Meinerzeit von Gyula Kudy, dtv

Gyula Krúdy

aus: Meinerzeit
(2. Kapitel)

Vilma wohnte im zweiten Stock des Hotels, der Hilfsstuhlrichter im ersten, der Herr mittleren Alters im Erdgeschoss. Ihre Zimmer lagen ungefähr übereinander; sie hätten ein Loch in die Zimmerdecke bohren, eine Schnur hindurchziehen und einander Zeichen geben können. Besonders in den schlaflosen Nächten. Schlaflosigkeit, das war das Leiden des Herrn in den mittleren Jahren, und er hatte sich zwecks Abhilfe die verschiedensten Methoden ausgedacht. Er hatte einmal eine lange, traumverlorene Nacht im Inselhotel gehabt, und deshalb wohnte er jetzt hier.

Er hieß Kacskovics, vielleicht war er einer von den Kacskovics, die in Pest so viele Häuser besaßen, dass fast in jeder Straße eines stand.

Zum Glück hatte er mit den Häusern gar nichts zu tun. Seine Mutter, »mein Mamachen« (so nannte er die alte gnädige Frau) lebte in vollen Zügen in einem dieser Häuser, mitten in der Stadt, seit zwanzig Jahren ohne ihre Wohnung zu verlassen, nachdem sie sich bei einem Spaziergang in der neu gebauten Innenstadt verirrt hatte und vom Fiakerkutscher angestarrt worden war, als sie ihm einen Straßennamen und eine Hausnummer angab. Es hatte eine Weile gebraucht, bis die alte gnädige Frau wieder zu Hause angelangt war, worauf sie schwor, in diese Stadt, wo man hinterrücks die Straßen neu benannte, neue Häuser baute, neue Geschäfte eröffnete, nie mehr einen Fuß zu setzen.

»Frigyes Podmaniczky mit dem Bart, der ist an allem schuld«, das war der Refrain der alten Witwe, weil der Baron mehr oder weniger der einzige fremde Mann war, den sie kannte. Sie saß also zu Hause und hatte Scherereien mit ihren Hauswarten - zwar alles alterprobte Leute, aber immer wieder mit neuen Vorschlägen hinter der Hausbesitzerin her. Bald wollten sie die Mieten erhöhen (weil die Mieter doch »praktisch umsonst« wohnten), bald kamen sie ihr mit Reparaturplänen. Vor allem die Sache mit den Traufen...

»Wenn noch einmal jemand etwas von den Traufen sagt, stelle ich ihn auf die Straße«, sagte Frau Kacskovics, und damit waren die Vorschläge für längere Zeit suspendiert.

Kacskovics nannte sich glücklich, vom Schicksal mit einer solchen Mutter bedacht zu sein. Ihr zuliebe hatte er in jedem Haus der Familie eine Wohnung, und da wohnte er mitunter auch, bis er sich wegen seiner Schlaflosigkeit an Orte verzog, wo er für sein Leiden Besserung erhoffte. Er besaß einen schrankgroßen Reisekoffer, den man in jedem Budapester Gasthaus kannte, denn Gasthäuser versprachen am ehesten die eine oder andere ruhige Nacht. Er war auf die Rubrik Fremde Gäste spezialisiert, suchte in den Zeitungen immer die Seite, auf der die Rubrik, nach Gasthäusern eingeteilt, figurierte. Stürzte sich mit einer Neugier darauf, wie sich andere auf die Speisekarte stürzen. Wenn ihm ein Männer- oder Frauenname im Register der Fremden gefiel und er annehmen konnte, der Träger des Namens verspreche sich von dem bestimmten Gasthaus ruhigen Schlaf, so zog er ohne viele Umstände ebenfalls dorthin.

Nach jahrelangem Studium der Namensliste hatte er schon erprobte Bekannte, denen er einen Zauber zuschrieb. Einer war Heringer (aus Szabadka), der stets imWeißen Pferd abstieg (Heringer war Pferdehändler) und ringsum Schrecken verbreitete, weil er mit seinem Schnarchen niemanden schlafen ließ. Heringer, der treue Name, holte Kacskovics unverzüglich ins Weiße Pferd; kein Winkel der Welt, aus dem es ihn nicht in die Nähe des Pferdehändlers getrieben hätte.

Das schreckliche Schnarchen war von wunderbarer Wirkung. Wenn Heringer seine Schnarchübungen durchexerzierte, sich im Schlaf wälzte, aufschreckte und fluchte, in dieses Gasthaus, wo man ihn nicht schlafen lasse, komme er nie mehr, war das für Kacskovics ein Schlafmittel, wie er es sich nur träumen konnte. Im Wachzustand sah er Heringer nie, er wollte seine Illusionen über den heldenhaft, geradezu mit übermenschlicher Kraft schnarchenden Mann nicht verlieren. Vom Hörensagen wusste er, dass Heringer ein kleiner schwarzer Herr mit großen Augen, großem Schnurrbart, Doppelkinn und krummer Nase war, der sich tagsüber bei jedem Angestellten des Gasthauses für sein Schnarchen entschuldigte. Und sich dann hinterrücks in sein Zimmer stahl, so dass man ihm zu seiner somniferen Wirkung gar nicht gratulieren konnte.

Radics (aus Várpalota), Weinhändler, stocktaub, gehörte ebenfalls zur einschläfernden Kategorie. Er hörte seine eigene Stimme nicht und brüllte nachts aus voller Kehle, weil er nach dem üppigen Nachtmahl von Feuer, Stieren und Strolchen träumte. Er warf seine Stiefel gegen die Tür, riss das Fenster auf, sprang in den Schrank hinein, versteckte sich unter dem Bett, stöhnte und schrie. Radics, der Transdanubier, wohnte gewöhnlich in einem Hotel in Buda, wo bald auch Kacskovics nicht fehlte. Wenn man schon nicht schlafen konnte, hätte man wenigstens einen Grund dafür. Aber eben: Radics rang im Traum mit den Bösewichten des Bakony, Kacskovics schlief.

Dann der mehrfach gescheiterte Abgeordeneten-Kandidat, immer rechtzeitig in Pest im Hotel Pannonia präsent, wenn irgendwo ein Bezirk freigeworden war. Der Kandidat sagte im Traum die Reden auf, die er an Minister und Wähler zu richten gedachte, Kacskovics schlief.

*

Und so hatte der Herr mittleren Alters, schlaflos in die Liste der Fremden Gäste vergraben, sogleich die Namen der neuen Gäste im Inselhotel entdeckt. Leute aus Podolin, noch nie etwas mit solchen zu tun gehabt. Kannten vielleicht einen Zauber, der den Schlaf auf die Lider beschwor.

... Doch es war eine schlaflose Nacht. Nur hie und da, für ein paar Sekunden, meinte Kacskovics Pater Ferenc brummen zu hören, jetzt allerdings ein anderes Lied, denn die Priester haben so ihre Weisen. Er sang: »Geh' ich an der Kirch' vorbei, ach wie tönt das Lied so schön...« Immer aber war der Pater im Weggehen und nicht im Kommen, was dem Schlaf das Sich-Festsetzen sehr erschwerte.

Nichts geschah in der Nacht, kein zerstreuter Gast machte eine falsche Zimmertür auf, was den Schlaf immerhin gefördert hätte. Kein Ehepaar besprach die Familienangelegenheiten in den Stunden nach Mitternacht, nichts führte dazu, dass die Nachtgeschirre flogen. (Keine Frau Kristófi, die wackere Dame aus der Provinz, die im Hotel Jagdhorn ausdauernd nach dem Zimmermädchen zu klingeln pflegte. »Jetzt bringen Sie mir doch endlich ein Traumbuch, mein Mann hat wieder was ganz Seltsames geträumt.« Und sie verprügelte den Mann, wenn sie aus dem Traumbuch etwas Verdächtiges herausgelesen hatte. Ausgezeichneter Schlaf.) Der abnehmende Mond sah bei seiner Fahrt über der Donau immer jenseitiger aus, der Herr mittleren Alters lauerte starr auf die nächtlichen Geräusche, aber niemand knallte seine Stiefel gegen die Tür. Schlaflose Nacht.

Kacskovics kam sich geprellt vor, als er gegen Morgen sah, dass dichter, feiner Schnee gefallen war, der die gestrigen Fußspuren zugedeckt hatte. »Wenn ich das gewusst hätte, dass es draußen schneit.« Doch der Schnee war lautlos gefallen, und jetzt nützte er nichts mehr.

»Wir gehen nach Pest«, sagte der Hilfsstuhlrichter. Er hatte alle Kleider an, die seines Erachtens für einen Besuch in der Stadt nötig waren. Er trug hohe Stiefel, trank Schnaps, kaute Brot mit Salz und Paprika und warf in seinem hüftlangen Jagdmantel entschlossene Blicke in die Runde. Ging im Speisesaal auf und ab wie an einer Bahnstation.

»Wohin wollen Sie?« fragte Kacskovics.

»Zum Ministerium.« Podolini hatte bereits gelernt, dass Herumlungerer seiner Art immer gerade ins Ministerium unterwegs sind. (Leute aus der Provinz sind in Budapest meistens auf Ministeriumsbesuch.)

Dann erschien auch Vilma, und zwar ernstlich für einen Besuch gekleidet, in einem schwarzen Kleid, ihrem besten Stück, ganz offensichtlich.

