Ciao Vaschek von Friedrich Kröhnke, 2003, Ammann

Friedrich Kröhnke

Ciao Vaschek
(Leseprobe aus: Ciao Vaschek, Roman, 2003, Ammann)

»Mir fahre Möbel!« ruft der schwäbische Studiendirektor durch das heruntergekurbelte Fenster des Lieferwagens. »I bin Lährer in Olomouc, und mir fahre Möbel!«

Es ist ein mährischer Lieferwagen mit Olomoucer Kennzeichen. Am Steuer sitzt ein dicker Kraftfahrer namens Josef Pulda, und auch er beugt sich heraus und erläutert dem frierend aus seinem Hüttchen gekommenen tschechischen Grenzbeamten, daß wir für einen an der Palacky-Universität in Olmütz unterrichtenden Deutschlehrer Mobiliar transportieren.

Das ist gar nicht wahr. Wir bringen meinen ganzen Besitz über die tschechische Grenze, das dürfen wir gar nicht. Und ich lehre keineswegs an der Palacky-Universität in Olomouc.

Die Zeit ist reif gewesen, Deutschland zu verlassen, und ich habe es von langer Hand vorbereitet. Der schwäbische Studiendirektor, ein etwas raubvogelhaft aussehender Mann von Mitte fünfzig, hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Denn er unterrichtet tatsächlich für einige Jahre in Mähren Deutsch, und er hat entsprechende Papiere, Aufenthaltserlaubnis, ein sogenanntes Arbeitsbuch. Auch führen wir, von ihm unterschrieben, einen ganzen Berg Schriftstücke mit, die nach Auskunft der Olmützer Zollbehörde unerläßlich sein sollen: darunter sogenannte Ehrenerklärungen bezüglich Dutzender von Gegenständen, insbesondere technisch-elektronischer Geräte, daß sie Eigentum des schwäbischen Lehrers seien und er sie nicht in der Tschechischen Republik zu veräußern beabsichtige.

Wie Sie nun schon wissen, ist das nicht wahr. Der Discman und die Küchenstühle, der Kühlschrank und Goethe von Andy Warhol, gerahmt, die Ledermäntel und Kissen und Decken, die japanische Kuschelratte, dieser ganze Wust, der sich hinter uns so hoch auftürmt, daß das Zeug fast aus den Luken hinausquillt, sind meine Sachen, sind mein Hausrat, den wir außer Landes schaffen: wir, die drei vorn im Führerhäuschen aneinandergepreßten Männer Josef Pulda, der schwäbische Lehrer und ich.

Wenn ich an einer Raststätte hinten die Tür öffne, um zu schauen, ob die Lampen, Spiegel, Bilderrahmen zerschlagen sind, sieht das alles aus, als wäre es die Habe von Oklahoma-Tagelöhnern! Zwischen allem kullern die Weihnachtsmänner aus Schokolade, die sich Pulda gewünscht hat und mit denen wir ihn bei Laune halten.

Ich ziehe mitten im Winter um. Der Winter ist in den Bergen des Grenzgebiets kalt, reich an Schnee, Glatteis und garstigem Wind. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in Olbernhau. Schneesturm auf der Paßstraße hinter Rübenau, der letzten Ansammlung vereinzelter Katen auf deutscher Seite. Der Sturm hat freie Bahn auf dieser Bergstrecke, die Bäume sind krank oder tot vom sauren Regen. Ich sehe dem Studiendirektor die Angst an, weil Pulda mehrfach die Kontrolle über den Lieferwagen verliert. Der Wagen ist überladen und rutscht weg, an den Abhang der Paßstraße. Ich kann nicht Auto fahren, hab kein Gefühl für die Gefahr, ich liebe den weißen Sturm und finde, er paßt zu dem, was ich da mache.

