Wie viele Züge
(Leseprobe aus:
Wie viele Züge,
Roman, 2001, S. Fischer)
Wie
viele Züge fahren jeden Tag nach Odessa? Und wie viele kommen an?
Gerade angekommen, fuhr Jula wieder ab.
Als deutsche Studenten in den ukrainischen Winter gefallen, bewegten sie sich nur noch in
schwankenden Dreier- oder Vierer-Gruppen vorwärts. Hand in Hand schlitterten sie als
unsichere Reihe die Straßen entlang, polsterten sich mit ihren dicken Jacken einander die
Stürze. Ein kurzer Blick ins Studentenwohnheim hatte sie wieder auf die Straße
getrieben. Das Waschbecken in der Küche phosphoreszierte in grünem Schimmelglanz, und
unter den Matratzen lagen Berge von Zeitungspapier, um die Wanzen abzuhalten. Die
Kakerlaken, Julas alte Freunde, blinzelten mit ihren Fühlern die Seifenablage in der
Dusche zu einem großen weißen Auge, der graue Rest Kernseife die schmale Pupille.
"Ist eben nicht Rio", meinte die Dejournaja, die sie in Empfang genommen hatte,
und schaute ihnen mit versteinertem Gesicht nach, als sie erschrocken und auch etwas
beschämt ob ihrer westlichen Empfindlichkeit die Rucksäcke schulterten und sich Hand in
Hand, immer wieder strauchelnd, die vereiste Treppe vor dem Wohnheim hinunter wagten. Zu
Hause würde ich wahrscheinlich keinen Kaffee mit ihnen trinken, und hier halte ich
ununterbrochen ihre Hände, dachte Jula und faßte Walters Hand fester, um nicht zu
fallen. Sie hatte noch nie so viele Treppen gesehen, noch nie so viele Stufenkanten an
ihrem Rücken, ihrem Hintern gespürt. Als ob man die Wichtigkeit der Gebäude gleich an
ihren harten Stufen fühlen mußte: Kilometerlange, breite Treppen, vereiste Stufen in den
grauen Winterhimmel hinein, die nur aus Zufall an irgend einem Amts- oder
Universitätseingang haltzumachen schienen. Von oben betrachtet Rutschbahnen in den
Straßenmüll hinein, und nur Dummköpfe wie sie beherrschten die Technik des sturzfreien
Treppensteigens nicht. Immer sah sie nur sich und ihre Gruppe fallen. Und während Jula,
an Walters Arm hängend, die letzten Stufen herunter schlitterte, überholte sie eine der
hochhackigen und blondtoupierten ukrainischen Studentinnen, die sich souverän klackernd
mit ihren Pfennigabsätzen ins Eis bohrte.
Nach einigen Stürzen im Arkadija-Park schlitterten sie an der Oper vorbei, erstarrten vor
der Potjomkin-Treppe, und Jula beschloß, mit dem nächsten Zug zurückzufahren. Die
anderen wollten noch ein paar Tage in einem kleinen Hotel am Stadtrand bleiben, aber Jula
war nicht zu überreden. Obwohl es ihre Idee gewesen war, für ein paar Tage nach Odessa
zu fahren, konnte es ihr plötzlich nicht schnell genug gehen, aus dieser geeisten
Zuckergußstadt zu verschwinden. Walter bot ihr noch leiernd eine Begleitung zum Bahnhof
an, wirkte aber recht erleichtert, als Jula ablehnte, nein danke, sie käme schon klar.
"Und wenn Du keinen Zug mehr erwischst?" Petra wuchtete sich schon wieder den
Rucksack auf die Schultern, fühlte sich zu dieser Frage aber scheinbar dennoch
verpflichtet.
"Dann komm' ich einfach nach." Jula meinte das keinen Moment ernst, sie wußte
nicht einmal, wo das Hotel überhaupt lag.
Vor dem Bahnhof wollte ihr eine Roma erst aus der Hand und dann aus dem Portemonnaie
lesen, und als Jula sich weigerte, sie in ihre Brieftasche schauen zu lassen, verfluchte
die Roma sie. Jula verstand nicht viel russisch, sie hatte gehofft, in den acht Wochen
Ukraine ein wenig dazuzulernen, aber so oft, wie sie mit den anderen deutschen Studenten
zusammen hing, war daran wohl nicht zu denken. Trotzdem war sie sich ziemlich sicher, daß
die Roma ihr eine "Paralyse" an den Hals gewünscht hatte, scharfkantig und
erschreckend deutlich stach das Wort hervor, als hätte die Roma ihren Fluch gleich
übersetzen wollen. Jula lächelte und gab ihr etwas Geld. Die Frau nahm nichts von dem
Fluch zurück und ging, Julas Scheine in der Hand, davon.
Odessa, das war Julas Verwünschung, und die Roma hatte sie zwar erschreckt, denn ein
wenig abergläubisch war sie schon, aber mit ihren dunklen Augen und den bunten Tüchern
in diesem verdammten nachsowjetischen Wintergrau erinnerte sie Jula an das Odessa, aus dem
sie kam, schon immer hergekommen war, denn kommen wir nicht alle aus Odessa, hatte ihr
Vater immer gelacht, wenn es um Gaunereien ging, um Sonne und Hafen und Staub. Kommen wir
nicht alle aus Odessa? Und dabei kam ihr Vater ganz sicher nicht aus Odessa, er war an der
slowakisch-ungarischen Grenze geboren worden, und Jula wußte gar nicht, ob er mehr von
Odessa kannte als Benja, den König, und Karl-Jankel und wie man es laut Babel in Odessa
eben anstellt. Und darum war sie der Roma auch nicht böse, sondern eher ehrfurchtsvoll
einverstanden mit ihrem Fluch und kletterte die Bahnhofstreppen hinauf, ohne ein einziges
Mal zu straucheln. Die Paralyse hing ihr wie ein buntbedrucktes Tuch um den Hals und
drückte kein bißchen. Plötzlich bereute sie es fast, gerade angekommen, wieder zu
fahren, aber da es allmählich dunkel wurde und sie nicht wußte, wohin, stellte sie sich
doch in die Schlange, die sich behäbig durch die ganze Bahnhofshalle wand, und erstand,
endlich am Schalter angekommen, noch eine Schlafwagenkarte nach S.
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