Mona Liza von Erika Kronabitter, 2007, Limbus VerlagErika Kronabitter

Mona Liza
(Leseprobe aus: Mona Liza, Roman, 2007, Limbus Verlag)

1

Hat dein Kind keinen Namen,
fragt Liza.
Nein, sage ich. Wir haben immer
X. zu ihm gesagt.
Sind Tragödien
bereits zu Beginn eines Lebens
absehbar?

Ich lüge immer. Auch wenn ich nicht lüge, ist es Unwahrheit, ein versteckter Gedanke, Lüge. Nichtgesagtes, in den Augen Unterdrücktes. Um neun werde ich meine Lügen fortsetzen. Liza sagt, dass ich mit meinen Kräften haushalten muss, erklärt mir zum x-ten Mal das mit der Mittellinie. Die Mittellinie, die ich nicht verlassen soll, die man mir bereitet hat, um mich daran festzuhalten. Eigentlich darf sie nicht „verlassen“ sagen, ich bin immer entfernt von der Mitte, aber was weiß schon Liza. Auch Liza würde das nicht verstehen. Dass die Aussagen so falsch verstanden werden. Wir sprechen nicht denselben Code. 

Die Frau möchte den anderen einmal ins Gehirn schauen. Schaltungen, Verschaltungen. Einmal alles ganz richtig verstehen. Empathie, sagt Liza. Mehr noch, sagt die Frau. Einmal alles aus der anderen Warte sehen. Hinter die Gesichtslarve. Um verstehen zu können. Uneingeschränkt. Alles. 

Stelle mir das Denken vor und uns auf die Probe. Wie gelb ist Gelb, wie hörst du Töne. Lautlos fällt die Sonne ins Wasser. Ein kleiner Schnitt zwischen den Sätzen. Ein Leuchten auf der Zungenspitze. Wir stehen uns im Gespräch gegenüber und wissen nicht, was wir verstehen. Weil wir nicht wissen, wie wir uns verstehen.

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