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Die Tochter meines Vaters
(Leseprobe aus: Die Tochter meines Vaters, Roman,
2005,
Schöffling&Co.).
Es war ein feuchtkalter Nachmittag, ich muß ungefähr neun Jahre
alt gewesen sein. Gunnar war nach der Schule mit dem Bus nach Hause gefahren,
ich hatte zu Hause Mittag gegessen und meinen lila Spielanzug angezogen, der mir
bereits an Armen und Beinen zu kurz geworden war. Ich lief los, so schnell ich
konnte, weil mir bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht sehr viel Zeit blieb, und
wenn die Laternen angingen, mußte ich wieder zu Hause sein. Ich rannte die
Straße zum Strand hinunter und wurde erst langsamer, als ich die letzten Häuser
hinter mir gelassen hatte. Dann überlegte ich, was ich mit dem Nachmittag
anfangen sollte. Ich beschloß, am Strand Butterstullen zu werfen.
Über dem Wasser hing Nebel, und die feuchte Luft legte sich mir auf Gesicht und
Hände. Ich begann, flache Steine zu suchen, aber es war kein guter Tag für
Butterstullen. Ich fand nicht sehr viele, und die meisten davon waren obendrein
viel zu groß für meine Hand, klobig und rauh, und wenn ich sie ins Wasser warf,
sprangen sie ein paar Mal, dann verschluckte sie der Nebel. Ich lief immer
weiter an der Steilküste entlang in die Bucht hinein, den Blick fest auf den
Boden gerichtet. Wenn ich einen geeigneten Stein fand, hob ich ihn auf, machte
ihn sauber, wog ihn in der Hand und drehte ihn so lange, bis er zwischen Daumen
und Zeigefinger die richtige Position hatte. Dann ging ich so nahe ans Wasser
wie möglich, stellte den linken Fuß vor, holte aus und schleuderte den Stein aus
dem Handgelenk flach über die Wasseroberfläche.
Nur eine einzige Butterstulle fand ich an diesem Tag, die wirklich zum Flitschen
geeignet war. Glatt und sehr flach, die Unterseite leicht gewölbt, nicht größer
als meine Hand, und ich hatte ein feierliches Gefühl, als ich mich mit diesem
Stein an den Wassersaum stellte. Damit würde ich mindestens zwölf Sprünge
schaffen. Aber als ich ihn schleuderte, fiel mein Blick auf etwas, das vor
meinen Füßen im Wasser lag, sich sanft mit den Wellen hin- und herrollte, und
ich ließ die Stulle nicht im richtigen Moment los, sie beschrieb einen Bogen,
traf die Oberfläche mit einem lauten »Plopp« und versank sofort. Ich lenkte
meinen Blick wieder nach unten, aber was ich da sah, erschien mir so
unwahrscheinlich, daß ich es für eine Täuschung hielt. Also hockte ich mich hin,
beugte mich vor, damit meine Schuhe nicht naß wurden, und holte das Ding aus dem
Wasser. Ich trug es zum Fuß der Abbruchkante, setzte mich dort auf einen großen
Stein und machte für einen Moment die Augen zu. Als ich sie wieder öffnete,
hielt ich noch immer genau das in Händen, was ich bereits im Wasser erkannt
hatte.
Es war ein ganzer Arm, von der Achsel bis zu den Fingerspitzen. Er hatte eine
gräuliche Farbe, die Adern an der Unterseite waren blau, der Ellbogen war leicht
violett. Er war schwer und klamm, aber ich ließ ihn nicht fallen. Weil ich das
Gefühl hatte, daß ich im Gehen besser nachdenken konnte, und weil es allmählich
zu dämmern begann, machte ich mich auf den Weg am Strand zurück nach Ulsby. Ab
und zu mußte ich stehenbleiben, weil der Arm wirklich schwer war, und auch, weil
ich ihn ansehen mußte.
Es war ein Frauenarm. Und das war etwas, über das ich lange nachdenken mußte.
