Fitzgerald
Kusz
Abschalten im
persönlichen Naherholungsgebiet
(Beitrag für die Nürnberger Nachrichten.
Erschienen am 15.8.2006)
Abschalten im persönlichen Naherholungsgebiet
Am Dutzendteich lässt der Nürnberger Mundartdichter Fitzgerald Kusz seinen
Gedanken freien Lauf
Der Sommer in Nürnberg hat seine
Reize. Auch wenn viele in den „Großen Ferien“ verreisen — es lässt sich
auch in der Stadt aushalten. In unserer Serie stellen Nürnberger ihre
Lieblingsorte vor, diesmal der Mundartdichter Fitzgerald Kusz.
„Stücke schreibt man nur mit den Füßen“. Diese Maxime Heiner Müllers
habe ich mir mehr und mehr zueigen gemacht. Immer wenn ich bei einem Stück
nicht mehr weiter weiß, mache ich mich auf die Socken und gehe spazieren.
Meistens stecke ich auch ein Notizbuch ein. Mein bevorzugter Spazierweg führt
mich zum Dutzendteich, den ich in weniger als fünf Minuten erreichen kann. Dort
kann ich dann, unbehindert von Autos und Ampeln, meinen Gedanken freien Lauf
lassen.
Eine Zeit lang versuche ich erst einmal an nichts zu denken. Das ist gar nicht
so einfach. Manchmal kann dieser Prozess eine halbe Stunde dauern, dann gehe ich
den langen Weg, der vom Großen Dutzendteich um den Silbersee herum und am
Kleinen Dutzendteich vorbei wieder zum Großen Dutzendteich führt. Die zündende
Idee stellt sich manchmal erst ein, wenn ich die Bayernstraße überquere und
mich wieder auf den Heimweg begebe. Neben diesen „Arbeitsspaziergängen“
gibt es auch die nicht zielgerichteten, zweckfreien Spaziergänge aus reinem Spaß
an der Freud’. Und gerade dann, wenn ich einmal kein Papier dabei habe, stellt
sich plötzlich ein Gedicht ein. So wie dieses:
„erleuchtung
iich gäih immä widdä zum see hii
dassi des glidzern affm wassä siich
wenn di sunnä durch di wolgn
schbidzd
und des glidzdern nehmi dann
ganz vuäsichdi
in meim kubf mid hamm
obbä wenni widdä
an meim schreibdisch hock
is fasd nix meä dävoo dou
blouß ä fünklä
des langd mä“
Meistens bleibt mir dann nichts anderes übrig, als das Gedicht, das mir während
des Gehens eingefallen ist, auswendig zu lernen. Der Weg ist ja lang genug. Am
schönsten ist der Dutzendteich an einem Sommermorgen, wenn die Sonne noch nicht
ihre volle Kraft entfaltet. Dann liegt ein milchiger Glanz über dem Wasser, der
den ganzen See verzaubert. Der Tretboot-Schwan, den man am Bootsverleih mieten
kann, liegt noch vertäut am Steg und spiegelt sich im Wasser. Vielleicht
schwimmt auch noch eine richtige Schwanenfamilie vorbei, hinter sich Striche im
Wasser hinterlassend, die nach einer Weile verschwinden:
„dem schtrich den ä schwoon
bamm schwimmä im wassä machd
su lang nouchschauä
bissä widdä väschwind“
Gott sei Dank sind um diese Zeit noch keine Roller-Blade-Fahrer unterwegs, die
an einem vorbeizischen, und die „nordic walker“, die mehr mit ihren Stöcken
als mit der sie umgebenden Landschaft beschäftigt sind, sind auch noch recht
selten. An den einen oder anderen einsamen Jogger, der seinen morgendlichen
Sauerstoffkick braucht, hat man sich ja inzwischen gewöhnt. Der Dutzendteich
ist mein „Naherholungsgebiet“, hier kann ich wunderbar abschalten, damit ich
die „Fabrik im Kopf“ (Heinrich
Böll) wieder anschalten kann:
„dou woui bin binni fei gern
blouß dodd saa moui
sunsd binni ja nu do“
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F.K.