Alle Beteiligten, Hilfskräfte und Augenzeugen in Berlin – wo ich fortziehe – und in Prag – wo ich hinziehe – fluchen darüber, daß es mitten im Winter sein muß. Aber es hat sich so ergeben, gerade auch deshalb, weil es eben kein Winter war, sondern ein besonders strahlender Septembertag, an dem ich, übermannt von lauter Schönheit und Glück, auf einer der Moldauinseln beschlossen habe: Jetzt zieh ich ganz hierher.

Alles an diesem Umzug ist schrecklich. Was nicht kaputtgeht, wird schmutzig, fällt in den Schnee. Woran einem gelegen ist, paßt nicht in den Wagen und wird zerhackt. Die Hausverwaltung in Berlin, der ich zwölf Jahre lang treu und pünktlich die Miete überwiesen habe, droht mir in immer unverschämteren Einschreibbriefen. Anfragen bei Behörden in Deutschland und in der Tschechischen Republik erweisen sich als gefährlich, das Zollamt in Olmütz als erbarmungslos bürokratisch. Weit mehr als einmal scheint die ganze Sache einerseits nicht verwirklichbar zu sein, andererseits nicht rückgängig zu machen. Denn längst habe ich meine geliebte Tempelhofer Wohnung gekündigt. Die schlimmsten Stunden, es sind fünf, verbringen Pulda und der Lehrer und ich bei Temperaturen weit unter Null auf einem Parkplatz, von dem sich der Lastwagen nicht mehr weiterbewegen läßt, bis er nachts von der Polizei wieder in Gang gebracht wird.

Nacht ist es, als wir auf dem Kamm der einsamen Paßstraße – Pulda hatte uns mit unserem fragwürdigen Transport zu einer abgelegenen Grenzstation geraten – am Häuschen der tschechischen Grenzer vorfahren. Wir kurbeln das Fenster herunter. Der schwäbische Studiendirektor ruft ungefragt und übereifrig »Mir fahre Möbel!« hinaus. »I bin Lährer in Olomouc, und mir fahre Möbel!«

Der frierend verdrießliche Grenzbeamte, den die andern aus ihrem Kabuff herausgeschickt haben, nimmt den ganzen Wust von Papieren, Beglaubigungen, Ehrenerklärungen nicht entgegen. Er begibt sich zurück zu den andern ins Warme, wo wir einen kurzen Wortwechsel durch die beschlagene Scheibe erahnen können. Im nächsten Moment tritt er wieder vor die Tür, und mit einer knappen Handbewegung, die man Durchwinken nennt, läßt er mich und all meinen beweglichen Besitz in die Tschechische Republik.

Nach Süden nun sich lenken die Vöglein allzumal. Uns ist danach, Hüte in die Luft zu werfen. Durch schmutzigen Schnee knirschen die Reifen des Lieferwagens von Zoll und Grenze fort, an den Bretterbuden der Geldwechsler vorbei. Nun stehen in kurzen Röckchen die Huren im Schnee Spalier. Dann geht es mitternachts über die Dörfer.

Ich mache mir ein Bier auf. Zusammengedrängt im Führerhäuschen des Lieferwagens fahren Pulda, der Lehrer und ich durch ein sehr stilles Land. Katen, Wegweiser, Reklametafeln. Kleine Straßendörfer mit glitzernden Sexbars. Tief in der Nacht gibt es keine Kundschaft, kehren die Huren Schnee vor ihren Türen, schlafen die Vietnamesen in ihren Hütten, vor denen sie Gartenzwerge anbieten. »Ein seltsames Land«, sag ich, »ganz klein.« In einer Stunde, sagt Pulda auf tschechisch, sind wir in Prag.



Meine Prager Wohnung beschafften mir Frau Pokornová und Herr Zizala. Diese beiden Leutchen im Rentenalter führten zusammen ein Maklerbüro im Stadtteil Zizkov.

Zizala heißt Regenwurm. Herr Zizala sprach Frau Pokornová aber ausschließlich mit Frau Direktorin an und Frau Pokornová Herrn Zizala mit Herr Ingenieur. Meiner Ansicht nach hatten sie ein Verhältnis miteinander. Meistens stritten sie sich fürchterlich vor meinen Ohren.

