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Das sag ich dir
(Leseprobe aus:
Das sag ich dir, Roman, 2008,
S. Fischer -
Übertragung Henning Ahrens)
Meine Währung sind die Geheimnisse: Ich lebe
davon, mit ihnen
zu handeln. Die Geheimnisse des Begehrens und die Geheimnisse
dessen, was die Menschen wirklich wollen und wovor sie sich am
meisten fürchten. Die geheimen Gründe dafür, warum Liebe
schwierig ist, Sex heikel, das Leben eine Qual und der Tod so nah
und so fern zugleich. Wie kommt es, dass Lust und Strafe so eng
miteinander verwandt sind? Wie sieht die Sprache unserer Körper
aus? Weshalb machen wir uns krank? Wieso will man scheitern?
Warum ist Freude so unerträglich?
Eben hat eine Frau mein Behandlungszimmer verlassen. In zwanzig
Minuten kommt die nächste. Ich ordne die Kissen auf der Analysecouch
und entspanne mich in meinem Sessel bei einer anderen Art
des Schweigens, trinke Tee, denke über Bilder, Sätze und Worte des
letzten Gesprächs nach, aber auch über die Sprünge und Brüche.
Wie so oft in diesen Tagen beginne ich, mir Gedanken über
meine Arbeit zu machen, über die Probleme, mit denen ich mich
herumschlage, und wie es dazu kam, dass ausgerechnet dieser Job
mein Broterwerb wurde, meine Berufung, meine Freude. Noch verwirrender
ist der Gedanke, dass diese Arbeit erstens mit einem
Mord ihren Anfang nahm – heute ist sein Jahrestag – und zweitens
damit, dass Ajita, meine erste Liebe, für immer verschwand.
Ich bin Psychoanalytiker. Mit anderen Worten: ein Deuter von
Seelen und Zeichen. Man nennt mich auch Gehirnklempner,
manchmal einfach nur Scharlatan oder Hochstapler, und wirft mir
vor, im Dreck zu wühlen. Wie ein auf dem Rücken liegender Mechaniker
die Unterseite eines Autos abklopft, klopfe ich die Unterseiten
von Geschichten ab: Phantasien, Wünsche, Lügen, Träume,
Albträume – die Welt unter der Welt, die wahren Worte unter den
falschen. Ich nehme die aberwitzigsten und wirrsten Dinge ernst;
ich begebe mich an Orte, die die Sprache nicht erreicht oder vor
denen sie haltmacht – das Unbenennbare –, und das sogar recht
früh am Morgen.
Bei mir spricht das Leid, und ich höre von Schuldgefühlen und
Gelüsten, die die Menschen terrorisieren, ich höre von Geheimnissen,
die ein Loch in das Selbst brennen und den Körper deformieren
oder gar verkrüppeln, von den Wunden der Erfahrungen, die
wieder aufgerissen werden, damit die Seele gesunden kann.
Im tiefsten Inneren sind die Leute verrückter, als sie glauben
möchten. Man wird feststellen, dass sie sich davor fürchten, gefressen
zu werden, und dass sie über ihre Lust erschrecken, andere zu
fressen. Im Laufe eines ganz gewöhnlichen Tages stellen sie sich außerdem
vor, dass sie gleich explodieren oder implodieren, sich auflösen
oder Opfer einer feindlichen Übernahme werden. Ihr Alltag
wird von Ängsten beherrscht, die unter anderem ihren Liebesbeziehungen
gelten, aber auch dem Umgang mit Kot und Urin.
Bevor all dies seinen Anfang nahm, habe ich immer Klatsch und
Tratsch genossen, eine grundlegende Voraussetzung für diesen
Job. Inzwischen höre ich jede Menge davon, und Tag für Tag, Jahr
um Jahr strömt ein Fluss menschlichen Mülls in mich hinein.
Wie viele andere Vertreter der Moderne maß auch Freud dem Abfall
einen besonderen Rang zu; vielleicht war er der erste Künstler, der
mit ›objets trouvés‹ arbeitete und dem eine Bedeutung abgewann,
was in den allermeisten Fällen einfach weggeworfen wird. Dem
allzu Menschlichen so nahe zu kommen ist eine schmutzige
Arbeit.
Inzwischen gibt es noch etwas in meinem Leben, im Grunde fast
einen Inzest, und wer hätte das gedacht? Miriam, meine große
Schwester, und Henry, mein bester Freund, haben ihre Leidenschaft
füreinander entdeckt. Diese erstaunliche Liaison hat unsere
Leben verändert, ja regelrecht aus den Angeln gehoben.