Wenn ich meine Arme ansah, so konnte ich nicht sehen, was an ihnen mädchenhaft
sein sollte. Sie sahen nicht viel anders aus als Gunnars. Aber hier hatte ich
einen Arm ohne den dazugehörigen Körper, und trotzdem konnte ich sofort
entscheiden, ob es ein Frauen- oder ein Männerarm war. Ich überlegte: Wenn ich
ein Bein gefunden hätte, wäre es dann auch klar? Oder einen Rumpf? (Dann
natürlich, wegen der Brüste.) Einen Fuß? Ein Gesicht? Einen Hals? Ja, sogar,
wenn ich nur eine Nase gefunden hätte oder eine Stirn, ich hätte mit großer
Wahrscheinlichkeit sagen können, ob sie einem Mann oder einer Frau gehört
hatten. Etwas an dem Gedanken beunruhigte mich zutiefst. Was war mit dem, was in
einem war? Ich war mir plötzlich sicher, daß man das Geschlecht einer Person
auch dann erraten konnte, wenn man lediglich ein paar einzelne Organe fand.
Ich blieb stehen und betrachtete den Arm. Ich hielt meinen eigenen daneben. Ein
rechter Arm, die Fingernägel waren eckig gefeilt, das faszinierte mich, weil die
meiner Mutter oval waren. Ich strich mit der Fingerkuppe über die Nägel, und ich
wunderte mich ein bißchen, daß sie so sauber waren; kein Sand, keine Algen
hatten sich darunter gesammelt. Der Arm konnte noch nicht sehr lange im Wasser
gelegen haben. Aber wieso lag er überhaupt im Wasser? Wo war die dazugehörige
Person? Diese Frage stellte ich mir erst, als ich bereits am Ende der Steilküste
angekommen war, dort, wo die Straße nach Kleinulsby begann. Wenn man den oberen
Teil des Armes anschaute, so sah man, daß er unterhalb der Schulter abgetrennt
worden war. Ich betrachtete im Vergleich meinen eigenen Armansatz. Der Schnitt
war glatt und gerade, selbst der Knochen war sauber durchtrennt. Ich sah mir die
Schnittkante genauer an und kam zu dem Schluß, daß der Arm von jemandem
abgehackt worden war. Bei uns im Dorf gab es viele, die mit Holz heizten, und
ich wußte genau, wie glatt ein Beil einen Holzscheit spalten konnte. Es war das
einzige mir bekannte Instrument, das für einen solchen Schnitt in Frage kam.
Jemand hatte den Arm von der Frau mit einem Beil abgehackt und ins Wasser
geworfen.
Auf dem geheimen Friedhof hob ich mit einem Stock ein extra großes Grab aus. Der
Boden war lehmig und feucht, es dauerte nur ein paar Minuten. Das Grab war nicht
lang genug geworden, aber man konnte den Arm schließlich falten. Ich legte ihn
hinein und wurde sehr ernst. Inzwischen dämmerte es, und der Nebel war vom
Wasser weiter ins Land gezogen. Er machte mein Gesicht naß, meine Hände waren
eiskalt, aber ich stand aufrecht am Grab des unbekannten Armes und betete das
Vaterunser, so weit ich es konnte. Dann sang ich »Lobt Gott ihr Christen« und
hielt eine kleine Predigt.
»Hier ruht ein Arm. Heute nachmittag von Felix Lauritzen aus dem Wasser
gefischt, ganz in der Nähe von Kleinulsby. Es ist ein Frauenarm, und jemand hat
ihn abgehackt mit einem Beil. Es war ein guter Arm, er war sehr nützlich und
schön. Jetzt hat es Gott gefallen, ihn zu sich zu nehmen. Wir nehmen Abschied in
großer Trauer. Der Arm ruhe in Frieden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und
des Heiligen Geistes.«
Bei den letzten Worten warf ich drei Handvoll Erde in das Grab. Weil es schon
fast dunkel war, hatte ich keine Zeit, später wiederzukommen und das Grab in
Ruhe zuzuschaufeln. Also verzichtete ich auf den Segensspruch und machte mich
sofort an die Arbeit. Ich schob mit den Händen den ganzen Erdhaufen wieder in
das Loch zurück und klopfte danach den Boden ein bißchen fest. Weil es zu dieser
Jahreszeit keine Blumen gab, überlegte ich, was ich statt dessen auf das frische
Grab legen konnte. Ich zog den Ring ab, den ich beim Zahnarzt bekommen hatte
(und den Gunnar sowieso nicht leiden konnte), und bohrte ihn so in die Erde, daß
nur der rote Stein herausguckte. Das sah sehr edel aus. Aber schließlich war
dies nicht einfach das Grab eines gewöhnlichen Feldspatzes oder einer Spitzmaus.
»Amen«, sagte ich schnell, und dann rannte ich den ganzen Weg nach Hause, damit
es keinen Ärger gab.
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