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Die Verdächtige
(Leseprobe aus:
Die Verdächtige, Roman, 2008, DuMont).
Sie saß mit dem Rücken zur Tür. Der Kragen eines
altmodischen Mantels fiel ihr wie ein riesiges Rhabarberblatt über die
Schultern. War sie sechzig? Aus dem Kragen wuchs ein Mädchennacken, und das
hochgesteckte Haar war blond, mit einem Ton Asche darin. Die Spange am
Hinterkopf schimmerte rosa. War sie jung, siebzehn oder so?
Als sie sich zu ihm umdrehte, war sie Ende dreißig. Es war Sonntag.
Ob sein Kollege sie schon nach Namen, Wohnort, Alter gefragt hatte, wusste
Robert nicht. Er zog seinen Mantel aus. Sie hielt seinem Blick mit einer
Reglosigkeit stand, die ihn die Hände in die Jacketttaschen stecken ließ. Ihr
einziges Make-up war ein auffälliger Lidstrich in einem Gesicht ohne deutliche
Spur von Jahren. Als Kind hatte sie bestimmt genauso alt ausgesehen, und ihm kam
sie schön vor. Sie wandte sich wieder dem Kollegen zu.
„Der Mann, den ich liebe, ist am Sonntag vor zwei Wochen in der Geisterbahn
verschwunden“, sagte sie. Sie riss die Augen auf.
„Sie wollen also eine Vermisstenanzeige aufgeben? Das übernimmt jetzt er“, und
der Kollege zeigte auf Robert. „Die vom KK 11 haben mehr Verständnis für
Angelegenheiten wie Ihre.“ Unter dem Satz lag ein zweiter. Der hat Geduld mit
unglücklichen Frauen, wenn sie blond sind.
„Außerdem sieht er aus wie Clooney, finden Sie nicht?“ Der Kollege zwinkerte der
Frau zu. Sie schaute ohne einen Lidschlag zurück.
Seit fünf Jahren war Robert Kriminalhauptkommissar beim KK 11, wo er Delikte
gegen das Leben verfolgte und einen Anzug dabei trug. Wer beim KK 11 war, galt
als intelligent, emotional stabil und musste sich schriftlich ausdrücken können,
wegen der komplizierten Verhöre. Robert war neununddreißig, ein Alter, das für
einen Mann noch keine Beleidigung ist. Trotzdem fing er an, die Wochenenden zu
hassen, an denen er keinen Dienst hatte.
Roberts Kollege zog seinen Anorak an, der zu dünn für die Jahreszeit war, und
warf sich die Sporttasche über die Schulter.
„Er wird sich richtig Zeit für Sie nehmen, junge Frau.“
„Mach die Tür von außen zu“, sagte Robert und gab ihr die Hand, bevor er sich
setzte. Ihre Hand war trocken und warm.
Als Robert am Morgen aufgewacht war, hatte auf dem Dachfenster das Licht eines
kurzen Tages gelegen. Er schlug sein Kopfkissen zurecht und hatte den Geruch von
Isa in der Nase, wenn sie schlief. Es war stürmisch, Anfang November, und wieder
so ein Sonntag mit Wochenenddienst in einem fremden Büro. In der Woche zuvor war
die Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt worden. Mit angezogenen Beinen im Bett
liegend überlegte er, sein Einfamilienhaus zu verkaufen, weil letzte Woche der
Sturm schon wieder einen Baum des Nachbarn auf sein kleines Grundstück gekippt
hatte. Außerdem, was sollte er mit einem Haus, aus dem Isa ausgezogen war? Er
hatte auf das schräge Fenster gegenüber dem Doppelbett gestarrt und die
Regentropfen schnelle Schneckenbahnen über das Glas ziehen sehen, bevor er sich
auf die andere Seite drehte und mit dem Fuß in die kalte Hälfte des Bettes fuhr,
in der Hoffnung, sie läge neben ihm, wenn auch abgewandt, um selbst im Schlaf
ihren Unmut über die Beziehung auszudrücken. Ihr Platz war leer. Er musste
endlich ihren Bettbezug abziehen, dessen schimmerndes Moosgrün erzählte, dass
sie einmal treu gewesen war. Ja, treu, aber das ging vorbei. An dem Tag, an dem
sie es ihm gesagt hatte, hatte er für sie gekocht.