Ich sage »erstaunlich«, weil es zwei sehr unterschiedliche Menschen
sind, die man sich nie als Paar vorgestellt hätte. Er ist Theater-
und Filmregisseur, ein eingefleischter Intellektueller, dessen
Leidenschaft Gesprächen, Ideen und allem Neuen gilt. Sie hingegen
könnte unintellektueller nicht sein, obwohl sie stets als »klug« gegolten
hat. Sie kennen sich schon seit vielen Jahren; Miriam hat
mich manchmal in seine Inszenierungen begleitet.
Wahrscheinlich hatte meine Schwester schon lange gehofft, dass
ich sie ausführen würde, aber ich brauchte eine Weile, um das zu
kapieren. Obwohl es eine Anstrengung für sie bedeutete – ihre Knie
sind kaputt und können ihr wachsendes Gewicht nicht mehr tragen
–, tat es Miriam gut, das Haus, die Kinder und die Nachbarn
für eine Weile los zu sein. Meist war sie sowohl tief beeindruckt als
auch gelangweilt. Am Theater mochte sie alles außer den Stücken.
Die Pausen hatte sie am liebsten, weil es dann Alkohol, Zigaretten
und frische Luft gab, und das kann ich gut verstehen: Ich habe viele
lausige Inszenierungen erlebt, aber manche davon hatten großartige
Pausen. Henry selbst schlief mit schöner Regelmäßigkeit innerhalb
von fünfzehn Minuten nach dem Beginn eines Stückes ein,
besonders, wenn der Regisseur ein Freund war; sein struppiger
Kopf sank auf die Schulter seines Sitznachbarn, dem er ins Ohr gurgelte
wie ein verschmutzter Bach.
Miriam wusste, dass Henry ihre Urteile nie im Leben ernst nehmen
würde, doch sie ließ sich von seiner Person und von seinem
pompösen Auftreten nicht ins Bockshorn jagen. Was Henry, vor
allem jedoch seine Arbeit, betraf, so war es traurig, dass man ihn
loben musste, bis man vor Scham errötete, weil man erst danach
richtig mit ihm reden konnte. Miriam lobte allerdings selten. Wozu
auch? Manchmal provozierte sie Henry sogar. Einmal, es war im
Foyer nach einer Aufführung von Ibsen oder Molière, vielleicht
auch nach einer Oper, erklärte sie, das Stück sei zu lang.
Allen Umstehenden stockte der Atem, bis Henry schließlich mit
seiner Brummstimme aus den Tiefen seines grauen Bartes erwiderte:
»Das, fürchte ich, ist haargenau die Zeit, die das Stück vom Anfang
bis zum Ende braucht.«
»Tja, ich meinte ja auch nur, dass Anfang und Ende etwas näher
beisammen sein könnten«, lautete Miriams Antwort.
Und jetzt läuft etwas zwischen den beiden – die viel enger sind als
je zuvor.
Die Sache spielte sich ab wie folgt.
Wenn Henry nicht probt oder lehrt, kommt er mittags bei mir
vorbei. So auch vor einigen Monaten, als er zuerst bei Maria klingelte.
Maria, träge, freundlich, schnell schockiert, oft sogar zu Tode
erschrocken – ursprünglich meine Putzfrau, doch inzwischen jemand,
auf die ich mich fest verlasse –, kochte unten das Essen, das
ich gern auf dem Tisch habe, wenn der letzte Patient des Vormittags
gegangen ist.
Ich freue mich immer, Henry zu sehen. In seiner Gesellschaft
kann ich abschalten und muss nichts Wichtiges tun. Eine Muße,
der alle Analytiker stundenlang frönen, egal was sie sagen. An manchen
Tagen kommt der erste Patient um sieben Uhr morgens, und
der letzte geht um ein Uhr nachmittags. Danach entspanne ich, mache
Notizen, esse etwas, gehe spazieren oder schlafe ein wenig, ehe
ich bis zum frühen Abend wieder zuhören muss.
Ich konnte ihn schon hören, bevor ich in der Nähe der Küche
war, seine Stimme dröhnte draußen vor der Hintertür. Seine Monologe
sind eine Qual für Maria, die das, was die Leute erzählen, zu
ihrem Unglück immer für bare Münze nimmt.