»Geht auch Fräulein Vilma in die Stadt?«

Die Lehrerin war so gutgelaunt wie gestern; die hatte gewiss nichts Schlechtes geträumt. Sie holte ein Notizbüchlein mit rotem Deckel hervor: Der Kalender des Lehrers (in Goldbuchstaben).

»Sogar drei Verwandte habe ich in Budapest, hier, da sind ihre Adressen notiert. Vielleicht fällt wenigstens einem von ihnen etwas ein, wozu er mir raten könnte. Geld will ich keins von ihnen, und mit Ratschlägen sind die Verwandten gar nicht geizig, wenn sie einen damit vom Hals haben können.«

»Ich gehe nicht zu meinen Verwandten, ich will sie nicht erschrecken.« Irgendwie war Podolini mürrisch. »Verwandte sind nur so lange gut, wie man aus der Distanz über sie klatschen kann.«

Es stellte sich dann anhand des Notizbüchleins heraus, dass die Verwandten von Vilma, eine gewisse Familie Klébák, in der Nähe der Kirche des Terézstadt-Quartiers wohnten, und der ältere Herr rief, auch er habe in der Gegend zu tun. So konnte er doch wenigstens das Fräulein instruieren, wie man dorthin gelangte, falls sie später wieder einmal zu den Klébáks fuhr. Der Hilfsstuhlrichter sagte nichts mehr von seinem Ministerium, sondern schloss sich schweigend an, nachdem er seine Stiefel mehrmals betrachtet hatte, als wäre er nicht ganz sicher, ob diese Tracht auch für die Umgebung der Terézstadt-Kirche die passende sei...

*

Sie fuhren mit der Pferdebahn über die verschneite Insel.

Das Pferd lief allein (es hätte sowieso nicht aus dem Geleise treten können), der Fahrer verkaufte Fahrkarten und erzählte, wie die Bahn bei stärkerem Schneefall den Betrieb einstelle und wie man dann auf der Insel mit Schlitten verkehre. Der Schlitten aber fahre nur einmal pro Stunde vom unteren Insel-Ende zum oberen, man müsse sich rechtzeitig vor Abfahrt einfinden, sonst könne man eine ganze Stunde warten.

»Wird auch der Schlitten von einem Pferd gezogen?« Podolini war ganz erstaunt und schon bei besserer Laune, nachdem der bedrückende Ministeriumsbesuch nicht mehr in Aussicht stand.

»Der Schlitten wird von zwei Pferden gezogen, und wir hängen den Pferden Schellen um den Hals, damit wir uns im Dunkeln nicht verfahren«, sagte der redselige, rotschnurrbärtige Kutscher, der nur hin und wieder aus dem rumpelnden, mit seinen Glasscheiben schepperndern Fuhrwerk zu dem selbständigen Pferdchen hinausrief:

»He, Csillag.«

Und das Pferd setzte sich wieder in Trab.

Am unteren Insel-Ende verlor sich die Schienenspur, die Pferdebahn kam zum Stillstand, der Kutscher spannte das Pferd aus und am anderen Ende des Wagens wieder ein: ein fast schmerzlicher Augenblick; irgendwie wäre das der Wagen gewesen für die Fahrt um die Welt.

Dem Herrn mittleren Alters war der Hang seiner Reisegefährten zu dem Pferdegespann nicht entgangen, und er versprach weitere Pferdewagen-Fahrten zu späterer Stunde.

»Ich bin noch nie Omnibus gefahren«, sagte Vilma, »aber ich habe schon viel darüber gelesen.«

... Als sie aber von der Insel weggegangen waren, nahmen sie die elektrische Straßenbahn - allerdings nur im Sinn eines übergangs. Vilma meinte, sie sollten fragen, wo man auf den Omnibus nach der Király-Straße umstieg. Der leutselige, aus der Provinz stammende Schaffner war entzückt, mit seiner genauen Kenntnis der Großstadt angeben zu können.

Zuerst, so verkündete er nicht ohne Herablassung, komme die nach dem Lustspielhaus benannte Haltestelle. Einige Damen in kurzen Kleidern sprangen in der Tat von ihren Sitzen auf, nachdem sie einen prüfenden Blick auf ihre Schuhe geworfen hatten. »Die Mädels kommen das Tanzbein schwingen«, sagte der Schaffner. Herr Kacskovics bot ihm, ländlichem Brauch gemäß, eine braune Regalitas aus seinem Zigarrenetui an. (Es hatte vielleicht etwas mit seiner Schlaflosigkeit zu tun, dass Kacskovics überall gut Wetter machen wollte.) Am Berlinerplatz sagte der Schaffner: »Hier steigen die Leute vom Land zu, die mit der Westbahn gekommen sind. Bei ihnen muss man aufpassen. Der Mann vom Land löst nicht gern Fahrkarten.«

An der Podmaniczky-Straße wies der Schaffner auf die Tatsache hin, dass hier die Fahrgäste ausstiegen, die auf den Gerichten zu tun hatten. »Vielleicht kommen nicht alle zurück - um dann mit einem alten Fahrschein wieder durch die ganze Stadt zu gondeln.« Bei der Andrássy-Allee durfte der Schaffner die Untergrundbahn der geschätzten Aufmerksamkeit vertraulich empfehlen. »Ich persönlich fahre an freien Tagen durchaus gern mit der Untergrundbahn.« Man war jetzt fast schon bei der Király-Straße, auf Herrn Kacskovics' Aufforderung hin begann man sich zu rühren. Der Hilfsstuhlrichter schien vom Vortrag des Schaffners sehr amüsiert. Am Schluss sagte der Schaffner: »Zufällig bin auch ich aus der Szepesség, ich war einmal ›Staatsbeamter‹ und hatte zwischen Felka und Podolin eine Freikarte.«

»Locsárek, der Finanzämtler«, rief der Hilfsstuhlrichter, nach einem gründlicheren Blick auf seinen neuen Freund. Da war die Straßenbahn schon abgefahren. Nur noch ein Oberländer Gruß...

Die berühmte Ecke zur Király-Straße, die Haltestelle des Omnibusses auf seiner mühevollen Reise von Buda nach Pest.

Der mächtige gelbe Wagen kam mit riesigen Rädern über den verkehrsreichen Platz gefahren, der Kutscher trieb die Pferde unbeirrt an, alle anderen Fahrzeuge taten besser daran, sich zu verziehen. Ziemlich muskulöse Pferde vor dem Wagen; sie verlangsamten bei der Haltestelle von selber den Schritt. Vilma, Kacskovics und Podolini nahmen auf den Ledersitzen Platz, die zwar zerschlissen und abgewetzt waren, doch immerhin Zeugen einer Zeit, da es noch üblich war, für die Bequemlichkeit der Fahrgäste zu sorgen. Im Omnibus saßen vor allem ältere Männer und Frauen, die aus einem unerfindlichen Grund von Buda nach Pest gekommen waren und sich ausgerechnet hatten, dass die Fahrt auf diese Art am billigsten war. Halsbrecherisch ließ der Fahrer seine Pferde geradewegs auf die Mitte der verkehrsreichen schmalen Straße los; es war fast ein wenig erschreckend. Massen von Wagen in dieser engen Straße, alle Wagenarten, die auf Stadtgebiet zu finden sind. Transportwagen, hin und her fahrend, als suchten sie nach den Lagern, um ihre Ladung loszuwerden. Handwagen, vor jedem Geschäft eines, und pausenlos waren Leute dabei, sie zu beladen, als wollte die ganze Straße in einem einzigen Tag umziehen. Postwagen, denen Pakete entströmten, als schickte die ganze Welt ihre Waren hierher. In den Höfen, hinter offenen Toren, Türme von Zitronen-, Orangen- und Feigenkisten. Eine Ladentür neben der anderen, kein Angebot gleich wie das andere, nur die Ladenbesitzer waren gleich: in ihren weichen Schirmmützen hier zur Welt gekommen, hier alt geworden. Durch diese wirre, außer sich geratene Straße fuhr der Omnibus, als wären da keine Menschen, die kreuz und quer über die Fahrbahn liefen, von einer Seite zur anderen hinüberredeten, Lasten schleppten, sich an den Wagen zu schaffen machten, Kinder an der Hand führten, Schaufenster betrachteten, sich benahmen, als wäre es der letzte Tag, an dem sie in der Király-Straße sein konnten. Jetzt aber, nach rumpelnder, rasselnder Fahrt, nach Anblick der Sehenswürdigkeiten in Kleidergeschäften, Heringhandlungen, Spezereiläden, Leinenlagern und Innenhöfen, diesen Höfen, über die sich die Gänge, die Eisengeländer und die Fenster gleichsam krümmten, als wären auf den Stockwerken keine Menschen, denen gedient werden muss, als hätten alle ihren Platz auf der Straße, im Geschäft, im Lager, jetzt, nach der Fahrt durch die Király-Straße, kam der Omnibus bei der Terézstadt-Kirche zum Stillstand, und zusammen mit den anderen Fahrgästen stiegen auch unsere Bekannten aus, fast schon etwas ermüdet von den Eindrücken dieser kurzen Reise durch Pest.