Robert setzte sich auf den Stuhl, auf dem der Kollege gesessen hatte, und
überflog dessen Notizen. Sie hieß Marga, Familienname Burg, wohnhaft Am Wall
247, geboren im Februar 1969, angestellt beim örtlichen Straßenverkehrsamt.
Staatsangehörigkeit deutsch. Er schaltete den Computer ein.
„Darf ich dieses Neonlicht ausmachen?“
Er nickte, und während sie zum Schalter bei der Tür ging, sah er ihre Beine von
hinten. Der Saum ihres Mantels hatte sich beim Sitzen hochgeschlagen. Sie hatte
sehr feine Kniekehlen unter den dünnen Strümpfen, und ihre Beine wirkten jünger
oder unbeschädigter als sie. Kurz dachte er, sie hinke. Aber das war es nicht,
sie war einfach nur ernst.
Es dauerte, bis das Vernehmungsformular auf dem Bildschirm erschien. Er klickte
es weg. Ihm reichte der Platz auf dem Vordruck nie aus. Auch Marga Burg würde
erzählen und nicht einfach nur Angaben zur Sache machen. Auf eigene
Veranlassung, tippte er in das Dokument, kam Frau Burg ins Kriminalkommissariat,
um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Dann fragte er nach ihrer telefonischen
Erreichbarkeit, dem akademischen Grad und nach ihrem Verhältnis zu dem
Vermissten. Als sie seine Anschrift nannte, horchte er auf. Er kannte die
Straße. Dort standen so schöne Akazien überall.
Ob sie verheiratet sei, fragte er nicht, da sie als Zeugin und nicht als
Verdächtige vor ihm saß. Auf dem Gang vor dem Büro schlug eine Tür.
Sie war auch blond gewesen, damals. Ein intelligentes Blond, hatte er gedacht,
als das Licht seiner Taschenlampe bei der Verkehrskontrolle ihr Haar gestreift
hatte und er sie bitten musste auszusteigen. Die Kollegen waren mit einem
verdächtigen BMW beschäftigt, so stand er allein mit ihr und ihrem kleinen Fiat
und steckte noch mitten in jener Anfängerphase, in der er das gelernte
Rollenspiel von der Polizeischule für das Gespräch nutzte und sich wunderte, wie
gut er damit zurecht kam. Weitere Autos wurden angehalten, Heimkehrer aus der
Disco, andere, die zur Arbeit mussten. Die Polizei suchte einen flüchtigen Mann,
als Robert seine Frau fand. Es war kurz vor fünf in der Frühe. Er war
dreiundzwanzig. Sie sagte, dass sie Deutsch studiere und Lehrerin werden wolle,
während er ihre Papiere ausführlich ein drittes Mal prüfte, vor allem die Fotos.
Sie hatte bei jedem Bild ernst geschaut, aber es war ein Ernst ohne Boden. Das
würde vielleicht noch kommen. Sie war fast so groß wie er, als sie vor ihm
stand. Er sah von ihrem Führerscheinbild hoch direkt in ihre Augen. Er habe in
der Ausbildung an der Fachhochschule einmal ein Referat über Lessing
geschrieben, sagte er zu der Frau, die laut ihrer Papiere Isa hieß.
„Interessant, haben Sie die Arbeit noch?“
„Soll ich sie Ihnen vorbeibringen?“
„Ja“, sagte sie, und ja sagte sie, als er sie zwei Jahre später fragte, ob sie
ihn heiraten wolle. Ja, sagte sie, als sie noch später das Haus im Zahmenhofweg
zum ersten Mal sahen, und gleich nach dem Einzug sagte sie nein.
„Nein, ich will keine Kinder, ich weiß ja nicht, ob dich nicht mal einer
erschießt.“
„Das gibt es doch nicht!“
„Doch, so ist das“, sagte sie.
So ist die Wirklichkeit des wahren Lebens, sagten die verheirateten Kollegen,
als er Rat wollte. Aber was sollte das bitte sein, diese Wirklichkeit, von der
sie im Fernsehen behaupteten, es gebe nach wissenschaftlichen Erkenntnissen
nicht einmal die Farbe Lila oder den Geruch von Zimt oder den Klang des
wohltemperierten Klaviers, ja selbst Böse und Gut und auch Liebe gebe es nicht
und wahrscheinlich auch nicht das, was man „Bewegung“ nennt? Also, was war los
mit der Wirklichkeit, die es eigentlich gar nicht gab? Was war los mit Isa, die
einmal blond gewesen und gleich nach dem Umzug rot geworden war, aus
irgendwelchen Geschmacksgründen, die er mit ihr nicht teilte? Was war los mit
einer Welt, die ihm nach jedem geklärten Fall bereits auf dem Weg nach Hause
rätselhafter zu sein schien als noch am Tag zuvor?
