|
|
Tatort
(Leseprobe aus: Irrtum
ausgeschlossen,
Geschichten zwischen gestern und morgen, 2006, Hanser)
Gehen Sie doch weiter. Sie sehen
doch, daß es hier nichts zu sehen gibt. Es ist alles vorbei.
Seit fünfundzwanzig Jahren wohne ich in dieser Straße. Niemand kann mir
untersagen, hier auf dem Pflaster zu stehen. Das ist mein gutes Recht. Ich lasse
mich nicht wegjagen, ich bin kein Hund, verstanden. Und außerdem habe ich Herrn
Troimann auch gekannt. Sogar gesprochen, verstehen Sie?! Es ist mein Recht, auf
Herrn Troimann zu warten.
Herr Troimann ist tot, da können Sie lange warten. Der kommt mit den Füßen
nach vorne.
Haben Sie das gehört, mit den Füßen nach vorne, hat er gesagt. Die Verrohung
der Polizei ist unbegreiflich. Dein Freund und Helfer, das war mal. Vergessen
Sie nicht den schweren Dienst dieser Leute, unterbezahlt, viele Überstunden, da
kann einem schon das Lachen vergehen. Es ist ja auch kein Anlaß zum Lachen, der
Tod eines Menschen. Ich möchte wissen, wie er umgekommen ist, das ist doch ein
völlig undurchsichtiger Fall. Geiselnahme, ja, ich weiß, einProblem, die
Befreiung. Wußten Sie nicht, daß die Polizei die Wohnung gestürmt hat? Nein,
das ist mir neu. Ich bin erst eben dazugekommen. Was ist denn geschehen? Herr
Troimann ist auf dem Balkon da drüben erschienen und hat um Hilfe gerufen. Dann
ist er wieder in der Wohnung verschwunden. Gleich darauf betrat der Geiselnehmer
den Balkon, ein Kerl mit einer Strumpfmaske. Nein, keine Stumpfmaske, eine
Wollmaske, Skifahrer tragen sowas. Nur Mund und Augen sind sichtbar, wie in
einer schwarzen Kugel, unheimlich, die Öffnungen sind rotgerändert,
schrecklich. Und dann? Was hat er gemacht? Hat er Forderungen gestellt? War er
bewaffnet? Ja, er hielt etwas in der Hand, leider unidentifizierbar. Könnte es
eine Handgranate gewesen sein? Apfelgroß sind die Dinger, olivfarben, man zieht
den Sicherungsstift heraus, und sobald man sie losläßt, springt die Feder auf
und dann hat man die Bescherung. Haben Sie es gesehen? Ich stand zu weit weg. Er
verschwand ja auch sofort wieder im Zimmer. Herr Troimann ist dann nicht mehr
aufgetaucht. Entschuldigen Sie, ich wohne erst kurze Zeit dem Hause gegenüber
– wer ist Herr Troimann? Da, im zweiten Stock wohnt er. Man konnte ihn fast täglich
treffen, schon ein älterer Mann, gebeugt, graues Haar, wirres Haar, wenn Sie
mich fragen, das gab ihm etwas Unsolides, nicht wie bei anderen älteren Herren
in der Gegend. Er trug auch stets einen Mantel, immer zugeknöpft, und ein
Einkaufsnetz, wer besitzt heute noch sowas, da sieht man doch auf den ersten
Blick alles Eingekaufte, er ging langsam, Schritt für Schritt, hier entlang,
bog dann dahinten um die Ecke, und manchmal kam er erst nach Stunden wieder,
jedenfalls hatte man diesen Eindruck, wahrscheinlich durch seine Langsamkeit
hervorgerufen. Man fühlte sich immer an eine Schnecke erinnert. Übrigens trug
er auch eine Brille. Ich kann mich nicht an eine Brille erinnern. Doch, doch,
ich bin ganz sicher, eine Brille, dunkles Gestell, er sah damit aus wie eine
Eule, wenn er einen anschaute, ganz eigentümlich intensiv oftmals, so daß man
selber durch seine Augen zur Eigenbewegung des Kopfes gezwungen wurde, man vollführte
noch eine leichte Drehung, weil einen diese Augen nicht losließen. Nun hat er
sie für immer geschlossen. Ist es denn in der Wohnung zu einer Schießerei
gekommen? Der Geiselnehmer soll ebenfalls getötet worden sein. Finaler
Rettungsschuß. Rettungsschuß? Daß ich nicht lache. Der arme Troimann ist doch
tot, was wäre da noch zu retten. Ja, mein Lieber, eine Geiselnahme ist eben
immer mit der Gefahr für Leib und Leben der Geisel verbunden. Daß sie die
Geiselnehmer abknallen, ist nicht mehr als recht und billig. Diese Verbrecher
sollten, falls sie überleben, gleich an Ort und Stelle erledigt werden. Wie können
Sie so etwas sagen?! Das ist doch unmenschlich, dafür ist die Justiz zuständig.
