Grüne Liebe, Grünes Gift. 13 Geschichten und ein Gedicht über die Wildnis der Zimmerpflanze von Hanne Kulessa, 2006, Heinrich+Hahn

Hanne Kulessa

Für immer und dich
(Leseprobe aus: Grüne Liebe, Grünes Gift. 13 Geschichten und ein Gedicht über die Wildnis der Zimmerpflanze, Originalanthologie, 2006, Verlag Heinrich und Hahn)

Offensichtlich liebte sie ihn. Nicht mich. Oder den andern? Der sie in mein Haus gebracht hatte? Ich habe es nie herausgefunden. Und ich werde es nicht herausfinden, weil sie alle drei tot sind. Jeder für sich. Der eine in diesem nordfriesischen Dorf, der andere in der mittelhessischen Kleinstadt, und sie, die Königin von Deutschland, auf dem Komposthaufen im Garten meines Freundes.

Womöglich fängt die Geschichte von vorne an. Wieder steht ein Topf mit einer gerade auf die Welt gekommenen Palme auf meinem Tisch, ihre hellgrünen Blättchen gierig nach Zuwendung ausstreckend. Was hat sich dieser Mann nur dabei gedacht? Aber ich kann ihm nichts vorwerfen, er kennt meine Geschichte nicht. Woher soll er wissen, daß er sich in eine Totmacherin verliebt hat.

Für immer und dich.

So war das damals. Er brachte Rio Reiser und Palmenkrüppel zu mir in die Wohnung. Und seine Liebe. Das sagte er. Oder richtiger: das sang Rio Reiser. Wieder und wieder. Ich sing für dich, ich schrei für dich, ich brenne und ich schnei’ für dich, vergesse mich, erinner’ mich, für dich und immer für dich. Für immer und dich.

Der Palmenkrüppel entspannte sich, er wurde weniger krüppelig, je mehr Rio seine raue Stimme erhob und  für dich und immer für dich intonierte.

Wir kannten uns noch nicht lange, mein Geliebter und ich, wir lernten uns erst kennen, Schritt für Schritt. Palme und Platte waren das erste Geschenk, das er mir machte, und das erste Geschenk des Geliebten weist man nicht zurück. Ich mochte Rio Reiser nicht und wollte weder mit Haustieren noch mit Zimmerpflanzen meine Wohnung teilen, aber ich gab vor, mich zu freuen. Diesem ersten Missverständnis folgten in dem darauf folgenden Jahrzehnt viele weitere. Als ich am 15. November 1996 vor seinem Grab auf dem Waldfriedhof in der mittelhessischen Kleinstadt stand, rief ich in die Grube: auch dies ist ein Missverständnis, denn nicht hier haben wir uns verabredet, sondern auf der Insel San Michele.

Ein paar Monate zuvor, im August, war Rio Reiser gestorben. Er durfte, mit Sondergenehmigung, auf seinem nordfriesischen Grundstück begraben werden.

Heute werden dort Feste gefeiert, Konzerte gegeben, Gedenkveranstaltungen abgehalten. Nach meinem Geliebten kräht kein Hahn mehr.

Nachdem er mir den Palmenkrüppel in die Wohnung gebracht hatte, beschloß ich, das  Stöckchen mit den drei rachitischen Blättern sang- und klanglos eingehen zu lassen. Doch wenn mein Geliebter kam, legte er die Platte auf und die laschen Blätter der Palme streckten sich Rios Für immer und  dich entgegen, als hätte die Stimme ihnen, wie Jesus den Siechen, befohlen: erhebet euch.

Ich registrierte das offensichtliche Wohlbefinden der Palme durchaus, maß dem aber keine Bedeutung zu, weil ihr Ableben eine von mir, wenn auch heimlich, beschlossene Sache war. Ich lach für dich, wein für dich, ich regne und ich schein für dich. Versetz die ganze Welt für dich, für dich und immer für dich. Für immer und dich – sangen Rio und mein Geliebter, und die Palme trieb eine winzige grüne Blattspitze aus ihrer   runzligen Haut.