„Mein Bekannter Mathias Böhm und ich“, sagte Marga Burg, stützte den Kopf in die
Hand und sah ihn irgendwie blumenhaft an. Robert ertappte sich dabei, dass er
ebenfalls den Kopf in die Hand stützte. Sie sprach leise, und er tippte in den
Computer, dass Mathias Böhm und Marga Burg am Sonntag vor zwei Wochen die Kirmes
besucht hätten. Mathias Böhm sei an dem betreffenden Abend mit der Geisterbahn
gefahren.
„Ich hatte nämlich Freikarten.“
„Wieso?“ Robert nahm die Hände von der Tastatur.
„Ich habe immer Freikarten für die Kirmes, weil ich beim Straßenverkehrsamt
arbeite und wir sie von den Schaustellern als Dankeschön bekommen. Meinem
Bekannten gab ich eine und sagte, ich selber wolle draußen warten.“
Sie schwieg und riss wieder die Augen auf. Vielleicht sieht sie schlecht, dachte
Robert.
„Warum sind Sie nicht mitgefahren?“
„Ich habe lieber gewartet bei den schwarzen Filzportieren, wo die Wagen wieder
herauskommen.“
Sie habe am Ausgang für die Wagen auf ihn gewartet, schrieb er, und in Klammern
hätte er gern angefügt: Zeugin scheint plötzlich geistig abwesend zu sein.
„Mathias ist aus der Finsternis nicht wieder zurück gekommen.“
Er sei aus dem Fahrgeschäft nicht wieder aufgetaucht, schrieb er und fragte
gleichzeitig: „Was haben Sie dann gemacht?“
„Ich bin um die Geisterbahn herum gegangen, um zu sehen, ob sie einen
Hinterausgang hat, aber mir sind nur blaue und schwarze Müllbeutel und rote
Stecker an den Stromverteilern aufgefallen, sowie dumpfe Geräusche auf der
anderen Seite der Metallwand.“
„Was für Geräusche?“
„Stimmen von Fledermäusen, von Zoltan, Werwolf, Grizzlybär und Dracula.“ Sie
redete von ihnen wie von alten Bekannten.
„Ich kenne mich da aus“, sagte sie, als könnte sie Gedanken lesen.
Robert nickte. Ach so. Er schrieb, sie habe eine Viertelstunde gewartet,
unruhig, aber ohne Ergebnis, habe dann die Umgebung des Fahrgeschäftes
inspiziert, auch ohne Ergebnis, und habe daraufhin eine weitere halbe Stunde
gewartet.
„Warum haben Sie so lange gewartet?“
„Wer liebt, wartet.“ Sie schaute ihn an. Er sah als erster weg.
„Schließlich bin ich nach Hause gegangen“, sagte sie, „weil mein Bruder Andreas
auf mich wartete, und wissen Sie, Herr Kommissar, als ich an der Achterbahn
vorbeikam, und die Menschen senkrecht in die Tiefe stürzten und schrien, da
klang das für mich wie Angst, die ich auch hatte.“
Sie sei mit einem Gefühl von Angst zu ihrem Bruder Andreas nach Hause gegangen,
schrieb Robert. Wieder hätte er gern in Klammern hinzugefügt, dass sie bei dem
Satz angestrengt gelacht habe.
„Tags drauf bin ich wieder hin, Herr Kommissar. Die Geisterbahn wurde abgebaut.
Ich blieb in der Nähe stehen und schaute zu. Es fing an zu regnen, ich blieb
trotzdem unter dem Vordach des Autoskooters gegenüber stehen, zwei oder drei
Stunden lang, bis mich einer der Arbeiter von der Geisterbahn fragte, was ich
suche. Sein weißes T-Shirt war von Regen oder Schweiß ganz durchnässt, und ich
erinnere mich, dass sein Bauchnabel unter dem durchsichtigen Stoff so groß war,
dass ein Hühnerei hineingepasst hätte.“
Nur um die Finger zu bewegen, während Marga Burg sprach, drückte Robert mehrfach
die Leertaste. Seitdem er nicht mehr rauchte, konnte er nicht einfach Qualm
zwischen sich und eine ihm unübersichtliche Situation schieben. Das war nicht
gut, das war nicht schlecht. Marga Burg und er sahen einander wieder an.