»Wenn Sie mich nur verstehen würden, Maria, und begreifen
könnten, dass mein Leben eine schreckliche Demütigung ist, ein
Nichts.«
»Aber das ist doch nicht wahr, Mr. Richardson, ein Mann wie Sie
muss ...«
»Ich versichere Ihnen: Ich krepiere an Krebs, und meine Karriere
ist die komplette Katastrophe.«
(Später kam sie dann zu mir und flüsterte verängstigt: »Hat er
wirklich Krebs?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Ist seine Karriere eine Katastrophe?«
»Es gibt kaum jemanden, der bedeutender wäre.«
»Warum sagt er dann so etwas? Das sind wirklich komische Vögel,
diese Künstler!«)
Er fuhr fort: »Maria, meine letzten beiden Inszenierungen, Cosi
und meine Fassung von Der Meister und Margarita in New York,
haben mich zu Tode gelangweilt. Sie waren Erfolge, ja, aber nicht
schwierig genug für mich. Ich musste weder kämpfen noch das Risiko
der Auslöschung eingehen. Aber genau das will ich!«
»Nein!«
»Dann schleppt mein Sohn eine Frau in meine Wohnung, schöner
als Helena von Troja! Die ganze Welt hasst mich – Fremde spucken
mir in den offenen Mund!«
»O nein! O nein!«
»Werfen Sie doch einen Blick in die Zeitung. Ich bin noch verhasster
als Tony Blair, und das ist ein Mann, den die ganze Welt
verabscheut.«
»Ja, er ist schrecklich, das sagt jeder, aber Sie haben doch keine
Invasion befohlen oder erlaubt, dass in Guantanamo gefoltert wird.
Man liebt Sie!«
»Ich will nicht geliebt werden. Ich will begehrt werden. Liebe bedeutet
Sicherheit, aber die Lust ist riskant. ›Gebt mir im Überfluss
davon . ..‹ Die grausame Wahrheit ist doch die: Je unfähiger man
zum Sex ist, desto fähiger ist man zur Liebe, dem reinen Gefühl. Sie
sind der einzige Mensch, der mich versteht. Meinen Sie, dass es zu
spät für mich ist, noch schwul zu werden?«
»Ich finde nicht, dass das eine Alternative wäre, Mr. Richardson.
Aber sie müssen mit Dr. Khan darüber reden. Er kommt sicher
gleich.«
Die Türen zu meinem kleinen Garten mit seinen drei Bäumen
und der kleinen Rasenfläche standen offen. Am Tisch draußen, auf
dem Blumen standen, saß Henry mit seiner wuchtigen Wampe, auf
der er bequem die Hände ablegen konnte, wenn er sich nicht gerade
kratzte. Auf seinem Knie lag meine graue Katze, Marcel, die Miriam
mir geschenkt hatte, eine Katze, die alles beschnüffelte und
die ich immer wieder aus dem Zimmer werfen musste, in dem ich
meine Patienten empfing.
Henry, der bereits eine halbe Flasche Wein geleert hatte – »Ich
glaube nicht, dass Weißwein auch nur ein Quäntchen Alkohol
enthält!« –, sprach mit sich selbst oder assoziierte auf dem Umweg
über Maria wild herum, die sich einbildete, es wäre ein Gespräch.
Ich wusch mir in der Küche die Hände. »Ich will mich besaufen«,
hörte ich ihn rufen. »Ich habe mein Leben damit vergeudet, ehrbar
zu sein. Inzwischen bin ich in einem Alter, in dem sich die Frauen
in meiner Nähe in Sicherheit wiegen! Der Alkohol wird mich wieder
in Schwung bringen – er bringt jeden in Schwung.«
»Wirklich? Aber beim Hereinkommen haben Sie mir erzählt,
dass man Sie an die Pariser Oper holen will.«
»Die nehmen doch jeden Dahergelaufenen. Maria, ich weiß, dass
Sie der Kultur viel gewogener sind als ich. Sie sind Stammgast auf
den billigen Plätzen, und Sie lesen jeden Morgen im Bus. Aber die
Kultur besteht aus Eiscreme, Pausen, Sponsoren, Kritikern und den
immer gleichen angeödeten, überkultivierten Diven, die sich wahllos
alles anschauen. Zum einen gibt es die Kultur, und sie ist nichts,
und zum anderen gibt es das Ödland – Sie müssen nur London verlassen
oder den Fernseher einschalten, und da ist es. Hässlich, puritanisch,
lüstern und dumm, mit Leuten wie Blair, die behaupten,
moderne Kunst nicht zu verstehen, oder unserem zukünftigen König,
Charles, dem Gearschten, der mit Vollgas in die Vergangenheit
rast. Früher habe ich geglaubt, beides könnte sich überlappen, das
Heilige und das Profane. Was meinen Sie dazu? Ach, Maria, spätestens,
als ich mit Wasserfarben zu malen begann, wusste ich, dass
alles aus und vorbei war . ..«
»Immerhin müssen Sie keine Toiletten schrubben, um Ihren Le-
bensunterhalt zu verdienen. Hier, probieren Sie mal diese Tomaten.
