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Auf Lesetour nach St. Bad Irgendwo
(Leseprobe aus: Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart,
Kolumnen, 2008, S. Fischer
TB).
Erst Fototermin mit Waisenkindern, dann im Bett mit der
Zielgruppe
September 2006
Liebe Brieffreunde, wenn euch diese Zeilen erreichen,
bereite ich mich gerade auf meine erste große Tournee vor.
Es ist eine Lesetour, was im Wesentlichen bedeutet, dass
ich durch Deutschland gurken und aus einem Büchlein vorlesen
werde. Es scheint da einen Markt für zu geben, was
ich an dieser Stelle aus sehr persönlichen Gründen ausdrücklich
begrüßen möchte. Eine kürzere Lesetour durfte
ich bereits vor einigen Monaten absolvieren. Daher sei an
dieser Stelle allen Menschen, die sich mit dem Gedanken
tragen, selbst einmal mit irgendwas auf Darbietungsreise zu
gehen, gesagt: Alles, was an furchteinflößenden Klischees
über Tourneen verbreitet wird, stimmt.
In der Regel wacht man morgens übernächtigt auf und
fragt sich, in welcher Stadt man ist. Wenn der Blick aus dem
Hotelzimmerfenster keinen erkenntnisfördernden Eiffelturm
o. ä. bereithält, ist davon auszugehen, dass man sich
entweder in Chemnitz, Bielefeld oder in St. Bad Irgendwo
befi ndet. Aus Verzweifl ung über diese Desorientierung
sucht man erst mal nach der Drogendose. Frustriert bemerkt
man entsetzliche Knappheit in selbiger und wirft sie
vor lauter Wut aus dem Fenster. Unten auf der Straße stehen
immer noch die drei Mittfünfziger, die schon die ganze
Nacht hindurch gekreischt und »Sarah, Sarah« geschrien
haben. Einer wird von der Drogendose am Kopf getroffen
und fällt in ein Koma, was den Rest der Tournee in Form
wenig positiver Negativpresse begleiten wird. Die anderen
beiden Mittfünfziger schreien weiter. Nach diesem Vorfall:
Frühstück mit der Crew. Wie man sich denken kann, reise
ich mit einem Riesenteam, bestehend aus 45 Lichtroadies,
87 Sounddesignern, zwei Sachen-an-die-Wand-Projizierern
und einem schrulligen Stagedesigner, der meine Bühnenaufbauten
jeden Abend tagesaktuell an die jeweilige Stadt
anpasst. Hinzu kommen die diversen Assistenten und
Praktikanten der Lichtroadies und Sounddesigner. Ich
kenne alle mit Namen und mache – ähnlich wie Madonna
in »In Bed with selbiger« – knuffige kleine Scherze mit
ihnen. Ständig sitzen irgendwelche Bühnentänzer bei mir
auf dem Schoß rum, zu denen ich in während der Tournee
mitgedrehten Dokus ständig »Darling« o. ä. sage. Richtig,
ich vergaß zu erwähnen: Ich habe auch etliche Bühnentänzer,
und natürlich dreht Sönke Wortmann einen Film
über das Ganze, der mich auch in weniger vorteilhaften
Momenten zeigt. Das ist mir und Sönke wichtig. Kritiker
werden natürlich schimpfen, dass auch diese Authentizität
nur eine weitere Form der Inszenierung sei, aber das ist mir
egal. Es gibt Wichtigeres zu tun; die Drogendose muss neu
aufgefüllt werden.
Es geht weiter in die nächste Stadt. Ich trage mich
erst mal im dortigen Rathaus unter Blitzlichtgewitter ins
Goldene Buch ein und besuche anschließend ein Waisenhaus.
Beim Fototermin mit den Waisenkindern sage ich
wieder zu einem meiner Tänzer »Darling«. Auf der Toilette
des Waisenhauses kommt es endlich zum langersehnten
Kontakt mit meinem Drogenlieferanten. Die Qualität ist
sehr gut, die Show am Abend wird fantastisch. Spontan
stelle ich das Programm um und lese Teile der Hausordnung
vor, der Saal tobt. Nach dem Auftritt: Katerstimmung.
In einen Nerzmantel eingewickelt sitze ich im Backstage
Raum und komme von den unzähligen Drogen runter. Jetzt
hilft nur noch schnelles, brutales Petting mit viel zu jungen
Groupies. Ich nehme zwei Zwölfjährige – meine Kernzielgruppe
– mit ins Hotel, verliere sie aber beim von mir initiierten
Aufzug-Wettfahren. Ich schaue noch eine Dokumentation
über eine Lachsfarm in Stralsund, schreibe noch
einen kurzen depressiven Herbsttext und falle trotz des
Gejammers der beiden 12-Jährigen unter meinem Fenster
in einen albtraumreichen Schlaf. So läuft das auf Tourneen.
Anthony Kiedis hat mal zu mir gesagt: Irgendwann nach
den Drogen, dem Sex und all dem anderen Irrsinn wird’s
besser. Dann geht es nur noch um das eine, Wesentliche.
Um blöde Tätowierungen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © S. Fischer Verlag