Lenas Liebe von Judith Kuckart, 2002, DuMont

Judith Kuckart

Lenas Liebe
(Leseprobe aus: Lenas Liebe, Roman, 2002, DuMont)

Wind fegte seit dem Morgen die Straßen und riß vereinzelte Wolken vor die Sonne. Freitag. Ein dunkelblaues Auto von der Policja bog von der Straße ab, fuhr an der Mannschaftsbaracke vorbei und rollte langsam auf das Fußballfeld. Das wunderte den Priester. Es hielt knapp einen Meter neben dem deutschen Tor. Die Fahrertür schwang auf. Die Schrift teilte sich in Pol und icja, und einer in Uniform, die blau war wie das Blau seines Wagens, trat auf das Tor zu, an dessen Pfosten ein junger Mann lehnte. Der verwöhnte junge Mann, wie der Priester ihn seit gestern nannte. Der junge Mann trug einen dunkelblauen Kapuzensweater um die Hüften geknotet. Ihn sprach der Polizist an und sah dabei herüber zu den Zuschauerrängen. Auf den bröckelnden Steinstufen sammelten sich die Neugierigen, hauptsächlich Kinder, kleine Fans mit Fahnen. Dahinter standen wenige Erwachsene, Männer und Frauen in Lederjacken oder Plastikblousons und fast immer mit brennender Zigarette gegen die Müdigkeit am Freitag. Der verwöhnte junge Mann griff in die Brusttasche seiner Jacke, zog eine Packung hervor und hielt sie dem Polizisten unter die Nase. Der Polizist korrigierte seine Schirmmütze, eine Bewegung, die wie ein Räuspern aussah. Eine polnische und eine deutsche Nase trafen sich über einer amerikanischen Zigarettenpackung. Test the West, dachte der Priester. Wieder zog eine Wolke vor die Sonne und überraschte das Spielfeld mit plötzlichem Schatten.
Der Polizist ging rauchend und mit federnden Knien über den Rasen. Der junge Mann blieb beim Tor stehen. Die kleinen deutschen Fußballer verteilten Autogramme über eine blaue Wäscheleine hinweg, die das Spielfeld an seiner Längsseite begrenzte, und über den Platz lief ein Kind in grünem Anorak, in beiden Armen den Ball.
"Hoffentlich fängt es nicht an zu regnen", sagte Lena.
"Was machen Sie eigentlich hier? Interessieren Sie sich für Fußball?"
"Und Sie, was machen Sie hier, als Priester?"
"Ich interessiere mich speziell für Torhüter."
"Torhüter? Wieso? Kannten Sie mal einen?"
"Das sind prinzipiell die Verrückten in der Mannschaft."
"Was wollen Sie denn mit Verrückten?"
"Meines Vaters Haus hat viele Wohnungen", sagte er.
"Gut zu wissen", sagte sie. "Ich habe schon ein Zimmer und fahre am Sonntag wieder."
Sein Blick fiel auf die bröckelnden Steinstufen der Tribüne, dorthin, wo sie nicht überdacht war. Gras wuchs in den Ritzen. Jungen mit den Gesichtern von hier, Gesichter, die bei Vierzehnjährigen schon vierzig waren, hockten Knie an Knie, alle Haare vom Wirbel aus gleich geschnitten, die Hände zwischen den Beinen. Weiter hinten, in der Nähe des deutschen Tors, saßen die Mädchen in den überdachten Reihen auf Holzbänken. Sie waren hübscher und größer als die Jungen, und ihre Hinterköpfe weniger flach.
"Sie sagen mir also nicht, warum Sie hier sind?"
"Ich habe so eine Idee", sagte sie, lächelte und drehte das Gesicht über die linke Schulter dabei. Sie lächelte in das deutsche Tor hinein. Nur um sich zu zeigen, lächelte sie? Am Pfosten lehnte noch immer der junge Mann. Der verwöhnte junge Mann. Lenas Profil war ein wenig hart, die Haut an den Kinnladen ein wenig schlaff, wenn sie den Kopf senkte. Dann sah sie verärgert aus. Aber wenn sie lächelte, gab es um die Augen eine flüchtige Wärme. Doch die blieb bei ihr.
"Eine Idee?" sagte er mit Nachdruck, um ihr Gesicht aus dem Profil zu sich zurückzuholen, "eine Idee braucht man an diesem Ort nicht. Was hier wirklich geschehen ist, ist genug."
"Wirklich", fragte sie. "Was ist denn das?"
"So etwas wie Sie hat uns hier gerade noch gefehlt", sagte er. Seine plötzliche Gereiztheit hatte wenig zu tun mit dem, was er sagte, sondern mit dem, was er dabei dachte. Der Wind blies ihm ins Gesicht, und ihr die Kapuze vom Kopf. Er sah ihr ihn die Augen. Er war laut geworden.
"Wirklich?" Sie schaute ihn an und setzte die Kapuze wieder auf. Die Geste war weich und ruhig und gelungen, und wegen dieser einen Bewegung war sie in dem Moment stärker als er.
"Sie dürfen mich nicht so anschreien", sagte sie, "ich bin nämlich ein verlorenes Schaf. Wenn Sie so schreien, gehe ich Ihnen ganz verloren. Wie wollen Sie das Ihrem Gott erklären?"
Da pfiff ein Mann in schwarzer Lederjacke das Spiel an. Das Kind in Grün warf den Ball ins Feld.
"Wirklich ist hier", sagte Lena, "daß die Stadt 55 000 Einwohner, eine berühmte Eishockeymannschaft und die besten Schwimmer von Polen hat. Das talentierteste Eiskunstlaufpaar der Nation trainiert hier."
"Sind Sie Sportreporterin?"
"Nein, Schauspielerin, und ich hatte tatsächlich so eine Idee, die war noch nicht ganz fertig, als Sie mich unterbrachen."
Sie stach mit dem Daumen in die Luft. Er schaute auf den Platz.
"Das soll hier ein gemeinsames Trainieren und Spielen gegen das Vergessen sein, oder? Ich dachte immer, gegen Vergessen hilft Erinnern, nicht Fußball, oder?"
Als sie ging, fiel das erste Tor.
"Oswiecim, zwyciestwo, zwyciestwo", riefen die Mädchen, und die Jungen rückten beglückt den Schirm ihrer Baseballmützen zurecht. Lena drehte sich noch einmal um.
"Oswiecim, zwyciestwo, zwyciestwo? Was heißt das?"
"Auschwitz, Sieg, Sieg", sagte er.

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