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Etwas Kleines gut versiegeln
(Leseprobe aus:
Etwas Kleines gut
versiegeln, Roman, 2009, Wallstein-Verlag).
Warum dreht sich die Erde einmal pro Tag?
Ich hatte kalte Füße und nichts zu verlieren. Die Stewardess stellte einen Plastikbecher mit Rotwein vor mir ab. Auf den Tragflächen lagen Eiskristalle und verliehen meinem wuchtigen Kokon etwas Fragiles.
Die Wolken färbten sich lila, gleichzeitig mit meinen Lippen. Der Rotwein legte sich pelzig über meine Zunge. Ich hielt den ersten Schluck geraume Zeit am Gaumen. Er schien sich auf diese Art zu verdichten. Als ich ihn hinunterschluckte, hatte er nichts Flüssiges mehr, er rutschte mir durch die Kehle wie etwas, das ich eigentlich hätte zerkauen müssen. Ich schloss die Augen. Ich sah B. Er lachte mich an, hatte Lippenstift an den Zähnen. Immer wenn ich die Augen schloss, sah ich B, als wäre er mir in die Innenseite der Lider tätowiert. Es knackte leise, bevor die Stimme des Piloten aus dem Lautsprecher drang, auf die Einfuhr von Drogen in Kuala Lumpur stehe die Todesstrafe. Erst mit Verspätung begriff ich, dass auch ich gemeint sein könnte. Das Gramm Kokain, das ich seit Monaten in der Hosentasche mit mir herumtrug, war für mich zu einem Fossil geworden, erinnerte mich eher an einen winzigen versteinerten Seeigel als an illegale Substanzen. Ich warf es auf den Boden. Der Engländer neben mir wurde blass, aber das lag sicher nur daran, dass wir an Höhe verloren. Ich hatte mein Buch an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen: »
Lebt die Freiheit? «, las ich dem Engländer vor, es nützte nichts.»Wo kann man denn hier rauchen, bitte?« Eine Dame in knallroter Uniform schaute mich missbilligend an und winkte vage den langen Gang hinunter. Ich irrte eine halbe Stunde durch den Flughafen von Kuala Lumpur, bis ich eine kleine Glasbox fand, aus deren Ritzen Qualm drang. Ich öffnete die Einstiegsluke und tauchte ab. Wir standen uns gegenseitig auf den Füßen, nestelten an Streichhölzern und Feuerzeugen, ich wurde 26, Sudden Smith in meiner Hosentasche 14.
»Herzlichen Glückwunsch!«, flüsterte ich und streichelte seinen kleinen Holzkopf.
»Herzlichen Glückwunsch!«, flüsterte Sudden Smith zurück.
Trotz allem wurde ich ein bisschen blass vor Freude, grinste die Nebelgestalten im Kubus an, schmeckte selbst mein Husten rein und neu.
»Ein Dorf mit Ureinwohnern wurde für den Bau des Flughafens umgesiedelt«, raunte Sudden Smith. »85 Familien der Orang-Asli. Orang bedeutet Mensch, Asli bedeutet –«
»Wir gehen ja gleich«, seufzte ich.
Ich pulte die Verpackung von meinem Huhn, während der Engländer
sich abgestorbene Hautreste von den Füßen kletzelte. Ich hatte gehofft, er würde
in Kuala Lumpur
aussteigen.
Preset von Console tröpfelte federleicht in meine Ohren, während die Wolken unter meinen Augen glühten.
Der Engländer tippte mir mit spitzen Fingern auf die Schultern. Ich drehte mich um und beobachtete seine vehementen Mundbewegungen. Auch die Haut in seinem Gesicht schälte sich. Er musste im Solarium gewesen sein, um sich auf die Sonne Australiens vorzubereiten.
Das Ergebnis war traurig. Es brauchte zur Zeit nicht viel, um mich traurig zu machen, aber dieser müde Hautzipfel, der ihm am Mundwinkel hing, brach mir fast das Herz. Ich musste mich beherrschen, nicht daran zu zupfen. Widerwillig nahm ich die Kopfhörer ab.
»I know some German words«, grinste er. Der Hautfetzen an seinem Mund zitterte. »Heil Hitler, Komposthaufen, Autobahn, Bier, Ich liebe dich!«, ratterte er stolz herunter.
Ob er sich darauf die letzten 14 Stunden vorbereitet hatte?
»Interessante Mischung«, knirschte ich. »I know some English words: Baked Beans, Beer and Motherfucker.«
Den Rest des Fluges sprachen wir nicht mehr miteinander.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Wallstein Verlag