Sarah hätte später nicht mehr sagen können, wann der Traum zum erstenmal
aufgetaucht war. Ihr schien es schließlich, als habe sie ihr ganzes Leben mit
diesem Traum gelebt, als sei er Teil aller ihrer Tage und Nächte gewesen.
Tatsächlich träumte sie den Traum zum erstenmal in der Nacht zum 3. April
dieses Jahres. Und tatsächlich begleitete er sie nur ein vergleichsweise kurzes
Stück ihres Lebens.
Der Nacht, in der sie den Traum zum erstenmal träumte, war ein ganz gewöhnlicher
Tag vorausgegangen. Sarah hatte nachmittags gearbeitet, wie meist an Sonntagen,
hatte gegessen, getrunken, mit ihrem Kater geschmust, Wäsche gewaschen,
ferngesehen, gebadet. Einige Fotos mussten entwickelt werden, und aus bereits
entwickelten hatte sie eine Auswahl für eine Reportage getroffen. Sie hatte mit
Kollegen über verschiedene Termine gesprochen, die in den nächsten Tagen
anstanden und über eine Reportage nachgedacht, die sie für die kommende
Samstagsausgabe schreiben wollte.
Ein ganz gewöhnlicher Tag.
Sie hatte sich gut gefühlt. Nicht besonders gut, aber ganz gewöhnlich gut.
Kurz vor Mitternacht war sie ins Bett gegangen, hatte noch ein paar Seiten in
einem Krimi gelesen, bis ihre Augenlider schwer wurden, gerade noch geschafft,
das Licht zu löschen und war in ihrer typischen embryonalen Körperhaltung
eingeschlafen.
Der Traum schien unmittelbar danach zu beginnen. Sie öffnete die Augen und sah
durch das Dunkel des Zimmers das etwas hellere Viereck des Fenster schimmern.
Dahinter lag - nahezu unsichtbar - der Garten. Schemenhaft machte Sarah eine
Bewegung in der Finsternis aus, ein leise bewegter Schatten, vielleicht nur ein
Windhauch in den Büschen. Sie schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Die
Gardine war halb beiseite geschoben. Sarah spähte durch die Scheibe in den
dunklen Garten. Die Finsternis war wie eine feste Wand, die kein Blick
durchdringen konnte. Die Nacht war mondlos, der Himmel wolkenverhangen.
Sie öffnete das Fenster, und sofort blies ein kalter Wind ins Zimmer und ließ
sie frösteln. Auf ihrem Nachttisch erlosch flackernd eine Kerze. Sarah konnte
sich nicht erinnern, sie angezündet zu haben.
Sie lehnte sich aus dem Fenster und versuchte angestrengt, der schattenhaften
Bewegung zu folgen, die im hinteren Bereich des Gartens ihren Blick anzog.
Irgendetwas oder irgendjemand war da. Sarah verspürte keine Angst, lediglich
eine emotionslose Erwartung.
Die Bewegung kam näher.
Sie richtete sich auf und wartete ohne Ungeduld. Sie wusste, schon bald würde
sie sehen, wer sich dort im Dunkeln verbarg. Die Konturen des Schattens wurden
deutlicher. Näher und näher schwebte er auf sie zu. Sarah konzentrierte sich
auf die Gestalt, die ihr langsam aus der Nacht entgegenwuchs. Sie war klein.
Schmal. Langes glattes Haar umrahmte ein kleines, rundes Gesicht. Es war ein Mädchen.
Sarah hatte das vage Gefühl, es schon einmal irgendwo gesehen zu haben, konnte
sich aber nicht erinnern.
Sein Körper war mit einem weiten schwarzen Kleid umhüllt, das bis zum Boden
reichte. Sarah konnte seine Füße nicht sehen.
Das Schattenkind öffnete den Mund und schien etwas zu sagen, aber Sarah hörte
keinen Laut. "Was sagst du?" fragte sie, und ihre Stimme klang in
ihren eigenen Ohren fremd und traurig.
Das Mädchen bewegte wieder die Lippen in dem Versuch, sich Sarah mitzuteilen,
doch obwohl die Nacht sehr still war, hörte Sarah nichts. Da lächelte das
Kind, hob eine Hand und winkte leicht, drehte sich um und schwebte zurück ins
Dunkel, scheinbar ohne sich zu bewegen.
Sarahs Erwachen war unangenehm schreckhaft. Sie lag nackt auf ihrem Bett; die
Decke war zu Boden gerutscht, und sie fror entsetzlich. Sie knipste die
Nachttischlampe an und sah auf die Uhr. Kurz vor fünf.
Beide Fensterflügel waren weit geöffnet; die Gardine bewegte sich leicht im
frischen Morgenwind, der das Zimmer bereits vollständig ausgekühlt hatte.
Sarah krabbelte schlaftrunken aus dem Bett, schloss das Fenster und schlüpfte
rasch wieder unter die Decke. Drei Stunden Schlaf standen ihr noch bevor, von
denen sie keine einzige Minute versäumen wollte.
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