»Ich glaube, wir sollten uns irgendwo ausruhen, bevor wir weiterfahren«, schlug der Herr mittleren Alters vor. »Ich kenne hier in der Nähe eine Bierstube, wo es das beste Gabelfrühstück seit Menschengedenken gibt.«

Lajos Podolini warf Vilma einen fragenden Blick zu, und zu seinem größten Erstaunen widersprach sie nicht. (Sie sagte später, der Zeitpunkt für eine Visite habe ihr zu früh geschienen; man sollte sich ja in jeder Lebenslage an die Anstandsregeln halten. »Nie könnte ich nach Podolin zurückkehren, wenn Tante Minka den dortigen schriebe, ich hätte mich in Pest schlecht aufgeführt.«)

*

Im übrigen wurden die drei von niemandem beachtet, außer von den schrecklichen Bettlern, die hier um die Terézstadt-Kirche versammelt waren, auf Schiebewagen, mit Schemeln, mit dreibeinigen Stühlen aus der ganzen Stadt und aus der Umgebung hier zusammengeströmt. Eine Bettlerausstellung, als hätten sich rings um die freistehende Kirche die erbarmungswürdigsten Menschen von Budapest gefunden. Es musste seine Bewandtnis haben, dass es hier um diese Kirche die meisten Bettler gab, furchtbare Sammlung aus dem Elend der Stadt. Brennende Blicke fielen über Vilma her, sie schaute entsetzt in die Runde. »Grauenhaft, wenn man bedenkt, dass diese Leute einmal jung gewesen sind.« Sie verteilte kleine Summen unter die Bettler, was denen aber keinen Eindruck machte.

»Verwöhnt sind die«, sagte der Herr mittleren Alters, »die Bettler von Terézstadt sind die frechsten der Welt. Sie meinen, das Almosen stehe ihnen zu, denn in diesem Stadtteil ist man zur Wohltätigkeit verpflichtet. Hier gibt es so viele Wohltätigkeitsvereine, als hätten die Menschen keine andere Beschäftigung als das Verteilen von Gaben. Und dann wohnen in dieser Gegend die Schauspielerinnen, Tänzerinnen und die Damen der Vergnügungsstätten, die abergläubisch sind: Sie glauben an die Verwünschungen oder Segenssprüche der Bettler. Es gibt hier eine grässliche, schlecht und recht zusammengeflickte alte Frau, reglos in einem Rollstuhl. Wenn die jemanden verflucht, endet die Sache meistens nicht so gut. In der Oper, hier in der Nähe, singt die Primadonna falsch, im Liebesglück gibt es Kummer. Wer stellt sich schon gern schlecht mit einer solchen Hexe?«

»Zum Glück bin ich keine Sängerin«, sagte Vilma schließlich, nachdem sie mit angehaltenem Atem am letzten Bettler vorbeigegangen war, der sich eben auf die Straße hinausschleppte, um auch von den Vorüberfahrenden das Ihre zu fordern. »Frankli!« winkte ihm der schnurrbärtige Polizist von der Kirche her zu, wo er, weißbehandschuht, in gebügelter Uniform, würdevoll stand.

Sie machten in der Király-Straße ein paar Schritte; in den Schaufenstern des Schuhgeschäfts glänzten die Lackschuhe, die Hut- und Korsettmacherinnen standen in häuslich weißer Mantelschürze, aber mit Frisuren, die von berufener Hand geschaffen waren, auf den Schwellen ihrer Geschäfte und schienen bester Laune, obwohl drinnen kein Kunde zu sehen war. »Um die braucht man keine Angst zu haben, in dieser Straße wird alles verkauft«, sagte Kacskovics, während er seine Gäste in einen offenen Tordurchgang steuerte, in einen mit gewölbtem Boden, weil darunter ein Keller war. Wie in jedem Hof der Király-Straße wurden auch hier Kisten aufgestemmt oder zugenagelt, es roch nach Holzspänen und Harz, und dann auch nach etwas anderem, das die Sachverständigen als Wirtshausgeruch identifizieren. Da musste doch irgendwo ein Wirtshaus sein, denn nur das Wirtshaus-Ragout wird so spielend mit allen anderen Gerüchen fertig. Kistenweise stehen Sardinen, Datteln und Feigen herum, und doch: um den Mittag ist Pörköltgeruch der Herr der Höfe, in denen es ein Wirtshaus gibt.

Eine abgegriffene, mit der Zeit schon zittrig gewordene Glastür ging auf den Hof.

»Der Eingang für die Stammgäste«, sagte Kacskovics und dirigierte die Gesellschaft ins Innere der Bierstube.

Dass durch diese Tür nur trat, wer ein Wegrecht hatte, war gleich klar: der blaubeschürzte Wirt und seine Burschen, alte, abgewetzte Kellner, blickten freundlich zur Hoftür, obwohl Freundlichkeit nicht zu ihrem Naturell gehörte. Nein, sie heiterten sich überhaupt nicht auf, wenn in der Vordertür ein fremdes Gesicht auftauchte, das da noch nie eingedrungen war. Herr Kacskovics aber war hier offensichtlich bekannt. Der Wirt trocknete sich an seiner Schürze die Hände ab, bevor er nach alter Wirte Sitte seinem Gast die Hand gab.

»Zum Frühstück hatte ich Kalbshirn mit Niere », sagte er, bevor der Gast fragen konnte.

»Das nehmen wir auch, Herr Vájsz«, sagte der Herr mittleren Alters. »Und wie steht's mit dem Bier?«

»Ich habe meine übliche Portion schon getrunken«, sagte der Wirt, blauäugig, blond, breitschultrig, fast wie einer deutschen Gartenlaube entsprungen. »Mir mögen die Herren ärzte sagen, was sie wollen, vormittags kann man nur Bier trinken. Wenn es etwas gibt, das die Lebensgeister belebt, dann ist es frisch gezapftes Bier. Jawohl, meine Herren.«

Und zum Zeichen seiner Zuvorkommenheit zapfte er für den Herrn mittleren Alters eigenhändig in einen Henkelkrug ab und hielt das schäumende Getränk gegen das Licht, bevor er es auf den Tisch stellte.

»Die ›liebe Frau Mama‹ habe ich schon lange nicht mehr gesehen«, sagte er vertraulich. »Ich habe gehört, dass sie einem ihrer Mieter gekündigt hat, dem Vogelhändler von der Innenstadt. Der hat die Papageien fluchen gelehrt. Natürlich konnte sie das nicht dulden.«

Kacskovics war ein bisschen verlegen, er mochte es nicht, wenn die Rede auf seine Häuser und Mieter kam, er wollte sich nicht in diese Angelegenheiten mischen. Irgendwie schämte er sich, Hausbesitzer zu sein. Doch der Wirt fuhr fort:

»Dem Matyi da kann man ruhig zuhören. Aus seinem Käfig kommt nie ein unanständiges Wort. Ja, und dann mag es auch nicht jeder, wenn man ihm in sein Essen hineinplappert. Ksch, Bengel!« Der Wirt winkte mit einer Serviette in Richtung des großen schwarzen Käfigs an der Wand.

»Schurke!« antwortete der Vogel, und das war schon die Produktion.

*

Es war ein Gasthaus von altem Schrot und Korn: die Wand bis auf Kopfhöhe braun getäfelt, und auch die Kleiderhaken waren aus Holz. Schwere, lederbezogene Stühle und Sitzbänke um die Tische, die so groß waren, als wären sie für ganze Familien berechnet. Die Beine des Tisches, an dem der Herr mittleren Alters mit seiner Gesellschaft Platz nahm, waren am Boden befestigt; er stand neben dem Tisch der Wirtsfamilie. Von hier konnte man mit Leichtigkeit beobachten: den mit verschränkten Armen neben seinem Bierfass stehenden Schankburschen, der sicher nicht an seelischer Not litt, so wie sein Schnurrbart gezwirbelt war, sein Haar an den Schläfen nach vorn gebürstet, seine blöndliche Frisur mit Pomade gekämmt, sein buntes Hemd exakt über die Ellenbogen hinaufgerollt, wie es nur mit frisch gebügelter Wäsche möglich ist, und in seinem rechten Arm eine blaue Tätowierung: die Buchstaben L.F., für Ludvig Franz. Er war so, wie man es erwarten durfte, wenn man den Schankburschen der Stadt Wien genannten Bierstube von einer Fotografie her kannte. Vilma, liebenswürdig wie immer, hatte zur Stadt Wien gleich etwas zu bemerken: Sie schlug vor, man solle das Gasthaus von dem oben erwähnten Vájsz übernehmen, falls er der Sache überdrüssig sei. Podolini starrte sie entsetzt an und stockte beim Betasten des frischen Gebäcks, das in einem Körbchen aus Drahtgeflecht auf dem Tisch plaziert worden war. Kaisersemmeln, Wassersemmeln, Kümmelsemmeln, Salzgipfel und Bretzeln - in den Kümmernissen des Lebens jede ein Augenblick der Selbstvergessenheit.

»Also das habe ich meiner Lebtag noch nie gehört, dass eine diplomierte Lehrerin Wirtin sein wollte«, sagte Podolini etwas unkonzentriert, da seine Aufmerksamkeit auch von der sogenannten »Ringelfischdose« gefesselt war, die der Altkellner eben für sie aufmachte.