Mund weit öffnen und nicht spucken.«
»Oh, wie köstlich. Wo haben Sie die her?«
»Von Tesco. Nehmen Sie eine Serviette. Sonst sauen Sie sich den
Bart ein. Sie locken ja die Fliegen an!« Sie wedelte mit der Serviette
vor seiner Nase.
»Habt Dank, Mutter«, sagte er. Als ich mich setzte, hob er den
Kopf. »Jamal«, rief er, »hör auf zu kichern und verrat mir: Hast du
in letzter Zeit das Symposion gelesen?«
»Still, Sie böser Mann, lassen Sie den Doktor in Ruhe essen«,
sagte Maria. »Er hat ja noch nicht einmal einen Bissen Brot im
Mund.« Einen Moment lang glaubte ich, sie würde ihm einen Klaps
auf die Hand geben. »Dr. Khan hat heute Vormittag schon genug
Gerede gehört. Er ist so freundlich, diesen Leuten sein Ohr zu leihen,
obwohl man sie eigentlich alle im Irrenhaus anketten müsste.
Wie frech manche sind! Wenn ich die Tür öffne, belästigt mich jeder
mit Fragen nach dem Doktor. Wo macht er Urlaub? Wo steckt
seine Frau? Ich schweige wie ein Grab.«
Wir aßen. Man musste Henry zugutehalten, dass er einfach nicht
den Mund halten konnte. »›Wir reisen mit einer Leiche im Gepäck.‹
Damit meint Ibsen, dass die Toten – tote Väter, sozusagen
die lebenden Toten – genauso mächtig, ja sogar noch mächtiger
sind als die leibhaftigen Väter.«
»Wir bestehen aus anderen«, murmelte ich.
»Aber wie bringt man einen toten Vater um die Ecke? Und selbst
dann wären die Schuldgefühle grauenhaft, oder?«
»Ich denke schon.«
Er fuhr fort: »In diesem Stück ist Ibsen ein absolut realistischer
Autor. Wie soll man die Geister darstellen? Oder ist das überflüssig?
« Henry griff quer über den Tisch, um sich etwas von meinem
Teller zu angeln. Das tat er gern. »Diese freundliche Aggression
dürfte wohl besagen«, verkündete er und hielt eine Bohne hoch,
»dass sich ein Mann gern deine Frau mit dir teilen würde, richtig?«
»Völlig richtig. Nur zu.«
Falls das Reden der Geschlechtsverkehr der Bekleideten ist,
dürfte sich Henry prächtig amüsiert haben. Und für mich waren
diese ausufernden, theatralischen Monologe zur Mittagszeit sowohl
genussvoll als auch entspannend. Henrys Überdrehtheit ließ
erst nach, wenn Maria abwusch und wir gemeinsam die Sportseiten
studierten oder das Spalier sanft im Wind nickender Sonnenblumen
betrachteten, die mein Sohn Rafi vor der rückwärtigen Mauer
meines kleinen Gartens gepflanzt hatte.
»Ich weiß, dass du während der Mittagszeit nicht arbeitest. Du
isst deinen Salat, du trinkst deinen Wein, und wir reden Blödsinn,
jedenfalls ich. Du diskutierst über Manchester United und darüber,
wie die Spieler und Manager ticken, und dann drehst du deine Runde.
Hör mir trotzdem zu.
Du weißt, dass ich das Alleinsein hasse. In der Stille drehe ich
durch. Zum Glück lebt mein Sohn Sam jetzt seit einem Jahr bei
mir. Als er beschlossen hat, die Begleichung von Mieten oder Rechnungen
unerträglich zu finden, war das ein Durchbruch in unserer
Beziehung. Dieses Gör hat eine der besten Schulbildungen erhalten,
die man für das Geld seiner Mutter kaufen konnte.
