Meine sibirsche Flickendecke von Tatjana Kuschtewskaja, 2004, Grupello

Tatjana Kuschtewskaja

Meine sibirsche Flickendecke
(Leseprobe aus: Meine sibirische Flickendecke, Dokumentarischer Roman, 2004, Grupello - Übertragung Ilse Tschörtner).

Erstes Kapitel

Dezember 1972: »Das Mädchen wird diese Nacht im Schlaf

sterben«, sagte, an meinem Bett stehenbleibend, die eine

Krankenschwester zur andern. Todkrank, mit einer beidseitigen

Lungenentzündung, lag ich in dem kleinen Krankenhaus von

Lensk. Der jakutische Winter war diesmal besonders tückisch.

Bald wütender Wind, bald fünfzig Grad minus. Bei solcher

Temperatur verwandelt sich der Schnee auf den Straßen in eine

steinharte Eiskruste. Jetzt wurde Lensk auch noch von einem

Schneesturm heimgesucht. Der kleine Flugplatz versank unter

Tonnen tobenden Schnees. Ich brauchte dringend Penicillin,

aber die Krankenhausvorräte waren aufgebraucht, und es gab

keinen Nachschub. Von Stunde zu Stunde ging es mir schlechter.

Zeitweilig verlor ich das Bewußtsein, und das Fieber gaukelte

mir Bilder und Szenen aus meiner Kindheit oder meinem

Leben im wilden Norden vor ...

Einmal, in einem eisigen Februar, hielt ich mich mit Freunden

in einem Haus am Rande einer Tschuktschensiedlung an der

Prowidenija-Bucht auf, und eines späten Abends schlugen die

Hunde im Hof an und begannen sich so wild zu gebärden, so zu

jaulen und an der Kette zu reißen, daß wir alle, so wie wir waren,

in Pulli und Hausschuhen, vor die Tür stürzten. Im Schein

des von einem weiten Hof umgebenen Mondes bot sich uns ein

überraschendes Bild. An die Müllgrube neben dem Haus, geduckt,

mit struppigem weißen Fell und zitternden Lenden, schlichen

sich mehrere Schneefüchse heran und machten sich über

die Küchenabfälle her. Lebensbedrohlicher Hunger hatte diese

schönen Tiere zu uns Menschen getrieben. Bei der Eiseskälte, die

die ganze Tundra im Würgegriff hielt, waren die Lemminge, ihre

einzige Beute im Winter, in den Höhlen erfroren. Ausgezehrt

und entkräftet, suchten sie nun hier ihre Rettung.

(...)

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