Es ist gut möglich, daß ich der einzige Kunde war, den dieses »realitní kancelar« je hatte. Nie waren andere Klienten vor mir oder nach mir da. Nie klingelte das Telefon. Daß Frau Pokornová mir auch einen Kuchen gebacken hat, hatte vielleicht diesen Grund.

Eines Herbsttags, nach der Epiphanie auf der Slovansky-Insel, fand ich das beliebige Schildchen ihres Büros an einer beliebigen Straßenecke der Vorstadt, klingelte, trat ein, traf Frau Pokornová allein an und sagte ihr in meinem noch armseligen Tschechisch: »Ich will in dieser Stadt jetzt wohnen, helfen Sie mir weiter.«

Die beiden alten Herrschaften strengten sich an. Mühselig schlurften und humpelten sie, Frau Pokornová mit Handtäschchen, untergehakt bei Herrn Zizala, mit mir das steile Auf und Ab der Prager Gassen zu Adressen, an denen eine Wohnung frei war, »2+kk« oder »2+1«. +1 ist eine Kochnische. Auf diesen Wegen stritten sie sich laut.

Es ging dabei um das rechte Prozedere, darum, wie ich am geringsten übers Ohr gehauen werde, und um Kautionen und Nebenkosten, um Gas und Strom. Manchmal begannen sie auch plötzlich zu kichern und stießen sich gegenseitig an, und dies besonders, wenn wir schon wieder an der Sankt-Prokop-Kirche vorbeikamen und ich fragte, warum sie kichern, und Herr Zizala erwiderte, auf deutsch: »Die Frau Direktorin und ich kichern, weil das der Fick-Heilige ist!«, und die beiden stießen sich gegenseitig an.

Das ging über Wochen. Ich wohnte bis dahin möbliert in der Stadt, und fast jeden Morgen zitierten die beiden Greise mich früh, manchmal ohne Frühstück und Kaffee, in entlegene Stadtteile, einmal bei Schneegriesel auf einen Berg weitab von Prag, wo ein ganzes Häuschen zu vermieten war, das ich aber nicht wollte, obwohl ich doch, betonte Zizala, dort Nachbar von Herrn Klaus geworden wäre. Václav Klaus, das war der Oppositionschef im Parlament.

Nach diesen Wochen, nach viel Gekicher und viel Streit der beiden Greise, vermittelten sie mir einen Mietvertrag über eine Wohnung in Zizkov, Praha3.



Ich hatte in Deutschland nicht mehr leben wollen. Berlin war nicht mehr, wie es war. Und wenn mir Berlin nicht mehr erträglich war, die größte und ungewöhnlichste Stadt, welcher Punkt der Republik wäre noch in Betracht gekommen? Alles war abgegrast. Ich kannte das Land und mochte es nicht mehr. Es war, wie man sagte, »im Aufbruch«, von häßlicher Bautätigkeit und menschlicher Kälte geprägt, so schien es mir zumindest. Aber ich wollte vor allem deshalb weg, um unfein leben zu können, billig und lustvoll.

Ich wollte, wie früher einmal auch in Deutschland, zu Fuß überall herumgehen, anschauen, was es anzuschauen gibt, und an jeder zweiten Ecke die Möglichkeit zu unzüchtigem Betragen suchen oder finden: Straßenstrich, Bücherklau, Bekiffte verführen. Das war, was ich wollte. Es war in Berlin täglich rarer geworden, schlecht beleumundete Etablissements schlossen oder wurden geschlossen, die Pissoirs errichteten Drehkreuze am Eingang, die Bahnhöfe wurden von Kameras überwacht. Ich wollte aber der Nase nach überall spazierengehen, ohne Monitore und Drehkreuze. Und wenn ein Warenhaus auf dem Weg lag, mich in der Parfümerieabteilung gratis und nicht zu knapp mit dem Tester besprühen. In Böhmen war es noch wie früher, das wußte ich von vielen Besuchen. Nun lag die ganze bescheidene und lüsterne kleine große Tschechische Republik vor mir.

