Die Analphabetin von Agota Kristof, 2005, Ammann

Agota Kristof

Die Analphabetin
(Leseprobe aus:
Die Analphabetin, Erzählung, 2005, Ammann - Übertragung Andrea Spingler)

Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir in die Hände, vor die Augen kommt: Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist.
Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.
Wir wohnen zu jener Zeit in einem kleinen Dorf, das keinen Bahnhof und
weder Elektrizität noch fließendes Wasser, noch Telefon hat.
Mein Vater ist der einzige Lehrer des Dorfes. Er unterrichtet alle Jahrgangsstufen, von der ersten bis zur sechsten. Im selben Raum. Die Schule ist von unserem Haus nur durch den Pausenhof getrennt, und ihre Fenster gehen auf den Gemüsegarten meiner Mutter. Wenn ich zum letzten Fenster des großen Raums hinaufklettere, sehe ich die ganze Klasse, mit
meinem Vater, der vorn steht und an die Tafel schreibt.
Der Klassenraum meines Vaters riecht nach Kreide, Tinte, Papier, Ruhe, Schweigen, Schnee, selbst im Sommer.
Die große Küche meiner Mutter riecht nach geschlachtetem Tier, gekochtem Fleisch, Milch, Marmelade, Brot, nasser Wäsche, Babypipi, Betriebsamkeit, Lärm, Sommerhitze, selbst im Winter.
Wenn das Wetter uns hindert, draußen zu spielen, wenn das Baby lauter schreit als sonst, wenn mein Bruder und ich zu viel Lärm und Unfug in der Küche machen, schickt unsere Mutter uns zur »Bestrafung« zu unserem Vater.
Wir gehen hinaus. Mein Bruder bleibt vor dem Schuppen stehen, in dem das Brennholz gelagert wird:
»Ich bleibe lieber hier. Ich hacke Holz.«
»Ja. Mutter wird sich freuen.«
Ich durchquere den Hof, betrete den großen Klassenraum, bleibe an der Tür stehen, blicke zu Boden.
Mein Vater sagt:
»Komm näher.«
Ich komme näher. Ich flüstere ihm ins Ohr:
»Strafe . . . Mutter . . .«
»Sonst nichts?«
Er fragt »sonst nichts?«, weil es manchmal einen Zettel von meiner Mutter gibt, den ich wortlos übergeben muß, oder ich soll ein Wort sagen: »Arzt«, »dringend«, manchmal auch nur eine Zahl: 38 oder 40. All das wegen des Babys, das dauernd Kinderkrankheiten hat.
Ich sage zu meinem Vater:
»Nein. Sonst nichts.«
Er gibt mir ein Buch mit Bildern:
»Setz dich.«
Ich gehe ans Ende des Raums, dorthin, wo es hinter den Größten immer noch freie Plätze gibt.
So ziehe ich mir sehr jung, ohne es zu merken und ganz zufällig, die unheilbare Krankheit des Lesens zu.

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