Die Unwissenheit von Milan Kundera, Hanser-Verlag, 1998/2000Milan Kundera

Die Unwissenheit
(Leseprobe aus: Die Unwissenheit, Roman, 1998/2000, Hanser)

"Wieso bist du noch hier?" Ihre Stimme klang nicht böse, aber auch nicht freundlich; Sylvie war verärgert.
"Wo sollte ich denn sein?" fragte Irena.
"Zu Hause!"
"Willst du damit sagen, daß ich hier nicht mehr zu Hause bin?"
Natürlich wollte Sylvie sie weder aus Frankreich vertreiben noch ihr zu verstehen geben, sie sei eine unerwünschte Ausländerin: "Du weißt schon, was ich meine!"
"Ja, weiß ich, aber hast du vergessen, daß meine Arbeit, meine Wohnung, meine Kinder hier sind?"
"Hör mal, ich kenne Gustaf. Er wird alles tun, damit du in deine Heimat zurückkehren kannst. Und deine Töchter, erzähl mir doch nichts! Sie haben schon ihr eigenes Leben! Mein Gott, Irena, was bei euch vorgeht, ist dermaßen faszinierend! In so einer Situation lassen sich die Dinge immer regeln."
"Aber Sylvie! Es geht nicht nur um die praktischen Dinge, wie Arbeit, Wohnung. Ich lebe seit zwanzig Jahren hier. Mein Leben ist hier!"
"Bei euch ist Revolution!" Sie sagte es in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Dann schwieg sie. Mit diesem Schweigen wollte sie Irena sagen, daß man nicht desertieren darf, wenn große Dinge geschehen.
"Aber wenn ich in meine Heimat zurückgehe, sehen wir uns nicht mehr", sagte Irena, um ihre Freundin in die Zwickmühle zu bringen.
Diese sentimentale Demagogie schlug fehl. Sylvies Stimme wurde warmherzig: "Meine Liebe, ich komme dich besuchen! Das verspreche ich, das verspreche ich!"
Sie saßen nebeneinander über zwei lange schon leeren Kaffeetassen. Irena sah Tränen der Rührung in Sylvies Augen steigen; Sylvie beugte sich vor und drückte ihre Hand: "Das wird deine große Rückkehr." Und noch einmal: "Deine große Rückkehr."
Durch die Wiederholung bekamen die Wörter eine solche Kraft, daß Irena sie in ihrem Innersten groß geschrieben vor sich sah: Große Rückkehr. Sie begehrte nicht mehr auf: sie wurde von Bildern in Bann geschlagen, die plötzlich aus früher Gelesenem, aus Filmen, aus ihrer eigenen Erinnerung und vielleicht auch aus der ihrer Ahnen aufstiegen: der verlorene Sohn, der zu seiner alten Mutter zurückfindet; der Mann, der zu seiner Geliebten zurückkehrt, von der das grausame Schicksal ihn einst fortgerissen hat; das Geburtshaus, das jeder in sich trägt; der wiederentdeckte Pfad, in den die verlorenen Schritte der Kindheit eingeprägt geblieben sind; Odysseus, der nach jahrelangen Irrfahrten seine Insel wiedersieht; die Rückkehr, die Rückkehr, der große Zauber der Rückkehr.