Dann war da noch der Wunsch, überhaupt wegzugehen. Immer wieder hört man, die Welt sei weit und bunt, und wünscht es zu überprüfen, und zwar nicht nur zwei Wochen besuchsweise. Immer wieder stellt man fest, daß einen der Drogeriemarkt da, wo man wohnt, anwidert, und bricht auf. Ich habe dann auch in der Tschechischen Republik Drogeriemärkte vorgefunden, sie gehörten zu denselben Ketten wie die deutschen, sie gehörten den Deutschen; aber damit war nichts widerlegt. Ganz so verstörend, denke ich mir, wie die deutschen Drogeriemärkte sind sie doch nicht.



Ich wohne im Stadtteil Zizkov über einer Sargtischlerei.

Das ist nicht außerhalb. Man kann vom Hauptbahnhof oder vom Wenzelsplatz zu Fuß hingehen. Aber es ist ein eigener Stadtteil aus steilen Gassen unter dem Zizkov-Hügel.

Zizkov ist ein armes, verfallendes Viertel. Es ist grau. Es ist schön. Manchmal ist es überhaupt nicht grau. Es ist rötlich, braun, schwarz, es ist ein Viertel, das abblättert. Viertel der Gründerzeitfassaden und Mülltonnen, Katzenkopfpflaster, Stuck, Straßenkinder. Eckkneipen. Bankrotte Bankfilialen. Gestern eröffnete Internetcafés. Als Basar bezeichnete Leihhäuser. Sexshops und Bordelle. Klempnerwerkstätten. Straßenbahnen, die sich steile Gassen hinaufklingeln. Wunder hinter jeder Ecke. Über allem thront hoch zu Roß und steinern und blind der Hussitenführer Jan Zizka.

Zizkov ist auch ein Zigeunerviertel, der neueste Zigeuner hier bin ich. Vor den unbewohnten oder halbbewohnten baufälligen Häusern lungern diese dunkleren Menschen, die Männer immer dick und in Trainingsanzügen, die Mädchen immer schön. Und die kleinen Jungen rauchen Zigaretten. Sie alle sind arbeitslos. Die Tschechen – die Tschechen, die keine Roma sind – mögen sie durchaus nicht und halten sie ausnahmslos für Diebe oder zumindest für Leute, die das Sozialversicherungssystem mißbrauchen. In Ústí voriges Jahr hat man eine Mauer errichtet, die einen Roma-Wohnblock von einem tschechischen abtrennte. Das wuchs sich zu einer Staatsaffäre aus, und die Mauer wurde wieder abgetragen.

Man spricht von den schwarzen und den weißen Bewohnern Zizkovs, so lautet der Ausdruck.

In Wirklichkeit sind nur ein Drittel der Einwohner von Praha 3 Zigeuner, und in Wirklichkeit wohnen hier miteinander die unterschiedlichsten Leute. Wissen Sie, ich glaube, daß Zizkov der Montmartre unserer Tage ist. Das Schwabing, das Kreuzberg, das Greenwich Village der Gegenwart. Daß Sie in diesem Sinne noch nie von Zizkov und daß Sie überhaupt noch nie von Zizkov gehört haben, widerlegt meine Behauptung nicht, sondern bestätigt sie.

Sobald einem diese Namen geläufig sind – Schwabing, Montmartre –, ist es ja aus mit der Kunst und der Lebenskunst, mit der Authentizität und dem billigen Leben der Studenten und Drückeberger neben und mit den Armen.

Nein, die Kunst entsteht zur Zeit in Zizkov, die Wette halte ich. In jeder zweiten Dachkammer arbeitet einer an Computerlyrik und Skulpturen – so stelle ich’s mir vor.