Die Justiz? Die schickt doch solche Lumpen gleich wieder nach Hause. Bewährung,
Strafaufschub, Freigang, damit sie ihre nächste Untat verüben können.
Abknallen!
Jetzt ist der Rettungswagen vorgefahren. Hat ziemlich lange gedauert, bis die
gekommen sind. Da, jetzt geht der Arzt ins Haus.
Weiß man denn schon, warum Troimann als Geisel genommen wurde? Kennt man die
Forderungen? Die Polizei hat über Funk mit ihm gesprochen. Ich stand relativ
nahe am Wagen. Sie haben ihn aufgefordert, Herrn Troimann freizulassen und sich
selber zu ergeben. Er hat abgelehnt. Er wolle eine Million, hat er gesagt, sagte
der eine Polizist zum anderen. Eine Million! Das ist doch heutzutage kein Geld
mehr, das verschleudern die da oben doch jeden Tag... Das mag schon sein, aber,
damit will ich nichts Abwertendes sagen, aber ist eine Million nicht ziemlich
viel für eine solche Existenz? Wie meinen Sie das? Nun, ein alter Mann,
offenkundig nicht mehr der klarste, nicht mehr der gesündeste, wie ich Ihren
Bemerkungen entnehme, hat doch sein Leben hinter sich. Rechnen wir es uns doch
einmal aus: Nicht allein, daß der Steuerzahler für die Million aufzukommen
gehabt hätte, die Geisel wäre doch vermutlich durch die Schockwirkung
krankenhausreif gewesen, längerer Klinikaufenthalt notwendig, summa summarum,
meine Herren, das klingt vielleicht unchristlich, ich erkenne das an Ihrer
Miene, aber insgeheim geben Sie mir doch recht. Wissen Sie eigentlich, was die
Eskimos mit ihren Alten machen? Sie lassen sie erfrieren. Schluß. Aus. Ballast
abwerfen.
Mensch, Sie reden ja der Euthanasie das Wort. Das hatten wir schon mal.
Vernichtung lebensunwerten Lebens, hieß das. Wollen Sie die Gerontologie zum
Handlanger von Rentnertötungen machen? Lassen Sie das ja nicht die Polizei hören!
Bitte, bitte. Beruhigen Sie sich doch. Wir können nicht Geld und Leben
gegeneinander abwägen. Wo kämen wir denn dahin. Da kämen wir hin, wo wir
heute schon sind, mein Bester. So rechnen wir doch täglich. Und lassen Sie mich
hinzufügen, daß der Tod des Herrn Troimann möglicherweise ein Liebensdienst
gewesen ist. Der Mann war eventuell schwer leidend, schleppte sich durch die
Straße, außerdem arm, depressiv, der Körperhaltung zufolge, völlig am Ende,
kaputt, aber ohne den Mut, selber Schluß zu machen. In diesem Moment kommt der
Geiselnehmer und löst für ihn das Problem. Sterben müssen wir doch alle mal,
vergessen Sie bitte nicht dieses unwiderlegliche Faktum. Und wünschen wir nicht
ebenfalls alle, es möge, wenn es dann soweit ist, schnell gehen, rasch, kein
Schmerz oder nur ein kurzer, kein anhaltendes Leiden, elendes Dahinvegetieren,
einen Schlauch in der Nase, einen in der Luftröhre, eine Kanüle in der Vene,
ein Röhrchen im Harnleiter, würden Sie das vorziehen? Wir können uns doch
hier nicht zum Richter über Leben und Tod eines Menschen aufschwingen, auch
wenn er alt und gebrechlich ist. Das Leben bewahren und schützen, das ist
jedermanns moralische Pflicht, verdammt nochmal! Haben Sie nie die Zehn Gebote
gelesen? Hat Ihnen keiner gesagt, daß Sie Ihren Nächsten lieben sollen wie
sich selbst? Was wissen Sie schon von meiner Selbstliebe? Denken Sie lieber an
die Millionen Bürgerkriegsopfer in Jugoslawien, Somalia, im Kaukasus, in Südamerika,
wollen Sie die alle lieben? Das ist doch reine Perversität! So – Sie glauben
also nicht an Gott? Fragen Sie doch mal Ihren Gott, ob er noch an uns glaubt?
