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Nachricht an alle
(Leseprobe aus: Nachricht an alle, Roman, 2008,
Kiepenheuer & Witsch)
Selden mixte sich gerade einen
Drink, als die Nachricht kam. Wahrscheinlich ist es Per, dachte er, ein letzter
Einfall zu den stockenden Verhandlungen, mit denen sie sich seit Tagen
herumschlugen, vielleicht auch Britta, die mal wieder nicht schlafen konnte, drüben
im fernen Europa, wo es früher Morgen war.
Nicht jetzt, dachte er. Ihr könnt mich mal.
Er stand eine Weile am Fenster, sah die Stadt, ein paar spärlich
erleuchtete Fenster, tief unten das milchige Licht der Ampeln, vereinzelt Wagen,
kaum Passanten. Der Nebel hatte sich verzogen. Drüben vom See her waren die
Schwaden seit Tagen bis in die obersten Stockwerke gestiegen und hatten den
riesigen Hotelkomplex in Watte gehüllt, aber jetzt, gegen halb zwei, war es
fast klar, man bekam auf einmal ein Gefühl für den Raum, alles schien
unermesslich weit und zugleich dicht gedrängt, vollgestopft mit Details, jetzt,
in einem der seltenen Augenblicke, in denen er für sich war, etwas erschöpft,
aber wach.
Er dachte an den kommenden Tag, die langen Stunden, die vor
ihm lagen, die ganze Fusselarbeit innerhalb und außerhalb der Konferenzsäle,
zog sich Schuhe und Jackett aus, setzte sich an den Schreibtisch, wo auch das
Handy lag, dann die Nachricht. Alles sehr entspannt.
Die Nachricht war von seiner Tochter. Er klickte sie an und
dachte: Komisch, was sie bloß will, jetzt, um diese Zeit, was will sie um diese
Zeit von ihrem Vater.
Hallo Paps, fing sie immer an, aber diesmal begann sie
anders: O mein Gott, begann sie. Es hat eine Explosion gegeben. Es ist
entsetzlich. Wir stürzen ab. Betet für mich. Ich liebe Euch.
Das war alles. Nur ein paar Sätze. Er nahm sie zur Kenntnis,
hatte aber nicht den Eindruck, dass er etwas begriff. Er las sie ein zweites
Mal, scrollte von oben nach unten, wo er endlich ihren Namen fand, Absender:
Anisha, die bekannte Nummer, gesendet: 07:37:41, das Datum von morgen. Der erste
Reflex war: Wieso morgen. Und dann: Das ist ein Scherz. Anisha, komm. Was soll
das. Warum machst du das. Was ist los. In unterschiedlichen Variationen.
Einige Sekunden saß er da und wartete, wohin das Pendel
ausschlug. Machst du mir Angst, machst du mich wütend, glaube ich, was da
steht, halte ich es für möglich. Okay, mal langsam, dachte er. Von einer Reise
weiß ich nichts. Sie lebt in Rom. Sie hat Kinder. Sie muss früh raus. Ich kann
sie anrufen. Ich rufe sie einfach an.
Er wählte ihre Nummer, wartete auf das Freizeichen und bekam
eine Frauenstimme, die auf Italienisch erklärte, dass der Teilnehmer vorübergehend
nicht erreichbar sei. Sie hatte mal was von Stockholm erzählt. Ein Termin in
Stockholm. War das jetzt? War sie auf dem Weg dorthin? Er versuchte es über das
Festnetz. Er ließ es lange läuten, an die fünfzehn Mal, sah ihre Wohnung an
der lauten Piazza, das Telefon im Flur, Anisha im Bademantel, wie sie den
Kindern in der Küche das Frühstück machte, mit der schlafwandlerischen
Routine der Mutter, die sich darüber wundert, dass zu dieser Stunde jemand
anruft, an einem Dienstagmorgen im März. Es nahm niemand ab. Auch der
Anrufbeantworter sprang nicht an, vielleicht hatten sie ihn versehentlich nicht
angestellt.
Er begann sich zu ärgern. Mehr wütend als besorgt schrieb
er ihr eine SMS. Anisha, was soll das. Bitte melde dich. Aber sofort. Dein
Vater. Für kurze Zeit war er damit zufrieden. Er hatte getan, was er konnte,
auch wenn es mehr oder weniger ein Witz war, hier, in diesem Zimmer im
vierunddreißigsten Stock mit dieser Nachricht.
