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Wie
in schönen Filmen
(Leseprobe aus: Wie in schönen Filmen,
Roman, 2007, Ammann)
Am Weihnachtsabend 2002, der im Land des Königs Bhumipol ein Abend wie jeder
andere war, ließ sich eine Frau namens Helen Herford von einem Astrologen auf
dem Sanam Luang die Zukunft deuten. Sie hockten zu dreien, Helen, ihr Gefährte
und der kurzsichtige Astrologe, ein alter Grundschullehrer mit einer armseligen
Brille, der sich etwas dazuverdiente, auf einem Teppich auf dem großen ovalen
staubigen Platz mit seinen spärlichen Resten zertretenen Rasens. Er fragte nach
dem Geburtstag, dem Geburtsjahr. Er studierte Tabellen, Mond und Sterne und
kritzelte mit einem Kugelschreiber in ein Schulheft von Seven-Eleven.
»As about house«, sagte der fortune-teller, »you will have house. As about
health. You will be healthy. As about love. You will have man.«
Zwei Jahre später, an Heiligabend 2004, rollte Helen ihren Koffer in den
Hausflur und schloß ihre Wohnungstür ab. Sie fuhr zu ihrem Freund nach Berlin,
um mit ihm zwischen den Jahren Urlaub zu machen, und wollte in zwei Wochen
wieder in Köln sein.
Ich habe sie oft so gesehen, wie sie mit einem großen roten Koffer aufbrach,
die Nachbarn kannten diesen Anblick. Sie ging sehr schnell, rollte den Koffer
hinter sich her, ihre unauffällig gut gekleidete zierliche Gestalt, heute in
einem pelzähnlichen Mäntelchen und flauschigen Handschuhen, entfernte sich hüstelnd
zur Stadtbahnstation. Sie war seit zehn Tagen schwer erkältet, hatte Schnupfen
und Husten, eine schlimmere Bronchitis sogar als zur Jahrtausendwende, als Friz
in Prag lebte und sie im Winter dort hinkam. Damals war sie vor ihm in der
Prager Wohnung gewesen, in der sie nicht herausbekam, wie die Heizung anging,
hatte ihre Geschenke für den Friz aus dem Koffer geholt und sich, so gut es
ging, stundenlang unter Wolldecken verkrochen, bis er kam.
Diesmal erwartete Friz sie am Bahnhof Zoo. Als er sie da stehen sah, schnitt ihm
ihr Anblick ins Herz. Sie sah so sehr krank aus, und er war mehrere Minuten zu
spät, weil die U-Bahn unregelmäßig fuhr. Er küßte sie. Sie erzählte ihm
von hartnäckigen Hustenanfällen die ganze Nacht, vom Laken, das klatschnaß
vom Schweiß war. Sie schlug vor, ein Taxi zu seiner Wohnung an der Möckernbrücke
zu nehmen, aber um Geld zu sparen, überredete er sie, weil es doch
genausoschnell ginge, mit der U-Bahn zu fahren.
Sie lag auf dem Sofa seines winzigen Apartments hoch über der Stadt mit dem
Blick auf den Potsdamer Platz und hatte wieder ihre Geschenke für ihn aus dem
Koffer geholt und aufgestellt. Als hinter den anderen Fenstern die Leute ihren
Kindern bescherten, sahen sie sich von einer DVD Schnee auf dem Kilimandscharo
an.
Friz hatte den Schnee auf dem Kilimandscharo aus dem Videodrom geholt. Sie sahen
ihn beide nicht zum ersten Mal. Auf dem Sofa, wie hundertmal schon, saßen sie
dicht beieinander, Helen unter einer Wolldecke.
Gregory Peck liegt auf seinem Feldbett im Camp und fiebert, und die Hyänen
jaulen, und er führt zynische Reden. Er ist überzeugt, daß das Flugzeug aus
Nairobi nicht kommen und er an seiner Beinwunde verrecken wird. Susan Hayward
sitzt voll Kummer dabei und will ihn ermutigen und kann es nicht. Aber vor
Gregory Pecks Augen zieht noch einmal sein Leben vorbei: Blumenmarkt auf der
Place Contrescarpe, Bars in Madrid, Stierkämpfer, billige Hotels, in denen ein
junges Ehepaar wohnt, das auf den literarischen Erfolg Gregory Pecks hofft.
Schnee auf dem Kilimandscharo gilt als schlecht und ist es auch, und Helen und
Friz wußten es. Auch wußten sie, daß Hemingway
den Film abgelehnt hat und daß bei ihm der Schriftsteller und Reisende und
Ehemann an seiner zufälligen Beinwunde verreckt, wogegen im Film für den Harry
Street auf seinem Feldbett das Flugzeug aus Nairobi rechtzeitig kommt.
Aber hier waren die Bilder, die sie liebten. Was sie so gern miteinander sahen,
was sie so gern nebeneinander lasen. Fremde Länder, Hotels, Liebe, Tod und
Krieg.
Die dunkel lockende Welt. Tania Blixen liebt den Abenteurer Finch-Hatton. Dann
ist er plötzlich tot, alles für immer vorbei.
Helen strengte es an, den Film zu sehen, und schlug vor, ihn nächste Woche,
nach ihrer Reise, zu Ende anzuschauen.
»Denn jetzt kriegst du erst einmal Gabeln«, sagte sie. Sie sagte immer Gabeln
für Geschenke, Gaben.
Ihre vielen Geschenke für den Friz, immer mehr, als er für sie hatte ... Wie
meistens Düfte und Duschgels von bekannten Marken. Auf seinen Wunsch Alle Wege
sind offen von Annemarie Schwarzenbach. Hüttenschuhe für ihre Winterreise. Die
Geschenke waren in Weihnachtspapier verpackt. Es strengte sie an, sie aus dem
Koffer zu holen, doch war ihr daran gelegen. Ein Bild auf Holz, auf einem Markt
gefunden, einen Vogel ihrer Ansicht nach oder, wie er meinte, ein Gespenst
darstellend. Vögel und Gespenster liebten beide so. Und es war eine von Helens
größten Freuden, Friz Gabeln mitzubringen.
»Gib mir deine morgen«, sagte sie. Sie sei zu müde.
Ihr war die Tage schon so schwach, daß sie dachte, sie gehe ins Krankenhaus.
Und das wegen einer Erkältung! Friz meinte, sie sollte sich gründlich
untersuchen lassen. Andererseits täte ihr das Hotel in Tallinn vielleicht gut,
die Ruhe, der Komfort ...
»Ich war ja bei meiner Ärztin, sie hat mich doch untersucht. Mit der Lunge
jedenfalls ist nichts!«
Er räumte am Morgen den dreieckigen Küchentisch frei und stellte dort den auf
Holz gemalten Vogel (oder das Gespenst) auf und den Bildband über Lotte Lenya,
den er ihr geschenkt hatte, damit sie Lotte Lenya sei und er ihr glatzköpfiger
Weill, und »Alle Wege sind offen« von Annemarie Schwarzenbach und die Düfte
und das Duschgel von Hugo Boss.
Den Nachmittag über saß sie unter der Wolldecke auf dem Sofa und schaute die
Fotografien von Lotte Lenya an und überlegte wohl, ob sie wegfahren sollten
oder nicht. »Tallinn liegt doch wohl am Meer?« fragte sie. »Dann möchte ich,
wegen der Seeluft, daß wir reisen.«
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