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Frühling auf Fessis
(Leseprobe aus: Vrenelis Gärtli, Roman, 2007, Eichborn)
Das Glarnerland liegt in den Bergen, wie eine Axt
im Scheit bheggt. Der Talboden ist selten breiter als einen Steinwurf oder zwei,
manchmal auch nur ein Schlitz ganz ohne Boden, daneben und dahinter gehen die
Felswände in die Höhe, stotzig, gar überhängend, bis in den Himmel und
weiter. Einen Schlitz nennen die Eingesessenen das Tal daher auch, das
eigentlich nicht eines ist, sondern zwei, oder noch eigentlicher zwar eines, das
sich aber zmittst gabelt, so wie ein tanniges Wettergäbeli sich gabelt. Die
beiden Äste heissen das Grosstal und das Kleintal, dabei sind in Wahrheit
beides munzig kleine Täler und verlotteret dazu, und ständig troolen Trämel
z’Tal und verschlagen die Hüttli, und mit dem Regen schwemmt es Steinigs
durab, danach staut sich das Wasser, der Talboden ist überschwemmt und eine
einzige Günte, das Fieber kommt übers Land, und am End ist das halbe
Glarnerland verräblet. Oder es kommt die Pest, oder die Dürre, ständig kommt
etwas, und die Glarner lernen daraus rein nüüt und machen weiter wie zuvor und
bauen ihr Hüttli auch ein zweites und drittes Mal, aber fädig unter dem
Lauihang oder holzen just an der Stelle, an der es schon den halben Berg z’Tal
geschwemmt hat. Und immer .nden sie einen Nachbarn, der schuld ist an ihrem
Elend, damit sie selbst nicht schuld sind, und besonders, wenn der Nachbar ein
fremder Fötzel ist. Dann heisst es sofort, der sig mit dem Tüüfel im Bund,
und ein Venediger muss den Zauber bannen, oder der fremde Fötzel wird
erschlagen oder verjagt, und danach geht alles weiter wie davor, wahrscheinlich
auf ewig.
Und z’Trotz trieb in einem kalten Maien ein Fremder unverdrossen seine Herde Kühe
vom Flachen her in den Glarner Schlitz hinein, so als warte dem Veh dort
saftiges Futter. Dabei lag noch alles unter Schnee und Pflotsch, und es schneite
und regnete auch am säben Tag, und wo der Fremde entlang ging, kamen die Bauern
an den Weg und pfuttereten, was der Galöri sich denke, ihnen asen früh die Kühe
für den Alpsommer zu bringen, als hätten sie nicht längst alles Heu verfüttert,
und dass an den Hängen heuer nüüt wachse, gsäch er doch selber, sie wären
mit dem eigeten Veh schon genug in der Not. Tatsächlich stägereten rings nur
auf Haut und Bein abgemagerte Kühe über die Weiden, dort scharrten sie z’hürchletsen
den Schnee nach einem faulen Hälmli vom Vorjahr auf. Aber der Fremde, der ein
Spränzel war mit langen Scheichen und durchscheinenden Ohren, schlug stumm den
Kragen hoch und beinlete an den verpfnüsleten Bauern vorbei, und erst als er
Glarus erreichte, stand er kurz still. Denn da kam wieder ein Bauer an den
Wegrand, einer mit einem Rücken wie ein Tenntor, doch statt zu pfutteren,
fragte er, ob der Fremde nicht gschwind well auf ein heisses Kaf. unter Dach
kommen, er heig gewiss den Chlummeri in den Fingern, und seine schönen Tiere
wollten auch ruhen.
Das war der Tschudi vom Tschudihof ob Glarus, der gleich gesehen hatte, welch
buspere Kühe der Fremde vor sich her trieb, mit leichten Grinden und feinen Hörnern
und breitem, appartigem Euter, und chäche Hintere hatten sie und die Ohren hoch
und flammig fast wie Rehe. Und weil der Tschudi ein umsichtiger Bauer war, hatte
er dem langen, zähen Winter zum Trotz noch Heu im Stock und bot dem Fremden
graduus an, er well die Herde kaufen.
Der Fremde meinte jedoch, die könne er nicht verkaufen, mit der müsste er
selber wirtschaften, und auch den Chlummeri heig er wohl, aber sie hätten vor
dem Einnachten noch so viel vor, dass es für ein Kaf. will’s Gott nicht
lange. Und so dankte er nur und trieb seine Herde tiefer ins Gfogg hinein, während
die Bauern zum Tschudi liefen und wissen wollten, was die zwei geschnurret hätten,
und danach werweissten sie, was einer, der hier weder Hof noch Weide hatte, sein
Veh in ein nüüteligs, verfrornigs Tal trieb, aus dem kein Weg führte als der,
den er gekommen war.
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