Übrigens wohne ich selbst keineswegs in einer Dachkammer. Ich habe auch nicht so einen Kanonenofen mit einem langen gewundenen Ofenrohr, wie er auf keinem Bühnenbild zu La Boheme fehlt. Ich lebe in einer luxussanierten Wohnung, und Herr Menouµek verdient vermutlich wesentlich mehr an meiner Miete als an den Särgen.

Das Haus ist verkommen. Durch ein quietschendes Tor betritt man einen Innenhof voller Hausrat und Unrat und gelangt über eine Holzstiege auf eine ebenfalls hölzerne Galerie. Von ihr aus tritt man in die Wohnung »I.Kategorie« mit ihrer chromglänzenden Küchenzeile, wie ich dergleichen nie gehabt habe, und mit dem vielfach spiegelnden Badezimmer, in dessen Mitte eine runde Badewanne steht.

Diese Wohnung ist nicht sehr teuer, wenn auch sicher eine der feinsten auf dem Montmartre der Jetztzeit. Während ich einen separaten Toilettenraum gegenüber dem Bad mit der runden Badewanne habe, gehen alle meine Nachbarn im Haus auf ein Plumpsklo außerhalb ihrer Wohnung auf der hölzernen Galerie. Auch habe ich als einziger im Viertel einen Balkon, einen alten schmiedeeisernen, und auf ihm stehe ich und sehe Herrn Menouµek Särge heraustragen und verladen, was häufig mitten in der Nacht geschieht. Herr Menouµek ist ein knopfäugiger, immer höflicher und fröhlicher Mann, der grauhaarig ist und zugleich wie ein kleiner Junge wirkt. Er betreibt das Geschäft mit seiner Schwester, der einzelne Zähne fehlen. Manchmal hängt die Post für die Sargtischler eine Woche lang aus ihrem Briefkasten, obschon sie sehr wohl anwesend und bei der Arbeit sind. Die Särge sind meistens äußerst billig gemacht, aus einer Art Pappdeckel. Immer wieder mal hat sich auch jemand wirkliches Holz gegönnt. Stets aber ist der Sarg mit weißem Papier ausgelegt.

Wer von der Straßenecke aus zu mir hinaufschaut, sieht die sehr steile Gasse; die Nachbarhäuser mit Stuck und Zierat aller Art, auf einem von ihnen eine Gedenktafel für einen beim Aufstand im Mai’45 Gefallenen, der sogar mit Nachnamen Hrdina, Held, heißt; die gelbbräunlich abblätternde Fassade des von der Straße aus schönen alten Hauses, in dem ich wohne. Und hinter der Balkontür und den putzigen kleinen Fenstern, die keine Vorhänge haben, sieht er mich. Herr Menouµek und die anderen Nachbarn glauben, ich schreibe ein Buch.



Um alles weitere zu verstehen, sollten Sie wissen, daß der entnazifizierte Lebensmittelhändler Erwin Ruff, als ich ein Kind war, meiner Mutter ein bestimmtes Buch geliehen hat.

Seit damals habe ich ungefähr geahnt, was aus meinem Leben werden könnte.

Ich machte aber, statt irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen, in den ersten vierzig Jahren dieses Lebens dies und das, und es sieht so aus, daß ich in den folgenden auch dies und das tun werde. Ich hatte ein gewisses Talent, das ich hätte zur rechten Zeit ausnutzen sollen, ein Pfund, damit zu wuchern, aber ich war faul und liebte es, herumzutrödeln.

Ich wußte, daß ich ein ganz bestimmtes Buch schreiben sollte, aber vor diesem Buch, meiner einzigen Aufgabe, gewissermaßen der Überarbeitung des Buchs, das Herr Ruff meiner Mutter geliehen hat, schreckte ich zurück. Es würde auch niemandem gefallen.

