das lied des pechvogels von Stephan Lackner, 2017, Südverlag, mit einem Nachwort von Manfred BoschStephan Lackner

das lied des pechvogels
(Leseprobe aus: Das Lied des Pechvogels, Novelle, 2017, Südverlag, mit einem Nachwort von Manfred Bosch).

[…] Über einem delikaten Nachtmahl im Carlton wurde er gesprächiger, und um zwei Uhr früh kannte sie bereits seine Lebensgeschichte.

»[…] Ich war das, was man irrtümlicherweise ein verspieltes Kind nennt, das heißt, ich nahm andere Dinge ernst als die Erwachsenen, Spiegelungen, bunter Schein brannten mich bis zur Verlorenheit.

Im Zweifelsfalle konnte man mich immer im obersten Stock auf einer abgelegenen Veranda finden. Das Anziehende dieses Gerümpelortes bestand lediglich in vier farbigen Scheiben, durch welche man Gärten und Nachbargebäude betrachten konnte. Eine der Scheiben war rubinrot, und wenn ich mich dort hindurch in die Aussicht vertiefte, lebte ich plötzlich in einem blutigen Morgenland, in welchem fanatische Heerhaufen durch Wüstenbrand zogen. Ein prächtiges grünes Glas daneben ließ selbst den dürrsten Strauch frühlingshaft schwellend erscheinen, ein gelbes gab eine lastende, allzu reiche Erntestimmung, und die blaue Welt war so todtraurig wie der Hades mit seinen wispernden Schatten zwischen erstorbenen Pappelbäumen.

Noch heute, wenn ich Stücke wie die ›Symphonie phantastique‹ von Berlioz oder ›Pastorale‹ höre, sehe ich verschiedene Sätze durch farbige Gläser. Es wurde mir nie klar, warum ich als nutzloser Trödler beschimpft wurde, wenn man mich da oben entdeckte: mein Geist arbeitete mehr Probleme vor diesen Scheiben aus als in der Schule. Aber mit der Zeit erreichte man es, daß ich mich mit schlechtem Gewissen in meine Glasveranda stahl.

Auch im Akustischen hing ich ständig solchen Eindrücken nach, die nichts mit dem soliden Alltag zu tun hatten. In einer Grotte oder am Waldrand konnte mich ein Widerhall stundenlang fesseln, ich überlegte dann wohl, was das dort ansässige Echo rief, wenn ich nicht da war. Ich wurde so empfindlich für Klangspiegelungen, daß ich in den Korridoren der Schule alle Schüler gespiegelt die Decke entlangtraben hörte; und wenn wir gar zu einer Feier in die Aula geführt wurden, achtete ich nur auf die Schallgebilde, die kopfüber kopfunter durch die Wölbung schwebten, und der Sinn der besten Direktorsrede blieb mir darüber verschlossen. In Italien, wo ich mit meiner Mutter reiste, beeindruckten mich Kirchen und Wandelhallen hauptsächlich wegen der klirrenden, scharrenden, scheppernden Geräusche über mir, die mir eine Geisterwelt verkörperten.

Ich war immer total untüchtig, weil ich den schlechthin Tüchtigen vor mir sah, meinen Großvater, und ich wußte von vornherein, so wie er konnte ich nie werden. Trotzdem, solang dieser prachtvolle Mann lebte, hatte ich einen gewissen Schutz für meine schlampige Eigenart. Das erste Quartett, das ich komponierte, wurde sofort durch erstklassige Kräfte in einem Privatkonzert bei uns aufgeführt, und obgleich es ein verblasenes, epigonales Werk war, brachte der Großvater es fertig, daß eine kleine Besprechung dieser Uraufführung in die ›Frankfurter Zeitung‹ kam. Die übrige Familie empfand mein unaufhörliches, zögerndes Geklimper auf dem Flügel als Belästigung und Zeitverschwendung, aber ich hatte die Autorität des Alten hinter mir. Ich bekam private Kompositionsstunden, und ich dachte schon, es sei selbstverständlich, daß ich nach Absolvierung des Gymnasiums ins Hochsche Konservatorium eintreten werde. Als dieser Moment heranrückte, nahm mich mein Vater beiseite und zählte mir auf, wieviel hundert erfolglose Komponisten allein in einer Stadt wie Frankfurt herumliefen. Er stellte mir durchaus berechtigterweise vor Augen, daß höchstens zehn Tonsetzer in jedem Jahrhundert wirklich bleibende Werke schufen – er mußte das wohl in seiner Bedrängnis gerade in einem Lexikon nachgelesen haben – und er versicherte mir, daß ich nicht der Mann dazu sei, mich in so eine exklusive, illustre Schar einzuschwindeln.

Die Motive seiner Predigt waren kleinlich und falsch, aber seine Argumente hatten Hand und Fuß, ich versprach, ich werde mir alles noch einmal überlegen, bevor ich mich zur Aufnahmeprüfung meldete. Ich hatte dann eine Aussprache mit Großpapa, dem ich in nüchternem Ton die Gegengründe meines Vaters vortrug, als ob sie auf meinem eigenen Mist gewachsen seien.

Der alte Herr lachte polternd, ich könnte ja sonst nichts, ich solle also ruhig das tun, was mir Spaß machte. Am nächsten Tag sagte ich zu Vater, ich werde vielleicht ein schlechter Komponist werden, aber das sei mir lieber als ein schlechter Bankbeamter zu werden. Für meinen Vater war ich damit erledigt. Als ich bei der Aufnahmeprüfung für die Kompositionsklasse durchfiel, schnaubte er nur verächtlich durch die Nase, wogegen mein Großvater durchsetzte, daß ich wenigstens in die Fagottklasse aufgenommen wurde und im Nebenfach Komposition studierte.

Ich wurde dann übrigens mit der Zeit doch ein Meisterschüler.

Ja, ich habe meinem Großvater allerhand zu danken, und umso schmerzlicher ist es mir, daß ich diesem vorbildlichen Patrizier in seinen letzten Lebenstagen einen Kummer bereiten mußte, den er nicht mehr verwinden konnte. […]«

 

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