Kabbala von Lawrence Kushner, 2006, Pendo

Lawrence Kushner

Kabbala
(Leseprobe aus: Kabbala, Roman, 2006, Pendo)

1
Manhattan

An jenem Septembertag erschien das Licht in Gestalt der
ersten orangeroten Sonnenstrahlen einer Morgendämmerung
über dem East River. Mit Leichtigkeit überstrahlte es die große,
rote Leuchtreklame der Tower Records und zeichnete die Umrisse
der Zeitungsblätter nach, die der Wind über die leeren
Gehwege des Broadway trieb. Es prallte von den Fenstern des
gegenüberliegenden Gebäudes ab und durchflutete Kalmans
Büro. Und einen Augenblick lang war überall Licht. Und alles
war Licht.
Kalman öffnete die Tür und blinzelte in die Helligkeit.
Stolz – wenn auch etwas außer Atem – registrierte er, dass er die
drei Stockwerke über die Fluchttreppe auch mit sechsundvierzig
noch mühelos bewältigte. Er stellte den Kaffeebecher auf dem
Tisch ab, hängte seinen Parka über die Stuhllehne und fing an,
seine Tasche auszupacken – Unterrichtsnotizen, Bücher, einen
Ordner mit den benoteten Hausarbeiten der letzten Woche. Als
Letztes zog er das Klebeband von einer gepolsterten Versandtasche
ab, die ein sehr altes Exemplar des Sohar* enthielt. Kalman
hatte dieses wichtigste Buch der Kabbala vor Jahrzehnten
* siehe Glossar S. 194
aus Israel mitgebracht; der Aufseher einer kleinen, abgelegenen
Synagoge hatte es ihm gegeben.
»Hier«, hatte der alte Mann gesagt, »nehmen Sie es – Ihr
Name steht darauf.«
Also hatte er es genommen. Seither benutzte er es als Unterrichtsrequisit,
als Hilfsmittel für seine Seminare über Mystik.
Wie hätte er ahnen können, dass nach all den Jahren der Rückendeckel
des Buches spröde werden, sich in seine Bestandteile
auflösen und eine neue Seite hervorbringen würde? Aber so ist es
bei allen guten Büchern: Genau dann, wenn man glaubt, man
habe alle Wörter gelesen, zerfällt einem das verdammte Ding unter
den Händen, und man muss wieder ganz von vorne anfangen.
Der Ledereinband war schon längst abhanden gekommen;
nur das Vorsatzpapier hatte die Kontinente und Jahrhunderte
überdauert. Am Buchblock war nur die Heftung übrig. Der Rückendeckel
war in noch schlechterem Zustand – ein Sandwich
aus mehreren Schichten, die kaum mehr miteinander verbunden
waren. Das extreme New Yorker Klima hatte auch den Restbeständen
des Leims ordentlich zugesetzt. Dem Buch war in der
Tat nur noch so wenig Substanz geblieben, dass es dem Element
Luft näher schien als dem festen Zustand, wie ein mit Helium
gefüllter Luftballon, der jeden Moment davonzufliegen droht.
Das Papier hatte einen bläulichen Farbton angenommen und
war so weich, dass es sich wie Stoff anfühlte; auf den Rändern
und einem Großteil des Bundstegs hatten Buchwürmer sich
mit ihren Stickmustern verewigt. Viele Seiten waren mit handschriftlichen
Randnotizen versehen. Auf der Titelseite standen
Eigennamen oder Bibelverse als poetische Anspielungen auf die
Namen von Generationen von Besitzern. Und am unteren Ende
stand ein Vers aus dem Buch Hiob: »Was darinnen verborgen
ist, wird ans Licht kommen.«
Als wolle er vor Gericht einen Eid schwören, legte Kalman
feierlich die Hand auf das Buch und dachte: »Und was
verborgen war, ist zu mir gekommen!« Er schloss die Augen
und lächelte.
Kalmans Büro lag hinter mehreren Reihen von Bibliotheksregalen
versteckt und zeichnete sich vor allem dadurch
aus, dass man es von der Treppentür aus auf mindestens einem
halben Dutzend unterschiedlicher Pfade erreichen konnte. Alle
führten durch ein Labyrinth von Gängen, geformt aus deckenhohen