Er schaltete den Fernseher ein, der in einer Box vor dem Bett
stand. Er schaute bei CNN, dann bei den kanadischen Sendern, die aber nichts
hatten. Er glaubte es einfach nicht. Es war nicht möglich. Etwas in ihm
versuchte zu widersprechen, weil ja klar war, dass es möglich war, es gab Unfälle
mit Vögeln, einen Schaden im Triebwerk, es gab Anschläge. Nicht sie, dachte
er. Warum nicht sie, dachte er. Was wäre, wenn. Dieses Spiel. Selbst wenn es
vorläufig nicht den geringsten Beweis dafür gab.
Ein paar Bilder, eine Meldung, wären ein Beweis gewesen.
Einen Anschlag, eine Katastrophe mit mehreren hundert Toten würden sie doch
sicher melden. Aber nichts. Im Fernsehen das übliche Programm. Ein Film, noch
ein Film, viel Werbung, eine Late-Night-Show, auf CNN Bilder von der neuesten
Anschlagserie am Hindukusch.
Es waren mehr als vierzig Kanäle. Betont langsam ging er sie
nacheinander durch, in aufsteigender Folge, dann rückwärts, während er in
seinem Inneren mit anderen Bildern kämpfte, Bildern von brennenden Flugzeugen,
ein rauchender Feuerball am Himmel, und dann wie im Film ein Schnitt und seine
Tochter in einer der hinteren Sitzreihen, wie sie zu Tode erschrocken die
Sauerstoffmasken aus der Decke fallen sah.
Er versuchte mit ihr zu reden. Ein paar Sekunden sah er
genau, was war, was ihr bevorstand. Dann nicht mehr. Er dachte: Warum schreibst
du mir nicht, was los ist. Wie es weitergeht. Er dachte: Herr, lass es nicht
sein. Sie hatte geschrieben: Betet für mich. Es ist entsetzlich. Und tatsächlich
begann er jetzt zu beten, wütend, dass sie ihn dahin brachte, dass sie womöglich
dabei war, sein Leben zu zerstören.
Er musste mit jemandem reden. Er stellte den Ton ab und rief
Per an, aber der hatte sein Handy schon ausgeschaltet. Er versuchte es bei
Britta, die bestimmt noch schlief, doch er hatte sie gleich dran. Sie klang
verschlafen. Hallo, hallo? Wer ist da? Bist du’s? Ich hab geschlafen,
entschuldige. Was ist los? Wie spät ist es bei euch?
Er sagte ihr, was los war, in ein paar Sätzen, mit welchen
Bildern er kämpfte.
Na, komm, sagte sie. Das ist nicht dein Ernst. Sie fand das
alles absurd. Reg dich nicht auf.
Ihre auf Anhieb plausible Theorie lautete: Anisha hat ihr
Handy verloren, jemand hat es ihr gestohlen, der neue Besitzer liebt makabre Späße.
Vergiss es, sagte sie.
Er bat sie, trotzdem den Fernseher anzuschalten.
Jetzt?
Ja, jetzt.
Na, gut. Bleib dran. Bleibst du dran?
Ja, sicher, ich bleib dran.
Er hörte, wie sie aufstand, das Rascheln des Bettzeugs. Er
meinte zu sehen, wie sie sich hochrappelte und in ihren Morgenmantel schlüpfte,
wie sie ins Wohnzimmer ging, ein paar Schritte vor ihm, ungläubig wie er
selbst, ein bisschen belustigt, vielleicht auch nicht. Die paranoide Weltsicht
eines Innenministers, würde sie denken. Es ist deine Tochter, nicht meine, würde
sie denken, ob sie wollte oder nicht. Jetzt hörte man Stimmen. Sie durchsuchte
die Sender. Einmal gab es Musik, dann wieder Text, die Stimme einer Frau, eines
Manns, das quakende Durcheinander eines Zeichentrickfilms. Von einer Nachricht
keine Spur.
Komm, beruhig dich, sagte sie. Bist du sicher? Lies nochmal
vor.
Er las noch einmal vor. Es hat eine Explosion gegeben. Ich
liebe Euch.
Britta sagte: Mein Gott. Wie im Film. Und dann, wie um sich
zu korrigieren: Was ist das bloß für ein Mensch, dass er uns allen so einen
Schrecken einjagt.
Selden sagte: Ich versuche, jemanden im Ministerium zu
erreichen. Halt die Leitung frei, ich melde mich.
Als er aufgelegt hatte, nahm er sich noch einmal die
Nachricht vor, die genaue Struktur, wie sie komponiert war. Vielleicht hatte er
ja noch gar nicht verstanden, was sie bedeutete, von wem sie wirklich stammte.
Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe ging er alles durch, die technischen
Angaben, Absender, Sendedatum, die Telefonnummer. Wenn man es genau betrachtete,
gab es weder einen Adressaten noch einen genauen Absender. Es war eine Nachricht
an alle von niemandem. Betet für mich, hatte sie geschrieben, also hätte sie
doch schreiben müssen: Eure Anisha. Aber das schrieb sie nicht. Als wollte sie
sagen: Welche Anisha. Anisha gibt es nicht mehr, nicht mehr lang, ihr könnt
euch ausrechnen, wie lange noch.
Auf einmal erschien es ihm ziemlich unwahrscheinlich, dass es
ein Scherz war. Welches kranke Hirn sollte sich das ausdenken. Ein Jugendlicher,
der gerade einen dieser Filme gesehen hatte und sich in Gedanken daran
aufgeilte, wildfremde Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen?
Wieder sah er sie in der Maschine, kurz nach der Explosion,
oder was immer dort vorgefallen war, die schreienden Passagiere, die Wolken der
Angst, weiter vorne ein klaffendes Loch, halb rechts ein Feuer, beißenden
Rauch, und dann auf einmal die Anisha von früher, wie sie lachend inmitten
einer Landschaft stand, auf einem weiten Feld, mit dem Blick nach oben in den
Himmel. Sie beobachtete etwas. Es war nicht erkennbar, was, man bekam es nicht
ins Bild, aber man sah sie eindeutig lachen, als wäre sie gleichzeitig hier
unten, auf sicherem Boden, und dort oben, in dieser Hölle.
Er versuchte es noch einmal bei Per. Plötzlich hatte er Per.
Der hörte sich alles an, nahm die Sache ernst, aber auch nicht zu sehr, nicht,
solange es keine Fakten gab.
Ich hatte das Ding schon abgedreht. Auf einmal denke ich:
Stell es nochmal an. Was wir jetzt brauchen, sind Fakten. Wofür haben wir den
Apparat.
Er sprach es nicht aus, aber es war verdammt nochmal zu früh.
Entwarnung oder nicht Entwarnung, alles eine Frage der Zeit. Das betraf zunächst
den Absturz selbst. Dann die Feuerwehr. Wann trifft sie ein? Die Rettungskräfte.
Wie lange dauert das? Das Weiterleiten schlechter Nachrichten an die Medien,
obwohl sich schlechte Nachrichten bekanntlich am schnellsten verbreiteten.
In den Nachrichten nichts, sagst du?
Selden schaltete unablässig hin und her. In den Nachrichten
hatten sie weiterhin nichts.
Per fragte: Soll ich hochkommen? Aber Selden sagte: Nein,
nein, finde nur endlich raus, was da los ist. Ich werde allmählich verrückt.
Seit dem Eintreffen der Nachricht waren höchstens dreißig
Minuten vergangen. Er versuchte noch einmal zu beten, wie ein Kind, das mit
einer höheren Macht in Verhandlungen tritt: Gib mir das, dann geb’ ich dir
das, irgendeinen Tausch, etwas, das ihm wirklich am Herzen lag, ohne dass er
sah, was das hätte sein können. Es handelte sich um eine Strafe, eine
Rechnung, die man widerspruchslos zu akzeptieren hatte. Wurde das Schlimmste
wahr, war es die Quittung für seine Sünden, sein Versagen als Vater, als Mann,
als Politiker.
Er begann, sie wie eine Tote zu behandeln, nur zur Probe,
aber wie eine Tote. Arme Anisha. Was hätte ich dir noch alles gewünscht. Ich
hoffe, du hast geliebt, ein einziges Mal ohne Wenn und Aber, ich hoffe, du
hattest guten Sex. Die Kinder fielen ihm ein, Anishas Postkarten aus Rom, ihre
krakelige Schrift, mit der sie ihm ab und zu Einblick in ihr Leben gewährte,
ein verbummelter Nachmittag am Fluss, im Bikini am Ufer des Tibers, während die
Zwillinge friedlich im Wagen schliefen.
Was immer man den Toten wünscht im Nachhinein. Was sie versäumt
haben. Was wir alle von Anfang an versäumt haben.