Ich mogelte mich durch. Vor allem trieb ich die körperliche Liebe, zu zweit, zu dritt und allein. Ich saß in Mexico City im Café und in Berlin auf dem Sozialamt. In Osaka in so einer Bar, in der der rohe Fisch auf einem Fließband an einem vorbeitreibt. Ich saß auch in der Patsche. Die Lösung wäre in gewissem Sinne gewesen, das Buch zu schreiben, weil es mir einen halbwegs bestimmten Platz in der Welt verschafft hätte, nicht durch seinen Erfolg, sondern einfach durch sein Vorhandensein.

Ich wuchs mit einem Bruder und einer überkandidelten Mutter auf und mit der Furcht vor dem Tod. Mich beschäftigte es, warum es nicht möglich war, mit dem Bruder gemeinsam zu sterben. Mich beschäftigte, daß der Tod gerade darin so schrecklich ist, daß man ihn allein macht und in ihm für immer und ohne Ende allein bleibt.

Der entnazifizierte Lebensmittelhändler Ruff hatte, als ich ein Kind war, meiner Mutter einen Schmöker leihweise aufgedrängt, ein »Sachbuch«, das Der Henker und die Frauen hieß. Ich las voller Grauen und Faszination, was gewissermaßen ein und dieselbe Empfindung war, in diesem Buch. Geschildert wurden Hinrichtungen und die letzte Nacht der Verurteilten. Fallbeil. Ein Holzboden, dessen Mittelstück unten wegklappt, es bricht einem, zum Beispiel Ihnen, das Genick. Der Priester, der dabeisteht. Die geladenen Zeugen.

Hundert Menschen können zugegen sein, und doch ist nie jemand so milchstraßenweit allein wie dieser Eine.

Hinrichtungen finden immer am frühesten Morgen statt, immer im Regen.

Wahre Geschichten standen in dem Buch, aus England, aus den Vereinigten Staaten, aus Nazideutschland, wo man den Henker den Nachrichter nannte. Einzelheiten von Hinrichtungen, aus irgendeinem Grund besonders von Frauen.

Es war ein vulgäres, reißerisches Buch für dumme Leute. Schon damals verstand ich, daß man sich bei der Lektüre solcher Dinge irgendwie unstatthaft heimlich erregt und nach immer mehr Einzelheiten verlangt.

In einer der wahren Geschichten des Buchs Der Henker und die Frauen wurde versehentlich der Priester gehenkt, vor Morgengrauen, bei Regen.

Morgen. Grauen.

Ich lernte als Kind, daß es den Elektrischen Stuhl gab, die Giftinjektion, die Gaskammer.

Ich fand das Hineinführen des Verurteilten in ein Kämmerlein mit Guckloch grauenvoller als die vorgetäuschten Duschräume von Auschwitz.



Aber wissen Sie, ich bin gar kein Grübler! Ich denke auch höchstens einmal in jeder Stunde an den Elektrischen Stuhl. In mir ist eine Lebenslust ohne Maßen. Ich hab eine Neigung zum Glücklichsein, und genau deshalb bin ich hier in diesem Land. Lächelnd, grinsend, pfeifend meines Wegs spazieren und wie Gustav Gans immer mal mit dem Fuß auf einen Taler stoßen: deshalb bin ich hier. Nirgendwo sonst kann ich so froh sein. Gäbe es dieses Land nicht, hätte ich es erfinden müssen.

Es gab eine Zeit, da bin ich in einem sehr anderen Land überall herumgereist, pfui, ist das ein Land!, da will man nicht leben und nicht sterben.