grauen, metallenen Bücherregalen, die – falls man sich
im Vorübergehen die Mühe machte, die Schalter zu betätigen –
von Neonlicht erleuchtet wurden. Es gab für jede Stimmung
eine Route: Man konnte durch das mittelalterliche Europa und
den Holocaust wandern, durch Kommentare zur hebräischen
Bibel, durch das Neue Testament und den Koran oder aber
durch den Talmud, die Geschichte Israels und der jüdischen
Stämme oder den jüdischen Humor. Doch welche Route man
auch nahm, immer führte sie durch Bücher, tausende und abertausende
von Büchern, die alle auf Leser warteten wie Blumen
auf die Bienen.
»Sie möchten also gerne Rabbinerin werden . . .« Kalman
legte ihren Brief beiseite und lächelte die rothaarige junge Frau
an, die ihm an seinem Schreibtisch gegenübersaß.
»Ja, Rabbi Stern. Ich interessiere mich besonders für die
Kabbala.«
»Und deshalb, nehme ich an, hat mich der Dekan gebeten,
mit Ihnen zu sprechen.«
Sie nickte.
Kalman blickte über den Rand seiner Lesebrille. »Redet
Gott mit Ihnen?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Na, das ist ein gutes Zeichen.«
»Ich habe klassische Philologie und Religionswissenschaft
an der Brown University studiert. Ich habe sogar ein Jahr lang
Hebräisch gelernt. Seit einigen Jahren versuche ich es mit
buddhistischer Meditation, ich war sechs Monate in einem indischen
Aschram, und letztes Jahr hatte ich dann eine Erleuchtung.
Ich war bei der Bar-Mizwa meines Neffen, und mir ist
aufgegangen, dass es auch im Judentum etwas Mystisches geben
muss.«
»Allerdings.« Er griff nach dem Sohar und reichte ihn ihr.
»Gehen Sie sorgsam damit um, er ist sehr, sehr alt.«
»Aus welchem Jahr stammt er?«
»Sehen Sie sich diese Zeile hier an«, sagte er und deutete
auf den Hiob-Vers unten auf der Titelseite.
»Warum sind manche Buchstaben größer als die anderen?«
»Gematrie.«
»Sie meinen diese Methode, bei der jeder Buchstabe einem
Zahlenwert entspricht?«
»Ausgezeichnet.« Er gab ihr einen Bleistift und einen Notizblock.
»Wie steht es mit Ihren Rechenkünsten?«
»Sie werden mir helfen müssen.«
»Warten wir ab, ob Sie Hilfe brauchen . . . Nur die großen
Buchstaben, denken Sie daran.«
»Gut«, antwortete sie. »Ajin ist, Augenblick, nicht verraten,
mem, nun, samech, ajin, ja genau, siebzig; lamed ist dreißig; jod
ist zehn. Und sade. Was ist sade?«
»Neunzig«, erwiderte Kalman.
»Danke. Die beiden alephs sind natürlich jeweils eins; das
waw ist sechs und das resch . . .«
»Zweihundert. Entspannen Sie sich, das hier ist keine Prüfung.
«Sie zählte alles zusammen und grinste unsicher: »Vierhundertacht?«
»Bingo!«, sagte Kalman ironisch und klatschte in die Hände.
»Das Publikationsdatum ist in einem Bibelvers versteckt.«
»Aber wieso ist vierhundertacht ein Datum?«
»Der Herausgeber geht davon aus, dass man weiß, in welchem
Jahrtausend man sich befindet. Also zählen Sie das gegenwärtige
Jahrtausend dazu und bekommen 5408. Dann ziehen
Sie diese Zahl von 5758, dem Jahr, in dem wir uns nach dem
hebräischen Kalender gerade befinden, ab, und es bleiben 350.
Schließlich ziehen Sie diese Zahl von 1997, dem laufenden
Jahr, ab, und erfahren, dass das Buch 1647 erschienen ist. Ein
Kinderspiel. Und wenn Ihnen das zu kompliziert ist, addieren
Sie einfach 240 zu dem hebräischen Jahr und nehmen das richtige
Jahrtausend.«
»Aber ich verstehe das nicht, Rabbi Stern. Warum haben
sie nicht einfach die Jahreszahl hingeschrieben?«
»Weil der Herausgeber glaubte, alles Wissenswerte sei bereits
in der hebräischen Bibel enthalten. Das ist mit den Worten
›Gott hat sie gegeben‹ gemeint. Wir müssen nur die Worte richtig
