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Berlin ohne Juden
(Leseprobe aus: Berlin ohne Juden,
Roman, 1925/1998, Weidle
Verlag)
Die jüdische Bevölkerung entwickelte jetzt eine fieberhafte Tätigkeit. Verständlich,
daß alles in Berlin zusammenströmte. Die Zeitungen mit Verkaufsinseraten aus
dem ganzen Reich erschienen im Umfang von dreißig bis fünfzig Seiten. Man
konnte alles, was schwer mitzunehmen war, vor allem also Häuser, Möbel,
Gardinen, Teppiche, Kronen, Porzellane, Bilder, Bücher, Wagen, Geräte, Pferde,
Haustiere, Weine, Konserven und anderes mehr zu lächerlichen Preisen kaufen.
Die christliche Bevölkerung kaufte sich satt. Die Leute verkauften ihre Papiere
und hoben von den städtischen Kassen ihre Ersparnisse ab. Die Billigkeit reizte
und die Freude, den Juden, von denen sie sich sonst übervorteilt glaubten, nun
ihrerseits für das, was sie ihnen abkauften, Preise vorzuschreiben, die bis zur
Hälfte, oft bis zu einem Zehntel hinter dem wirklichen Wert zurückblieben. Natürlich,
sie überkauften sich, und als die Juden raus waren, fehlte ihnen das Geld für
das Nötigste. Meist wußten sie gar nichts mit dem Geramschten anzufangen. Was
sollte man mit einer Villa vor den Toren Berlins anfangen, wenn man Mühe hatte,
seine teuere Wohnung in der Stadt zu halten, was mit einem Auto, wenn man sich
das Geld für Chauffeur und Benzin vom Munde absparte, was mit echten Persern in
Größen von 6 x 5 und 5 x 4, wenn die Zimmer nur 4 x 3 und 3 x 2 groß waren,
was mit Handfiletgardinen für 24 Fenster, wenn man nebbich - ach, man brauchte
jetzt so gern die jüdischen Worte! - nur fünf Fenster Front hatte. Die Kronen
paßten nicht zu den Möbeln, die Bilder nicht zu den Tapeten, und in den bei
der Eile natürlich im ganzen gekauften Bibliotheken fand man statt der
gesuchten Rudolfe (Herzog und Stratz) Juden, wie Wassermann, Hirschfeld und
Georg Hermann, ja, manchmal stieß man sogar auf Bücher in hebräischer
Sprache, vor denen man sich bekreuzigte, sofern man nicht in Krämpfe fiel.
Alles das aber bemerkte man leider erst, als der große Taumel sich legte und
die Juden schon draußen waren. Sonst hätte man sie gewiß des Wuchers
bezichtigt und sie gezwungen, die Geschäfte rückgängig zu machen.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Weidle