Angela Krauß

Weggeküsst
(Leseprobe aus: Weggeküsst, 2002, Suhrkamp, erschienen am 13.8.2002 in der
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Wenn ich aus der Tür trete, steht auf der anderen Strassenseite ein graues, pfeilförmiges Blechschild mit drei Buchstaben: Zoo. Es wurde vor einem halben Jahrhundert angebracht oder früher, es steht ganz verloren da auf einer viel zu dicken Eisenstange und enthält keine weiteren Hinweise. Als verhiesse der Besuch des Zoos Lebensumstände, die dem Menschen nicht erklärt werden müssen: Tiere stehen in Sandhäufchen, auf flachen Erdbuckeln, in Wasserlachen und schauen ihn an. Die meisten haben keinen oder einen langsamen Lidschlag. Das wirkt nachdenklich, es lässt vermuten, dass die Zeit ihnen lang vorkommt, die sie zum Nachdenken haben. Wenn sie etwas planen, wenn ihnen gerade etwas einfällt, was sie unternehmen könnten, dann zucken sie nicht mit der Wimper. Sie denken, dass sie unsterblich sind, und brauchen dafür keine Gründe zu nennen.

Der Elcheber zum Beispiel, er lebt hinter dem Zaun zum Zoo in einem offenen Geviert. Auf dem Weg zum Frühstück gehe ich kurz auf die Zehenspitzen und sehe, wie er hinter einer halbhohen Mauer auf und ab marschiert. Er frisst Eicheln und Blätter. Sein Rücken ist schlank, erdfarben, ohne Haar und regelmässig gewulstet, wie ein geschnürtes Fleischstück. Sein Kopf ist ebenfalls schlank mit einer tütenförmigen, rüsselartigen Schnauze. Sein ganzer Anblick lässt erschrecken. Ringsum die Goldfasane, die rosenfarbenen Flamingos, Papageien aus Honduras, und Fische fahren im Kreis wie auf bunt bemalten Karussellen. Da auf einmal trottet der Elcheber von seinem Erdhaufen herunter, trocken, rissig, ledern, ein altes, zu fest verschnürtes Gepäckstück, etwas, das auf Gerümpelböden vergessen wurde, ein Sack aus Zeiten grassierender Not, etwas Abgegriffenes, fest Verschlossenes, eine vergessene eiserne Ration, und richtet zögernd seine wasserblauen Augen auf mich. Er guckt immer nach oben, ohne den Kopf zu heben. Die Wirbelsäule eine Waagerechte bis in die Rüsselspitze, die helle Iris bis hinauf an den Lidrand gedreht. Er ist ewig, nicht einmal bewundert will er werden; seine Augen schwimmen fort.

Im Zoo wird es uns vorgeführt: Wir werden erwartet. Die Tiere stehen in ihren Gattern da und sehen uns entgegen. Wird ihnen Futter gebracht, fressen sie sofort, um gleich darauf wieder ihre wartende Haltung einzunehmen. Manche laufen vor kribbelnder Erwartung rastlos auf und ab, steigen ein Treppchen hinunter, drehen sich, und gleich wieder hinauf: der Brillenbär. Dick ist er und bietet doch einen Anblick der Rastlosigkeit, er eilt einer bestimmten Stelle zu, wo ihm jedes Mal einfällt, dass er an einer anderen etwas vergessen hat, worauf er kehrtmacht, um es zu holen. Ist er am Ziel, fällt ihm ein, er hat dort, woher er kam, wieder etwas vergessen, was ihn veranlasst, eiligst umzukehren. Wiederum am Ziel, erinnert er sich des Vergessenen am letzten Ausgangspunkt, er kehrt sofort um. Obwohl zwischen beiden Endpunkten seiner Vergesslichkeit dieses Treppchen eingebaut ist, zeigt er keinerlei Merkmale von Erschöpfung. So vertreibt sich der Brillenbär die Wartezeit.

Ich besuche die Tiere mindestens einmal im Jahr. Mir ist aufgefallen: immer dann, wenn ich etwas nicht verstehen kann. Kaum könnte ich formulieren, was es ist. Einmal im Jahr verliere ich gewisse Zusammenhänge. So werde ich daran erinnert, dass etwas nicht stimmt. In den achtziger Jahren kehrte es hartnäckig als Aufgabe wieder, in den Neunzigern hat es zugenommen, und seit dem Grossen Jahreswechsel tritt es immer häufiger auf. Anfangs fühle ich mich verständnislos einem harmlosen Sachverhalt gegenüber. Unternehme ich nichts dagegen, so erfasst dieses Gefühl der Verständnislosigkeit das der Sache am nächsten gelegene Lebensfeld, dann das übernächste und bald mein ganzes Leben. Ich verstehe dann überhaupt nichts mehr. Ich habe den Punkt der allumfassenden und tiefen Verständnislosigkeit erreicht. Taumelnd trete ich unter den Torbogen des Zoologischen Gartens, über dem ein imposantes Löwenhaupt prangt.

Bitte?, ruft man mir über Mikrophon zu.

Ein Billett!, erwidere ich schwach.

Normal?, fragt es schallend.

Normal.

Im nächsten Moment brechen die kreischenden, schmetternden, schluchzenden, jubilierenden Stimmen der Fremde über mich herein. ...Fortsetzung

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