Wieder dieser Blick.
„Wie bitte?“
„Ich habe nichts gesagt“, sagte Marga Burg.
„Wollen Sie nicht einen Kaffee?“ Seine Stimme war belegt.
Sie lachte. „Das haben die Arbeiter mich auch gefragt, ob ich nicht einen Kaffee
mit ihnen trinken wolle, denn sobald eine Frau in den Pausen dabei sei, seien
die Gespräche gepflegter. Da musste ich auch lachen, sie waren so nett, so stark
und so tröstlich, und deswegen vielleicht habe ich gefragt, ob sie noch jemanden
zum Mitreisen suchten. Eigentlich nur Männer, hat einer gesagt. Aber wir haben
gerade einen Job frei.“
„Was war das denn für ein Job?“
„Die kalte Hand“, sagte sie. „So ist dann alles gekommen. Ich bin tatsächlich
mitgereist. Nächste Woche geht die Geisterbahn ins Winterquartier, dann höre ich
auf.“
Robert lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Auf dem Bildschirmschoner, der sich
über sein Protokoll schob, war die Mannschaft der Polizeidienststelle auf einem
Elbschiff namens Pirna zu sehen, alle auf dem Hinterdeck, alle mit
Nikolausmützen auf dem Kopf und einer Flasche Bier in der Hand. Er bewegte die
Maus, und das Protokoll erschien wieder.
„Sie sind tatsächlich bei der Geisterbahn mitgereist?“
„Ja.“
„Und warum kommen Sie erst jetzt, Frau Burg?“
„Ja“, sagte sie, wie manche Frauen gedehnt ja sagen, wenn sie mit der
Straßenkarte auf dem Schoß dem Fahrer neben sich sagen sollen, ob er links oder
rechts abbiegen muss.
„Genau darum komme ich erst jetzt, weil ich am nächsten Tag mitgereist bin.“
„Hatten Sie einen Verdacht gegen die Schausteller?“
„Nicht direkt.“
„Seit wann kennen Sie Ihren Bekannten?“
„Seit Juni.“
„Leben Sie mit ihm in häuslicher Gemeinschaft?“
Sie drehte den Kopf nach rechts, wo sie die Rotbandakten der Staatsanwaltschaft
vom Fußboden bis zur Tischkante nachzuzählen schien.
„Nein“, sagte sie, am Endes des Stapels angekommen.
„Können Sie mir die vermisste Person beschreiben?“
Sie schaute zu Robert zurück. Ihre Augen hatten nicht die gleiche Farbe, eins
war blau, eins war braun.
„Er ist ungefähr so groß wie Sie“, sagte sie leise, „aber zehn oder fünfzehn
Jahre älter, er trägt meistens weiße Anzüge, die er selber bügelt, und ist
Filmausstatter.“ Sie drehte den Kopf nach links, wo an der Wand ein Poster für
das Kindernottelefon warb.
„Was seine inneren Werte betrifft“, sagte sie, „so habe ich noch nie einen Mann
kennen gelernt, der so wenig dumm ist wie er.“
„Haben Sie ein Foto?“
„Zu Hause.“
„Können Sie die Beziehung beschreiben?“
„Nein.“
„Wie oft haben Sie sich gesehen?“
„Oft.“
„Wie haben Sie sich kennen gelernt?“
„Zufällig, eine Urlaubsbekanntschaft.“
„Warum sind Sie nicht mit Ihrem Bekannten in der Geisterbahn mitgefahren?“
„Angst“, sagte sie.
„Wovor hatten Sie Angst?“
„Weiß ich nicht genau, wissen Sie immer, wovor Sie Angst haben?“
Jede Taktik ist so gut wie derjenige, der sie anwendet. Ihre war besser als
seine. Statt weiter zu reden, klappte sie den riesige Rhabarberblattkragen ihres
Mantels an einer Ecke hoch und spielte damit in ihrem Gesicht herum. Das
Material war gewalkte Wolle, und dass dieser Stoff kratzte, spürten Roberts
Finger, ohne ihn berührt zu haben. Er lehnte sich wieder zurück, der Stuhl
rollte nach hinten, bis er mit ausgestreckten Beinen da saß und die Hände hob,
um sie hinter dem Kopf zu verschränken. Er mochte sich in dieser Pose nicht,
blieb aber trotzdem so sitzen.