„Du liebst sie“, sagte mein Geliebter glücklich, und das war das zweite Missverständnis zwischen uns, dem viele weitere folgten.

Vielleicht gab er ihr heimlich Wasser.

Ich streich den Himmel blau für dich, für dich und immer für dich.

Ich liebte ihn sehr, meinen Geliebten. Ich hatte Sehnsucht nach ihm, wenn er nicht bei mir war; ich brauchte ihn, und es schrie in mir, wenn ich mir vorstellte, daß er vielleicht eines Tages ausbleiben könnte. Einfach so.

Wenn er auf Reisen war, legte ich die Platte auf. Natürlich kannte ich den Text längst auswendig.

Als die Palme so viele neue Blätter getrieben hatte, daß man sie nicht mehr auf Anhieb zählen konnte, sagte mein Geliebter zärtlich: „Wie sie dich liebt!“

Ich schaute mit Schuldgefühlen auf die Palme; und ich war sicher, sie würde sich rächen. Wenn sie groß und stark war. 

Manchmal stach sie mich. Ich mußte meine Augen schützen; ich konnte nie ganz sicher sein, was sie im Schilde führte.

Egal, wie du mich nennst, egal, wo du heut pennst. Ich hab so oft für dich gelogen und ich bieg den Regenbogen. Für dich und immer für dich. Für immer und dich.

Aus dem Palmenkrüppel wurde ein Baum, eine Yucca elephantibes, die so schnell wuchs, daß ich Mühe hatte, die Töpfe heranzuschaffen, die sie für ihr expansives Wachstum brauchte. Ein zweiter Stamm hatte sich aus der Erde geschoben, unauffällig, im Schatten des Hauptstamms, und mir war nicht klar, ob es sich um einen Geburtsvorgang handelte oder möglicherweise um die Hervorbringung eines siamesischen Doppels. Mit den Pflanzen kannte ich mich nicht aus, aber von den Menschen wusste ich, daß sie einen Zwilling in sich haben konnten, Rudimente einer gestörten Befruchtung. 

Mein Geliebter, der die Palme als Spiegelbild unserer wachsenden Liebe angesehen und sie in Anlehnung an Rio Reiser „Königin von Deutschland“ getauft hatte, schenkte ihr, insbesondere als sie sich verdoppelte, immer weniger Aufmerksamkeit.

Wie auch mir.

Wir hörten Rios Für immer und dich oft allein, und sie, die Königin von Deutschland, wurde in der Krone etwas matt, wenn im Refrain die Zeile kam: Ich hab so oft für dich gelogen und ich bieg den Regenbogen.

Ich sprach nun mit ihr häufiger als mit meinem Geliebten. Warum ich ausgerechnet sie zur Vertrauten wählte, weiß ich nicht. Vielleicht, weil sie ihn fast genauso gut und fast so lange kannte wie ich; und weil sie sich, wie ich, von ihm zurückgesetzt fühlen mußte.

Wenn mein Geliebter kam und mit Rio sang Ich hab so oft für dich gelogen und ich bieg den Regenbogen ließ sie, anders als früher, ihre Blätter sinken. Ich brauchte eine Weile, bis ich das Zeichen verstand.

Zu den Missverständnissen kamen seine Lügen, und als ich am 15. November 1996 vor seinem Grab auf dem Waldfriedhof in der mittelhessischen Kleinstadt stand, rief ich in die Grube: Auch dies ist ein Missverständnis. Lügen schmelzen wie Schnee.

War es die frühe Prägung? Ich versuchte es mit Beethoven, Mozart und Mendelssohn, doch sie lehnte, wie mein Geliebter, klassische Musik kategorisch ab. Die Blattspitzen wurden trocken und faserig oder die Blätter knickten in der Mitte traurig zusammen.

Sie bestimmte, was gehört wurde, nicht ich. Wenn ich nachgab und Rio Reiser auflegte,

nahm sie, vor Zufriedenheit strotzend und sich in alle Richtungen weit ausstreckend, ein Drittel des Zimmers ein. Ich ließ ihr den Platz und wich zurück.

