Schillers
Schreibtisch in Buchenwald
(Leseprobe aus:
Schillers
Schreibtisch in Buchenwald, 2005, S.
Fischer)
KLEINER SITZUNGSSAAL des Rathauses zu Weimar, 17. Februar 1942: »Luftschutz-Besprechung«,
an der vierzehn Vertreter verschiedener Behörden teilnahmen (die hier
nicht aufgezählt werden müssen). Erneute Erörterung der Schutzmaßnahmen
für das Goethe-Schiller-Doppeldenkmal vor dem Theater: »Entweder eine
Ummantelung mit 51 cm starkem Mauerwerk mit Eisenbetondecke oder eine
Holzeinrüstung mit Sandsackfüllung zur Splittersicherung.«
Und die »Möbel, Gegenstände usw. aus dem Schillerhaus«? Unter diesem
Punkt der Tagesordnung »entspann sich eine eingehende Aussprache.
Gruppenführer Hennicke empfahl von den einmaligen Einrichtungsgegenständen,
insbesondere von Goethes Arbeitszimmer, von seinem Schlafzimmer, sowie
von Schillers Bett, Schreibtisch und Stuhl Zweitstücke sofort
anfertigen zu lassen. Er wies Wege wie dies möglich sei und sagte seine
persönlich(!) Mithilfe zu.«
Diese Amtshilfe muß darin bestanden haben, daß der Polizeipräsident
und SS-Gruppenführer die Verbindung herstellte zur SS-Kommandantur des
Konzentrationslagers Weimar-Buchenwald.
DER NEUE LAGERKOMMANDANT, SS-Obersturmbann-führer Pister, war zugleich
Betriebsleiter der Zweigstelle Weimar-Buchenwald der Deutschen Ausrüstungswerke,
war außerdem Direktor der Deutschen Erd- und Steinwerke sowie der
Wilhelm-Gustloff-Werke, einer Rüstungsfirma.
Für die Ausführung empfahlen sich damit die Deutschen Ausrüstungswerke
G.m.b.H. (DAW), von der SS zwei Jahre zuvor gegründet; Hauptverwaltung
in Berlin. Offiziell waren die DAW ein »Kriegsbetrieb«, produzierten
aber vorwiegend für Eigenbedarf der SS.
Die Ausrüstungswerke waren, so würde man heute sagen: diversifiziert.
Im KL Buchenwald gab es eine Zimmerei, eingesetzt vor allem bei Bauten
der SS: Dächer, Blockhäuser, Gebäude des »Falkenhofs« (eines
Wildgeheges). Die Elektrowerkstatt war zuständig für Installationen, für
die Produktion und Reparatur von Geräten. In der Schlosserei wurde am
ehesten für die Rüstung gearbeitet: hier wurden, beispielsweise,
2-cm-Patronenhülsen (sicherlich von Vierlings-Schnellfeuerkanonen der
Flugabwehr) in Massen angeliefert und zur Wiederverwertung sortiert und
aufbereitet. Und es wurden Beschläge für Messerschmitt-Flugzeuge
zurechtgeschnitten, wurden Aufbauten für Lastwagen hergestellt. Auf
Wunsch, auf Befehl von SS-Offizieren wurden freilich auch »eiserne
Kronleuchter, kunstgeschmiedete Kamingeräte, kunstvolle Fenstergitter,
Truhenbeschläge und große Schreibzeuge, Aschenbecher, Brieföffner und
Briefkästen« angefertigt.
Und damit zur Tischlerei der DAW! Auch dieser Fachbetrieb wurde geführt
von einem SS-Werkstättenleiter. Der Betrieb war mit modernsten Geräten
ausgestattet. Inhaftierte Facharbeiter stellten vor allem Büromöbel
und Munitionskisten her - aber auch Stühle, Tische, Truhen, Schränke für
Villen der Lagerleitung. Das Produktionsspektrum für private
Bestellungen der SS wurde auch hier ständig erweitert.
Von Anfang an waren bei den DAW in Buchenwald mehrere hundert Häftlinge
beschäftigt. Sämtliche DAW-Werkstätten lagen innerhalb des
KL-Sperrbereichs. Näheres später.
Rezension I Buchbestellung III05 LYRIKwelt © S. Fischer