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Erwin hatte seinen Weg
eingeschlagen, und Elli war mit ihrem eigenen Leben zu beschäftigt, um ihn
beeinflussen zu können. Längst hatte sie den Schnapsladen gegen eine
gewinnträchtigere Boutique eingetauscht, die ihr jemand eingerichtet hatte. Dort
verkaufte sie modische Kleider und teure Accessoires aus Italien und Frankreich.
Die Boutique ließ ihr nach wie vor nicht viel Zeit für ihren Sohn.
Sie verschaffte Erwin eine Lehrstelle bei einem Friseur, fand das zwar nicht
standesgemäß, wusste aber, daß er vor allem etwas lernen mußte, egal was, und
sagte sich, er könne den Beruf ja später wechseln. Erwin war es recht. Er
verstand sich gut mit dem zweiten Lehrling, einem Sechzehnjährigen namens Oskar,
der ihn bald in die Geheimnisse stärkerer Alkoholika einweihte. Mit Freude
lernte Erwin verschiedene Obstbrände, Wodka, Weinbrand und Whisky kennen. Whisky
war ihm am liebsten.
Da aber für die Beschaffung solcher Schätze höhere Geldbeträge benötigt wurden,
führte Oskar seinen Freund Erwin in gewisse Kaffeehäuser ein. Dort verkehrten
junge Männer, die schon etwas auf dem Kerbholz hatten und es daher schwierig
fanden, regelmäßigen legalen Beschäftigungen nachzugehen. Erwins Herz schlug
höher. Er wurde von erwachsenen Männern anerkannt, ja, er war unter
seinesgleichen, und er lernte die Dinge, die ihm seine neuen Freunde
beibrachten, viel schneller als das Friseurhandwerk.
Er lernte, zum Beispiel, das Billardspiel. Mit Unschuldsmiene lud er dann
zahlungskräftige Kaffeehausbesucher zu einem Spielchen ein, verlor und zahlte,
aber nachdem der ahnungslose Besucher Erwins Geld in der Brieftasche hatte,
wurde er auf dem Heimweg von einigen kräftigen Burschen gestellt und unter
Drohungen genötigt, nicht nur Erwins, sondern auch das eigene Geld
herauszurücken. Manchmal wurde Erwin auch als der kleine Bruder eines
Installateurs oder Elektrikers in Wohnungen geschickt, um dort kleinere
Diebstähle auszukundschaften oder zu begehen. Bald war er in der Szene bekannt
und beliebt, und er hatte sogar einen Spitznamen: Da er klein und schmächtig
war, hieß er »Das Kind«, was aber keineswegs verächtlich gemeint war. Erwin war
stolz darauf.
Ein weiterer wichtiger Grund für Erwins Beliebtheit bei seinen neuen Freunden
war seine Bescheidenheit. Er verlangte kein Geld für seine Dienste, sondern
Schnaps. Seine Zimmermiete und sein Essen wurden von Elli bezahlt, für alles
andere reichte sein Lehrlingsgehalt aus, nur sein Durst mußte von anderen
befriedigt werden.
Erwin trank alles. Meist fing er mit dem Trinken nach dem Mittagessen an und
erreichte den nötigen Pegel erst, wenn sein Arbeitstag zu Ende war. Dann ging er
ins Kaffeehaus, um wieder halbwegs nüchtern zu werden. Drei Stunden lang
enthielt er sich des Alkohols, dann war er bereit, jede Arbeit anzunehmen, um
wieder zu Alkohol zu kommen. Leider waren aber weder Oskar noch er klüger als
ihr Chef, der Friseurmeister, denn der erwischte sie eines Tages mit einer
Flasche Weinbrand und setzte sie augenblicklich auf die Straße.
Als Elli davon erfuhr, hatte Erwin bereits sein Untermietzimmer verlassen und
war verschwunden. Er brach aber den Kontakt zu seiner Mutter nicht ab. Kurz
danach rief er bei ihr an und erzählte, was vorgefallen war. »Mach dir keine
Sorge, Mama!« befahl er. »Ich weiß schon, was ich tu.«
»Was tust du? Wovon lebst du?« fragte Elli.
»Ich bin jetzt bei einer großen Firma angestellt«, log Erwin, »aber nicht als
Lehrling, sondern als Mitarbeiter. Ich verdien ganz gut.«
»Was ist das für eine Firma? Wo wohnst du?«
»Schau, Mama«, antwortete Erwin, »ich ruf jetzt von dort an und kann nicht lange
sprechen. Es geht mir gut, und ich meld mich wieder.« Dann legte er den Hörer
auf.
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Rezension I Buchbestellung I home IV11 LYRIKwelt © Verbrecher-Verlag