Er hat während seiner ganzen Kindheit vor elektronischen Apparaten
gehockt, und ich habe dir vielleicht schon erzählt, dass er sich
bei diesem Trash-Sender glänzend macht und für eine Firma arbeitet,
die sich auf Beiträge über plastische Chirurgie und Verstümmelungen
spezialisiert hat. Wie heißt das noch – Verkehrsunfall-Fernsehen?
Weißt du, was er mir neulich gesagt hat? ›Die Ära der
Hochkultur ist vorbei, Dad, das müsste dir doch klar sein.‹«
»Glaubst du ihm?«
»Junge, das war vielleicht ein heftiger Schlag, mitten in den Kern
meiner Existenz. Ein Schlag gegen alles, woran ich je geglaubt habe.
Wie kommt es nur, dass meine beiden Kinder die Hochkultur verabscheuen?
Lisa ist eine Meisterin der Tugendhaftigkeit und lebt
ausschließlich von einer Diät aus Bohnen und gefiltertem Wasser.
Ich bin mir absolut sicher, dass sogar ihre Dildos ein biologisches
Gütesiegel haben. Ich habe sie einmal mit ins Opernhaus geschleift,
und als wir mit einem Seufzer auf den Samt gesunken sind,
schwirrte ihr der Kopf, und sie fühlte sich deliriös, weil alles so
nach Rokoko aussah. Ich habe mit mir gewettet, wie lange es dauert,
bis sie das Wort ›elitär‹ benutzt. Sie musste in der Pause gehen.
Und mein anderes Kind betet den Kitsch an!«
»Aha?«
»Immerhin ist der Junge gesund, lebenslustig und nicht so blöd,
wie er einem weismachen will«, fuhr er fort. »Er ist bei mir eingezogen,
und wenn seine Freundin in London ist, übernachtet sie bei
uns. Aber er hat auch andere Freundinnen. Wenn wir ins Theater
oder in ein Restaurant gehen, findet er noch mehr Freundinnen –
direkt vor meiner Nase. Du weißt ja, dass ich mit dem Gedanken an
eine Inszenierung – in ferner, unvorstellbar ferner Zukunft – des
Don Giovanni gespielt habe. Ich liege mit Kopfhörern im Bett, im
Zimmer neben dem von Sam, ich beschwöre den Don, ich versuche,
ihn herbeizurufen. Sam schläft fast jede Nacht mit einem
Mädchen – bei Anbruch der Nacht, mitten in der Nacht und auch
am Morgen, da auf gut Glück. Ich kriege alles mit, es lässt sich nicht
vermeiden, ich kann diesem hingehauchten Gestöhne nicht entkommen.
Die Musik der Liebe, aber ohne den Schrecken und die
überstürzten Ejakulationen, die ich als junger Mann, ja sogar noch
als Mann in den besten Jahren erleben musste.
Dann, beim Frühstück, sehe ich die Mädchen und versuche, die
Schreie mit den Gesichtern in Deckung zu bringen. Die eine, jene,
die am häufigsten da ist, arbeitet als Autorin für Modezeitschriften
und steckt ihr blondes Haar immer locker auf dem Kopf zusammen.
Sie trägt Pantoffeln und einen Bademantel aus roter Seide,
und jedes Mal, wenn ich gerade den Löffel in mein Ei stoßen will,
fällt ihr Mantel auf. Für einen einzigen Kuss eines solchen Geschöpfes
würde man doch St. Markus im Meer versenken oder hundert
Vermeers verbrennen, falls es überhaupt hundert gibt. Das«, sagte
er, »ist wirklich die Hölle, selbst für einen reifen Mann wie mich,
der es gewohnt ist, Schläge einzustecken und danach wie ein echter
Krieger der Künste weiterzukämpfen.«
»Durchaus verständlich.«
Als wäre er Analytiker und ich ein Patient, fragte er mich mit
komischer Anmaßung: »Welche Gefühle weckt das in dir?«
»Ich würde mich am liebsten totlachen.«
»Um zu kapieren, was da los ist, lese ich diese Bücher, die es heutzutage
gibt. Ich würde nicht im Traum daran denken, sie zu kaufen,
aber die Verlage schicken sie mir, und darin geht es nur um Sex.
