Nachbeben von Dirk Kurbjuweit, 2004, Nagel+KimcheDirk Kurbjuweit

Nachbeben
(Leseprobe aus: Nachbeben, Roman, 2004, Nagel & Kimche)

Er war müde. Er trank ein Glas Wasser. Das Telefon klingelte erneut.
Alles Angsthasen, dachte er.
"Kühnholz."
"Hallo, ist dort die Erdbebenwarte?". Die Stimme einer
Frau.
"Ja, hier ist die Erdbebenwarte."
"Das Haus hat gewackelt, ganz schlimm, ich bin im achten
Stock. Ich weiß nicht..."
"Wo sind Sie?"
"In meiner Wohnung."
"Ich meine, in welcher Stadt?"
"Köln."
"Ihnen kann nichts passieren. Es war ein Beben der Stärke
vier. Die Häuser halten das aus. Legen Sie sich schlafen. Sie sind in
Sicherheit."
"Ich weiß nicht, ich mache mir Sorgen, das Geschirr ist
kaputt, so schlimm war es noch nie."
"Sind Sie allein?"
"Ja, mein Mann ist... er ist nicht da."
"Gehen Sie schlafen, es ist alles..."
"O Gott, es geht wieder los, Hilfe, das Haus stürzt ein, Gott, es
kippt, nein...!"
"Das Haus kippt nicht, es passiert Ihnen nichts, bleiben Sie
ruhig."
Schweigen.
"Hören Sie, es ist nur ein Nachbeben, es ist gleich vorbei..."
"Helfen Sie mir, bitte."
"Es gibt immer Nachbeben, Sie sind schwächer als das erste
Beben, es ist ganz normal, Ihr Haus hält das aus, wirklich, vertrauen
Sie mir. Hallo?"
Er lauschte.
"Hallo? Sind Sie noch da?"
Er lauschte wieder.
"Sie müssen nicht weinen. Es ist alles gut. Vielleicht kommt
noch ein Nachbeben, aber es wird sehr schwach sein."
Er hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete und rauchte, tiefe
Züge.
"Die Giraffe ist kaputt."
"Bitte?"
"Der Hals ist abgebrochen."
"Was für eine Giraffe?"
"Ich habe eine Giraffe, habe ich mir aus Afrika mitgebracht,
über zwei Meter hoch, ganz schmal, aus dunklem Holz. Sie hat einen
kleinen Kopf, aber sehr große Ohren. Sie ist eben umgefallen, der
Hals ist gebrochen. Es sieht so traurig aus, wie sie da liegt."
"Kann man das nicht kleben?"
"Weiß nicht."
"Kann man bestimmt."
";Ich habe gar keinen Mann."
Er schwieg.
"Ich rauche auch nicht. Es sind seine Zigaretten."
"Wessen Zigaretten?"
"Von meinem Mann. Er hat sie hier gelassen. Seit vier
Monaten ist er weg. Die Giraffe habe ich mir aus Sambia
mitgebracht, ganz billig. Die verkaufen sie am Straßenrand. Erst
dachte ich, dass ich sie nicht ins Flugzeug kriege, war aber kein
Problem. Tut mir Leid, dass ich die Kontrolle verloren habe, Sie
müssen ja denken..."
"Schon gut. Im achten Stock fühlt es sich bestimmt schlimm
an."
"Aber der Ausblick ist schön. Ganz Köln, der Rhein, der Dom.
Was trinken Sie da?"
"Wasser, ich trinke Wasser. Ich hatte schon
geschlafen."
";Ich auch." Sie lachte leise.
"Wenn Sie mich jetzt sehen könnten..."
"Was? Was wäre dann?"
"Na ja, ich war schon im Bett."
Sie schwiegen.
"Und Sie, Sie sind für Erdbeben zuständig?"
"Ich bin bei der Bundesbank..."
"Ach, die kümmert sich auch um Erdbeben?"
"Irgendwie schon, ja, Sie haben Recht."
Sie lachten. Er trank, sie rauchte.
"Soll ich Ihnen meinen Ausblick beschreiben? Also, hier
vorne ist der Rhein, und da spiegeln sich die Lichter drin, und da ist
die Deutzer Brücke, die ist aber nicht schön, die Eisenbahnbrücke ist
schön, so schön gebogen, aus Eisen, so von früher, wissen Sie. Und
dann der Dom, ich mag den Dom, ich dachte immer, dass er da ist,
um mich zu beschützen, nicht, weil ich katholisch wäre oder so,
sondern weil es der Dom ist und... ich habe immer noch
Angst."
"Es ist alles in Ordnung, erzählen Sie weiter."

Rezension I Buchbestellung IV07 LYRIKwelt © Nagel und Kimche