Plötzlich dachte er an Ruth, mit der er seit Jahren kaum
Kontakt hatte. Ruth vor dem Gerichtsgebäude, am Tag der Scheidung, wie sie ihm
gratulierte, Ruth am Friedhof, ziemlich schwarz und sehr jung, an der Seite
eines ihrer Liebhaber, der ihr flüsternd erklärte, warum es keinen Sarg gab,
nur eine leere Zeremonie, für einen Schatten, einen Namen.
Einen Moment lang wollte er sie anrufen. Aber mit welcher
Botschaft. Sie würde ihn auslachen. Hör schon auf. Hast du nichts Besseres zu
tun? Du lässt alle paar Jahre von dir hören, und dann das?
Er durchsuchte weiterhin die Kanäle, rauf und runter, aber
nichts. Auch Per hatte nichts. Beruhig dich. Die Maschine läuft. Es war kurz
nach zwei. Normalerweise wäre er längst im Bett gewesen, die letzte Runde der
Konferenz begann um neun, aber wahrscheinlich musste er da nicht mehr hin. Der
Gedanke hatte etwas Erleichterndes. Wenn sie tot war, musste er da nicht hin. Er
würde packen, er würde abreisen. Weiter kam er nicht. Er sah sich mit Per im
Wagen auf dem Weg zu Britta, Britta in der offenen Tür, die ersten gemeinsamen
Stunden, mit einer neuen Vorsicht, alles sehr leise, behutsam, voller
unerwarteter Liebe.
Gegen halb vier brachten sie die ersten Bilder. Sie mussten schon eine Weile zu
sehen gewesen sein, sie waren da und zugleich nicht da, es dauerte eine
Ewigkeit, bis er realisierte, was sie bedeuteten. Jemand flog im Helikopter über
eine Absturzstelle. Man sah verbrannte Erde, rauchende Trümmer, an diversen
Stellen Feuerwehr und Rettungsfahrzeuge, am Rande einer ländlichen Siedlung,
darunter einen roten Balken mit der Schlagzeile: 180 Tote bei Flugzeugabsturz,
keine Überlebenden.
Mach mir keinen Kummer, dachte er.
Du warst so klein bei der Geburt, so schrumpelig.
Du musst. Mach mir keinen Kummer.
Gleich jetzt, in der nächsten Einstellung, würde er sie
sehen, etwas benommen, mit ein paar Schnittwunden im Gesicht, wie sie aus einem
Haufen Asche stieg, sehr verwirrt, vielleicht auch verletzt, mit Verbrennungen
dritten oder vierten Grades, na gut, aber seine Tochter. Wo steckte sie bloß?
Man musste sie doch sehen, sie konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.
Aber sie zeigten immer die Bilder aus dem Helikopter, von weit droben, sodass es
nicht möglich war.
Das Flugzeug sah irgendwie filetiert aus, dachte er, wie ein
kunstvoll auseinandergenommener Fisch, aus dieser Höhe sehr klein, sodass es völlig
unwahrscheinlich schien, dass jemals Menschen darin Platz gefunden haben
sollten.
Wenig später brachten sie die ersten Aufnahmen vom Boden.
Ein rauchendes Wrack war zu sehen, aus der Nähe die Reste des Cockpits, eine
ausgebrannte Turbine, größere Teile vom Rumpf, sieben, acht Fenster am Stück,
an denen ebenfalls Brandspuren zu erkennen waren, weiter weg verstreutes Gepäck,
ein Kinderspielzeug, nirgendwo Tote, nirgendwo Verletzte. Man konnte sich kein
rechtes Bild machen. Es waren bestimmte Ausschnitte, der wohldosierte Schrecken
am frühen Morgen. Jemand hatte mit der Kamera draufgehalten, jemand anderes
hatte verfügt, was sendbar war. Keine verbrannten Körper, keine Verstümmelungen
schien die Devise zu sein.
Über die Absturzstelle hieß es unbestimmt: ein Vorort von
Rom, circa siebzig Kilometer nordöstlich, im Wagen eine Strecke von einer
Stunde. Weiter war die Maschine nicht gekommen. Selden war die Route mit Anisha
und den Kindern schon gefahren. Ja, doch, er meinte sich zu erinnern. Er dachte:
Na siehst du, hättest du den Wagen genommen. Das nächste Mal nimm den Wagen,
die Kinder hinten in ihren Sitzen vergiss nicht anzuschnallen, und dann los, es
ist ein schöner Tag, um diese Stunde gibt es kaum Verkehr, bitte pass auf.
Er merkte, wie er sie schon wieder belehrte. Ganz der Vater.
