Literarische Spaziergänge in Darmstadt, 1993, Roether, hrsg. von Karlheinz MüllerKarl Krolow

Gedicht für Darmstadt
(Leseprobe aus: Literarische Spaziergänge in Darmstadt, 1993, Roether, hrsg. von Karlheinz Müller).

Hier war die Luft einmal lateinisch.
Über der ungeborenen Stadt
Bewegte der Wind
Seine römische Zunge,
Ehe man unter sie
Die Totenmünze legte.
Ein Jahrtausend verwilderte rasch
Bis auf den Wein, die schwarzen Augen,
Brombeerblicke aus einem andern Land.

Ein Ort
Ist das Gedächtnis seines Himmels,
Der ihn auf der blauen,
Italienischen Karte entwarf.
Ein Ort
Ist die Erinnerung seiner Steine.
Ihre Profile sind sanft geschnitten:
Wie Gesichter spöttisch sanft sind
Um bewegte Lippen.
Sie nennen dich
Bei Deinem Namen.
Hände voller Licht geschüttet
Wie zu einem Bad auf ein Gelände
Zwischen Ried und Hügeln.
Es lebt sich leicht in ihm.

Man weiß: der liberale Mond
Ist hier noch Mond, die Nacht
Noch Nacht, mit Scherzen und Geflüster
Der Geister, die nicht sterben können.
Später errät man sie als Geist,
Der aus den Rosen bricht, im Obst
Von Hängen duftet. In den Parks
Die Statuen winken wieder, wenn man
Ihnen zuwinkt oder nur
Den Hut zieht.
So ist das also: - leben lassen
Und warten können, wenn sich die Netzhaut
Badet, überrieselt von Bildern –
Farbigem Regen, der die Gärten fleckt.
Währenddessen trägt noch jede Fahne
Die gleichen Zeichen auf dem Tuch.
Sie wird mit gleicher Anmut
Geschwenkt: die Stadt ist groß genug.
Man kann in ihren Straßen sagen,
Was man träumt,
Und wird erkannt als einer, der nichts anderes
Als seine Stunde, seine Träume zählt.
Gekleidet von den eigenen Worten,
Lehne ich mich so
An deine heitere Luft.

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