Ein Prophet ohne Zukunft von Georg Kreisler, 2011, Verbrecher

Georg Kreisler

Ein Prophet ohne Zukunft
(Zitat aus: Ein Prophet ohne Zukunft, Roman, 1990, Diana/2011, Verbrecher-Verlag).

(...)

Erwin hatte seinen Weg eingeschlagen, und Elli war mit ihrem eigenen Leben zu beschäftigt, um ihn beeinflussen zu können. Längst hatte sie den Schnapsladen gegen eine gewinnträchtigere Boutique eingetauscht, die ihr jemand eingerichtet hatte. Dort verkaufte sie modische Kleider und teure Accessoires aus Italien und Frankreich. Die Boutique ließ ihr nach wie vor nicht viel Zeit für ihren Sohn.
Sie verschaffte Erwin eine Lehrstelle bei einem Friseur, fand das zwar nicht standesgemäß, wusste aber, daß er vor allem etwas lernen mußte, egal was, und sagte sich, er könne den Beruf ja später wechseln. Erwin war es recht. Er verstand sich gut mit dem zweiten Lehrling, einem Sechzehnjährigen namens Oskar, der ihn bald in die Geheimnisse stärkerer Alkoholika einweihte. Mit Freude lernte Erwin verschiedene Obstbrände, Wodka, Weinbrand und Whisky kennen. Whisky war ihm am liebsten.
Da aber für die Beschaffung solcher Schätze höhere Geldbeträge benötigt wurden, führte Oskar seinen Freund Erwin in gewisse Kaffeehäuser ein. Dort verkehrten junge Männer, die schon etwas auf dem Kerbholz hatten und es daher schwierig fanden, regelmäßigen legalen Beschäftigungen nachzugehen. Erwins Herz schlug höher. Er wurde von erwachsenen Männern anerkannt, ja, er war unter seinesgleichen, und er lernte die Dinge, die ihm seine neuen Freunde beibrachten, viel schneller als das Friseurhandwerk.
Er lernte, zum Beispiel, das Billardspiel. Mit Unschuldsmiene lud er dann zahlungskräftige Kaffeehausbesucher zu einem Spielchen ein, verlor und zahlte, aber nachdem der ahnungslose Besucher Erwins Geld in der Brieftasche hatte, wurde er auf dem Heimweg von einigen kräftigen Burschen gestellt und unter Drohungen genötigt, nicht nur Erwins, sondern auch das eigene Geld herauszurücken. Manchmal wurde Erwin auch als der kleine Bruder eines Installateurs oder Elektrikers in Wohnungen geschickt, um dort kleinere Diebstähle auszukundschaften oder zu begehen. Bald war er in der Szene bekannt und beliebt, und er hatte sogar einen Spitznamen: Da er klein und schmächtig war, hieß er »Das Kind«, was aber keineswegs verächtlich gemeint war. Erwin war stolz darauf.
Ein weiterer wichtiger Grund für Erwins Beliebtheit bei seinen neuen Freunden war seine Bescheidenheit. Er verlangte kein Geld für seine Dienste, sondern Schnaps. Seine Zimmermiete und sein Essen wurden von Elli bezahlt, für alles andere reichte sein Lehrlingsgehalt aus, nur sein Durst mußte von anderen befriedigt werden.
Erwin trank alles. Meist fing er mit dem Trinken nach dem Mittagessen an und erreichte den nötigen Pegel erst, wenn sein Arbeitstag zu Ende war. Dann ging er ins Kaffeehaus, um wieder halbwegs nüchtern zu werden. Drei Stunden lang enthielt er sich des Alkohols, dann war er bereit, jede Arbeit anzunehmen, um wieder zu Alkohol zu kommen. Leider waren aber weder Oskar noch er klüger als ihr Chef, der Friseurmeister, denn der erwischte sie eines Tages mit einer Flasche Weinbrand und setzte sie augenblicklich auf die Straße.
Als Elli davon erfuhr, hatte Erwin bereits sein Untermietzimmer verlassen und war verschwunden. Er brach aber den Kontakt zu seiner Mutter nicht ab. Kurz danach rief er bei ihr an und erzählte, was vorgefallen war. »Mach dir keine Sorge, Mama!« befahl er. »Ich weiß schon, was ich tu.«
»Was tust du? Wovon lebst du?« fragte Elli.
»Ich bin jetzt bei einer großen Firma angestellt«, log Erwin, »aber nicht als Lehrling, sondern als Mitarbeiter. Ich verdien ganz gut.«
»Was ist das für eine Firma? Wo wohnst du?«
»Schau, Mama«, antwortete Erwin, »ich ruf jetzt von dort an und kann nicht lange sprechen. Es geht mir gut, und ich meld mich wieder.« Dann legte er den Hörer auf.
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