Und zwar um perverse Abarten, mein Freund, mit Transvestiten
und so weiter, mit Leuten, die sich gegenseitig bepinkeln oder militärische
Kluft tragen und so tun, als wären sie serbische Freischärler
oder Schlimmeres. Du glaubst ja nicht, was diese Leute da treiben.
Aber tun sie das wirklich? Na, das wirst du mir bestimmt nicht verraten.«
»Sie tun das, wirklich, das tun sie«, sagte ich und lachte leise.
»O mein Gott. Was ich brauche«, sagte er, »ist ein bisschen Dope.
Früher habe ich geraucht, aber ich habe aufgehört. Mit den Lastern
sind auch meine Freuden verschwunden. Ich kann nicht schlafen,
und ich habe die Schnauze voll von diesen Pillen. Kannst du mir
nicht etwas besorgen?«
»Henry, ich muss nicht unbedingt Dealer werden – ich habe einen
Beruf.«
»Weiß ich, weiß ich .. . Aber . ..«
Ich lächelte und sagte: »Na, los, drehen wir eine Runde.«
Wir gingen gemeinsam die Straße hinauf, er einen Kopf größer
als ich und dreimal so breit. Mit meinen raspelkurz geschnittenen
Haaren, dem Sakko und dem Hemd sah ich aus wie ein braver
Angestellter. Henry schlurfte im schlabberigen T-Shirt dahin. Er
wirkte stets, als wäre alles an ihm lose und locker. Unterwegs schien
er seine Einzelteile zu verlieren. Er trug keine Socken in den Schuhen
und heute ausnahmsweise keine Shorts. Mit den Büchern unter
den Armen – bosnische Romane, die Tagebücher polnischer
Theaterregisseure, amerikanische Lyriker und Zeitungen, die er in
der Holland Park Avenue gekauft hatte, Le Monde, Corriere della
Sera, El Pais – kehrte er zu seiner Wohnung am Fluss zurück.
Henry, der seine eigene Atmosphäre mit sich herumtrug, wuchtete
sich durch sein Viertel, als wäre es ein Dorf – er war in einem
Weiler in Suffolk aufgewachsen –, rief quer über die Straße immer
wieder Leuten etwas zu und stellte sich oft zu ihnen, um über Politik
und Kunst zu diskutieren. Das Problem, dass in London offenbar
kaum noch jemand flüssig Englisch sprach, löste er, indem er
die jeweiligen Sprachen lernte. »In diesem Viertel kommt man nur
noch zurecht, wenn man Polnisch kann«, verkündete er kürzlich.
Er sprach auch genug Bosnisch, Tschechisch und Portugiesisch,
um sich ohne Gebrüll in den Geschäften und Bars verständlich machen
zu können, und außerdem beherrschte er noch einige andere
europäische Sprachen, sodass er sich in seiner eigenen Stadt bewegen
konnte, ohne sich ausgegrenzt zu fühlen.
Ich habe mein ganzes Erwachsenenleben auf der gleichen Seite
des A to Z verbracht. In der Mittagszeit laufe ich wie alle anderen
Arbeitstätigen zweimal um die Tennisplätze. Ich habe einmal gehört,
wie jemand diese Gegend zwischen Hammersmith und Shepherd’s
Bush als »einen von Elend umringten Kreisverkehr« beschrieb.
Ein anderer schlug Bogotá als Partnerstadt vor; Henry
bezeichnete die Gegend als »großartige nahöstliche Stadt«. Mit Sicherheit
ist es dort immer »eisig« gewesen: Im siebzehnten Jahrhundert
wurden die Leichen derer, die man in Tyburn, bei Marble
Arch, gehängt hatte, nach Shepherd’s Bush Green gebracht und
dort zur Schau gestellt.
Inzwischen war die Gegend eine Mischung aus ziemlich reichen
und armen Leuten, diese meist frisch eingetroffene Immigranten
aus Polen und dem muslimischen Afrika. Die Wohlhabenden lebten
in fünfstöckigen Häusern, die noch schmaler wirkten als die
georgianischen Häuser in North London. Die Armen lebten in den
gleichen Häusern, nur dass man diese in Einzelzimmer aufgeteilt
hatte, und sie stellten Turnschuhe und Milch auf die Fensterbank.