Vielleicht war das ein Fehler.

Eines Tages blieb mein Geliebter aus. Einfach so. Kam nicht mehr. Er starb an einem Kollaps seiner stark ausgeprägten Pseudologie.

Ich versuchte es noch einmal mit Mozart, legte das Requiem auf, doch meine Palme verweigerte mir selbst jetzt, in dieser Situation, das Recht auf einen musikalischen Trost. Sie wollte Junimond. Und Rio Reiser sang  Zweitausend Stunden hab ich gewartet. Ich hab sie alle gezählt und verflucht. Ich hab getrunken, geraucht und gebetet, hab dich flussauf- und flussabwärts gesucht. Doch jetzt tuts nicht mehr weh. Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh. Es ist vorbei, bye, bye. Junimond. Es ist vorbei.

Ich hatte keinen Geliebten mehr, ich hatte nur noch die Palme, die ich in der Trauerzeit „meine“ Palme nannte, die ich aber dann, als ich mich an die vielen Missverständnisse und Lügen erinnerte, „seine“ Palme nannte. Seine Palme, die er eingeschleust und die  meine Liebe als Pflanzendünger missbraucht hatte. Ich spielte ihr Schostakowitsch vor,  quälte sie mit Ligeti, ließ John Cage über sie rieseln, setzte sie den minimalistischen Tönen von Philip Glass und Steve Reich aus, verdonnerte sie zu Hindemith und Schönberg und schrie sie an dabei: Für immer und dich!

Es war schon so, daß sie sich duckte und zusammenzog, aber sie überstand die Torturen, was mir imponierte. Ich sang leise mit Rio: Ich lüge und ich schwör für dich. Ich hol den blauen Mond für dich, für dich, und immer für dich.

Ich zog sie nicht mehr ins Vertrauen. Ich wollte weder mit ihr noch mit anderen sprechen. Lügen schmelzen wie Schnee.

Die Blattspitzen der Yucca elephantibes reichten bald bis an die Decke. „Da geht es nicht mehr weiter“, sagte ich triumphierend zu ihr. Und erinnerte mich an das Stöckchen mit den drei rachitischen Blättern, das mein Geliebter vor über zehn Jahren in meine Wohnung getragen hatte, für immer und dich. Und erinnerte mich an das Messer, das in der Schublade mit dem Besteck lag; ja, er liebte Messer, Messer mit

Wellenschliff, und er ließ es mir, ich weiß nicht, warum. Auch nicht, warum wir uns auf San Michele verabredet hatten.

Die Palme mußte dran glauben. Ich holte die Leiter, setzte das Messer an die Krone und sägte, bis das Blut floß. Man spricht auch bei Bäumen von Blut. Ich erledigte das alles eiskalt.

Die zerstückelte Leiche brachte ich zu meinem Freund.

Jetzt tuts nicht mehr weh. Und alles bleibt stumm und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich seh. Es ist vorbei, bye, bye. Junimond. Es ist vorbei, bye, bye.

Mein Freund, der Friedhofsgärtner ist und sich mit dem Tod auskennt, sagte damals: „Etwas bleibt. Und aus Wunden können Wunder wachsen.“

Und heute. Ich schaue auf die Pflanze, die mir der Mann gebracht hat. Dieser Mann ist ganz anders als mein Geliebter. Ganz anders.

Der kleine Palmenkrüppel, den er mir gebracht hat, steht auf meinem Tisch. Er ist so mickrig, daß ich ihm kaum Chancen einräume. Trotzdem spiele ich der Yucca elephantibes Arvo Pärts Spiegel im Spiegel vor, und es tut ihr gut. Es gibt eben sone und solche Pflanzen.

Dem Mann kann ich nichts vorwerfen. Er kennt meine Geschichte nicht. Und auf keinen Fall fahre ich mit ihm nach Venedig.

Keine Wiederholungen. Und wenn sie groß ist und an die Decke stößt, soll sie sich den blauen Mond holen, ich werde sie nicht daran hindern.

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