In Zukunft schreiben von Ursula Krechel, 2003, Jung und Jung

Ursula Krechel

In Zukunft schreiben
(Leseprobe aus: In Zukunft schreiben, Eine Art Handbuch, für alle, die schreiben wollen, 2003, Jung & Jung)

Vom Beschreiben zum Erzählen
Eine Übung:

1. Beschreiben Sie Ihren täglichen Weg zur U-Bahn-Station oder zur Busstation.
2. Beschreiben Sie ihn, als hätten Sie auf dem Weg etwas verloren.
3. Beschreiben Sie Ihren täglichen Weg, als gingen Sie ihn zum ersten Mal.
4. Beschreiben Sie ihn aus der Sicht eines Menschen, der die Stadt verlassen möchte.
5. Beschreiben Sie Ihren täglichen Weg aus der Sicht eines Wohnungssuchenden.
6. Beschreiben Sie ihn, als hätten Sie sich gerade verliebt.

Jede der Aufgaben eröffnet neue Blickwinkel. In der ersten wird eine Art von Spontaneität aktiviert, alles ist denkbar auf diesem Weg, Hundeköttel und Haustüren, Blumenkästen, eine Betrachtung der Tageszeit und der spezifischen Benutzer des öffentlichen Raumes, eine geometrische Orientierung über die Gehsteigpflasterung und die Vorgärtenbepflanzung. Über Eile, Trödeln und Langeweile kann en passant nachgedacht werden.

Die zweite Aufgabe aktiviert einen mikroskopischen Blick, plötzlich ist jede Winzigkeit von Bedeutung und auch die nachbarschaftliche Freundlichkeit: "Haben Sie vielleicht etwas verloren? Sie gucken so streng." Die Aufgabe führt zu den Varianten des Detektivromans, eine Spur muß gesucht werden, ein Gegenstand kann auf vielfältige Weise gefunden und ins Blickfeld gebracht werden. Unweigerlich erinnert sich der suchende Schreibende an alle möglichen Konstellationen. Jede Wahrnehmung ist ein Signal für das noch nicht Gefundene. Ob eine geerbte Brosche verloren gegangen ist oder ein Zettel mit einer wichtigen Telefonnummer, immer wird der Text eine Dringlichkeit herstellen müssen, um sich beharrlich einem Ziel zu nähern.

In der dritten Aufgabe geht es nicht darum, sich um unten oder oben zu sorgen, sondern darum, etwas Atmosphärisches zu erfassen, sich eine Person mit spezifischen Neigungen auszudenken. Sie mag prinzipiell gegen Kinderwagen in Hausfluren eingestellt sein, sie mag gußeißerne Balkone strengen, steinernen Loggien vorziehen, sie betrachtet möglicherweise Gardinen oder eine bestimmte Gardinenlosigkeit mit Sympathie und zieht daraus Rückschlüsse; sie vermißt eine Kneipe und staunt über eine Suchtberatungsstelle an einer Straßenecke mit der entsprechenden Klientel.

All dieses mag auch der Person in der vierten Aufgabe auffallen, doch jetzt kommt es nicht mehr darauf an, sorgsam Fakten und Eindrücke zu sammeln, sondern ein Unterfutter für einen Entschluß anzulegen. Eine Färbung des Textes, vielleicht eine österreichische Schimpfkanonade, bietet sich an, eine Verdunkelung. Der kleine Mißmut bläht sich zu einer Entschiedenheit der Ablehnung, einer Radikalität im Kleinen, die sich ihre Gegenstände groß redet. (Vielleicht erwächst aus dem Erfüllen dieser Aufgabe ein Bühnenmonolog.)

Die fünfte Übung erfordert eine Perspektive des abwägenden Schauens und Beobachtens, eine Rollenprosa der vorsichtigen Annäherung an den Gegenstand, der dann vielleicht doch in weite Entfernung rückt, weil der Weg zu lang ist, zu trostlos oder weil die begehrte Wohnung schon vergeben ist.

Die sechste Übung ist mit der zweiten verwandt, doch wenn zuvor mit detailierter Wahrnehmung der Boden abgesucht wurde, müssen hier atmosphärisch die Zeichen und Gesten abgetastet, eine Berührung mit einer Welt hergestellt werden, mit der sich die betrachtende Person im Einverständnis fühlt: ein Kind lächelt vielleicht aus dem Kinderwagen heraus, möchte seinen krümeligen Keks teilen, plötzlich spielt eine Russin Akkordeon im U-Bahn-Eingang, die Bahn wartet auf den letzten Fahrgast, alles Zeichen auf dem Weg, der rosig ausgeleuchtet ist und mit Entzücken beschritten wurde und ein Stück weit führen soll.

Wer zu schreiben beginnt, tut dies mit der spontanen Selbstverständlichkeit: So schreibe ich eben! So nehme ich etwas wahr! So ist mein Weg! Als wäre das Schreiben etwas Naturwüchsiges und nicht abhängig von Prägungen, Neigungen und Beschränkungen. Daß der Blickwinkel sich verändert, daß er lenkbar, regierbar, ja manipulierbar ist, muß schreibend erprobt werden.

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