»Nicht das ist der springende Punkt«, sagte Kacskovics. Er blickte freundlich auf die alten Kellner, die sich nach dem Beispiel ihres Meisters jetzt ebenfalls eifrig um die Gäste bemühten. »Es kann nicht jeder Wirt sein in der Stadt Wien. Herr Vájsz, der jetzige Wirt, war in jungen Jahren Bierbrauergeselle, in der Brauerei des alten Anton Dreher. Er tat, was er zu tun hatte, arbeitete einwandfrei, doch dann kam die Liebe, die auch den Bierbrauergesellen packt. Und mit der Liebe das sehnende Verlangen: Herr Vájsz zum Beispiel fühlte plötzlich, dass er in Budapest ein Wirtshaus eröffnen musste, eines mit dem Bier, das er in Schwechat brauen half. Er meldete sich bei seinem Meister, sagte, er gehe nach Budapest, um das Schwechater Bier auszuschenken. Schwechater Lagerbier, wie man es damals nannte. Zum Hochzeitsgeschenk wünschte er sich, der einzige Budapester Wirt sein zu dürfen, der dieses Bier ausschenkt. Das Schwechater Bier war in Budapest sowieso nicht besonders beliebt, und so willigte der Bierbrauer ein. Seither schenkt Vájsz ein Bier aus, das man sonst in Budapest nicht bekommt. Das Schicksal hat die Treue des Bierbrauergesellen belohnt, Herr Vájsz ist heute ein geachteter Steuerzahler des Stadtviertels (Achtbarkeit wird ja nach wie vor an der sauberen Steuerrechnung gemessen).«

So die Lobrede des Herrn mittleren Alters auf den blaubeschürzten Schankwirt, worauf es nicht mehr unangebracht war, sich beim Altkellner nach dem Kalbshirn mit Niere zu erkundigen.

»Bitte das mir zu überlassen. Bei uns kommt nichts aus der Küche, um dann eventuell vom Gast zurückgewiesen zu werden. Wir wissen schon, dass die Niere nicht hart sein darf, denn in einem gewissen Lebensalter ist sie nicht genießbar. Die ›Frau‹ hat durch das Küchenfenster geschaut, um zu sehen, wer Kalbshirn mit Niere möchte. Bitte nunmehr, die Sache ihr zu überlassen.«

Da der Meister mit dem Schankburschen eine kleine Besprechung abhielt, nutzte der Altkellner die Gelegenheit, um wie zufällig in eine Ecke zu gehen, wo auf dem herausstehenden Sims der Täfelung ein Schoppen für ihn stand. Er nahm einen heimlichen, aber feierlichen Schluck, ließ auch so etwas wie ein Krächzen hören, wie das die alten Weinkenner tun, die ihren Wein nur in kleinen Schlucken trinken, aber auch diesen kleinen Schlucken Ehre antun. Gleichzeitig probierte Herr Vájsz beim Blechtisch des Schankburschen eine Weinsorte und schnalzte dann laut mit der Zunge, als hätte er noch nie besseren Wein getrunken. Ein solches Schnalzen pflegt von zauberhafter Wirkung zu sein; an einem Tisch in der Nähe des Ausschanks, wo die Kenner ihre Plätze haben, fing ein Hersteller von künstlichen Blumen sofort an, sich nach dem Wein zu erkundigen.

»Der beste Riesling, den ich je ausgeschenkt habe«, antwortete Herr Vájsz nebenbei und goss sich den Rest aus dem Glas ehrfürchtig in die Kehle.

Der Hersteller von künstlichen Blumen, dessen Gattin unter dem Namen Frau Emil Lorsi das nahegelegene Geschäft führte, hätte viel dafür gegeben, mit so wohligen Schlucken trinken zu können wie der Wirt. In jeder Gaststube - ganz besonders in der Nähe des Ausschanks - kommen Leute wie E. Lorsi vor, die ihr ganzes Leben lang zu lernen suchen, wie man mit Gusto isst und trinkt. Sie sitzen im Wirtshaus und trinken ihren »Pfiff« oder ihr »Kleines« und reden in alles drein, während sie das Glas immer wieder heben, als wollten sie damit rasch fertig werden. Doch zum Glück kommt ein neues Thema dazwischen, dank dem man den Aufenthalt im Wirtshaus verlängern kann. (Was soll einen schon in der Király-Straße in einem Laden mit künstlichen Blumen erwarten?)

E. Lorsi erwischte gleich das richtige Thema, als er dem Schankwirt von dessen letztjährigem Wein aus Tolcsva zu sprechen begann, von dem er selbst so viel getrunken habe »wie ein Rind«. Herr Vájsz wusste zwar wohl, dass der Blumenhändler als sparsamer Mensch auch letztes Jahr nicht über die Stränge geschlagen hatte, aber er wollte zu dem schmeichelnden Gast nicht unhöflich sein:

»Ja, die Weine dauern nicht ewig.«

»Ihre Weine schon gar nicht, Herr Vájsz.«

Herr Vájsz verfiel ins Grübeln darüber, ob er dem Blumenhändler einen Deziliter Gratiswein (vom neuen Riesling) anbieten sollte, nahm aber aus irgendeinem Grund dann doch Abstand davon.

Jetzt aber (zum Leidwesen des nach Art magerer Katzen auf der Lauer liegenden Blumenhändlers) ertönte vom Fenster, das auf die innere Stube ging, ein kurzes, herrisches Klingeln, die Scheibe wurde rasselnd aufgeschoben, als setzte die Köchin den Punkt auf ihr vollendetes Werk. Der Altkellner ließ sein Glas in der Ecke stehen und wirbelte wie eine ehemalige Ballerina hervor, als hätte er bis dahin den Takt für sich geträllert, wie das die alten Tänzerinnen in der hintersten Reihe tun, um dann auf das Zeichen des Kapellmeisters sogleich einspringen zu können. Der Garçon konnte so wiegend-melodiös auftreten, als hätte er seit seinem Abgang kein einziges Mal pausiert. »Küss die Hand«, sagte er und plazierte seine Serviette auf dem linken Arm, als wäre sie das Tuch aus »Tischlein, deck dich«, das sich auf das Klingelzeichen aus der Küche mit Leckerbissen füllt.

Es gab anständige Portionen in der Stadt Wien, die Arme des Kellners füllten sich tatsächlich mit den »Dreimal Kalbshirn mit Niere«, deren warmer Zwiebel-, Pfeffer- und Paprikaduft, deren Vorbeiziehen und Serviertwerden auch den toten Gast zum Leben erwecken würden, den die alten Budapester Schankwirte traditionsgemäß in die Wand einmauern, damit das »Geschäft« nie ohne Gäste sei.

Herr Kacskovics, wohl nicht unbewandert in der Feierlichkeit solcher Gabelfrühstücke, unter deren Wirkung man eine Weile vielleicht sogar vergisst, dass die Türme von Budapest einmal auch noch zu Mittag läuten werden, wandte sich mit folgender friedfertiger Frage an den Hilfsstuhlrichter:

»Ich würde gern Ihre Meinung über das Kalbshirn mit Niere hören, Herr Lajos, bevor es Ihnen einfallen möchte, das Lob auf Faykis aus Podolin zu singen!« Die Frage war um so angebrachter, als der Krummbeinige seine sehr langen knochigen Finger, seine beweglichen Handgelenke und seine ungeduldig in röhrenengen Jackenärmeln steckenden Arme bereits von den Manipulationen mit der Serviette, die ihm zum Putzen des Bestecks diente, zurückgezogen hatte. Er blickte durch die Zinken der Gabel, allerdings nicht auf Kacskovics, sondern auf Vilma, er schüttelte, wie es sich gehört, den Kopf, als die Messerklinge auf dem weißen Tischtuch schwarze Flecken hinterließ, er suchte in den Ritzen des Tellers ausdauernd nach dem Haar, das sich dort duckt, und die gleichen Verrichtungen führte er auch mit Vilmas Ausrüstung durch, worauf Kacskovics unwillkürlich und leicht melancholisch den Kopf ein wenig wiegte. Podolini nahm die Aufforderung des älteren Herrn leise lächelnd zur Kenntnis und stieß seine Gabel wie ein Ruder schräg in den Saft. Hob sie hoch, führte sie sich in den Mund ein, die Gabel verschwand, kam wieder zum Vorschein, fuhr auf den Kartoffelhügel nieder.

»Die Kartoffeln können Sie versuchen, Fräulein Vilma, die sind mehr oder weniger nach meinem Geschmack zubereitet.« Wie sich im Lauf unserer Erzählung herausstellen wird, redete der Hilfsstuhlrichter nicht aus Arroganz in dieser Weise, sondern weil so etwas das höchste Lob aus seinem Munde war.

Vilma hatte unter anderem das Prinzip, in bestimmten Dingen, etwa was die Zubereitung und den Geschmack der Speisen betrifft, das Wort der Männer als heilig stehen zu lassen. (Wer wüsste besser als ein Mann, wie man eine Speise zubereitet?) Lajos Podolini hatte also recht, auch wenn seine Nase, seine Schläfen, sein Schädel von der stark gewürzten Speise allmählich ins Schwitzen gerieten. Nichts zu machen: blutarme Leute erhitzen sich beim Genuss bestimmter Speisen.