War es nicht an der Zeit, dass er damit aufhörte? Solange sie lebte, würde er
sie insgeheim ermahnen. Solange er sie noch ermahnte, lebte sie auch.
Es begann zu klopfen, er dachte, in ihm drin, aber es war an
der Tür, der an der Tür stand, war Per. Er war sehr bleich. Um Gottes willen,
ich glaub es nicht. Und Selden: Komm, setz dich. Schau dir das an. Als hätte er
soeben eine Entdeckung gemacht. Haben wir das nicht immer gepredigt? Es kann uns
alle treffen, überall und zu jeder Zeit. Und jetzt das. Jetzt bin ich dran.
Per ging nicht darauf ein, er sagte, was sie hatten. Wir
versuchen, die Passagierliste zu bekommen. Eine Maschine nach Stockholm, so viel
steht fest. Was um Himmels willen wollte sie in Stockholm?
Selden saß am Rand des Bettes und starrte bewegungslos in
den Fernseher.
Wir müssen ihre Mutter verständigen. Die Kinder. Ich weiß
noch nicht mal, ob sie die Kinder mithatte.
Hallo?, sagte er, weil Per nicht reagierte, und Per sagte:
Die Kinder, mein Gott, hoffentlich nicht, obwohl es kaum denkbar war.
Eine Stimme aus dem Fernseher sagte: The fatal air crash
happened next to a small village. Two houses are completely destroyed. Imagine
this happening in a city like Rome.
Man sah einen Nachrichtensprecher und an seiner Seite einen
Experten, der sehr vorsichtig über die Möglichkeit eines Anschlags
spekulierte. Es war von einem ersten Bekennerschreiben im Internet die Rede, das
gerade auf seine Echtheit überprüft werde. Das war der Stand. Sie brachten
eine Liste mit den letzten Anschlägen, Anschläge, zu denen sich jemand bekannt
hatte, Anschläge, die vielleicht Unfälle waren, dazu lauter Namen von Städten:
London, Berlin, Tokio, ein kurzer Abriss der Geschichte des beginnenden 21.
Jahrhunderts.
Bei Per klingelte alle paar Minuten das Handy. Es gab neue
Informationen aus der Hauptstadt, über die Schwierigkeiten mit den
italienischen Behörden, die sich weiterhin vergeblich um eine Passagierliste
bemühten.
Sie war da drin, es bestand kein Zweifel.
Nie und nimmer war sie da drin. Es konnte nicht sein.
Per hatte sich schon nach Flügen erkundigt. Morgen früh um
sieben über Detroit nach Brüssel und dann weiter mit einer Maschine der
Luftwaffe.
Ja, gut, sagte Selden. Das ist gut. In ein paar Stunden. Dann
packen wir. Ich muss noch packen, sagte er.
Er wollte sofort zum Flughafen, ihr noch einmal nahe sein,
eine Verbindung mit ihr aufnehmen, etwas mit Flugzeugen, auch wenn es ein völlig
abwegiger Gedanke war.
Jetzt gleich?
Ja, gleich, in der nächsten halben Stunde, wenn es dir recht
ist, sagte er. Und ruf Britta an. Britta soll ihre Mutter verständigen. Und
dann pack bitte die Sachen.
Er hörte Per, wie er mit Britta telefonierte, aber weit weg,
ein ruhiger vernünftiger Dialog zwischen zwei Menschen, die nicht betroffen
waren, dazu in einer Endlosschleife die Bilder.
Sie rührt sich nicht von der Stelle, berichtete Per. Du
sollst sie anrufen, sobald du kannst. Sie wusste gar nicht, was sagen. Sag ihm,
wer ich bin. Ich bin seine Frau, hat sie gesagt.
Ja, gut, schau, da, sagte Selden, weil sie schon wieder etwas
Neues hatten, einen Reporter in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle, keine
hundert Meter weit weg. Er erläuterte in knappen Sätzen die Lage vor Ort, wie
es dort roch, die Streuweite der Trümmer, wie schrecklich alles war. Ein paar
Leute aus dem Dorf berichteten, was sie gehört und gesehen hatten, den großen
Lärm, das Licht, für das sich keine Erklärung fand, hinten beim Sportplatz,
denn dahinten, wo es das große Feuer gab, befand sich bis vor kurzem ein
Sportplatz.
