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Meine sibirsche Flickendecke
Erstes Kapitel
Dezember 1972: »Das Mädchen wird diese Nacht im Schlaf
sterben«, sagte, an meinem Bett stehenbleibend, die eine
Krankenschwester zur andern. Todkrank, mit einer beidseitigen
Lungenentzündung, lag ich in dem kleinen Krankenhaus von
Lensk. Der jakutische Winter war diesmal besonders tückisch.
Bald wütender Wind, bald fünfzig Grad minus. Bei solcher
Temperatur verwandelt sich der Schnee auf den Straßen in eine
steinharte Eiskruste. Jetzt wurde Lensk auch noch von einem
Schneesturm heimgesucht. Der kleine Flugplatz versank unter
Tonnen tobenden Schnees. Ich brauchte dringend Penicillin,
aber die Krankenhausvorräte waren aufgebraucht, und es gab
keinen Nachschub. Von Stunde zu Stunde ging es mir schlechter.
Zeitweilig verlor ich das Bewußtsein, und das Fieber gaukelte
mir Bilder und Szenen aus meiner Kindheit oder meinem
Leben im wilden Norden vor ...
Einmal, in einem eisigen Februar, hielt ich mich mit Freunden
in einem Haus am Rande einer Tschuktschensiedlung an der
Prowidenija-Bucht auf, und eines späten Abends schlugen die
Hunde im Hof an und begannen sich so wild zu gebärden, so zu
jaulen und an der Kette zu reißen, daß wir alle, so wie wir waren,
in Pulli und Hausschuhen, vor die Tür stürzten. Im Schein
des von einem weiten Hof umgebenen Mondes bot sich uns ein
überraschendes Bild. An die Müllgrube neben dem Haus, geduckt,
mit struppigem weißen Fell und zitternden Lenden, schlichen
sich mehrere Schneefüchse heran und machten sich über
die Küchenabfälle her. Lebensbedrohlicher Hunger hatte diese
schönen Tiere zu uns Menschen getrieben. Bei der Eiseskälte, die
die ganze Tundra im Würgegriff hielt, waren die Lemminge, ihre
einzige Beute im Winter, in den Höhlen erfroren. Ausgezehrt
und entkräftet, suchten sie nun hier ihre Rettung.
(...)
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