»Wenn ich die Wirtin kennte, würde ich sie nach dem Rezept fragen.« Vilma war begeistert, der Herr mittleren Alters auch:

»O, nichts leichter als das, ich bin ganz groß im Sammeln von Rezepten. Das kann ich im voraus schon verraten, dass hier die rote Zwiebel durch ein feines Sieb getrieben wird.«
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2. Kapitel
Vilma wohnte im zweiten Stock des Hotels, der Hilfsstuhlrichter im ersten, der Herr mittleren Alters im Erdgeschoss. Ihre Zimmer lagen ungefähr übereinander; sie hätten ein Loch in die Zimmerdecke bohren, eine Schnur hindurchziehen und einander Zeichen geben können. Besonders in den schlaflosen Nächten. Schlaflosigkeit, das war das Leiden des Herrn in den mittleren Jahren, und er hatte sich zwecks Abhilfe die verschiedensten Methoden ausgedacht. Er hatte einmal eine lange, traumverlorene Nacht im Inselhotel gehabt, und deshalb wohnte er jetzt hier.

Er hieß Kacskovics, vielleicht war er einer von den Kacskovics, die in Pest so viele Häuser besaßen, dass fast in jeder Straße eines stand.

Zum Glück hatte er mit den Häusern gar nichts zu tun. Seine Mutter, »mein Mamachen« (so nannte er die alte gnädige Frau) lebte in vollen Zügen in einem dieser Häuser, mitten in der Stadt, seit zwanzig Jahren ohne ihre Wohnung zu verlassen, nachdem sie sich bei einem Spaziergang in der neu gebauten Innenstadt verirrt hatte und vom Fiakerkutscher angestarrt worden war, als sie ihm einen Straßennamen und eine Hausnummer angab. Es hatte eine Weile gebraucht, bis die alte gnädige Frau wieder zu Hause angelangt war, worauf sie schwor, in diese Stadt, wo man hinterrücks die Straßen neu benannte, neue Häuser baute, neue Geschäfte eröffnete, nie mehr einen Fuß zu setzen.

»Frigyes Podmaniczky mit dem Bart, der ist an allem schuld«, das war der Refrain der alten Witwe, weil der Baron mehr oder weniger der einzige fremde Mann war, den sie kannte. Sie saß also zu Hause und hatte Scherereien mit ihren Hauswarten - zwar alles alterprobte Leute, aber immer wieder mit neuen Vorschlägen hinter der Hausbesitzerin her. Bald wollten sie die Mieten erhöhen (weil die Mieter doch »praktisch umsonst« wohnten), bald kamen sie ihr mit Reparaturplänen. Vor allem die Sache mit den Traufen...

»Wenn noch einmal jemand etwas von den Traufen sagt, stelle ich ihn auf die Straße«, sagte Frau Kacskovics, und damit waren die Vorschläge für längere Zeit suspendiert.

Kacskovics nannte sich glücklich, vom Schicksal mit einer solchen Mutter bedacht zu sein. Ihr zuliebe hatte er in jedem Haus der Familie eine Wohnung, und da wohnte er mitunter auch, bis er sich wegen seiner Schlaflosigkeit an Orte verzog, wo er für sein Leiden Besserung erhoffte. Er besaß einen schrankgroßen Reisekoffer, den man in jedem Budapester Gasthaus kannte, denn Gasthäuser versprachen am ehesten die eine oder andere ruhige Nacht. Er war auf die Rubrik Fremde Gäste spezialisiert, suchte in den Zeitungen immer die Seite, auf der die Rubrik, nach Gasthäusern eingeteilt, figurierte. Stürzte sich mit einer Neugier darauf, wie sich andere auf die Speisekarte stürzen. Wenn ihm ein Männer- oder Frauenname im Register der Fremden gefiel und er annehmen konnte, der Träger des Namens verspreche sich von dem bestimmten Gasthaus ruhigen Schlaf, so zog er ohne viele Umstände ebenfalls dorthin.

Nach jahrelangem Studium der Namensliste hatte er schon erprobte Bekannte, denen er einen Zauber zuschrieb. Einer war Heringer (aus Szabadka), der stets imWeißen Pferd abstieg (Heringer war Pferdehändler) und ringsum Schrecken verbreitete, weil er mit seinem Schnarchen niemanden schlafen ließ. Heringer, der treue Name, holte Kacskovics unverzüglich ins Weiße Pferd; kein Winkel der Welt, aus dem es ihn nicht in die Nähe des Pferdehändlers getrieben hätte.

Das schreckliche Schnarchen war von wunderbarer Wirkung. Wenn Heringer seine Schnarchübungen durchexerzierte, sich im Schlaf wälzte, aufschreckte und fluchte, in dieses Gasthaus, wo man ihn nicht schlafen lasse, komme er nie mehr, war das für Kacskovics ein Schlafmittel, wie er es sich nur träumen konnte. Im Wachzustand sah er Heringer nie, er wollte seine Illusionen über den heldenhaft, geradezu mit übermenschlicher Kraft schnarchenden Mann nicht verlieren. Vom Hörensagen wusste er, dass Heringer ein kleiner schwarzer Herr mit großen Augen, großem Schnurrbart, Doppelkinn und krummer Nase war, der sich tagsüber bei jedem Angestellten des Gasthauses für sein Schnarchen entschuldigte. Und sich dann hinterrücks in sein Zimmer stahl, so dass man ihm zu seiner somniferen Wirkung gar nicht gratulieren konnte.

Radics (aus Várpalota), Weinhändler, stocktaub, gehörte ebenfalls zur einschläfernden Kategorie. Er hörte seine eigene Stimme nicht und brüllte nachts aus voller Kehle, weil er nach dem üppigen Nachtmahl von Feuer, Stieren und Strolchen träumte. Er warf seine Stiefel gegen die Tür, riss das Fenster auf, sprang in den Schrank hinein, versteckte sich unter dem Bett, stöhnte und schrie. Radics, der Transdanubier, wohnte gewöhnlich in einem Hotel in Buda, wo bald auch Kacskovics nicht fehlte. Wenn man schon nicht schlafen konnte, hätte man wenigstens einen Grund dafür. Aber eben: Radics rang im Traum mit den Bösewichten des Bakony, Kacskovics schlief.

Dann der mehrfach gescheiterte Abgeordeneten-Kandidat, immer rechtzeitig in Pest im Hotel Pannonia präsent, wenn irgendwo ein Bezirk freigeworden war. Der Kandidat sagte im Traum die Reden auf, die er an Minister und Wähler zu richten gedachte, Kacskovics schlief.

*

Und so hatte der Herr mittleren Alters, schlaflos in die Liste der Fremden Gäste vergraben, sogleich die Namen der neuen Gäste im Inselhotel entdeckt. Leute aus Podolin, noch nie etwas mit solchen zu tun gehabt. Kannten vielleicht einen Zauber, der den Schlaf auf die Lider beschwor.

... Doch es war eine schlaflose Nacht. Nur hie und da, für ein paar Sekunden, meinte Kacskovics Pater Ferenc brummen zu hören, jetzt allerdings ein anderes Lied, denn die Priester haben so ihre Weisen. Er sang: »Geh' ich an der Kirch' vorbei, ach wie tönt das Lied so schön...« Immer aber war der Pater im Weggehen und nicht im Kommen, was dem Schlaf das Sich-Festsetzen sehr erschwerte.

Nichts geschah in der Nacht, kein zerstreuter Gast machte eine falsche Zimmertür auf, was den Schlaf immerhin gefördert hätte. Kein Ehepaar besprach die Familienangelegenheiten in den Stunden nach Mitternacht, nichts führte dazu, dass die Nachtgeschirre flogen. (Keine Frau Kristófi, die wackere Dame aus der Provinz, die im Hotel Jagdhorn ausdauernd nach dem Zimmermädchen zu klingeln pflegte. »Jetzt bringen Sie mir doch endlich ein Traumbuch, mein Mann hat wieder was ganz Seltsames geträumt.« Und sie verprügelte den Mann, wenn sie aus dem Traumbuch etwas Verdächtiges herausgelesen hatte. Ausgezeichneter Schlaf.) Der abnehmende Mond sah bei seiner Fahrt über der Donau immer jenseitiger aus, der Herr mittleren Alters lauerte starr auf die nächtlichen Geräusche, aber niemand knallte seine Stiefel gegen die Tür. Schlaflose Nacht.

Kacskovics kam sich geprellt vor, als er gegen Morgen sah, dass dichter, feiner Schnee gefallen war, der die gestrigen Fußspuren zugedeckt hatte. »Wenn ich das gewusst hätte, dass es draußen schneit.« Doch der Schnee war lautlos gefallen, und jetzt nützte er nichts mehr.

»Wir gehen nach Pest«, sagte der Hilfsstuhlrichter. Er hatte alle Kleider an, die seines Erachtens für einen Besuch in der Stadt nötig waren. Er trug hohe Stiefel, trank Schnaps, kaute Brot mit Salz und Paprika und warf in seinem hüftlangen Jagdmantel entschlossene Blicke in die Runde. Ging im Speisesaal auf und ab wie an einer Bahnstation.

»Wohin wollen Sie?« fragte Kacskovics.

»Zum Ministerium.« Podolini hatte bereits gelernt, dass Herumlungerer seiner Art immer gerade ins Ministerium unterwegs sind. (Leute aus der Provinz sind in Budapest meistens auf Ministeriumsbesuch.)

Dann erschien auch Vilma, und zwar ernstlich für einen Besuch gekleidet, in einem schwarzen Kleid, ihrem besten Stück, ganz offensichtlich.