Es ist das Land der verendenden Hunde. Das Land der Polizisten in kackbraunen Uniformen, die immer zu zweit hintereinander auf Mopeds sitzen. Mich ekelt das Braun ihrer Uniformen. Die blauen, weißen, roten Streifen der Flagge, die verzerrten Töne der Nationalhymne von einer alten Schallplatte. Ach, mehr als alles die endlosen rotstaubigen Straßen, auf denen sich die Überlandbusse entlangmühen. Diese Straßen sind von einer furchtbaren, furchtbaren Einförmigkeit: in jedem Kaff, in jedem Flecken bestehen sie nur aus Bankgebäuden. Es ist, selbst wenn ein ungesund bedeckter Himmel über dieser jeweiligen einzigen Straße lastet, heiß und riecht nach schlechtgewordenem Obst und Fäkalien von Mensch und Tier. Die Bankgebäude sind jedes ein einzeln für sich im Sand stehender Klotz, auf dessen flachem Betondach ein Mast wie ein dünner Funkturm ragt und das Logo der jeweiligen Bank trägt: der Farmers’ Bank, der Commercial Bank, der Development Bank ... Zwischen diesen Bankgebäuden sandiger Freiraum, hundert Meter, dann wieder so ein Kubus, schließlich das Ende des Orts, wieder kilometerlang gar nichts, Dreck, dann wieder eine Kleinstadt: der Kubusklotz der Farmers’ Bank, der Kubusklotz der Commercial Bank ...

Nur wenn eine Stadt größer ist, fährt man in schreckliche, schreckliche Straßen hinein mit Neubauruinen, mit immer derselben Art von Balkon, auf den nie jemand tritt, mit einem Geländer aus scheußlichen kleinen Säulen, ähnlich Kegelfiguren, Neubauten mit dem zugezogenen Gitter eines Ladens für Motorradeinzelteile im Erdgeschoß. Immer ist das Gitter zugezogen. Immer ist es ein Laden für Motorradeinzelteile. Dann die Straßen, in denen sich kilometerweit nur Einzelhandelsläden für ölverschmierte Kabel aneinanderreihen. Vor ihnen stirbt im Graben ein Hund, steigen zwei kackbraun uniformierte Polizisten von ihrem Moped ...

Reisen Sie nur hin, meinen Segen haben Sie!

Gottes Segen dagegen ruht auf jenem anderen Land, in das ich im Winter über die eisglatte Paßstraße mit einem Lieferwagen gekommen bin. Ich hab dieses Land erfunden.



Im Übermaß gibt es dort Bier. Jedes zweite Haus ist eine Schenke, mit Hirschgeweihen oder ohne. Man speist: Schweinebraten, Karpfen, Knödel dieser und jener Art. Man häuft einen Hügel von Schlagsahne über den Kaffee. Man trinkt auch eine Art Hustensaft, die Becherovka aus Karlsbad. Kein Bahnsteig, kein Kiosk, an denen nicht Kolatschen angeboten werden, mit Mohn, mit Konfitüre, mit Topfen, kein Winkel des Landes ohne Bier.

Kein Winkel des Landes ohne Ritterburg.

Kein Zugabteil ohne Katzenaugen.

Kein Städtchen ohne gotische Laubengänge am Marktplatz. Keine Landstraße ohne langhaarige Jungen, die den Daumen in den Wind halten.

Es ist das Land der bizarren Felsen. Es ist das Land der Mädchen in den kürzesten Röcken.

Auch rührt mich so sehr dieses Volkes Weise, jeder Vokal, jeder Konsonant. Haben Sie je tschechische Schüler auf dem mittäglichen Heimweg im Vorbeigehen reden hören? Das schleicht ins Herz sich leise, macht es schwer.

Weiter nenne ich Ihnen bemooste Goethe-Gedenksteine im Wald. Die frierend freudigen schönen Menschen bei den großen Eishockeyspielen. Heilquellen. Prostituiertenbars mit Disco und Schwarzbier.

Kubisten. Fauvisten. Skipisten.

Ach, und der Sprechchor, der nie zu vergessen durch meine Kindheit klang, um sie aufregend und hoffnungsvoll zu machen: »Dub«
Das Bier in riesigen Krügen. Die Katzenaugen neugierig. Zutraulich. Naiv. Keck. Sinnlich. Cafés: Jugendstil. Art déco. Burgen und zerfallene Klöster preiswert zu betreten.

Die hiesigen Fernsehprogramme, als schriebe man das Jahr 1960: Jazz; ruhige, wunderbar langweilige Kulturinterviews. Und jede Stelle, die im Fernsehen gezeigt wird, kennt man: da bin ich gewesen!

