aus: Ein einziges Leben
Mitte November 1941 treffen in
Minsk die ersten Züge mit Juden aus dem Altreich ein. Insgesamt sind 25000 deutsche Juden
für Minsk vorgesehen, im Laufe der nächsten Wochen kommen ungefähr 7000 an - aus
Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Bremen, Berlin, Wien und Brünn. Um Platz zu schaffen,
werden von der SS über 6600 der sich im Minsker Ghetto befindenden weißruthenischen und
polnischen Juden erschossen.
K., neugierig auf die Neuankömmlinge, will das Ghetto der deutschen Juden besichtigen.
Ende November findet ein Besuch unter Begleitung von SS-Offizieren statt. Anwesend:
SS-Brigadeführer Zenner, General der Polizei Herf und einige politische Leiter. Der
jüdische Anwalt Dr. F. aus Hamburg, kurz nach seinem Ankommen von der SS zum
"Judenältesten" ernannt, übernimmt die Führung durch das Ghetto. Im Gegensatz
zu SS-Brigadeführer Zenner [klein und dick, mit ostischem Schädel, zum Saufen und
Schlagen neigend] macht Dr. F. trotz der ungünstigen Umstände einen äußerst günstigen
Eindruck. Im Laufe des Gesprächs erwähnt er, daß es unter den Deportierten Leute gebe,
deren Brüder im Felde stehen. K. regt sich über diese Ungerechtigkeit auf, erklärt,
dies sofort dem Führer melden zu wollen. Er verlangt von Dr. F. eine namentliche Liste
der betroffenen Personen. Im Berliner Teil des Ghettos sieht K. zwei seiner Ansicht nach
arisch aussehende Mädchen. Er hält diese an, stellt ihnen Fragen, läßt ihre
Personalien feststellen.
Nach diesem Besuch ist K. seltsam berührt. In den nächsten Wochen verlangt er verschiedene Auskünfte vom jüdischen "Ältestenrat" des Ghettos: Listen von Kriegsteilnehmern, Kriegsrentenempfängern, Kriegsausgezeichneten, ehemaligen Offizieren, Freikorpskämpfern, Beamten, Pensionären, Rentenempfängern, Friedensausgezeichneten, Mischlingen ersten Grades, Mischlingen zweiten Grades. K. stellt eine Liste unberechtigt umgesiedelter Personen aus dem Reich zusammen, leitet diese an SS-Obergruppenführer Heydrich in Berlin weiter. Auf diesen Listen fällt K. ein Name auf: Dr. Karl L. aus Berlin, nach eigenen Angaben Kriegs- und Friedensausgezeichneter, ehemaliger Marineoffizier und Halbjude evangelischen Glaubens. K. glaubt in ihm nicht nur einen Kommilitonen aus der schönen Zeit an der Berliner Universität wiederzuerkennen, sondern auch einen Verwandten: K.'s Schwager Friedrich Li. ist mit einer Namensgleichen aus derselben Gegend verheiratet, der Tänzerin aus Paderborn. Bei der nächsten Ghettobesichtigung bestellt K. ihn zu sich. L., von der SS als Leiter der jüdischen Ghettopolizei eingestellt, ist kultiviert, höflich, überkorrekt, stramm militärisch, das heißt kerndeutsch. K. verspricht, ihn aus Minsk herauszuholen. (...)
Auf Wunsch K.'s werden die Wohnviertel der deutschen Juden, das "Sonderghetto", von denen der weißruthenischen und polnischen Juden durch Stacheldraht abgetrennt. (...)
Trotz der besonderen Fürsorge K.'s bleibt die Verpflegung im Sonderghetto außerordentlich schlecht. Unter den ungefähr 7000 reichsdeutschen Juden, die sich im Januar 1942 im Sonderghetto befinden, sind 1800 Männer im arbeitsfähigen Alter. Weit über die Hälfte dieser Männer sind aber infolge von Unterernährung und schlechter Unterbringung nicht einsatzfähig. Hauptsächlich auftretende Krankheiten: 370 Fälle von Hungerruhr, 102 Erfrierungen, 135 eitrige Wunden, 20 Bindehautentzündungen, 25 Lungenentzündungen, 63 Grippe- und rheumatische Erkrankungen, 30 Blasenkatarrhe. (...)
K., der sich immer noch als Humanist versteht, will das Kulturleben des ihm anvertrauten weißruthenischen Volkes beleben. Da das größte Theater Minsks während der Kampfhandlungen zerstört wurde, gründet K. in einem anderen Gebäude ein neues Stadttheater. Hier wird sowohl für Deutsche als auch für Einheimische gespielt (Betonung auf nationalistischen bzw. antibolschewistischen und antisemitischen Stücken). Da es vorerst kein ständiges deutsches Ensemble gibt, ist K. auf Gastspiele angewiesen. 1942 gastiert das Stadttheater Landsberg an der Warte drei Monate lang im Minsker Stadttheater. Gespielt wird u. a. das bekannte gotische Trauerspiel "Totila".
Weringhard:
Und glüht und zuckt in dir nicht heischend alles,
Mein blondes Schwesterlein im Arm zu halten?
Eines Tages fällt K. eine weissruthenische Ärztin durch ihre Schönheit auf. Es gelingt ihm aber nicht, die Personalien festzustellen. Er beruft deswegen einen weißruthenischen Ärztetag in Minsk ein, auf dem er selbst eine Ansprache hält. Auf dem Ärztetag entdeckt K. die von ihm gesuchte Weißruthenin. Sein Adjutant erhält den Auftrag, die Ärztin zu fotografieren und ihre Personalien zu ermitteln. Am nächsten Tag wird sie zum Leiter des einheimischen Selbsthilfewerkes, Dr. E., bestellt. Dr. E. eröffnet ihr, sie werde vom Generalkommissar als seine Hausgehilfin angefordert. Die Ärztin weigert sich, dieser Aufforderung nachzukommen. Dr. E.: Man müsse für die weißruthenische Sache Opfer bringen. Die Ärztin bleibt bei ihrer Weigerung. Dr. E. stellt ihr polizeiliche Maßnahmen in Aussicht. Daraufhin erklärt sie sich bereit, die ihr angebotene Stelle anzunehmen.
K. will auch eine "Weißruthenische wissenschaftliche Gesellschaft" gründen. Da dies jedoch wenig Anklang bei seinen Vorgesetzten findet, muß er sein Vorhaben zunächst verschieben. K. selbst interessiert sich für die Schnurkeramiker (Ur-Indogermanen), beteiligt sich an der Ausgrabung von Hügelgräbern. Als Archäologen unterstützen ihn reichsdeutsche Juden.
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