Der hat uns doch längst aufgegeben. Meinen Sie, der hat eine Ahnung, wer Herr
Troimann ist?
Wir wissen es doch selbst nicht. Ein alter Mann, der jetzt tot ist. Wie viele
alte Männer – und natürlich auch alte Frauen – verschwinden Tag für Tag
im Nichts. Spurlos! Als wären sie nie dagewesen. Wer hat denn vor Herrn
Troimann in seiner Wohnung gewohnt? Ist doch ein altes Haus. Wo sind die
Vormieter geblieben und die Mieter vor den Vormietern? Sobald morgen das Schild
»Adelbert Troimann« von der Tür geschraubt worden ist, hat es keinen Adelbert
Troimann gegeben. Wollen Sie mir einreden, daß Sie ihn vermissen werden? Daß
Sie morgen oder übermorgen oder in einem Monat, in einem Jahr zu Ihrer Frau
sagen werden: Schade, daß Adelbert Troimann nicht mehr unter uns weilt? Ich bin
nicht verheiratet. Aber ich bin entsetzt über Ihre geistige Einstellung zum
Sein des Menschen. Ich will auch gar nicht auf mein Christentum pochen, das mir
solche Worte verbietet, ich möchte Sie nur darauf hinweisen, daß auch Sie, ja,
Sie unser Nächster sind, dem unsere Sorgfaltspflicht gilt! Sie und alle, die
hier um uns herumstehen. Unsinn, jeder ist sich selbst der Nächste, das ist ein
ehernes Gesetz, in Stein geschlagen, in Bronze gegossen. In dieser Hinsicht war
Ihr Herr Troimann kein bißchen anders. Darauf könnte ich einen Eid ablegen.
Da – jetzt wird die Haustür geöffnet. Die Krankenträger mit der Bahre.
Jetzt schieben sie den Leichnam in den Wagen. Woher wollen Sie wissen, daß es
eine Leiche ist? Klar – das Gesicht ist bedeckt, der atmet nicht mehr. Ob das
Herr Troimann ist? Oder der Geiselgangster? Den hat’s schlimm erwischt. Sehen
Sie den Blutfleck auf dem Tuch. Der hat ’ne volle Ladung abgekriegt. Jetzt
fahren sie ihn gleich ab. Sowas gehört auf den Müll. Halten Sie doch den Mund.
Wie ich sagte: tot. Sie fahren ohne Blaulicht und Sirene ab.
Und wo ist Herr Troimann? Oder der Gangster? Da muß doch noch der andere
gebracht werden. Der eine und der andere.
Meine Herrschaften, gehen Sie doch weiter. Sie behindern den Verkehr. Die Sache
ist vorbei. Haben Sie den Verbrecher liquidiert, Herr Wachtmeister?
Bitte gehen Sie jetzt weiter...
Vielleicht ist Troimann gar nichts geschehen, und er sitzt da oben gemütlich in
seinem Wohnzimmer und freut sich seines Überlebens. Man sollte ihm ein paar
Blumen schicken. Über Fleurop. Keine schlechte Idee. Da kommt endlich der Mann
von der Presse mit dem Fotografen, die werden wohl Bescheid wissen. Hören Sie,
Herr Reporter, entschuldigen Sie, können Sie uns sagen, wie es geschehen ist?