Alles schien unerträglich nah, fast greifbar. Man müsste
sich bloß umdrehen und hätte alles aus nächster Nähe. Man könnte versuchen,
sie zu finden, die Toten, die Verletzten. Man könnte versuchen, ihnen zu
helfen. Aber der Reporter machte keine Anstalten. Seltsam, er trug ein kurzärmeliges
Hemd und spulte ungerührt seinen Text ab. Wie vor einer Leinwand. Im
Hintergrund der neueste Horrorfilm, wir zeigen vorab die besten Szenen. Er
drehte sich nicht mal um. Doch, jetzt schien er sich zu bewegen, aber nur ein
wenig nach links, wo die Reste einer riesigen Tragfläche zu erkennen waren. Der
Reporter machte eine weit ausladende Bewegung mit dem Arm, fast eine Verbeugung,
und dazu sagte er: It’s horrific, really horrific. Unbelievable.
Wann hast du sie zuletzt gesprochen, fragte Per, und Selden,
der sich nicht gleich erinnerte: Vor ein paar Wochen unterwegs im Wagen, nein,
an meinem Geburtstag, aber auf jeden Fall im Wagen, ich weiß nicht.
Sie hatte nie gerne telefoniert. Sie schrieb ihm ab und zu
eine SMS, alle paar Wochen eine Postkarte, kurze Mitteilungen zum Stand der
Dinge, nichts, an das man sich später in allen Einzelheiten erinnerte,
allenfalls den Ton, den vertrauten Singsang der Routine, mit der sie sich
gegenseitig bestätigten, dass sie am Leben waren.
Noch in den letzten Minuten vor dem Absturz hatte sie
Nachrichten verschickt. Hatte sie seine Antwort noch erhalten? Was mochte ihre
Reaktion gewesen sein? Hatte sie gelacht? Hatte sie den Kopf geschüttelt?
Wieder sah er sie dort oben in diesem Inferno, wo alle paar Sekunden eine neue
Kurzmitteilung eintraf, dann sich selbst, keine Stunde später, unten auf diesem
Trümmerfeld, wie er etwas suchte, einen letzten Rest, eine Spur, ein Stück
Stoff, ihr wie durch ein Wunder unversehrtes Handy. Welche Nachrichten hatte sie
noch gelesen, welche nicht mehr? Das müsste sich doch feststellen lassen, oben
im Display, selbst wenn es am Rand verschmort war: Sie haben 3 Kurzmitteilungen.
Was hätte sie ihm erwidern sollen? Vater, es ist nicht so,
wie du denkst. Es ist ausnahmsweise mal schlimm. Du findest ja meistens alles
halb so schlimm, in der Politik, auch im Leben, wo bekanntlich nur die kleinen
Schritte zählen. Hier bei mir gibt es keine kleinen Schritte mehr. Hier geht es
nur noch abwärts. Es ist vorbei, und es ist sehr seltsam, dass man das wissen
und sehen kann und sehenden Auges vor die Hunde geht. Nein, das würde sie so
nicht sagen. Vor die Hunde gehen war etwas anderes. Ich kann es nicht
formulieren. Vater, es ist schrecklich heiß, in meinem Kopf rasen die Bilder,
ich kann sie nicht fassen, es geht alles viel zu schnell, alles ist verwischt,
es ist sehr komisch, zu sterben, ich habe es mir völlig anders vorgestellt. Der
Tod als rasender Stillstand. War es das, was sie ihm noch hätte sagen wollen?
Per hatte schon zu packen begonnen. Er hatte den Koffer
hinter Selden aufs Bett gelegt und packte. Es folgten Minuten, Viertelstunden,
unendlich lang und leer, tote Zeit, die nicht die geringste Spur in ihm
hinterlassen würde, eine Art Starre, die zugleich tröstlich und furchtbar war.
Wieder klingelte das Telefon und noch einmal. Per sagte nur Ja und Ich verstehe,
ich sag’s ihm.
Ich glaub, du machst das mal besser aus.
Sie haben die Liste, sagte er. Sie ist drauf.
Dann die Stille.
Warum sagst du das nicht gleich. Ich hab verstanden. Sie ist
da drauf. Das wär’s dann wohl. Lass uns gehen.
Im Lift nach unten, umgeben von lauter Spiegeln, betrachtete
er sein Gesicht. Es war deutlich zu erkennen, wie müde er war, wie abgekämpft,
aber man sah keinen Schmerz, er war noch immer der, der er bis vor kurzem
gewesen war, so erstaunlich das klang, ein Mann Anfang fünfzig, nicht mehr so
glatt wie in seinen Dreißigern, ein bisschen gefurcht, aber voller Tatkraft.