»Geht auch Fräulein Vilma in die Stadt?«

Die Lehrerin war so gutgelaunt wie gestern; die hatte gewiss nichts Schlechtes geträumt. Sie holte ein Notizbüchlein mit rotem Deckel hervor: Der Kalender des Lehrers (in Goldbuchstaben).

»Sogar drei Verwandte habe ich in Budapest, hier, da sind ihre Adressen notiert. Vielleicht fällt wenigstens einem von ihnen etwas ein, wozu er mir raten könnte. Geld will ich keins von ihnen, und mit Ratschlägen sind die Verwandten gar nicht geizig, wenn sie einen damit vom Hals haben können.«

»Ich gehe nicht zu meinen Verwandten, ich will sie nicht erschrecken.« Irgendwie war Podolini mürrisch. »Verwandte sind nur so lange gut, wie man aus der Distanz über sie klatschen kann.«

Es stellte sich dann anhand des Notizbüchleins heraus, dass die Verwandten von Vilma, eine gewisse Familie Klébák, in der Nähe der Kirche des Terézstadt-Quartiers wohnten, und der ältere Herr rief, auch er habe in der Gegend zu tun. So konnte er doch wenigstens das Fräulein instruieren, wie man dorthin gelangte, falls sie später wieder einmal zu den Klébáks fuhr. Der Hilfsstuhlrichter sagte nichts mehr von seinem Ministerium, sondern schloss sich schweigend an, nachdem er seine Stiefel mehrmals betrachtet hatte, als wäre er nicht ganz sicher, ob diese Tracht auch für die Umgebung der Terézstadt-Kirche die passende sei...

*

Sie fuhren mit der Pferdebahn über die verschneite Insel.

Das Pferd lief allein (es hätte sowieso nicht aus dem Geleise treten können), der Fahrer verkaufte Fahrkarten und erzählte, wie die Bahn bei stärkerem Schneefall den Betrieb einstelle und wie man dann auf der Insel mit Schlitten verkehre. Der Schlitten aber fahre nur einmal pro Stunde vom unteren Insel-Ende zum oberen, man müsse sich rechtzeitig vor Abfahrt einfinden, sonst könne man eine ganze Stunde warten.

»Wird auch der Schlitten von einem Pferd gezogen?« Podolini war ganz erstaunt und schon bei besserer Laune, nachdem der bedrückende Ministeriumsbesuch nicht mehr in Aussicht stand.

»Der Schlitten wird von zwei Pferden gezogen, und wir hängen den Pferden Schellen um den Hals, damit wir uns im Dunkeln nicht verfahren«, sagte der redselige, rotschnurrbärtige Kutscher, der nur hin und wieder aus dem rumpelnden, mit seinen Glasscheiben schepperndern Fuhrwerk zu dem selbständigen Pferdchen hinausrief:

»He, Csillag.«

Und das Pferd setzte sich wieder in Trab.

Am unteren Insel-Ende verlor sich die Schienenspur, die Pferdebahn kam zum Stillstand, der Kutscher spannte das Pferd aus und am anderen Ende des Wagens wieder ein: ein fast schmerzlicher Augenblick; irgendwie wäre das der Wagen gewesen für die Fahrt um die Welt.

Dem Herrn mittleren Alters war der Hang seiner Reisegefährten zu dem Pferdegespann nicht entgangen, und er versprach weitere Pferdewagen-Fahrten zu späterer Stunde.

»Ich bin noch nie Omnibus gefahren«, sagte Vilma, »aber ich habe schon viel darüber gelesen.«

... Als sie aber von der Insel weggegangen waren, nahmen sie die elektrische Straßenbahn - allerdings nur im Sinn eines übergangs. Vilma meinte, sie sollten fragen, wo man auf den Omnibus nach der Király-Straße umstieg. Der leutselige, aus der Provinz stammende Schaffner war entzückt, mit seiner genauen Kenntnis der Großstadt angeben zu können.

Zuerst, so verkündete er nicht ohne Herablassung, komme die nach dem Lustspielhaus benannte Haltestelle. Einige Damen in kurzen Kleidern sprangen in der Tat von ihren Sitzen auf, nachdem sie einen prüfenden Blick auf ihre Schuhe geworfen hatten. »Die Mädels kommen das Tanzbein schwingen«, sagte der Schaffner. Herr Kacskovics bot ihm, ländlichem Brauch gemäß, eine braune Regalitas aus seinem Zigarrenetui an. (Es hatte vielleicht etwas mit seiner Schlaflosigkeit zu tun, dass Kacskovics überall gut Wetter machen wollte.) Am Berlinerplatz sagte der Schaffner: »Hier steigen die Leute vom Land zu, die mit der Westbahn gekommen sind. Bei ihnen muss man aufpassen. Der Mann vom Land löst nicht gern Fahrkarten.«

An der Podmaniczky-Straße wies der Schaffner auf die Tatsache hin, dass hier die Fahrgäste ausstiegen, die auf den Gerichten zu tun hatten. »Vielleicht kommen nicht alle zurück - um dann mit einem alten Fahrschein wieder durch die ganze Stadt zu gondeln.« Bei der Andrássy-Allee durfte der Schaffner die Untergrundbahn der geschätzten Aufmerksamkeit vertraulich empfehlen. »Ich persönlich fahre an freien Tagen durchaus gern mit der Untergrundbahn.« Man war jetzt fast schon bei der Király-Straße, auf Herrn Kacskovics' Aufforderung hin begann man sich zu rühren. Der Hilfsstuhlrichter schien vom Vortrag des Schaffners sehr amüsiert. Am Schluss sagte der Schaffner: »Zufällig bin auch ich aus der Szepesség, ich war einmal ›Staatsbeamter‹ und hatte zwischen Felka und Podolin eine Freikarte.«

»Locsárek, der Finanzämtler«, rief der Hilfsstuhlrichter, nach einem gründlicheren Blick auf seinen neuen Freund. Da war die Straßenbahn schon abgefahren. Nur noch ein Oberländer Gruß...

Die berühmte Ecke zur Király-Straße, die Haltestelle des Omnibusses auf seiner mühevollen Reise von Buda nach Pest.

Der mächtige gelbe Wagen kam mit riesigen Rädern über den verkehrsreichen Platz gefahren, der Kutscher trieb die Pferde unbeirrt an, alle anderen Fahrzeuge taten besser daran, sich zu verziehen. Ziemlich muskulöse Pferde vor dem Wagen; sie verlangsamten bei der Haltestelle von selber den Schritt. Vilma, Kacskovics und Podolini nahmen auf den Ledersitzen Platz, die zwar zerschlissen und abgewetzt waren, doch immerhin Zeugen einer Zeit, da es noch üblich war, für die Bequemlichkeit der Fahrgäste zu sorgen. Im Omnibus saßen vor allem ältere Männer und Frauen, die aus einem unerfindlichen Grund von Buda nach Pest gekommen waren und sich ausgerechnet hatten, dass die Fahrt auf diese Art am billigsten war. Halsbrecherisch ließ der Fahrer seine Pferde geradewegs auf die Mitte der verkehrsreichen schmalen Straße los; es war fast ein wenig erschreckend. Massen von Wagen in dieser engen Straße, alle Wagenarten, die auf Stadtgebiet zu finden sind. Transportwagen, hin und her fahrend, als suchten sie nach den Lagern, um ihre Ladung loszuwerden. Handwagen, vor jedem Geschäft eines, und pausenlos waren Leute dabei, sie zu beladen, als wollte die ganze Straße in einem einzigen Tag umziehen. Postwagen, denen Pakete entströmten, als schickte die ganze Welt ihre Waren hierher. In den Höfen, hinter offenen Toren, Türme von Zitronen-, Orangen- und Feigenkisten. Eine Ladentür neben der anderen, kein Angebot gleich wie das andere, nur die Ladenbesitzer waren gleich: in ihren weichen Schirmmützen hier zur Welt gekommen, hier alt geworden. Durch diese wirre, außer sich geratene Straße fuhr der Omnibus, als wären da keine Menschen, die kreuz und quer über die Fahrbahn liefen, von einer Seite zur anderen hinüberredeten, Lasten schleppten, sich an den Wagen zu schaffen machten, Kinder an der Hand führten, Schaufenster betrachteten, sich benahmen, als wäre es der letzte Tag, an dem sie in der Király-Straße sein konnten. Jetzt aber, nach rumpelnder, rasselnder Fahrt, nach Anblick der Sehenswürdigkeiten in Kleidergeschäften, Heringhandlungen, Spezereiläden, Leinenlagern und Innenhöfen, diesen Höfen, über die sich die Gänge, die Eisengeländer und die Fenster gleichsam krümmten, als wären auf den Stockwerken keine Menschen, denen gedient werden muss, als hätten alle ihren Platz auf der Straße, im Geschäft, im Lager, jetzt, nach der Fahrt durch die Király-Straße, kam der Omnibus bei der Terézstadt-Kirche zum Stillstand, und zusammen mit den anderen Fahrgästen stiegen auch unsere Bekannten aus, fast schon etwas ermüdet von den Eindrücken dieser kurzen Reise durch Pest.

