Nicht die ganze Wahrheit
(Leseprobe aus:
Nicht die ganze Wahrheit, Roman, 2008, Nagel
& Kimche).
1
Ich warte auf einen Moment, auf eine Stimme, die sagt: «Jetzt.» Ich warte schon
zu lange, ich falle auf. Wer
mich sieht, könnte mich für einen Einbrecher halten. Es stimmt, ich bin ein
Einbrecher. Gleich werde ich einen Einbruch begehen, ich muss es nur schaffen,
meine Hand vom
Lenkrad zu lösen, nach links schweben zu lassen, den Türhebel
zu ziehen. Tür auf, linkes Bein raus. Der Körper folgt
von selbst.
Ein Einbruch ist hässlich, ein Einbruch ist eine Grobheit.
Ich will saubere Arbeit machen, schöne Arbeit. Ich will nicht von einem Kunstwerk reden, aber manchmal empfinde ich durchaus so. Anna zu finden war ein Kunstwerk: die Sache mit dem Aufzug, meine kleine Studie über das Küssen. Ich bin stolz darauf. Ich bin der einzige Detektiv, der eine Studie über das Küssen gemacht hat. Ich kann das nicht beweisen, aber es ist so. Ich weiß es. Meine Kollegen arbeiten anders, gröber. Sie sorgen dafür, dass Detektivarbeit als schmutzig gilt. Sie haben das verdient. Ich habe das nicht verdient. Dachte ich immer.
Und jetzt ein Einbruch. Es geht nicht anders.
Ich kann nicht zu Ute Schilf gehen und sagen: «Ihr Mann hat eine Affäre mit Anna Tauert, aber ich habe keine Beweise. Ich habe nur eine kleine Studie über das Küssen gemacht, und das Ergebnis dieser Studie legt nahe, dass ihr Mann eine Affäre …» Sie wird mich von oben herab anschauen. Sie kann von sehr weit oben herabschauen. Da oben ist Annas Fenster, dritter Stock, links, kein Licht, sie ist nicht da, natürlich nicht. Sie ist in Bochum, wo morgen der Parteitag beginnt. Ich sitze im Auto vor ihrer Tür, Berlin-Moabit, Oldenburger Straße. Gemütszustand: beschämt. Ich gehe gleich dort hinauf, man darf nicht warten, nicht in der Nacht. Was ist auffälliger, als nachts untätig in einem Auto zu sitzen?
Ich könnte die Straßenkarte aus dem Seitenfach nehmen, das Licht anknipsen und so tun, als würde ich suchen. Ich suche ja auch, nicht nach einer Straße, sondern nach einem Moment, dem Moment, in dem sich die linke Hand vom Lenkrad löst, nach links schwebt, bis sie am Türgriff landet und zieht, ein Klacken, leise, sehr leise, meine Hand ist in Heimlichkeiten geübt. Frische Luft wird in mein Auto strömen, frisch und kühl. Der Herbst ist da.
Nur zwei Einbrüche in zehn Berufsjahren, nicht schlecht. Jetzt kommt Nummer drei, wie immer eine Niederlage, eine zu viel. Es ist mir peinlich, Anna gegenüber. Es kommt mir vor, als beobachte sie mich, sehe mich hier im Auto sitzen vor ihrer Wohnung. Grüne Augen. Ich denke oft an diese grünen Augen. Sie schauen mich an, Missbilligung im Blick.
Jetzt.
Meine Hand schwebt nach links, liegt auf dem Türgriff, halt, ich höre Musik, Schlagermusik. Sie kommt aus der Kneipe hinter mir. Jemand hat die Tür aufgemacht, zugemacht, Stille. Dann Schritte. Im Rückspiegel sehe ich einen Mann auf dem Bürgersteig gehen. Er kommt auf mich zu, seine Schritte sind unsicher, ein Betrunkener. Gegen zwei Uhr begegnet man unter der Woche vielen Betrunkenen. Gegen Mitternacht stehen sie vor der Wahl, nach Hause zu gehen oder sich vollaufen zu lassen. Wer den Absprung nicht schafft, säuft bis zwei und steht vor der Frage, was mit dem Tag morgen wird. Will man den Tag halbwegs retten und seiner Arbeit nachgehen? Oder gibt man ihn verloren und bestellt das nächste Bier? Um zwei treten die Trinker, die sich noch nicht ganz aufgegeben haben, auf die Straße. Dieser hier geht nahe an den Autos entlang.
Er spricht. Er geht wie durch ein Moor, tastend, unsicher, er knickt ein, als würde ein Fuß versinken. Ich nehme die Hand vom Türgriff, lege sie auf meinen Oberschenkel, zwei Finger am Lenkrad. Er wird vorüberziehen, dann bringe ich es hinter mich.
Viertelmond. Wie schön etwas sein kann, das nicht vollständig ist. Als Viertel mag ich unseren Mond am meisten. Ein Halbmond wirkt zerschnitten, in der Mitte geteilt. Ein Schnitt ist immer Gewalt, nach einem Schnitt fehlt etwas. Noch weniger mag ich den Vollmond, obwohl er gut aussieht, wenn er so rund und warm am Himmel hängt. Aber das Licht stört meine Heimlichkeit, und der Job geht vor. Ein Dreiviertelmond wirkt missraten, als sei einem Kind beim Malen eines Kreises der Stift verrutscht. Nur der Viertelmond gibt Geborgenheit. Er spendet Licht, aber nicht zu viel, und er hat eine Form, die etwas aufnehmen will, in die man sich schmiegen kann. Ich lege manchmal in diesen langen Nächten des Wartens meinen Blick hinein, meine Gedanken.
Ich werde sentimental unter einem Viertelmond.
Ich muss aufpassen.
Rezension I Buchbestellung IV08 LYRIKwelt © Nagel und Kimche