Und was nun, schien das Gesicht zu sagen, und die Antwort war: Du lebst. Es geht
weiter. Du wirst essen, du wirst Sex haben, als wäre nichts gewesen. Den Toten
bist du scheißegal. Auch Anisha bist du scheißegal. Wenn sie reden könnte, würde
sie sagen, wie egal du ihr schon bist.
In der Lobby ließ er sich von Per in einen Sessel bugsieren.
Jemand brachte Whisky, eine Karaffe mit Wasser, obwohl er lieber Kaffee
getrunken hätte. Offenbar schien sich die Abfahrt zu verzögern. Per redete auf
ihn ein, dann war er weg, drüben am Counter, dann auf einmal draußen vor dem
Hoteleingang, wo er heftig gestikulierend telefonierte.
Der Fahrer kam um fünf. Er schien geschlafen zu haben. Man
hatte ihn geweckt. Er wirkte alles andere als begeistert und hatte keine Ahnung,
was los war.
Bist du okay?, fragte Per.
Ja, alles okay. Ich bin okay.
Gut.
Ich ruf Britta an.
Britta, ja. Sie wartet bestimmt.
Wieder hatte er sie gleich dran. Es schien Stunden her zu
sein, dass sie miteinander telefoniert hatten, trotzdem klang sie immer noch
verschlafen.
Eben kam die Passagierliste. Sie ist drauf, sagte er. Die
Kinder nicht. Wahrscheinlich sind sie bei Gianni.
Sie schien nicht zu begreifen.
Mein Gott, die Kinder, ich habe es die ganze Zeit gehofft.
Also ist es wahr. Du Armer. Liebster, Armer. Wie schrecklich.
Bist du schon auf?
Ja, ich bin auf. Wann kommst du?
Er sagte, gegen Nachmittag.
Ja, dann, sagte er. Hast du Ruth erreicht?
Nein, noch nicht. Ich hab ihr eine Nachricht hinterlassen.
Sie fuhren am Hafen vorbei, dann auf dem Highway in östliche
Richtung raus zum Flughafen. Die Stadt wirkte fast menschenleer. Vereinzelte
Nebelschwaden zogen über die Straßen, aber die Sicht war gut, kein Vergleich
zu den letzten Tagen.
Eine Stunde standen sie in der Abflughalle. Per versuchte,
ihr Gepäck loszuwerden, aber der Schalter öffnete erst um halb sechs, deshalb
lotste er Selden in ein Restaurant. Während der Fahrt hatten sie geschwiegen,
aber jetzt redete er, leise und eindringlich, wie es weiterging, die nächsten
Schritte, was anstand, wenn die nächsten Schritte getan waren. Wir kriegen sie.
Wenn es ein Anschlag war, kriegen wir sie. Wir brauchen dich.
Es klang fast lächerlich in dieser Situation, fand Selden,
aber die meiste Zeit hörte er gar nicht hin.
Du musst. Man wird ein anderer und bleibt derselbe. Denk an
deinen Plan. Was Anisha dazu sagen würde, wenn du jetzt alles hinschmeißt.
Okay, hör schon auf.
Einer muss es dir ja sagen.
Na gut. Jetzt hast du es mir gesagt.
Sie lebten seit Jahren mit einer Flut aus Horrornachrichten.
Alles schien mit allem zusammenzuhängen, eine weltumspannende Geschichte des
Grauens und der Empörung. Es gab Leute, die Hass predigten, es gab Leute, die
Bomben bauten, und wieder andere, die diese Bomben zündeten und sich und andere
in die Luft sprengten, auf belebten Märkten, auf schnurgeraden Straßen weit
draußen in einer menschenleeren Landschaft aus Staub und Schotter, irgendwo an
der Peripherie, aber immer häufiger auch in den Metropolen, wo es enge
U-Bahn-Schächte gab, ein feingesponnenes Netz aus Wegen, Busse mit Pendlern,
Flugzeuge, die im Minutentakt starteten und landeten, Fußballstadien mit
Zehntausenden von Menschen, für deren Sicherheit zu sorgen kaum möglich war.
Der Sturm fragt nicht, ob ein Land klein ist oder groß, wenn
er darüber hinwegfegt, hatte Selden immer gesagt. Wir sind ein kleines Land.
Trotzdem können wir uns nicht wegducken.
Er sah entsetzlich aus, wie er da saß, halb in sich
zusammengesunken, um Jahre gealtert, dachte Per. Oder las er dieses Entsetzen in
Selden hinein? Vielleicht war es nur eine Routine des Blicks, weil die Details
so schrecklich waren, die Umstände, unter denen sich da jemand in Nichts aufgelöst
hatte, ein rauchendes, dampfendes Etwas, das für Sekunden eine schmutzige Spur
am Himmel hinterließ.