Eigentlich hatte Robert gar nicht Polizist werden wollen. Aber was sonst.
„Vielleicht Zahnarzt“, sagte sein Zahnarzt immer, „schauen Sie mich an.“
Trotzdem hatte Robert sich mit sechzehn an der Polizeischule beworben und war
wegen Untergewichts abgelehnt worden. „Du hast aber auch wirklich einen langen
Hals für einen Jungen“, hatte schon seine Großmutter gesagt. Nach dem Fachabitur
bewarb er sich wieder, auch um nicht zur Bundeswehr zu müssen. Er wurde
angenommen und brach nach wenigen Wochen die Polizeifachschule wieder ab,
studierte drei Semester lang Russisch und Sport, nur um anschließend doch die
Ausbildung abzuschließen. „Danach werde ich Architekt!“ Aber da hatte er sich
schon ans Geldverdienen gewöhnt und landete ohne Probleme im mittleren Dienst.
Erst Streife, aber nur kurz, dann Polizeiobermeister, und beim Hauptkommissar
angekommen, kannte er bereits den Geruch von Leichen, wie der widerlich süß und
fahl noch nach Stunden im Gaumen klebte. Er hatte längst die erste
Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht, bei einem, der ihn aus Atemwegen voll Blut
angurgelte, hatte mit einer Stablampe seinen ersten Einbrecher niedergeschlagen
und war über das Geräusch von Stahl auf Schläfe, leise und hohl, so überrascht
gewesen, dass er sich gleich darauf abgewandt und ins Gebüsch gekotzt hatte. Er
hatte seinen ersten Mörder verhört, der Mörder werden musste, damit ihm endlich
einer zuhörte, hatte mit gezieltem Polizeischulentritt eine Unzahl
provisorischer Sperrholzplatten und verbogener Schlossblenden zerstört, um
drinnen neben der verschwitzen Matratze einen brummenden Handventilator
vorzufinden, oder einen halbverhungerten Wellensittich, der laut Aussage von
Nachbarn Hans-Peter hieß und den Toten im Schutz seiner goldenen Stäbe überlebt
hatte. Er nahm jeden seiner Toten mit nach Hause, mit in die schlechten Träume
hinein und hielt sich in manchen Nächten nur mühsam diesseits des Sinns auf.
Vielleicht hatte er deswegen angefangen, nicht nur morgens Cornflakes zu essen.
Vielleicht hatte er deshalb so rasch geheiratet.
Marga Burg strich mit dem Fuß eine Delle im grauen Teppichboden glatt. Dabei
entstanden drei weitere. Robert hatte einen Verdacht, der auf der Hand lag,
sobald ein Mann über einen anderen Mann nachdachte. Dieser Mathias wollte sich
absetzten und hatte aus Feigheit oder aus Rücksicht auf eine Frau, die einen
anrührte und anstrengte zugleich, den Abgang über die Geisterbahn gewählt. Er
löste die Hände vom Hinterkopf und ruckte mit dem Stuhl zur Schreibtischkante
vor. Die Methoden der Polizei, hieß es, hatten sich in den letzten zwanzig
Jahren grundlegend verändert, die Ausstattung aber war die alte geblieben.
Polizei eben. Das Inventar entlockte der jüngeren Kundschaft oft ein mitleidiges
Lächeln, Marga Burg nicht. Sie strich ein letztes Mal den Teppichboden glatt,
warf einen Blick auf den alten Computer, das antiquierte Faxgerät, das
Teetischchen mit den zwei ungespülten Kaffeetassen, die blütenlosen
Zimmerpflanzen am Fenster zum Hof und schlug die Beine übereinander.
„Können Sie mir Namen nennen von Personen, die Mathias Böhm näher kennen?“
„Er hat eine Frau und eine Filmproduktionsfirma. Mit den Leuten ist er auch
befreundet.“ Robert sah ihren Hals mit den angespannten Muskeln.
„Sollen wir eine Pause machen?“
„Wieso, ist das hier ein Verhör?“
Wieder ertappte er sich, dass er die Hände hinter dem Kopf verschränkte. Sie sah
auf seine Brust.
„Sagen Sie mal, tragen Sie unter dem Jackett eigentlich eine Waffe?“
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