Teufelsbrück
(Leseprobe aus: Teufelsbrück, Roman,
2000, Klett-Cotta/2001,
Büchergilde Gutenberg)
Im EEZ, unmittelbar vor dem Zusammenstoß mit einem fremden Paar, muß ich in merkwürdiger Stimmung gewesen sein. Momentan keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist. Ich hatte auf meine Uhr gesehen. Genau sechs! Und dann auf eine männliche Schaufensterpuppe, die einen dreifarbigen Slip trug. Das lebensecht gewölbte Mittelstück grün, die gelben Seitenteile durch rote Abnäher fröhlich separiert, und mir war so traurig zumute. Ich wußte nicht, warum.
»Mein Vöglein mit dem Ringlein rot
singt Leide, Leide, Leide,
es singt dem Täublein seinen Tod
singt Leide, Lei -«
ging mir noch durch den Kopf. Da lag ich schon auf den Knien, spürte
einen eindeutigen körperlichen Schmerz und hörte wie von fern:
»Zuküth, ziküth, ziküth.«
»Wie blöd, wie blöd«, wurde gleichzeitig oder in Wirklichkeit ganz in
meiner Nähe geflüstert. Aber der Mann, der umständehalber mit mir auf
dem Boden kniete und mich versehentlich umschlang, hatte es nicht gesagt.
Er lächelte ja, ohne den Mund zu öffnen, ohne die Lider zu heben, was
mich sofort aufreizte. Noch bevor ich feststellen konnte, daß wir in
unseren gegenwärtigen Positionen gleich groß waren , genoß ich den
Eindruck, blitzschnell, ehe er vorüber war, in den Armen eines eleganten
Verbrechers gelandet zu sein. Hatte ich mir das etwa mein Leben lang gewünscht?
Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Klett-Cotta