Hör zu, sagte Per. Wann immer du mich in den nächsten Tagen
brauchst, ich bin da. Grab dich nicht ein. Nicht zu lang. In welches Loch auch
immer du dich verkriechst, ich hol dich da raus.
Die Welt geht nicht unter, wenn du eine Weile auf
Tauchstation gehst.
Ein paar Tage, ein paar Wochen.
Bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen ist.
Er würde mit Britta reden müssen. Auch mit dem Premier,
aber vor allem mit ihr. Die kühle Britta, schnippisch, aber interessant. Er
hatte sie immer gemocht, obwohl sie als schwierig galt und es in ihrer Ehe seit
langem zu kriseln schien. Sie hatten keine gemeinsamen Kinder, vielleicht war es
das, oder weil er immer weg war, weil sie nicht wusste, wofür, warum sie sich
alle einbildeten, die Welt verbessern zu müssen, ihre lächerlichen Spielchen,
die Intrigen, das Feilschen um windige Kompromisse, die lächerlichen Siege:
das, was ihr am Ende Fortschritt nennt.
Für ihren Spott und ihre Ironie war sie bekannt.
Ihr federnder Gang, ihre Beine.
Mein Gott, Politik, schien sie immer zu sagen, wenn sie mal
auftauchte, was macht ihr hier alle bloß, es ist doch nur Politik.
Wir müssen allmählich los, sagte Per.
Ja, schon?, sagte Selden.
Sie gaben das Gepäck auf und sahen im Vorbeigehen die
Schlangen von Wartenden. Die Sicherheitsmaßnahmen schienen in letzter Zeit
verschärft worden zu sein. Detektoren suchten nach Gegenständen aus Metall,
nach Messern, kleinen Scheren und Nagelfeilen, mit denen man Mitglieder der Crew
bedrohen konnte, harmlos aussehenden Massen aus Plastiksprengstoff, die sich vorübergehend
in hohlen Schuhsohlen parken ließen. Ein Sicherheitsbeamter hinter einem
provisorischen Pult stellte den Passagieren Fragen, wahrscheinlich, woher sie
kamen, wohin sie gingen, Kontakte mit fremdländisch aussehenden Personen,
politische Verbindungen, Mitgliedschaften in verbotenen Organisationen, die in
heilige Kriege verwickelt waren.
Sie gingen schnell weiter, Selden vorneweg, dahinter Per mit
dem Handgepäck, standen kurz in der Tür der Maschine, sodass man aus allernächster
Nähe die Hülle sah, eine dünne Haut, gerade mal ein paar Zentimeter dick, ein
bisschen Plastik, ein bisschen Metall, dazwischen ein paar Verstrebungen,
Schrauben, die in zehntausend Meter Höhe eine Menge Druck aushalten mussten.
Hoffentlich dreht er mir nicht durch, dachte Per. Aber Selden
hatte nicht hingesehen und setzte sich ruhig auf seinen Platz, Fenster oder
Gang, er hatte gesagt: Gang. Es war halb acht, er schien zu dösen, mit
geschlossenen Augen, während die Maschine langsam auf die Startpiste rollte. Er
musste hundemüde sein. Auch Per war hundemüde. Die Maschine stoppte, sie
schien in der richtigen Position zu sein, der Pilot startete die Triebwerke, sie
nahmen schnell Fahrt auf und hoben ab.
Per dachte an das, was nun kam, Gewinne und Verluste, die
schwer zu kalkulierenden Folgen. Man durchlief verschiedene Phasen, hatte er mal
gelesen. Warum ich, war Phase eins. Später kam die Wut, dann die Verzweiflung,
bevor man allmählich zu akzeptieren begann. Der Minister, dem die Tochter vom
Himmel gefallen war. Das war, was bleiben würde. Die kleine Macke, die ihm
bisher gefehlt hatte, etwas, mit dem er angreifbar war. Man würde wissen, wo
sein schwacher Punkt lag, man würde sich hüten, ihn zu berühren. Auch das war
Macht. So kam sie zustande. Jemand trägt das Zeichen und setzt Himmel und Hölle
in Bewegung, dass sie es so spät wie möglich entdecken.
Rezension I Buchbestellung I home 0I08 LYRIKwelt © Kiepenheuer&Witsch