Die neuen Immigranten, die ihren Besitz in Plastiktüten mit sich
führten, schliefen oft im Park, und nachts durchstöberten sie gemeinsam
mit den Füchsen die Mülleimer nach Essen. Alkoholiker
und Spinner stritten und bettelten ständig auf der Straße. An den
Ecken warteten Drogendealer auf Fahrrädern. Es eröffneten immer
mehr Delis, Grundstücksmakler, Restaurants und außerdem
Schönheitsstudios, für mich ein positives Signal, das darauf hindeutete,
dass die Preise für Häuser stiegen.
Wenn ich etwas mehr Zeit hatte, ging ich bis zum Shepherd’s
Bush Market. Dort parkten reihenweise Autos mit Chauffeur neben
der Goldhawk Road Station. Nahöstliche Frauen im Hijab
kauften auf diesem Markt ein, wo man dicke Rollen bunter Stoffe,
Krokodillederschuhe, kratzige Unterwäsche und Schmuck, raubkopierte
CDs und DVDs, Papageien und Koffer sowie dreidimensionale
Bilder von Mekka und von Jesus kaufen konnte. (In der alten
Stadt Marrakesch fragte man mich einmal, ob ich je etwas Vergleichbares
gesehen hätte. Ich konnte nur erwidern, dass ich den
ganzen weiten Weg gekommen war, nur um an den Shepherd’s
Bush Market erinnert zu werden.)
In der Goldhawk Road konnte niemand wirklich glücklich sein,
doch in der zehn Minuten entfernten Uxbrige Road sah die Sache
anders aus. Dort, am vorderen Ende des Marktes, kaufte ich immer
eine Falafel und trat dann auf eine dieser breiten Straßen Westlondons,
in der die Läden Leuten aus der Karibik, aus Polen, Kaschmir
und Somalia gehörten. Gleich neben der Polizeiwache stand die
Moschee, wo man durch die offene Tür Spaliere von Schuhen und
betenden Männern sehen konnte. Dahinter befand sich das Fußballstadion
der Queen’s Park Rangers, wo Rafi und ich uns gelegentlich
Spiele anschauten, aber meist enttäuscht wurden. Einer
der Läden war kürzlich beschossen worden, und vor nicht allzu langer
Zeit wurde Josephine von einem vorbeiradelnden Jungen das
Handy entrissen. Davon abgesehen war das Viertel allerdings bemerkenswert
ruhig, wenn auch sehr betriebsam, denn die meisten
Leute waren emsig mit Pläneschmieden und Verkaufen beschäftigt.
Dass es nicht mehr Gewalt gab, erstaunte mich, weil die Mischung
der Menschen durchaus Zündstoff bot.
Mein bislang unerfüllter Wunsch war es, im ärmsten und eth-
nisch buntesten Teil der Stadt ein luxuriöses Leben zu führen. Jedes
Mal, wenn ich dort spazieren ging, bekam ich gute Laune. Das hier
war ja kein Ghetto; die Ghettos waren Belgravia, Knightsbridge und
Teile von Notting Hill. Nein, das hier war London alsWeltstadt.
Bevor sich unsere Wege trennten, sagte Henry: »Du weißt ja, Jamal
– wenn man als Schauspieler auf die Bühne kommt und nicht
aufgeregt, sondern nur angeödet ist, dann ist das eine Katastrophe.
Dann wäre man gern anderswo, aber man muss ja noch die Szene
mit dem Sturm hinter sich bringen. Die Worte und die Gesten sind
hohl, und wie soll man das vertuschen? Ich muss dir etwas beichten,
obwohl es mir schwerfällt und mir ziemlich peinlich ist: Ich
hatte reichlich One-Night-Stands – fremde Körper sind einfach
toll, oder? –, aber ich habe seit fünf Jahren nicht mehr wirklich mit
einer Frau geschlafen.«
»Wie? Länger nicht? Die Lust wird sich wieder einstellen, das
weißt du.«
»Nein, der Zug ist abgefahren. Wenn ein Mensch nicht mehr zur
Liebe und zum Sex imstande ist, kann er auch nicht mehr leben.
Stimmt doch, oder? Ich stinke schon nach Tod.«
»Das ist der Duft deines Mittagessens. Dein Appetit ist längst
wieder da. Darum bist du auch so rastlos.«
»Wenn das nicht stimmt, trete ich ab«, sagte er und zog einen
Finger über seine Kehle. »Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen.«
»Ich schaue mal, was ich tun kann«, erwiderte ich, »in beider
Hinsicht.«
»Du bist ein echter Freund.«
»Überlass das Entertainment mir.«
Rezension I Buchbestellung I home II08 LYRIKwelt © S. Fischer