2

Rückkehr heißt im Griechischen nostos. Algos bedeutet Leiden. Nostalgie ist also das von dem unerfüllten Wunsch zurückzukehren verursachte Leiden. Diesen Grundbegriff können die meisten Europäer mit einem aus dem Griechischen stammenden Wort (nostalgie, nostalgia) und außerdem mit anderen Wörtern ausdrücken, die ihre Wurzel in der Nationalsprache haben: añoranza sagen die Spanier; saudade sagen die Portugiesen. Diese Wörter haben in jeder Sprache eine unterschiedliche semantische Nuance. Häufig bezeichnen sie nur die Unmöglichkeit der Rückkehr in die Heimat. Was im Englischen homesickness genannt wird. Oder im Deutschen: Heimweh. Im Holländischen: heimwee. Doch das ist eine Einschränkung dieses weiten Begriffs auf das Räumliche. Eine der ältesten Sprachen Europas, das Isländische, unterscheidet zwei Ausdrücke: söknudur: Nostalgie in ihrer allgemeinen Bedeutung; und heimfra: Heimweh. Die Tschechen haben neben dem dem Griechischen entlehnten Wort nostalgie ihr eigenes Substantiv, stesk, und ihr eigenes Verb; der ergreifendste tschechische Satz in der Liebe: styska se mi po tobe: ich habe Nostalgie nach dir; ich kann den Schmerz über deine Abwesenheit nicht ertragen. Das spanische añoranza kommt von dem Verb añorar (Nostalgie haben), welches wiederum vom katalanischen enyorar kommt, das von dem lateinischen Wort ignorare (nicht wissen) abgeleitet ist. In diesem etymologischen Licht erscheint die Nostalgie als das Leiden an der Unwissenheit. Du bist fern, und ich weiß nicht, was geschieht. Meine Heimat ist fern, und ich weiß nicht, was dort vorgeht. Manche Sprachen haben einige Schwierigkeiten mit der Nostalgie; die Franzosen können sie nur durch das Substantiv griechischen Ursprungs ausdrücken und haben kein Verb; sie können zwar sagen: je m'ennuie de toi, aber das Wort s'ennuyer ist schwach, kalt, in jedem Fall zu leicht für ein so gewichtiges Gefühl. Die Deutschen benutzen das Wort Nostalgie selten und ziehen Sehnsucht vor: Wunsch nach etwas Abwesendem; aber die Sehnsucht kann sich sowohl auf etwas Gewesenes wie auf etwas nie Gewesenes richten (ein neues Abenteuer) und enthält nicht unbedingt die Idee eines nostos; damit die Sehnsucht das Verlangen nach Rückkehr ausdrückt, müßte ein Objekt hinzugefügt werden: Sehnsucht nach der Vergangenheit, nach der verlorenen Kindheit, nach der ersten Liebe.
Die Odyssee, das Gründungsepos der Nostalgie, entstand zu Beginn der antiken griechischen Kultur. Es sei betont, daß Odysseus, der größte Abenteurer aller Zeiten, auch der größte Nostalgiker ist. Er zog (ohne große Lust) in den Trojanischen Krieg, der zehn Jahre dauerte. Danach beeilte er sich, auf seine Heimatinsel Ithaka zurückzukehren, aber die Ränke der Götter verlängerten seine Fahrt zuerst um drei von den phantastischsten Ereignissen erfüllte Jahre, dann um sieben weitere, welche er als Geisel und Geliebter bei der Göttin Calypso verbrachte, die ihn, weil sie ihn liebte, nicht von ihrer Insel fortließ.
Am Ende des fünften Gesangs der Odyssee sagt Odysseus zu ihr: "Ich weiß es Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Grösse verschwindet... Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen, Wieder nach Hause zu gehen und zu schaun den Tag der Zurückkunft." Und Homer fährt fort: "Also sprach er; da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich. Beide gingen zur Kammer der schön gewölbeten Grotte, Und genossen der Lieb', und ruheten neben einander."
Im Leben der armen Emigrantin, die Irena lange gewesen war, hatte es nichts Vergleichbares gegeben. Odysseus lebte bei Calypso ein wahres Dolce vita, ein angenehmes Leben voller Freuden. Dennoch wählte er zwischen dem Dolce Vita in der Fremde und der riskanten Rückkehr nach Hause die Rückkehr. Der passionierten Erkundung des Unbekannten (dem Abenteuer) zog er die Apotheose des Bekannten vor (die Rückkehr). Dem Unendlichen (das Abenteuer erhebt ja den Anspruch, nie zu enden) zog er das Ende vor (die Rückkehr ist ja die Versöhnung mit der Endlichkeit des Lebens).
Ohne ihn zu wecken, legten die phäakischen Seeleute Odysseus in den Laken am Gestade von Ithaka unter einem Ölbaum nieder und segelten davon. Das war das Ende der Reise. Er schlief, erschöpft. Als er erwachte, wußte er nicht, wo er war. Dann lüftete Athene den Nebel vor seinen Augen, und ihn überwältigte der Rausch; der Rausch der Großen Rückkehr; die Ekstase des Bekannten; die Musik, die die Luft zwischen Himmel und Erde vibrieren ließ: er sah den Ankerplatz, den er seit seiner Kindheit kannte, die beiden Berge darüber, und er streichelte den alten Ölbaum, um sich zu vergewissern, daß er so geblieben war wie zwanzig Jahre zuvor.
1950, als Arnold Schönberg seit vierzehn Jahren in den Vereinigten Staaten war, stellte ihm ein amerikanischer Journalist einige hinterhältig naive Fragen: Stimmt es, daß die Emigration die Künstler um ihre schöpferische Kraft bringt? Daß ihre Inspiration verdorrt, sobald die Wurzeln der Heimat sie nicht mehr nähren?
Stellen Sie sich das vor! Fünf Jahre nach dem Holocaust! Und ein amerikanischer Journalist verzeiht Schönberg seinen Mangel an Anhänglichkeit für jenes Stück Erde nicht, wo sich vor seinen Augen der Schrecken aller Schrecken in Gang gesetzt hatte! Da kann man nichts machen. Homer verherrlichte die Nostalgie mit einem Lorbeerkranz und legte so eine moralische Hierarchie der Gefühle fest. An deren Spitze steht Penelope, hoch über Calypso.
Calypso, ach, Calypso! Ich denke oft an sie. Sie hat Odysseus geliebt. Sie lebten sieben Jahre zusammen. Man weiß nicht, wie lange Odysseus Penelopes Bett geteilt hatte, aber bestimmt nicht so lange. Dennoch wird Penelopes Schmerz gerühmt, und Calypsos Tränen werden verspottet.

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