»Ich glaube, wir sollten uns irgendwo ausruhen, bevor wir weiterfahren«, schlug der Herr mittleren Alters vor. »Ich kenne hier in der Nähe eine Bierstube, wo es das beste Gabelfrühstück seit Menschengedenken gibt.«

Lajos Podolini warf Vilma einen fragenden Blick zu, und zu seinem größten Erstaunen widersprach sie nicht. (Sie sagte später, der Zeitpunkt für eine Visite habe ihr zu früh geschienen; man sollte sich ja in jeder Lebenslage an die Anstandsregeln halten. »Nie könnte ich nach Podolin zurückkehren, wenn Tante Minka den dortigen schriebe, ich hätte mich in Pest schlecht aufgeführt.«)

*

Im übrigen wurden die drei von niemandem beachtet, außer von den schrecklichen Bettlern, die hier um die Terézstadt-Kirche versammelt waren, auf Schiebewagen, mit Schemeln, mit dreibeinigen Stühlen aus der ganzen Stadt und aus der Umgebung hier zusammengeströmt. Eine Bettlerausstellung, als hätten sich rings um die freistehende Kirche die erbarmungswürdigsten Menschen von Budapest gefunden. Es musste seine Bewandtnis haben, dass es hier um diese Kirche die meisten Bettler gab, furchtbare Sammlung aus dem Elend der Stadt. Brennende Blicke fielen über Vilma her, sie schaute entsetzt in die Runde. »Grauenhaft, wenn man bedenkt, dass diese Leute einmal jung gewesen sind.« Sie verteilte kleine Summen unter die Bettler, was denen aber keinen Eindruck machte.

»Verwöhnt sind die«, sagte der Herr mittleren Alters, »die Bettler von Terézstadt sind die frechsten der Welt. Sie meinen, das Almosen stehe ihnen zu, denn in diesem Stadtteil ist man zur Wohltätigkeit verpflichtet. Hier gibt es so viele Wohltätigkeitsvereine, als hätten die Menschen keine andere Beschäftigung als das Verteilen von Gaben. Und dann wohnen in dieser Gegend die Schauspielerinnen, Tänzerinnen und die Damen der Vergnügungsstätten, die abergläubisch sind: Sie glauben an die Verwünschungen oder Segenssprüche der Bettler. Es gibt hier eine grässliche, schlecht und recht zusammengeflickte alte Frau, reglos in einem Rollstuhl. Wenn die jemanden verflucht, endet die Sache meistens nicht so gut. In der Oper, hier in der Nähe, singt die Primadonna falsch, im Liebesglück gibt es Kummer. Wer stellt sich schon gern schlecht mit einer solchen Hexe?«

»Zum Glück bin ich keine Sängerin«, sagte Vilma schließlich, nachdem sie mit angehaltenem Atem am letzten Bettler vorbeigegangen war, der sich eben auf die Straße hinausschleppte, um auch von den Vorüberfahrenden das Ihre zu fordern. »Frankli!« winkte ihm der schnurrbärtige Polizist von der Kirche her zu, wo er, weißbehandschuht, in gebügelter Uniform, würdevoll stand.

Sie machten in der Király-Straße ein paar Schritte; in den Schaufenstern des Schuhgeschäfts glänzten die Lackschuhe, die Hut- und Korsettmacherinnen standen in häuslich weißer Mantelschürze, aber mit Frisuren, die von berufener Hand geschaffen waren, auf den Schwellen ihrer Geschäfte und schienen bester Laune, obwohl drinnen kein Kunde zu sehen war. »Um die braucht man keine Angst zu haben, in dieser Straße wird alles verkauft«, sagte Kacskovics, während er seine Gäste in einen offenen Tordurchgang steuerte, in einen mit gewölbtem Boden, weil darunter ein Keller war. Wie in jedem Hof der Király-Straße wurden auch hier Kisten aufgestemmt oder zugenagelt, es roch nach Holzspänen und Harz, und dann auch nach etwas anderem, das die Sachverständigen als Wirtshausgeruch identifizieren. Da musste doch irgendwo ein Wirtshaus sein, denn nur das Wirtshaus-Ragout wird so spielend mit allen anderen Gerüchen fertig. Kistenweise stehen Sardinen, Datteln und Feigen herum, und doch: um den Mittag ist Pörköltgeruch der Herr der Höfe, in denen es ein Wirtshaus gibt.

Eine abgegriffene, mit der Zeit schon zittrig gewordene Glastür ging auf den Hof.

»Der Eingang für die Stammgäste«, sagte Kacskovics und dirigierte die Gesellschaft ins Innere der Bierstube.

Dass durch diese Tür nur trat, wer ein Wegrecht hatte, war gleich klar: der blaubeschürzte Wirt und seine Burschen, alte, abgewetzte Kellner, blickten freundlich zur Hoftür, obwohl Freundlichkeit nicht zu ihrem Naturell gehörte. Nein, sie heiterten sich überhaupt nicht auf, wenn in der Vordertür ein fremdes Gesicht auftauchte, das da noch nie eingedrungen war. Herr Kacskovics aber war hier offensichtlich bekannt. Der Wirt trocknete sich an seiner Schürze die Hände ab, bevor er nach alter Wirte Sitte seinem Gast die Hand gab.

»Zum Frühstück hatte ich Kalbshirn mit Niere », sagte er, bevor der Gast fragen konnte.

»Das nehmen wir auch, Herr Vájsz«, sagte der Herr mittleren Alters. »Und wie steht's mit dem Bier?«

»Ich habe meine übliche Portion schon getrunken«, sagte der Wirt, blauäugig, blond, breitschultrig, fast wie einer deutschen Gartenlaube entsprungen. »Mir mögen die Herren ärzte sagen, was sie wollen, vormittags kann man nur Bier trinken. Wenn es etwas gibt, das die Lebensgeister belebt, dann ist es frisch gezapftes Bier. Jawohl, meine Herren.«

Und zum Zeichen seiner Zuvorkommenheit zapfte er für den Herrn mittleren Alters eigenhändig in einen Henkelkrug ab und hielt das schäumende Getränk gegen das Licht, bevor er es auf den Tisch stellte.

»Die ›liebe Frau Mama‹ habe ich schon lange nicht mehr gesehen«, sagte er vertraulich. »Ich habe gehört, dass sie einem ihrer Mieter gekündigt hat, dem Vogelhändler von der Innenstadt. Der hat die Papageien fluchen gelehrt. Natürlich konnte sie das nicht dulden.«

Kacskovics war ein bisschen verlegen, er mochte es nicht, wenn die Rede auf seine Häuser und Mieter kam, er wollte sich nicht in diese Angelegenheiten mischen. Irgendwie schämte er sich, Hausbesitzer zu sein. Doch der Wirt fuhr fort:

»Dem Matyi da kann man ruhig zuhören. Aus seinem Käfig kommt nie ein unanständiges Wort. Ja, und dann mag es auch nicht jeder, wenn man ihm in sein Essen hineinplappert. Ksch, Bengel!« Der Wirt winkte mit einer Serviette in Richtung des großen schwarzen Käfigs an der Wand.

»Schurke!« antwortete der Vogel, und das war schon die Produktion.

*

Es war ein Gasthaus von altem Schrot und Korn: die Wand bis auf Kopfhöhe braun getäfelt, und auch die Kleiderhaken waren aus Holz. Schwere, lederbezogene Stühle und Sitzbänke um die Tische, die so groß waren, als wären sie für ganze Familien berechnet. Die Beine des Tisches, an dem der Herr mittleren Alters mit seiner Gesellschaft Platz nahm, waren am Boden befestigt; er stand neben dem Tisch der Wirtsfamilie. Von hier konnte man mit Leichtigkeit beobachten: den mit verschränkten Armen neben seinem Bierfass stehenden Schankburschen, der sicher nicht an seelischer Not litt, so wie sein Schnurrbart gezwirbelt war, sein Haar an den Schläfen nach vorn gebürstet, seine blöndliche Frisur mit Pomade gekämmt, sein buntes Hemd exakt über die Ellenbogen hinaufgerollt, wie es nur mit frisch gebügelter Wäsche möglich ist, und in seinem rechten Arm eine blaue Tätowierung: die Buchstaben L.F., für Ludvig Franz. Er war so, wie man es erwarten durfte, wenn man den Schankburschen der Stadt Wien genannten Bierstube von einer Fotografie her kannte. Vilma, liebenswürdig wie immer, hatte zur Stadt Wien gleich etwas zu bemerken: Sie schlug vor, man solle das Gasthaus von dem oben erwähnten Vájsz übernehmen, falls er der Sache überdrüssig sei. Podolini starrte sie entsetzt an und stockte beim Betasten des frischen Gebäcks, das in einem Körbchen aus Drahtgeflecht auf dem Tisch plaziert worden war. Kaisersemmeln, Wassersemmeln, Kümmelsemmeln, Salzgipfel und Bretzeln - in den Kümmernissen des Lebens jede ein Augenblick der Selbstvergessenheit.

»Also das habe ich meiner Lebtag noch nie gehört, dass eine diplomierte Lehrerin Wirtin sein wollte«, sagte Podolini etwas unkonzentriert, da seine Aufmerksamkeit auch von der sogenannten »Ringelfischdose« gefesselt war, die der Altkellner eben für sie aufmachte.