Lebt Herr Troimann? Ist der Gangster tot?
Es tut mir leid, Leute, es war gar keine Geiselnahme. Aber wir haben doch
deutlich... Der Mann hat sich selbst als Geisel genommen, so war’s, ein dummer
Trick, um eine Million zu kriegen. Das mußte schiefgehen, das hätte er sich an
seinen zehn Fingern ausrechnen können. Erscheint auf dem Balkon einmal als er
selbst und das zweite Mal maskiert. Blödsinn. Natürlich wurde sofort
geschossen, als er in Maske die Wohnungstür öffnete. Was sich solche Typen
auch einfallen lassen, mein Gott! Zumindest wird das keine Schule machen, wir
bringen diesen Fall in unserem Blatt als Warnung für potentielle
Trittbrettfahrer derartiger Unternehmungen.
Troimann selber? Pathologisch. Krankhaft. Das wirre Haar, der gebeugte Gang. Und
dieser bedrohlich saugende Blick. Hypnotisch. Er muß schon lange krank gewesen
sein. Geistesgestört. Ein Fall für die Psychiatrie. Und sowas lief frei herum.
Wer weiß, was sonst noch hätte geschehen können. Geiselnehmer und Geisel in
einer Person. Nimmt sich gefangen und bedroht sich. Psychologisch betrachtet
verweist der Vorgang auf eine über das Normalmaß hinaus entwickelte
Schizophrenie. Bewußtseinsspaltung. Er hat sich für zwei gehalten, von denen
der eine nicht mehr wußte, was der andere tat. Klarer Fall. Darum sein
doppelter Auftritt auf dem Balkon. Ein Realitätsverlust sondergleichen.
Unvorstellbar, wie so etwas geschehen kann. Wahrscheinlich die Einsamkeit. Man
ist sich selbst der einzige Gesprächspartner, Tag für Tag. Die Kommunikation
mit den anderen verringert sich mehr und mehr. Mit wem hat denn Troimann überhaupt
noch geredet? Aber die Forderung nach einer Million war ganz schön realistisch!
Im Gegenteil. Die Welt in der Zeitung wurde für ihn wirklicher als die Welt
rundum. Und eines Tages sagte sich der Troimann, der abgespaltene, mit dem
Troimann sich stets unterhielt: Mach es wie andere. Da sitzt der Posträuber
Biggs in Südamerika, gibt Interviews und läßt sich die Sonne auf den Bauch
scheinen. Und du, Troimann, mit deiner kleinen Rente und dem billigen Bier, du könntest
dir ebenfalls einen schönen Lebensabend leisten, wenn du eine Möglichkeit
findest, Druck auf die auszuüben, die über das Geld bestimmen. Verbrechen
zahlt sich aus. Der Kriminelle ist salonfähig geworden. Die Mafia herrscht
unangefochten. Warum soll da Troimann, der nichts zu verlieren hat, zurückstehen?
So wird es wohl gewesen sein. Ja, Sie haben vermutlich recht. Sein Ende war
vorbestimmt. Schicksal, unabwendbar. Ein Opfer der Zeitläufe. Der Mann stammte
doch noch aus einem friedlichen Gestern, aus einer untergegangenen Epoche.
Kennen Sie die Geschichte von Rip van Winkle? Um der Unbill des Wetters zu
entgehen, legt er sich in einer Höhle nieder, schläft ein und wacht erst nach
hundert Jahren wieder auf.Keiner, den er kannte, weilt noch unter den Lebenden.
Sein Heimatort hat sich völlig verändert: Er ist zu einem Fremden geworden,
der nicht begreifen kann, was mit ihm vorgegangen ist. Verstehen Sie, was ich
damit andeuten will? Der Vergleich liegt doch auf der Hand.
Ah, da kommt Troimann. Eben ist er um die Ecke gebogen. Er lebt, mein Gott! Der
alte Mann existiert! Ein Wunder! Wieso Wunder? Er war eben während der
Geiselnahme nicht daheim. Herr Troimann, Herr Troimann, ich muß zu ihm gehen,
ich muß ihn fragen... Die Polizei hat schon auf ihn gewartet, die wird ihn
befragen. Jetzt gehen sie mit ihm ins Haus. Ich wette, sie verhaften ihn.