lesen und interpretieren lernen. Das ist das Ziel unserer
Ausbildung: Lernen, wie man richtig liest.«
Safed: Erster Versuch
Kalman sah zu, wie die junge Frau das Buch in ihren Händen
betrachtete.
»Es ist wirklich schön, Rabbi Stern. Was ist das?«
»Die roten Buchstaben oben auf der Seite.«
Stockend las sie die drei Worte: »Ha-Sohar al ha-Tora. Der
Sohar zur Tora. Du meine Güte!« Sie bekam vor Aufregung
rote Wangen. »Ich habe davon gelesen, aber noch nie einen zu
Gesicht bekommen.«
»Sie haben den ersten von drei Bänden vor sich. Angeblich
handelt es sich dabei um eine Abschrift der peripathetischen
Lehren und Abenteuer des Mystikers Simeon bar Jochai und
seiner Gefährten, die im zweiten Jahrhundert durch die Berge
Galiläas wanderten. Wie andere rabbinische Texte erhebt auch
dieser den bescheidenen Anspruch, die wahre Bedeutung der Bibel
lediglich näher auszuführen. Gerschom Scholem . . . Sie haben
von ihm gehört?«
»Religionshistoriker mit Schwerpunkt Mystik . . .«
»Ja. Scholem schrieb einmal, dass sich in einer Offenbarungsreligion
wie dem Judentum die Kreativität als Kommentar
ausgeben muss.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Wenn alles Wissenswerte bereits in der Tora steht, kann
niemand mehr etwas Neues von Wert äußern. Wenn Sie als Jude
also einen originellen Einfall haben, müssen Sie zunächst darlegen,
dass er schon in der Schrift vorhanden ist.«
»Und aus diesem Grund erhebt der Sohar den Anspruch,
die Tora zu erläutern?«
»Richtig. Scholem äußerte als Erster den Gedanken, der
Sohar sei im Grunde ein mystischer Roman. Dadurch würde
aus dem Sohar ein Traktat über die Kabbala, der sich als Kommentar
zur Tora ausgibt, welche sich wiederum als Roman tarnt.
Die Gelehrten stimmen inzwischen Scholem zu, dass das Buch
gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts von dem kastilischen
Kabbalisten Mosche de León pseudepigrafisch verfasst wurde.«
»Da erscheint einem die Tätigkeit des Ghostwriters gleich
in einem ganz neuen Licht, nicht wahr?«
Kalman lachte. »Ja, wenn man an die Seelenwanderung
glaubt. Angeblich befürchtete Mosche de León – das behauptet
jedenfalls zumindest eine Quelle –, niemand würde etwas von
ihm Geschriebenes lesen wollen. Deshalb erfand – man könnte
auch sagen ›channelte‹ – er einen bekannteren Verfasser. Aber
wer immer den Sohar geschrieben hat, die Juden waren hingerissen.
Nach der hebräischen Bibel und dem Talmud wurde der
Sohar der drittwichtigste heilige Text des jüdischen Kanons.«
»Darf ich fragen, Rabbi, wie Sie zu dem Buch gekommen
sind?«
Er drehte es bedächtig in den Händen und betrachtete es
im Licht. »Das ist tatsächlich eine spannende Geschichte«,
sagte er. »Der Diener einer kleinen Synagoge in Safed hat es mir
gegeben. Das ist jetzt zwanzig, nein, fünfundzwanzig Jahre her.
Ich führte eine Reisegruppe aus Mitgliedern meiner Gemeinde
durch Israel. Wir waren in Safed, in Galiläa. Nachdem wir die
Synagoge von Isaak Luria besichtigt hatten, hatte die Gruppe
genug von meiner Geschichte der Kabbala und wollte im
Künstlerviertel einkaufen. Deshalb ging ich allein ein Stück den
Hang hinunter. Ein paar Straßen weiter hörten die Gebäude
auf, und die Gasse mündete in einen steinigen Zickzackpfad,
der noch weiter abwärts führte. An dieser Stelle entdeckte ich
den Eingang zum Hof einer kleinen Synagoge im spanisch-portugiesischen
Stil. Ich war müde, die Tür stand offen, und der
Ort wirkte verlassen. Also trat ich ein . . .«

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