Bei einem von Zizkovs vielen Trödlern (»Pfandleiher + Basar«, wie sie alle heißen) kaufe ich mir ein kleines Fernsehgerät. Es ist weiß, aus den sechziger Jahren und sieht aus wie ein Instrument im Raumschiff Orion. Ich habe Freude daran, daß das Bild schwarzweiß ist. Ich sehe Jazzsendungen, Kulturinterviews, Stellen, an denen ich letztens erst gewesen bin, und wenn ich frühmorgens schlaflos bin, live Panoramabilder von den Bergen samt den aktuellen Temperaturen und webendem Nebel: vom Altvatergebirge, von der Schneekoppe, vom Böhmerwald, von den Beskiden.

Ich wandere, d’un château à l’autre, am Berounka-Fluß, es ist schon gegen Ende des Sommers. Zu Füßen der Apfelbäume liegen die Äpfel, ich nehme mir einfach ein paar. Viel zu viele liegen unter all den Bäumen des Landes. Manche Besitzer von Gärten und Wochenendhüttchen haben Kisten vor ihren Zaun gestellt mit Äpfeln darin und: Zdarma! dazugeschrieben: Kostenlos. Steil bergauf von den Apfelwiesen geht es in die Wälder, zu einsam gelegenen Häusern, Flußquellen, Tropfsteinhöhlen. Ubi bene ibi patria! Bei Melník mündet die Vltava in die Labe, und ihr entlang fahr ich nach Norden, nach Ústí und Decín und Hrensko, wo eine Landschaft beginnt wie in der Marlboro-Reklame, wo bizarre Felsgebilde beiderseits über den Fluß ragen, in dessen Mitte hier die Grenze verläuft: dann kommt Deutschland, und irgendwann heißt die Labe dann Elbe. Durch ein verstepptes Land, kilometerweit Sträucher und Moos, dann aber auch kilometerweit Hopfenstangen, fahre ich in die gluckernde Moorlandschaft der heißen Geysire von Soos. Oder ich fahr in die Stadt Zlín, die gänzlich im Stil der Avantgarde der vorigen Zwanziger Jahre ein Schuhfabrikant errichten ließ, ich fahr nach Tabor, unter dessen Häusern glitschige Gänge im Dunkeln liegen, für Utopien gebaut, dann für Faßbier genutzt.

Ein Land der Wunder! Im Heilbad Teplice, in dem Beethoven und Goethe das Wasser tranken, kuren heute reiche Araber aus Oman und Kuwait. Der Kurpark ist voller arabischer Familien, verschleierten Frauen, die auf Teppichen im Gras sitzen.

Auch produziert man in Strakonice den Dudelsack und den türkischen Fes ...

»Der Brunnen bekommt mir gut, und es gibt Äugelchen die Menge.«

Niemals habe ich etwas anderes gewünscht und gebraucht, als mit ein wenig Geld in Cafés sitzen zu können, Jugendlichen schöne Augen zu machen und abends Bier zu bekommen. Aus diesem Grund habe ich die tschechische Republik erfunden. Sie sagen, das ist dieses Land nicht oder bloß der Blick eines Verwöhnten darauf, und er ist nicht korrekt, dieser Blick. Sie sagen: Schweinebraten, Bier und Burgen sind Klischees. Das höre ich gar nicht, was Sie da sagen. Ich bin mit einem Olmützer Lieferwagen in das erfundene Land gezogen und hab hier alle nur erdenklichen Freuden. Mittage gibt es auf dem Staromestské námesti, da stehe ich und weine vor Glück. Und die Kinder des Landes wühlen mich auf, daß ich nicht weiß, wohin mit dieser seltsamen Schönheit, wie umgehen mit ihr oder sie bändigen. Denen unter Ihnen, die zufällig Menschen der Tschechischen Republik sein mögen, will ich an dieser Stelle dafür danken, daß es Sie gibt.

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