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Shanghai fern von wo
(Leseprobe aus:
Shanghai fern von wo, Roman, 2008, Jung & Jung).
Der lange Weg
Seit ich 1980 zum ersten Mal nach Shanghai gereist war, ließ
mich die Faszination dieser Stadt und ihrer Geschichte nicht mehr los. Ich
lernte die Stadt kennen in der Zeit, in der sich die Lager öffneten. Die während
der Kulturrevolution Verbannten und Deportierten kehrten in die großen Städte
zurück. Es war eine bestürzende Zeit, die Unschuld des fremden Blickes verlor
sich. Ich hatte noch nie einen Menschen gesehen, der gerade aus einem Lager kam
und in Fragmenten davon sprach. Unter den Menschen, die ich auf dieser Reise
kennenlernte, war auch eine deutsche Jüdin, die einen Chinesen geheiratet hatte
und mit ihm Anfang der vierziger Jahre in Maos Hauptquartier in den Höhlen von
Yan’an gelebt hatte. Auch sie war während derKulturrevolution in einem Lager
gewesen und später rehabilitiert worden.
Wenn ich überhaupt etwas von China verstehen kann, sagte ich mir in dieser Zeit,
dann kann ich dies nur mit dem doppelt fremden Blick der europäischen
Emigranten, die nach Shanghai geflüchtet waren. Schon bald galt meine
Aufmerksamkeit den 18.000 deutschen und österreichischen Juden, die den Mut
hatten, nach den Pogromen im November 1938 ohne Illusionen und ohne Visum in das
entfernteste Exil, Shanghai, zu reisen. Mit ihren Augen wollte ich sehen,
einigen von ihnen eine Stimme geben. Es war eine Entscheidung für ein
panoramatisches Arbeiten, dessen Konsequenzen noch nicht abzusehen waren.
Zunächst sammelte ich Materialien und las und las, Lebenserinnerungen und
zeithistorische Arbeiten, Aufarbeitungen der Akten der Hilfsorganisationen,
Dokumente aus dem Deutschen Generalkonsulat. Viele Lesereisen, die ich mit
meinen anderen Büchern machte, endeten in Archiven, in der Stille, der
Abgeschlossenheit mit Texten und Dokumenten.
Besonders zog mich die Sammlung der Wiener Library in London an. Schon bald nach
1945 forderte sie Emigranten auf, über ihre Vertreibung aus Deutschland zu
schreiben. So kamen riesige Mengen von Dokumenten zusammen, eidesstattliche
Erklärungen, spröde Berichte von 3 bis 4 Seiten über Emigrationswege,
Erzählungen über das Überleben im Fluchtort, die Einkerkerung im Ghetto. Keine
mediale Aufarbeitung der Berichte war geplant, das Wort „Zeitzeuge“ war noch
nicht erfunden. Die Wiener Library erschloß die Zeugenberichte nach Orten der
Verfolgung und nach den Fluchtorten. Ich las alle Berichte aus Shanghai, ohne
sie „verwerten“ oder umarbeiten zu wollen, aber ich vergaß sie nicht. Andere
Berichte waren so anrührend, daß ich mir einbildete, sie hätten auf diese
bestimmte Leserin, auf mich, gewartet. Magisches Denken, der Zufall, das
Finderglück sind dem Forschen nicht feindlich. Der einzelne Emigrant schreibt
und spricht (notgedrungen) für sich, von seinem Davongekommensein, und er trägt
die Last des Überlebens. Das Trauma aktiviert das Vergangene zur fortdauernden
Gegenwart. Es gilt, sich zurechtzufinden in einem System von Zeichen, in dem
fast alles, was er gelernt hat, keine Gültigkeit mehr hat. Er ist Sammler, der
sich um seine Lebensgeschichte versammelt.
Sammeln und Stammeln und stumm sein über diesen Dokumenten war eines, das andere
der Wunsch, irgendwann einmal über Shanghai zu schreiben, mein Nichtverstehen
bei der ersten Reise in etwas zu verwandeln, das nicht Wissen war. Als ich zehn
Jahre später wieder nach Shanghai reiste, gespickt mit Sachinformationen, mit
Plänen, war dies eine Recherche-Reise zu den übriggebliebenen Stätten der
Emigration. Es war eine Reise kurz nach dem Massaker auf dem Tien’anmen Platz in
Beijing, den Toten widmete ich den Gedichtzyklus „Textverderbnis“ (1992). Und
wieder verging unendlich viel Zeit, Zeit, in der sich andere Schreibprojekte
vordrängten, Zeit der Unsicherheit, des Ausprobierens.
Ich schrieb dann in den neunziger Jahren vier Hörfolgen über
Shanghai-Flüchtlinge und einen Diplomaten, schrieb ein vielstimmiges Hörspiel
über Emigranten in Shanghai. Aber die kurzen Takte, die Notwendigkeit einer
polyphonen Stimmführung mit raschen Wechseln der Perspektive, die im Akustischen
vollkommen befriedigten, taugten nicht für einen Roman. Stimmen sprechen für
sich, Stimmen doppeln eine Authentizität,Stimmen fallen sich gegenseitig ins
Wort und korrigieren sich. Der fremde Blick – im Hörspiel gibt es einen alten,
in Shanghai hängengebliebenen Inder und eine sehr gegenwärtige Fremdenführerin –
war für eine langwierige, komplizierte Prosa-Konstruktion nicht geeignet. Doch
untergründig arbeitete das Buch weiter, auch wenn ich nicht daran schrieb
odergerade weil ich es nicht forcieren durfte. Und irgendwann entschloß ich
mich, die vielen Materialien und Stichwortsammlungen, die ich über die Jahre
angelegt hatte, beiseitezuräumen. Der Kunsthistoriker Brieger winkte mir zu, er
hatte in Berlin ein Buch über das Sammeln geschrieben, das ihm in der Emigration
in Shanghai nicht nützlich war, wie das Sammeln der Lebensgeschichten von
Emigranten für das Schreiben des Romans nur bedingt nützlich war. Es kam darauf
an, eine Erzählperspektive zu entwickeln, die nicht zu nah und nicht zu fern von
den Gegenständen sein durfte. Eine zu große Nähe könnte identifikatorisch
wirken, dazu hatte ich keinen Anlaß, eine zu große Entfernung kühl, historisch,
dazu war die Empathie mit den Überlebenden in Shanghai zu groß. Die Gestalten
des Buches, die ihre Namen historischen Personen entleihen, entwickelten sich
fort, erzählten von ihrem Mut,ihrer Ausdauer, ihren Niederlagen, dem Kampf gegen
Schmutz und Ekel, dem Verlust geliebter Personen. Forschen und Schreiben
trennten sich mehr und mehr. Schreibend begab ich mich in eine Dunkelkammer, in
der sich die Bilder der Überlebenden entwickeln, in der sie übereinanderkopiert
werden, Fiktion und Erinnerung vermischen sich.
In der letzten Phase des Schreibens träumte ich von einer Seite meines
Manuskripts. Alle Wörter hatten ihre Vokale verloren, es kam mir vor, als wären
sie aus dem Manuskript herausgetropft. Ich begann zu korrigieren in einer
unendlichen Mühe von Wort zu Wort, in Panik, in Überforderung, bis ich mir
sagte, die Wörter haben sich hebräisiert, sie haben die Vokale wie ein lästiges
Material abgeworfen, sich mit den Konsonantenfolgen verständlich gemacht, nur
ich will diese Schreibweise lesend nicht akzeptieren.
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