»Nicht das ist der springende Punkt«, sagte Kacskovics. Er blickte freundlich auf die alten Kellner, die sich nach dem Beispiel ihres Meisters jetzt ebenfalls eifrig um die Gäste bemühten. »Es kann nicht jeder Wirt sein in der Stadt Wien. Herr Vájsz, der jetzige Wirt, war in jungen Jahren Bierbrauergeselle, in der Brauerei des alten Anton Dreher. Er tat, was er zu tun hatte, arbeitete einwandfrei, doch dann kam die Liebe, die auch den Bierbrauergesellen packt. Und mit der Liebe das sehnende Verlangen: Herr Vájsz zum Beispiel fühlte plötzlich, dass er in Budapest ein Wirtshaus eröffnen musste, eines mit dem Bier, das er in Schwechat brauen half. Er meldete sich bei seinem Meister, sagte, er gehe nach Budapest, um das Schwechater Bier auszuschenken. Schwechater Lagerbier, wie man es damals nannte. Zum Hochzeitsgeschenk wünschte er sich, der einzige Budapester Wirt sein zu dürfen, der dieses Bier ausschenkt. Das Schwechater Bier war in Budapest sowieso nicht besonders beliebt, und so willigte der Bierbrauer ein. Seither schenkt Vájsz ein Bier aus, das man sonst in Budapest nicht bekommt. Das Schicksal hat die Treue des Bierbrauergesellen belohnt, Herr Vájsz ist heute ein geachteter Steuerzahler des Stadtviertels (Achtbarkeit wird ja nach wie vor an der sauberen Steuerrechnung gemessen).«

So die Lobrede des Herrn mittleren Alters auf den blaubeschürzten Schankwirt, worauf es nicht mehr unangebracht war, sich beim Altkellner nach dem Kalbshirn mit Niere zu erkundigen.

»Bitte das mir zu überlassen. Bei uns kommt nichts aus der Küche, um dann eventuell vom Gast zurückgewiesen zu werden. Wir wissen schon, dass die Niere nicht hart sein darf, denn in einem gewissen Lebensalter ist sie nicht genießbar. Die ›Frau‹ hat durch das Küchenfenster geschaut, um zu sehen, wer Kalbshirn mit Niere möchte. Bitte nunmehr, die Sache ihr zu überlassen.«

Da der Meister mit dem Schankburschen eine kleine Besprechung abhielt, nutzte der Altkellner die Gelegenheit, um wie zufällig in eine Ecke zu gehen, wo auf dem herausstehenden Sims der Täfelung ein Schoppen für ihn stand. Er nahm einen heimlichen, aber feierlichen Schluck, ließ auch so etwas wie ein Krächzen hören, wie das die alten Weinkenner tun, die ihren Wein nur in kleinen Schlucken trinken, aber auch diesen kleinen Schlucken Ehre antun. Gleichzeitig probierte Herr Vájsz beim Blechtisch des Schankburschen eine Weinsorte und schnalzte dann laut mit der Zunge, als hätte er noch nie besseren Wein getrunken. Ein solches Schnalzen pflegt von zauberhafter Wirkung zu sein; an einem Tisch in der Nähe des Ausschanks, wo die Kenner ihre Plätze haben, fing ein Hersteller von künstlichen Blumen sofort an, sich nach dem Wein zu erkundigen.

»Der beste Riesling, den ich je ausgeschenkt habe«, antwortete Herr Vájsz nebenbei und goss sich den Rest aus dem Glas ehrfürchtig in die Kehle.

Der Hersteller von künstlichen Blumen, dessen Gattin unter dem Namen Frau Emil Lorsi das nahegelegene Geschäft führte, hätte viel dafür gegeben, mit so wohligen Schlucken trinken zu können wie der Wirt. In jeder Gaststube - ganz besonders in der Nähe des Ausschanks - kommen Leute wie E. Lorsi vor, die ihr ganzes Leben lang zu lernen suchen, wie man mit Gusto isst und trinkt. Sie sitzen im Wirtshaus und trinken ihren »Pfiff« oder ihr »Kleines« und reden in alles drein, während sie das Glas immer wieder heben, als wollten sie damit rasch fertig werden. Doch zum Glück kommt ein neues Thema dazwischen, dank dem man den Aufenthalt im Wirtshaus verlängern kann. (Was soll einen schon in der Király-Straße in einem Laden mit künstlichen Blumen erwarten?)

E. Lorsi erwischte gleich das richtige Thema, als er dem Schankwirt von dessen letztjährigem Wein aus Tolcsva zu sprechen begann, von dem er selbst so viel getrunken habe »wie ein Rind«. Herr Vájsz wusste zwar wohl, dass der Blumenhändler als sparsamer Mensch auch letztes Jahr nicht über die Stränge geschlagen hatte, aber er wollte zu dem schmeichelnden Gast nicht unhöflich sein:

»Ja, die Weine dauern nicht ewig.«

»Ihre Weine schon gar nicht, Herr Vájsz.«

Herr Vájsz verfiel ins Grübeln darüber, ob er dem Blumenhändler einen Deziliter Gratiswein (vom neuen Riesling) anbieten sollte, nahm aber aus irgendeinem Grund dann doch Abstand davon.

Jetzt aber (zum Leidwesen des nach Art magerer Katzen auf der Lauer liegenden Blumenhändlers) ertönte vom Fenster, das auf die innere Stube ging, ein kurzes, herrisches Klingeln, die Scheibe wurde rasselnd aufgeschoben, als setzte die Köchin den Punkt auf ihr vollendetes Werk. Der Altkellner ließ sein Glas in der Ecke stehen und wirbelte wie eine ehemalige Ballerina hervor, als hätte er bis dahin den Takt für sich geträllert, wie das die alten Tänzerinnen in der hintersten Reihe tun, um dann auf das Zeichen des Kapellmeisters sogleich einspringen zu können. Der Garçon konnte so wiegend-melodiös auftreten, als hätte er seit seinem Abgang kein einziges Mal pausiert. »Küss die Hand«, sagte er und plazierte seine Serviette auf dem linken Arm, als wäre sie das Tuch aus »Tischlein, deck dich«, das sich auf das Klingelzeichen aus der Küche mit Leckerbissen füllt.

Es gab anständige Portionen in der Stadt Wien, die Arme des Kellners füllten sich tatsächlich mit den »Dreimal Kalbshirn mit Niere«, deren warmer Zwiebel-, Pfeffer- und Paprikaduft, deren Vorbeiziehen und Serviertwerden auch den toten Gast zum Leben erwecken würden, den die alten Budapester Schankwirte traditionsgemäß in die Wand einmauern, damit das »Geschäft« nie ohne Gäste sei.

Herr Kacskovics, wohl nicht unbewandert in der Feierlichkeit solcher Gabelfrühstücke, unter deren Wirkung man eine Weile vielleicht sogar vergisst, dass die Türme von Budapest einmal auch noch zu Mittag läuten werden, wandte sich mit folgender friedfertiger Frage an den Hilfsstuhlrichter:

»Ich würde gern Ihre Meinung über das Kalbshirn mit Niere hören, Herr Lajos, bevor es Ihnen einfallen möchte, das Lob auf Faykis aus Podolin zu singen!« Die Frage war um so angebrachter, als der Krummbeinige seine sehr langen knochigen Finger, seine beweglichen Handgelenke und seine ungeduldig in röhrenengen Jackenärmeln steckenden Arme bereits von den Manipulationen mit der Serviette, die ihm zum Putzen des Bestecks diente, zurückgezogen hatte. Er blickte durch die Zinken der Gabel, allerdings nicht auf Kacskovics, sondern auf Vilma, er schüttelte, wie es sich gehört, den Kopf, als die Messerklinge auf dem weißen Tischtuch schwarze Flecken hinterließ, er suchte in den Ritzen des Tellers ausdauernd nach dem Haar, das sich dort duckt, und die gleichen Verrichtungen führte er auch mit Vilmas Ausrüstung durch, worauf Kacskovics unwillkürlich und leicht melancholisch den Kopf ein wenig wiegte. Podolini nahm die Aufforderung des älteren Herrn leise lächelnd zur Kenntnis und stieß seine Gabel wie ein Ruder schräg in den Saft. Hob sie hoch, führte sie sich in den Mund ein, die Gabel verschwand, kam wieder zum Vorschein, fuhr auf den Kartoffelhügel nieder.

»Die Kartoffeln können Sie versuchen, Fräulein Vilma, die sind mehr oder weniger nach meinem Geschmack zubereitet.« Wie sich im Lauf unserer Erzählung herausstellen wird, redete der Hilfsstuhlrichter nicht aus Arroganz in dieser Weise, sondern weil so etwas das höchste Lob aus seinem Munde war.

Vilma hatte unter anderem das Prinzip, in bestimmten Dingen, etwa was die Zubereitung und den Geschmack der Speisen betrifft, das Wort der Männer als heilig stehen zu lassen. (Wer wüsste besser als ein Mann, wie man eine Speise zubereitet?) Lajos Podolini hatte also recht, auch wenn seine Nase, seine Schläfen, sein Schädel von der stark gewürzten Speise allmählich ins Schwitzen gerieten. Nichts zu machen: blutarme Leute erhitzen sich beim Genuss bestimmter Speisen.

»Wenn ich die Wirtin kennte, würde ich sie nach dem Rezept fragen.« Vilma war begeistert, der Herr mittleren Alters auch:

»O, nichts leichter als das, ich bin ganz groß im Sammeln von Rezepten. Das kann ich im voraus schon verraten, dass hier die rote Zwiebel durch ein feines Sieb getrieben wird.«

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