der möglicherweise ein halbes Kind war, der Sohn des

Brummenden. Vater und Sohn, dachte Tobey erleichtert eine Sekunde

lang, blieb jedoch sitzen und starrte auf die armlange Eisenstange, die

wenige Schritte vor ihm lag, vierkantig, schwarz gestrichen, wirklich gefährlich

aber nur in der Hand von jemandem, der nicht zögerte, einen

Schädel damit einzuschlagen.

Irgendwann waren die Stimmen verschwunden. Nach einer Weile setzte

das Knarzen und Zirpen der Insekten wieder ein, der Käfer hob zu einem

neuen Flug an und pochte gegen die Blechwand. Tobey saß minutenlang

still, dann schlich er zum Fenster, hob die Eisenstange´auf und sah hinaus

in die Nacht. Von den beiden Männern war nichts mehr zu hören, die

Geräusche der Natur erfüllten die Luft. Winzige Fliegen umschwirrten

Tobeys Gesicht, eine flog in seinen Mund und er spuckte sie aus, schüttelte

den Kopf. Er kletterte ins Freie, stand einige Atemzüge lang an

die Wand gepresst da, horchte und wartete, bis sich seine Augen an

die Dunkelheit gewöhnt hatten. Einmal um den Schuppen herumgehen

würde ihn beruhigen, redete er sich ein und ging los.

Die letzten Vögel hatten ihr Rufen aufgegeben; nur das metallische,

leicht an- und abschwellende Sirren der Zikaden und Grillen war noch

zu hören und, wie das Echo eines einzigen Lautes, Froschquaken aus

einem Tümpel irgendwo zwischen den Bäumen. Das Gebäude zu umrunden

schien ewig zu dauern, das langsame Gehen mit angespannten

Muskeln anstrengender, als wenn er gerannt wäre. Neben dem Fenster,

aus dem er geklettert war, setzte er sich auf einen Baumstrunk und zog

das T-Shirt aus. Er dachte an die gewaltigen

Sommerregen zu Hause und daran, wie sein Vater, mit dem museumsreifen

Traktor auf einem halbgemähten

Feld stehend, die jähen Wetterumschwünge verflucht hatte.

Er versuchte, sich an den ersten Schnee seines Lebens und eine Motorradfahrt

in durchnässten Kleidern zu erinnern, aber es gelang ihm nicht.

Fledermäuse glitten vorbei; ihr Flügelschlag war leiser als das Geräusch

der Fächer und Zeitungen, mit denen die Frauen in Manilas öffentlichen

Bussen wedelten.

Es war still und von den Männern nichts mehr zu hören. Tobey schätzte

die Zeit auf Mitternacht. Obwohl er in allen Gliedern heftige Müdigkeit

spürte, erhob er sich. Es kostete ihn seine letzte Kraft, die Metallstange

aufzuheben, zurück zum Schuppen zu gehen und durch das Fenster zu

klettern. Er tastete sich zur Werkbank und legte sich hin. Nach einer

Weile vernahm er das Surren des Käfers und war froh, nicht alleine zu

sein.

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