Wo wir zu Hause das Salz haben von Reiner Kunze, 2004, S.FischerReiner Kunze

Mit haudünner peitsche...
(aus: Wo wir zu Hause das Salz haben, Nachdichtungen, 2004, S. Fischer)

Mit hauchdünner peitsche hieb der frühlingsregen,
er fiel auf die stadt wie der schiefe turm
im niegesehenen Pisa.

In den fluren alter häuser,
wo’s nach blut riecht,
wo sie vor dem morgengrauen eine taube töteten,
versteckten sich pärchen.
Sie sind jung, voller anmut, über die feuchten zäune der wimpern
pflücken sie einander in den augen äpfel
und glauben nicht,

glauben nicht den stiefmütterchen und stadtgärtnern,
nicht dem vielen gerede, dem fast nutzlosen,
nicht den wortwüsten, nicht der klinke an der tür,
nicht stadt noch welt,
sie glauben nicht,
alles ist erfunden und erlogen.

Nur der regen ist kalt und naß
und fällt von oben wie ein schöner turm.

Rezension I Buchbestellung II04 LYRIKwelt © S. Fischer