Vermutlich hat er mit einem Komplizen etwas geplant, das schiefgelaufen ist.
Greise sollten sich besser von solchen Dingen fernhalten. Der ist im Kopf nicht
mehr ganz richtig. Wie der schon übers Pflaster schleicht. Wie der mit den
Armen schlenkert. Wer weiß, was der für einUnheil angerichtet hat.
Da kommt die Nachbarin von Troimann aus der Tür. Die weiß sicher Bescheid. Ich
bin mit ihr bekannt, eine patente Frau, einen Moment, ich werde mich bei ihr
erkundigen, was da eigentlich vorgegangen ist.
Im Grunde ein rätselhaftes Ereignis, wie Fernsehen ohne Ton. Man kapiert nicht,
worum es geht. Noch nie ist mir derart stark bewußt geworden, daß man aus
Mangel an Vorkenntnissen wie blind allen Abläufen gegenübersteht. Man glaubt,
ausreichend informiert zu sein, und dann ist es doch nichts. Ein Irrtum. Wir
haben uns in Troimann getäuscht. Die Diagnose war falsch. Wenn uns, die wir
vernünftige, erwachsene Leute sind, das schon passiert, was soll man da erst
von den Mitbürgern annehmen, denen Vernunft und Reife abgehen. Man kann Angst
bekommen, sobald man sich mit dieser Tatsache vertraut macht. Das ist doch der
unwiderlegliche Beweis, wie fragwürdig unsere Urteilsfähigkeit ist. Das mag
auf Sie zutreffen, Herr Nachbar, ich schließe mich da aus. Meine Urteilsfähigkeit
ist intakt, ich bin kein schwankendes Rohr im Winde widersprüchlicher
Meinungen. Für mich hängt Troimann so oder so in der Geschichte mit drin. Er
kriegt aber garantiert Haftverschonung, wegen seines Alters.
Troimanns Nachbarin verschwindet. Gleich werden wir erfahren, was sich
abgespielt hat. Nun, was hat sie gesagt? Was war wirklich los?
Der Neffe von Troimann. Es war der Neffe. Der arme Kerl ist Schauspieler, nein,
war Schauspieler. Glatter Herzdurchschuß. Kein prominenter, kein namhafter.
Sollte demnächst in einem Fernsehspiel auftreten, als Geiselnehmer oder ähnliches,
er hat seinen Part geprobt, hat sich immens hineingesteigert. Die
Millionenforderung? Er hat wohl gemeint, jemand macht sich einen Jux mit ihm und
ruft mit verstellter Stimme als Polizist an... Er ist ganz in seiner Rolle
aufgegangen, heißt es. Tragische Angelegenheit, finden Sie nicht? Nun, wir
werden morgen die ganze Wahrheit aus der Zeitung erfahren. Aus der Zeitung?
Wahrheit? Also, bitte! Schließlich kommt es darauf an, welches Presseorgan Sie
bevorzugen!
Ich werde Ihnen mal sagen, was ich wirklich glaube, diese Probengeschichte ist
doch pure Erfindung! Der Mann hat Selbstmord verübt! Blödsinn! Schnapsidee!
Selbstmord mittels Fremdeinwirkung! Und warum hat er sich nicht eigenhändig...?
Keine Waffe, mein Bester. Und keinen Mumm. Der Mann war ein arbeitsloser
Statist, der einmal in seinem Leben eine große Rolle spielen wollte, koste es,
was es wolle. Und es hat ihn ja auch das Leben gekostet. Hamlet. Der Rest ist
Schweigen. Zwei Fliegen mit einer Klappe: ein großer Auftritt und ein gnädiger
Suizid. Das wird in keiner Zeitung stehen.
Und warum sind Sie von Ihrer Version überzeugt? Sie ist doch auch bloß reine
Spekulation... Ja, natürlich. Aber was dachten Sie denn, was Wahrheit anderes
ist?
Rezension I Buchbestellung I home II06 LYRIKwelt © Hanser